National gut aufgestellt
Krieg gegen Iran und die WM in Deutschland
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 16 - Frühjahr
2006 ]
Darf die Bundeswehr terroristisch instrumentalisierte Zivilmaschinen
abschießen? Kaum hatte das Bundesverfassungsgericht
entschieden, dass der Staat dazu kein Recht hat, überboten
sich Mitglieder der Regierungsparteien darin, Tricks zum Besten
zu geben, wie diese Entscheidung auszuhebeln sei: übergesetzlicher
Notstand, Verteidigungsfall oder Recht
auf Notwehr sind dafür die Formeln.
Vorexerziert wird uns das die Tage an der Rechtfertigung deutscher
Duldung und Teilnahme am CIA-Foltersystem. Da wurde der Bündnisfall
vom Innenminister in die Diskussion gebracht. Wie ein Vorspiel
wirkt auch die Besetzung Rügens durch die Bundeswehr,
um der Vogelgrippe Einhalt zu gebieten. Eine Seuche mit dem
richtigen Timing für die Debatte um den Militäreinsatz
im Inneren. Das alles ist Munition für die von der Großen
Koalition ohnehin geplante Grundgesetz-Änderung.
Der Einsatz der Bundeswehr während der Fussball-WM wird
vom BMI immer noch favorisiert: ABC-Spezialkräfte an
allen Spielorten zum Schutz vor Attacken mit atomaren, biologischen
oder chemischen Kampfstoffen, die Errichtung eines notfallchirurgischen
Zentrums am Spielort Kaiserslautern, die Bereitstellung eines
mobilen Kontrollturms auf dem Flughafen Stuttgart und der
Einsatz von CH-53-Hubschraubern. Außerdem will die Bundeswehr
in 40 Gebäuden Unterkünfte freimachen und den Luftraum
mit Awacs-Fliegern überwachen. Juristisch unklar ist,
ob die WM als Katastrophen- oder Verteidigungsfall gilt. Beides
trifft sicher zu, wenn man an die Bedrohung von Migrant/innen
durch marodierende Hooligans denkt, aber sowas interessiert
das BMI weniger.
Überhaupt sorgt die WM für einen Kontrollboom.
Insgesamt erhoffen deutsche Unternehmen einen Umsatz von 10
Milliarden Euro in Sachen Sicherheit, von Gesichtserfassungs-Kameras
bis Fingerabdruck-Sensoren. Alle öffentlichen Großleinwände
sollen mit Videokameras überwacht werden.
Die WM wird so zum Kriegsfall im Kleinen, während über
den realen nächsten Krieg längst verhandelt wird.
Der Erstschlag gegen den Iran wurde bereits auf der NATO-Sicherheitskonferenz
im Februar in München durchregiert, wie es
Merkel gerne hat. Die militärischen Planungen nennen
über 400 Ziele, selbst der Ersteinsatz von Kernwaffen
ist, wie die Drohung von Chirac zeigt, nicht mehr nur Sache
der USA. Bereits im vergangenen Jahr sondierte die US-Regierung
die Möglichkeit einer NATO-Beteiligung und versuchte
Überflugrechte über die Türkei für eine
Militäroperation gegen den Iran zu erhalten.
Nicht zuletzt das konventionelle Potential zum Overkill der
USA, wie in den Kriegen gegen den Irak und Afghanistan erlebt,
sorgen dafür, dass der Besitz von nuklearen und anderen
Massenvernichtungswaffen für nicht-westliche Staaten
als einzige Option gilt, einer Invasion zu entkommen. Die
USA haben nach dem 11.9. den präventiven Angriffskrieg
zur Militärdoktrin erhoben. Die Drohung des französischen
Präsidenten mit der Bombe auch gegen Länder, die
gar nicht über Atomwaffen verfügen, komplettiert
diese Logik: Schurkenstaaten wie z.B. Nordkorea,
haben noch das Privileg der normalen imperialistischen
Subversion, weil sie über solche Waffen verfügen.
Anders als im Falle des Iraks sind sich Europa und die USA
beim dritten neuen Hitler Ahmadi-Nedjat (nach
Milosevic und Saddam) weitgehend einig. Eine Bodenoffensive
gilt als unwahrscheinlich und Teheran muss nicht besetzt werden.
Die Einschaltung des UN-Sicherheitsrates macht den militärischen
Angriff eher wahrscheinlich, auch wenn die USA durch ihn nicht
autorisiert werden. Die nächsten Monate werden entscheiden,
ob und wann ein Luftangriff stattfindet. Sei es als NATO-Operation,
durch US-Bomber alleine, oder dass am Ende Israel den Ausputzer
macht, um das eigene Atom-Monopol im Nahen Osten zu sichern.
Der Krieg gegen den Terror geht also weiter und
wird der nächste Bündnisfall für Rot-Schwarz.
Ob er eine Katastrophe für die Linke wird, hängt
davon ab, ob sie der eigenen Regierung wirkungsvoll und massenhaft
in den Rücken fallen kann, ohne sich auf die Seite der
Klerikalfaschisten in Teheran zu schlagen.
Siehe auch Seite 3
[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt
]
|