| [ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
Mit Nagold fing es an, wo es nie aufgehört hat und auch
nicht in Coesfeld endet. Eine Armee ist kein Sonntagsausflug,
sondern, wie das Motto der Ausbilder von Nagold lautete: "Fallschirmjäger
sind Diamanten, und Diamanten müssen geschliffen werden".
Mit dem Namen des Schwarzwaldstädtchens ist der erste
Folterskandal der Bundeswehr verbunden.
Wenige Jahre nach der Remilitarisierung starb dort im Spätsommer
1963 der 19jährige Wehrpflichtige Gerd Trimborn an einem
durch Hitzekollaps verursachten Nieren- und Leberversagen.
Bei knalliger Hitze waren am 24. Juli 1963 Soldaten der Ausbildungskompanie
6/9 der 1. Luftlandedivision in Nagold mit Sturmgepäck
zu einem "Gewöhnungsmarsch" von 15 Kilometern
unterwegs. Obwohl Gerd Trimborn zusammenbrach, wurde er von
seinen Ausbildern unbarmherzig weiter getrieben. An den Folgen
starb er wenige Tage später. Einer der als "Schleifer
von Nagold" bekannt gewordenen Ausbilder pflegte den
Spruch: "Ich habe drei Freunde in der Kompanie. Zwei
sind schon tot, der Dritte sind Sie". Er wurde zwar zu
acht Monaten Gefängnis verurteilt und aus der Bundeswehr
entlassen, aber als der "Vorfall" aus den Schlagzeilen
war, wieder aufgenommen.
Die Schleifer von Nagold und Coesfeld
Die Bundeswehr ist, wie es früher hieß, "Die
Schule der Nation" - ganz sicher aber ein Ort, wo "richtige
Männer" gemacht werden. Im vergangenen Jahr gab
es wieder einen kurzen Bundeswehr-Skandal: Bekannt wurde,
dass Rekruten in der Ausbildung mit Foltermethoden traktiert
wurden. Bei der Nachstellung von Geiselnahmen wurden sie gefesselt
in einen Keller gebracht, dort in "Verhören"
mit Wasser abgespritzt sowie mit Schlägen in den Nacken
und mit Elektroschocks malträtiert. Eine Ausnahme kann
das nicht gewesen sein. Mindestens 15 Standorte wurden öffentlich
genannt. Der Skandal war vorbei, als sicher gestellt wurde,
dass in Folter nur diejenigen Soldaten ausgebildet werden,
die dafür zuständig sind: die der Spezialeinheiten.

Der Chef der Bundeswehr, Minister Struck, blieb bei seiner
Einzelfallbehauptung selbst dann noch, als die weiteren Fälle
in anderen Kasernen der Bundeswehr bekannt wurden. Strucks
treuherzige Behauptung, bei der Folterung der Rekruten könne
es sich nur um einen Ausrutscher und Exzess gehandelt haben,
wurde nicht nur durch die Häufung der "Vorfälle"
widerlegt. Die Staatsanwaltschaft Münster, die den Fall
untersucht, entdeckte auf dem Computer eines Unteroffiziers
einen Befehl, der den Ablauf der Gefechtsübung festlegte.
Darin wird deutlich: die Soldaten-Misshandlungen in Coesfeld
wurden schriftlich befohlen.
Dagegen tat Struck öffentlich verwundert darüber,
dass sich von den gefolterten Rekruten in Coesfeld und anderen
Standorten der Bundeswehr niemand meldete und beschwerte.
Verwunderlich ist das aber nicht: wer will schon in der Männerzuchtanstalt
Bundeswehr als Muttersöhnchen oder Warmduscher gelten.
Denn das für den Abbruch der Folter ausgemachte Codewort
hieß Tiffy. Das ist mehr als Symbolik. Wer möchte
schon wie Tiffy aus der Sesamstraße sein. Tiffy ist
eine rosafarbene vogelartige mit frisurähnlichen Federn
versehende Klappmaulpuppe, affektiert, wenn nicht gar tuntig.
Da hat wohl jeder Rekrut gedacht, wenn er dieses Codewort
sagt, charakterisiert er sich selbst. Dann lieber aushalten
und hart bleiben.
Struck sprach von "unverantwortlichen Ausbildungsmethoden".
