| Editorial: Religiöse Warenform
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 16 - Frühjahr
2006 ]
Auch diesen Februar demonstrierten wieder einige Tausende
in München gegen die jährliche Sicherheitskonferenz.
Während draußen in orangefarbigen Overalls die
amerikanische Lagerbarbarei angeklagt wurde, sprach Kanzlerin
Merkel vor Donald Rumsfeld und anderen Agenten der Koalition
der Willigen von moderner Raumpolitik und nahöstlicher
Regionalstabilisierung. In ihrer molchigen Vorlesestimme,
mit der sie sonst alle Verarmten im Land aufklärt, dass
an deren Lebensunglück nicht die entgarantierten Verhältnisse
Schuld seien, sondern die Deklassierten selbst mit kleinen
Schritten in ihr Glück zu stolpern hätten,
drohte sie mit Embargos und winkte mit dem Erstschlag gegen
Atompläne (die iranischen), gegen Antisemitismus (auch
iranischen) und für die Meinungsfreiheit gegen Muslime
(wegen Bombenwünschen und Antisemitismus).
Religionskritik ist in Deutschland nur bedingt erlaubt. Rund
13.000 anständige Bürger protestierten 1997 in Regensburg
gegen ein im Internet angebotenes T-Shirt mit dem Aufdruck
eines gekreuzigten Schweins. Niemand weiß, wie viele
der erregten Katholiken sich im damaligen Modem-Zeitalter
wirklich ein eigenes Bild laden konnten, aber der digitale
Tatbestand reichte aus, den klerikalen Zorn zu mobilisieren.
Ein Gericht verfügte, gekreuzigte Schweine stören
den öffentlichen Frieden. Öffentlich
ist auch eine Zeitung, die Mohammeds Kopf als Bombe zeichnen
lässt. Aber hier geht es nicht um christliche und jüdische
Religion. Spätestens seit es einen religiös aufgeladenen
Kampf gegen die westliche Zurichtung gibt und einen iranischen
Präsidenten, der seine vormodernen antisemitischen Mythen
in einen höchst modernen nationalistischen Militarismus
gießt, globalisiert sich selbst die Hetze der dänischen
Provinz. Religionskritik ist der Anfang aller Kritik, Blasphemie
jeder Freiheit, aber wo die Pointe rassistisch zündet,
schmunzelt nur die Herrenklasse.
Die rhetorischen Ersatz-, Vorbereitungs- und Begleitgeräusche,
möglicher und wirklicher Feldzüge von Nord nach
Süd sind schriller geworden, ebenso die Taten. Anders
als noch im Kalten Krieg, als die Wunderwaffeningenieure des
geschlagenen Führers in den USA glänzende Karrieren
machten, hat der Westen für die Plagiatoren im Süden
keine Verwendung. Das weltweite Bomben-Problem ist nicht dadurch
zu beheben, dass etwaige Wissensträger ausgeschaltet
werden, wie im Irak geschehen, wo dutzende Wissenschaftler
inhaftiert oder im Einzelfall getötet wurden, weil es
ein durch und durch strukturell kapitalistisches ist.
Die Bauteile für Massenvernichtungswaffen zirkulieren
weltweit längst so frei wie die zur Realisierung des
Gebrauchswerts derartiger Waren notwendige Intelligenz. Nach
dem Gesetz, dass allein der Profit den Güterverkehr bestimmt,
und nach der Tatsache, dass etwa mit nuklearen Vorprodukten
weitaus mehr Geld zu machen ist als mit Medikamenten, wird
es für arme Staaten bald leichter sein, sich mit Bomben
zu versorgen, als ihre Bevölkerung bei AIDS oder Vogelgrippe
zu helfen. Das nennt man Weltmarkt. Ihn erfunden und durchgesetzt
hat der freie Westen. Die Propagandisten der freien Nachfrage
treffen sich dieses Jahr in St. Petersburg und 2007 in Heiligendamm
an der Ostsee zum jährlichen G8-Gipfel. Libertad! ist
schon jetzt an den Protestvorbereitungen beteiligt.
Wir sind guter Dinge. Ahoi!
Die Redaktion
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