|
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 15 - Mai/Juni
2005 ]
Deutschlands erstes teilprivatisiertes Gefängnis wird
zur Zeit im osthessischen Hünfeld gebaut. Anfang 2006
soll der Betrieb aufgenommen werden. Mit dem rund 60 Millionen
Euro teuren Gebäude werden etwa 500 neue Haftplätze
geschaffen. Begründet wird der Gefängnisneubau damit,
dass die hessischen Gefängnisse um etwa dieselbe Zahl
überfüllt sind: Auf 5.017 Haftplätze im geschlossenen
Vollzug kommen danach 5.473 Gefangene.

Public Private Partnership: Die JVA Hünfeld im Bau
Das Projekt hatte sich unter anderem wegen eines Streits
um den Standort des Gefängnisses verzögert. Die
zunächst auserkorene osthessische Stadt Schlüchtern
wehrte sich mit Erfolg gegen die Haftanstalt. Die Anwohner
hatten Angst um Anstand und Sitte, wenn so viele Gefangene
im Ort sind. Darauf fiel die Wahl auf Hünfeld. Die Landesregierung
hatte Kommunen, die ihr ein baureifes Grundstück anboten,
gut 2,5 Millionen Euro "Prämie" versprochen.
Zugleich werden alle Häftlinge als "Neubürger"
anerkannt, was sich finanziell für den Ort lohnt. Denn
diese "Neubürger" bringen der Stadt jährlich
bis zu 200.000 Euro zusätzlich an Mitteln aus dem kommunalen
Finanzausgleich ein. Hünfeld profitiert auch von den
angekündigten 220 neuen Arbeitsplätzen. Und auch
sonst haben die Hünfelder/innen was von dem neuen Knast:
die Vereine dürfen die Drei-Felder-Sporthalle der JVA
mitnutzen.
Neoliberale Justizpolitik
Seit Mitte der 1990er Jahre wird wie schon in den USA und
Großbritanien versucht, den explosiv steigenden Einsperrungen
mit sog. Public Private Partnership Herr zu werden. In Mecklenburg-Vorpommern
wurden die JVA Waldeck und die JVA Neustrelitz durch private
Investoren errichtet und dann an das Land verpachtet. Die
Firma Rohloff GmbH hat 1993 Abschiebeknäste in Wuppertal
und Glasmoor gebaut. Seit 1994 werden im Abschiebeknast Büren
in NRW neben 68 Vollzugsbediensteten 80 private Wachleute
der Firma Kötter-Justiz GmbH eingesetzt.
Betreiber der JVA Hünfeld wird für jährlich
5,7 Mio. Euro der britische Konzern Serco sein, der nach einer
europaweiten Ausschreibung den Zuschlag erhielt. Die Serco
Group hat reichlich Erfahrung mit dem Betrieb "sensibler
Einrichtungen", so betreut sie z.B. britische Militäranlagen.
Die Tochterfirma Premier Custodial Group betreibt fünf
privatisierte Gefängnisse und zwei Abschiebeknäste
sowie einen Gefangenentransportdienst, der jährlich 250.000
Personen befördert. Daneben hat die Firma 50 Prozent
Marktanteil bei dem in England stark verbreiteten Einsatz
elektronischer Fußfesseln.
Die deutsche Tochter Serco GmbH & Co. KG mit Sitz in
Bonn wird für den späteren Betrieb in Hünfeld
etwa 100 Arbeitskräfte stellen. In einer Selbstdarstellung
heißt es: "Serco GmbH, die ehemalige ELEKLUFT,
Elektronik- und Luftfahrtgeräte GmbH, ist eine deutsche
Tochtergesellschaft der Serco-Firmengruppe .., die eine weltweite
Dienstleistungs-, Facility Management- und Systems Engineering
Organisation ist und mit über dreißigtausend Angestellten
hauptsächlich im Dienstleistungsbereich arbeitet. Die
Serco Gruppe ist über die letzten 10 Jahre mit einer
jährlichen Zuwachsrate von über 20 Prozent bei Umsatz,
Ergebnis und Mitarbeiteranzahl schnell gewachsen."
Der hessische Justizminister Wagner von der CDU betont natürlich,
dass "alle sicherheitsrelevanten Bereiche und die Gesamtverantwortung
in der Hand von Justizbeamten bleiben". Tatsächlich
werden 45 Prozent der Aufgaben des Gefängnisbetriebs
privatisiert. Eine vollständige Privatisierung verbietet
(gegenwärtig) noch die Verfassung; nach der wären
maximal 48 Prozent zulässig.
In dem Gefängnis sollen insgesamt 100 Angestellte, davon
15 Teilzeitkräfte, beschäftigt werden. Dazu kommen
120 öffentliche Bedienstete für die hoheitlichen
Aufgaben. Die "Privaten" sind für Reinigung
und Wartung des Gebäudes, Betrieb der Küche und
der Werkstätten, die Verteilung und Reinigung der Gefangenenkleidung,
die medizinische und psychologische Betreuung und Beratung
der Häftlinge bei der Arbeit, Schulung und in der Freizeit
zuständig. Serco hat für die Organisation von Veranstaltungen
ebenso zu sorgen wie für die Verwaltung und Überwachung
der Monitore der Videoanlage. Entsprechend wird Serco Reinigungs-
und Küchenpersonal, Techniker, Psychologen und Sozialarbeiter
einstellen.
Hessen erhofft sich durch die Privatisierung eine 15prozentige
Einsparung gegenüber "konventionellen" Haftanstalten.
Jährlich sollen 660.000 Euro eingespart werden. Darüberhinaus
sichert Serco zu, 75 Prozent der Gefangenen in Arbeit oder
Ausbildung zu bringen, also die Verfügbarkeit der Gefangenen
als billige Arbeitssklaven zu garantieren. Nach Angaben des
hessischen Justizministeriums liegt der Anteil in anderen
Gefängnissen bei etwa 50 Prozent. Unklar ist dagegen
noch, ob Serco die Gefängnis-Betriebe in eigener Regie
führt oder anderweitig am Umsatz beteiligt ist.
Der Privatknast von Hünfeld gilt allerdings schon jetzt
als Vorbild für weitere Fortschritte im Prison Business.
So geben sich die Zuständigen aus anderen Bundesländern
derzeit buchstäblich die Klinke in die Hand. In NRW soll
ein in Public Private Partnership errichteter Gefängnisneubau
in Ratingen bei Düsseldorf ab 2007 in Betrieb gehen.
Die Stuttgarter Landesregierung plant bis 2009 eine private
Haftanstalt mit 500 Plätzen in Offenburg. Teilprivatisierte
Knäste sollen entstehen in Brandenburg (Großbeeren),
München und Berlin.
Aber auch japanische Investoren wurden bereits auf dem Gelände
des JVA-Baus im beschaulichen Nordhessen gesichtet.
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
|