Auch die Staatsanwaltschaft Münster wollte nicht von
Folter sprechen. Sie ermittelt gegen 20 Unteroffiziere und
einen Hauptmann. Fünf Unteroffiziere sollen an den Quälereien
unmittelbar beteiligt gewesen sein. Die vom Verteidigungsministerium
durchgeführte Untersuchung hatte lediglich zu klären,
warum es in der Grundausbildung zu diesen Vorfällen kam.
Im März 2005, gut vier Monate nach Bekanntwerden des
Coesfelder Drills, wurden zwei Bundeswehr-Ausbilder entlassen.
Insgesamt sollen sechs Schleifer aus der Bundeswehr ausscheiden,
aber die übrigen vier Verfahren liefen noch, teilt das
Heerestruppenkommando in Koblenz mit. Ansonsten geht die Bundeswehr
wieder zur Tagesordnung über und bereitet sich auf die
öffentlichen Feiern zum 50jährigen Jubiläum
vor.
Werden Gewaltexzesse bekannt, werden diese entweder runtergespielt
oder als nicht repräsentative "besondere Vorkommnisse"
verharmlost. In den Jahresberichten des Wehrbeauftragten werden
zwar Verfehlungen wie rechtsradikale Übergriffe und rassistische
Vorfälle genannt, ebenso wird über "Verfehlungen"
in der Menschenführung berichtet. Analysiert werden diese
"Vorkommnisse" allerdings nicht. Tatsächlich
ist diese "Beschwerdestelle" Teil der Ideologieproduktion
von der sauberen Bundeswehr. Folter ist aber systematischer
Teil einer militaristischen Struktur, wie auch der Zusammenhang
zwischen Rechtstendenzen, Gewaltbereitschaft, Obrigkeitshörigkeit
und dem militärischen Staatsapparat strukturell ist.
Der Folterskandal in der Bundeswehr wurde nicht von außen
aufgedeckt - sondern aus dem Apparat selber skandalisiert.
Das gilt denn auch gleich als Beweis für den grundsätzlich
demokratischen Charakter der Bundeswehr. Angesichts der parallel
laufenden hochamtlichen Diskussion um die Zukunft des Heeres
könnte man auch einen anderen Schluss ziehen. Die Planer
von der Hardthöhe, den Militärverbänden und
aus den "verteidigungspolitischen Kreisen" der Parteien
wollen die Bundeswehr zur Berufsarmee umgestalten. Man kann
durchaus annehmen, dass darin der Folterskandal funktionalisiert
ist - ein Argument mehr für die Abschaffung der Wehrpflicht.
Aus gutem Grund wurde die öffentliche Debatte über
die Vorfälle in Coesfeld nie grundsätzlich: An und
für sich ist diese Behandlung bei Wehrpflichtigen menschenunwürdig,
aber nicht immer und überall. Denn eine möglichst
einsatznahe Ausbildung wird in Zeiten globaler Einsätze
gewollt und gebraucht. Dabei sind nachgestellte Geiselnahmen
fester Bestandteil einer guten Vorbereitung von Soldaten für
den Auslandseinsatz. Deshalb war es keine Überraschung,
als einer der beschuldigten Ausbilder von Coesfeld im Fernsehen
andeutete, dass das Üben fingierter Geiselnahmen in Zukunft
auch Teil der Grundausbildung werden soll. Er sagte zu seiner
Verteidigung, seine Vorgesetzten hätten ihn auf eine
entsprechende, geplante Richtlinie hingewiesen. Stromstöße,
Scheinhinrichtungen und Ähnliches gehören dabei
zum Arsenal einer "einsatznahen Ausbildung". Der
mediale Blick auf die Coesfelder Vorfälle fand dagegen
fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Rekrutenmisshandlung
statt. Gar nicht thematisiert wurde z.B. der Aspekt, dass
Soldaten, die die Anwendung und das Aushalten von Folter üben,
gut vorbereitet sind (und wahrscheinlich keine oder weniger
Hemmungen haben), selbst zu foltern, wenn es notwendig erscheint
oder angeordnet wird. So funktioniert jede Armee - und die
US-amerikanischen und britischen Truppen im Irak demonstrierten
es tagtäglich.
Hammelburger Video
Der an der Münchner Bundeswehrhochschule lehrende Militärhistoriker
Wolffsohn hatte im Mai 2004 die Anwendung von Folter gefordert:
"Als eines der Mittel im Kampf gegen den Terrorismus
halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim".
