| [ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
2004 war das Jahr der Folter. Im Enduring Freedom genannten
nicht-endenden "Antiterror-Krieg" wurde Entführung,
geheime Haft, und Folter von gefangenen tatsächlichen
oder vermeintlichen Gegnern der westlichen Freiheit etabliert.
Systematisch setzten insbesondere die USA mit dem Afghanistan-Feldzug
einen globalen rechtsfreien Raum durch. Ein juristisch-bürokratisches
Regelwerk definierte die gezielte und systematische Misshandlung
von Gefangenen als Nicht-Folter, also als legitim. Ebenso
wurde die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen,
die UNO-Menschenrechtsdeklaration und alle Konventionen gegen
Folter durch eigene "Rechtsgutachten" ausgehebelt.
Heraus kam eine mit Demokratie und Rechtsstaat kompatible
Lizenz zum Foltern.
Von
höchster Stelle, dem Präsidialamt, genehmigt, umfasst
der Katalog "aggressive Verhörmethoden" genannte
Folter-Techniken: Todesdrohungen, Verhöre von 20 Stunden
Dauer, das Aussetzen der Gefangenen mit kalten Temperaturen,
lauten Geräuschen, grellem Licht oder völliger Dunkelheit;
Einsatz von Hunden; Schlafentzug bis zu 72 Stunden und Isolationshaft,
um nur einige zu nennen.
Außerdem wurde ein System, Rendition genannt, etabliert,
das weltweit Menschen kidnappt, foltert und verschwinden lässt.
2004 war auch das Jahr des "Folterskandals". Erst
die Fotos der gefolterten, sexuell missbrauchten und gedemütigten
Gefangenen - und die der sadistisch vergnügten Folterer
und Folterinnen - aus dem irakischen Abu Ghraib haben die
systematische Misshandlung von Gefangenen durch amerikanische
und britische Soldaten öffentlich gemacht und weltweit
skandalisiert. Aber der Schritt vom "bedauerlichen Einzelfall"
zum System der Folter war längst vollzogen - und auch
nicht durch den Skandal wieder revidiert worden. Die Folterer
von Abu Ghraib waren zum Teil schon wegen Brutalität
und Gefangenenmisshandlung in US-Knästen auffällig
geworden - und natürlich deswegen besonders geeignet
für den Job im Irak.
Der Hausjurist des Weißen Hauses, der mit juristischer
Präzision den Folterbegriff zerlegte, um ihn für
das US-Militär handhabbar zu machen, wurde Justizminister
der zweiten Präsidentschaft von George W. Bush.
Aber nicht nur in den USA und durch sie wurde Folter wieder
eingeführt. Das spanische Gefängnissystem sieht
seit 1991 repressive Sonderbehandlungen vor. Im Frühjahr
2004 wurde in Italien ein Gesetz beraten, das die einmalige
Folter an Gefangenen legalisiert. In England sind durch Folter
erpresste Aussagen inzwischen gerichtsverwertbar.
Und in Deutschland trainiert die Bundeswehr Soldaten in Folter
und warb der Frankfurter Vize-Polizeipräsident Wolfgang
Daschner für Folter, und erhielt öffentliche Zustimmung.
Der Führungsstab der Frankfurter Polizei war eingeweiht,
wie auch der hessische Ministerpräsident Koch und sein
Innenminister Bouffier auf dem laufenden gehalten wurden.
Mit dem Urteil im "Daschner-Prozess" setzte das
Gericht ein eindeutiges politisches Signal: Die Verhängung
einer geringen Geldstrafe auf Bewährung kam einer Belohnung
gleich. Die Anwendung von Folter ist diskutabel geworden und
sie wird diskutiert. Der "Fall Daschner" hat Folter
als "Putativ-Notwehr", wie den polizeilichen Todesschuss,
auf den "übergesetzlichen Notstand" gebracht.
Der Begriff "lebensrettende Folter" wurde eingeführt.
Anti-Folter-Kampagne
Angesichts
dieser Entwicklung ist es mehr als notwendig eine radikale
Kampagne gegen Folter und geheime Lagerhaft zu entwickeln.
Ein Schwerpunkt dieser Kampagne muss die Bloßstellung
von denjenigen Personen und Institutionen sein, die Folter
befürworten und legitimieren.
Denn: Wer Folter rechtfertigt und verteidigt macht sie praktikabel.
Aber auch Folter ist keine Meinung, die man haben kann oder
nicht.
Aufgezeigt werden sollen die Zusammenhänge von imperialistischen
Interessen und der Funktionalisierung und Liquidierung der
Menschenrechte. Sie soll die Heuchelei sowohl der "Koalition
der Willigen" wie die der "Unwilligen" angreifen,
den Legenden der "Ausrutscher" die Systematik gegenüberstellen,
- eben Stellung beziehen gegen Folter, gezielte Tötungen,
Lager etc.
Für diese Kampagne hat Libertad! unter dem Motto "Solidarität
& Widerstand / Stoppt Folter, Hinrichtungen, Sonder- und
Lagerhaft" eine Plakatserie entwickelt. Sechs Plakate
thematisieren exterritoriale Lagerhaft, extralegale Tötungen
und Todesstrafe, Folter, Isolations- und Sonderhaft, Folterbefürwortung
und Selektionslager für Flüchtlinge.
Einige Plakate sind bereits gedruckt. Die farbigen Plakate
sind durch identische Elemente als Serie erkennbar. So wird
der Bogen gespannt von Guantanamo-Bay, über Abu Ghraib,
den staatlichen gezielten Tötungen, den Folter-Jointventures,
der Folterdebatte in Deutschland bis zu den Abschottungsstrategien
gegen Flüchtlinge und den neuen Sicherheitsgesetzen,
DNA-Datei usw.
Infos:
http://www.libertad.de/antifolter2005
[ © So oder So / Libertad!
Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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