Aber seitdem die Bundeswehr für "Ruhe und Ordnung"
in aller Welt zuständig ist, wissen Offiziere, Ausbilder
und Soldaten auch so schon, was zu tun ist. Bereits 1996 wurde
im Bundeswehrausbildungszentrum Hammelburg ein Video gedreht,
das Soldaten zeigt, wie sie unter anderem eine Frau - dargestellt
von einem Soldaten - vergewaltigen und kreuzigen, einen an
einen Baum Gefesselten erschießen oder einem Dritten
die Kehle durchschneiden. Der Film diente dem zu den sogenannten
"Krisenreaktionskräften" gehörenden Bataillon
als Vorbereitung auf seinen Einsatz im ehemaligen Jugoslawien.
Dort waren die Folterszenen noch gestellt - nach der Auslandserfahrung
im Kosovo, Mazedonien, Albanien und Afghanistan wird daraus
richtige Action.
Der "Bundeswehr-Folterskandal" beschränkte
sich allerdings nicht auf die Armee. Verschiedene Sicherheitsdienste
und die Polizei sind darin einbezogen. Trainiert in Folter
muss die gesamte "Security Community" werden. So
wurde im Dezember 2004 bekannt, dass in Baden-Württemberg
auch die Landespolizei mit dabei war. Auf Einladung der Bundeswehr
nahm sie mit 95 Beamten an einer Geiselnahme-Übung am
Stuttgarter Flughafen teil. Bei dieser Übung im Oktober
2003 durften auch SEK-Beamte Wehrpflichtige misshandeln. Die
Misshandlungen wurden zudem so hart ausgeführt, dass
einige Rekruten tagelang dienstuntauglich waren. Als einige
das verabredete Abbruch-Zeichen geben wollten, sollen SEK-Beamte
hart auf sie eingeschlagen haben. Einige Rekruten erlitten
zudem das so genannte Knalltraumata.
Dass Menschenrechte in dieser Welt teilbar sind, ist mittlerweile
ein Allgemeingut. Sie gelten nicht für jeden, und was
für den einen Folter ist, gilt für den anderen als
"Teil der Kultur", womit das Bundesverfassungsgericht
schon in den 1970er Jahren die Abschiebung von Flüchtlingen
in die folternden Herkunftsländer rechtfertigte. So auch
hier: Was bei einem deutschen Wehrpflichtigen als Folter bezeichnet
wird, gilt als durchaus tolerierbare harte Maßnahme
für einen Afghanen oder Iraker. Folter ist relativ, Sache
auch der ideologischen Rechtfertigung und ihrer Akzeptanz,
wenn sie nur "die richtigen" trifft.
Kriseninterventionsarmee
Das Folter-Training der Bundeswehr steht in direktem Zusammenhang
mit ihrer Umwandlung zu einer weltweit operierenden Interventionsarmee.
Zwangsläufig wird hier auch "die innere Verfassung
der Armee" geändert.
Bereits in den 1980er Jahren setzte die politische und militärische
Führung eine neue "Kampfmotivation" durch.
Es wurde ein "Kämpfer-Kult" etabliert, der
die Kriegstüchtigkeit zum Maß aller Dinge erklärte.
Der Generalinspekteur des Heeres Hans-Otto Budde prägte
den Satz: "Wir brauchen den archaischen Kämpfer
und den, der den High-Tech-Krieg führen kann". In
einer Studie des Hamburger Instituts für Friedensforschung
und Sicherheitspolitik von 2004 wurde festgestellt: "Der
Soldat als kriegsnah ausgebildeter, allzeit bereiter, selbstlos
dienender und unbedingt gehorchender Kämpfertyp wird
zur fraglos zu akzeptierenden Norm". Dieses Helden-Credo
impliziert ein "unverkrampftes Verhältnis"
zur deutschen Geschichte. Mit anderen Worten: so schlecht
war der deutsche Militarismus nicht.
Die Neudefinition der Bundeswehr begann bereits unter der
Kohl-Regierung. Zentral war dabei die Formulierung "legitimer
nationaler Interessen", die in den "Verteidigungspolitischen
Richtlinien 1992" insbesondere den "ungehinderten
Zugang zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt"
umfassen . Mit Ende der DDR und der Sowjetunion war die klassische
Landesverteidigung des Kalten Krieges, auch im Sinne der bisherigen
NATO-Einsatzdoktrin, hinfällig geworden. Seit 1994 wurden
Bundeswehrsoldaten außerhalb des Nato-Gebiets in den
"Friedenseinsatz" geschickt. Um dies auch gesellschaftspolitisch
durchzusetzen, wurde der Begriff der (Landes-)Verteidigung
vom Bundesverfassungsgericht globalisiert.
Unter der rot-grünen Bundesregierung wurden deutsche
Soldaten Anfang 1999 in den ersten Auslandskampfeinsatz seit
dem Zweiten Weltkrieg in den Kosovo geschickt. Im Krieg "Enduring
Freedom" marschierte die Bundeswehr mit in Afghanistan
ein und nimmt die Bundesmarine, um die Schiffahrtswege etwa
am Horn von Afrika zu sichern, weltweit "Polizeiaufgaben"
wahr.
Parallel startete die grüne Debatte um die Umwandlung
der Wehrpflichtigen-Armee zu einer interventionsfähigen
Berufsarmee. Seitdem wird dieser militaristische Kurs jährlich
in den "Verteidigungspolitischen Richtlinien" fortgeschrieben.
Im Jahr 2004 wurde das potentielle Einsatzgebiet der Bundeswehr
endgültig globalisiert, Krisenintervention und "präventive
Kriegsführung" zur entscheidenden Militärdoktrin
erhoben.
Der moderne Krieg als Krieg des permanenten Ausnahmezustandes
hebt auch die Trennung zwischen Innen und Außen auf.
So auch die Legende vom Krieg nach Außen und dem Frieden
nach Innen. Die Bundeswehr wird auf den inneren Einsatz vorbereitet;
auch ohne Verhängung des Ausnahmezustandes wie es die
Notstandsgesetze von 1968 vorsehen, ist sie für polizeiliche
Aufgaben vorgesehen. Und das nicht nur, um bedrohliche Hobbypiloten
vom Himmel zu holen.
Folter und Militarisierung ist eine grundsätzliche Drohung
an die Gesellschaft: Wer seine Untergebenen quält, schießt
auch auf Demonstrant/innen. Militarisierung ist eine Brutalisierung
der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Durchsetzung
von Befehl und Gehorsam, das Erdulden von Misshandlungen und
die Akzeptanz der Folterung Anderer setzt die Ausnahme als
soziale Normalität.
50 Jahre Bundeswehr sind 50 Jahre zuviel
2005 feiert die Bundeswehr ihr Fünfzigjähriges.
Mit Gelöbnissen, Waffenparaden und "Tagen der offenen
Tür", mit Reservistentreffen und Empfängen.
Republikweit werben die Militaristen für die "starke
Truppe". 50 Jahre Bundeswehr - das markiert den Übergang:
Die heutigen Schlachtfelder befinden sich auf allen Kontinenten.
Die Akteure sind staatliche Armeen, internationale Kriegskoalitionen,
Söldnertruppen privater Sicherheitsunternehmen, lokale
Warlords oder paramilitärische Gruppen. Nach dem Einmarsch
in Afghanistan titelte die Süddeutsche Zeitung "Deutsche
Soldaten kämpfen an vorderster Front".
Gekämpft wird um Rohstoffe, imperiale Einflusszonen,
Marktanteile und nationale Grenzziehungen, und zum Teil auch
um die Kontrolle über Gebiete, in denen der Kapitalismus
den Menschen längst keine Lebensperspektive mehr zu bieten
hat. Die 50 Jahr Feiern der Bundeswehr sollten zum Anlass
genommen werden, die Normalität globaler Militäreinsätze
und ihrer Folgen aufzubrechen.
Jeder Skandal, der durchgestanden wurde und nicht eine krisenhafte
Erschütterung der Institutionen bewirkt, fördert
die Effektivierung der politischen Vorhaben. Das zeigen beispielhaft
die "Folterskandale" um die Bundeswehr, wie auch
um den Frankfurter Polizei-Vizepräsident Daschner. Folter
wurde auf die Ebene der "Putativ-Notwehr" gehoben
und der Begriff "lebensrettende Folter" eingeführt.
Der Coesfelder Folterskandal produzierte die Legitimation,
dass Folter am besten den Fachleuten überlassen gehört,
also KSK, SEK, GSG und wie die Abkürzungen der polizeilichen
wie militärischen Spezialeinsatzkommandos auch immer
lauten.
Die bundesweite Initiative "Wiederentwaffnung
jetzt!" ruft dazu auf anlässlich des 50. Jahrestages
"die zunehmende Militärisierung des Alltags"
zu durchbrechen und "ihr alltäglich Widerstand entgegen"
zu setzen.
Mehr dazu unter: www.wiederentwaffnung.de.vu
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
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