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[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 15 - Mai/Juni
2005 ]
Das
Lager ist eine Erfindung der imperialistischen Epoche des
Weltkapitalismus an der Schwelle des letzten Jahrhunderts.
Dass Menschen in großer Anzahl eingesperrt und dabei
massiv ihrer sozialen und politischen Rechte beraubt werden,
hat seinen Anfang in der europäischen Kolonialpolitik.
Der Begriff "Re-Konzentration" bzw. "Konzentration"
taucht zum ersten Mal 1896 in der damals spanischen Kolonie
Kuba auf. Die Militärs konzentrierten dort große
Teile der Landbevölkerung in festgelegten und bewachten,
aber nicht komplett abgeriegelten Zonen, um die Aufständischen
von der Bevölkerung zu isolieren und somit die antikoloniale
Revolte auszutrocknen. Ein paar Jahre später machten
sich die Briten die Erfahrung der Spanier zu Nutze.
Als Antwort auf den Guerillakrieg der Buren gegen die britische
Kolonialmacht in Südafrika, sperrten die Militärs
des Empire die Zivilbevölkerung zu Zehntausenden in stacheldrahtumzäunten
Lagern ein. Zum ersten Mal in der Geschichte ist von Konzentrationslagern
die Rede. Einen Schritt weiter gingen dann die Deutschen in
ihrer Kolonie Südwest-Afrika, dem heutigen Namibia. Sie
kombinierten das britische Konzentrationslager mit der Zwangsarbeit.
Nach der Niederschlagung des Herero-Aufstands durch einen
Vernichtungskrieg, wurden die Überlebenden interniert
und als Zwangsarbeiter von den Militärs, aber auch von
zivilen Unternehmen, etwa beim Bau der Eisenbahnlinie von
Swakopmund nach Windhuk, eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen
und die Verhältnisse in den Camps waren so schlecht,
dass bereits im ersten Jahr der Gefangenschaft mehr als die
Hälfte der insgesamt eingesetzten 22.000 Arbeiter ums
Leben kam.
Konzentrationslager der
1. Republik
Von den Lagern des deutschen Kolonialismus war es ein relativ
direkter Weg zum nationalsozialistischen Lagersystem, das
ab 1933 kontinuierlich ausgebaut wurde. Die massenhafte Internierung
von Menschen in Deutschland begann mit dem Zwangsarbeitersystem
im 1. Weltkrieg. Die Unterbringung in abgeschlossenen und
bewachten Lagern war sowohl für Kriegsgefangene, als
auch für in Deutschland lebende Angehörige "feindlicher"
Staaten frühzeitig durchgesetzt worden.
Die ersten Konzentrationslager entstanden in der frühen
Weimarer Republik, jedoch nicht zur Disziplinierung nicht-deutscher
Zwangsarbeiter/innen, sondern als Orte der Abschreckung von
osteuropäischen Migrant/innen. Hier begann die Aussonderung
von Juden als vermeintliche "Volksschädlinge":
der Feind war Migrant und Jude in einem. Die erste deutsche
Republik wollte unmittelbar nach dem Ende des 1. Weltkrieges
insbesondere die jüdischen Migranten aus Osteuropa abschrecken,
die, sofern sie ins "Reich" gelangt waren, für
Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Inflation und
Wohnungsnot, kurz die Krisenerscheinungen der frühen
20er Jahre verantwortlich gemacht wurden. Ende des Jahres
1919 hatte Preußens sozialdemokratische Regierung die
Einweisung aller "unerwünschten Ostjuden in spezielle
Lager" angeordnet, und bereits 1920 gab es in Stargard
und Cottbus die ersten "Konzentrationslager", dieser
Begriff hatte sich mittlerweile durchgesetzt. Sie wurden erst
drei Jahre später geschlossen, nachdem die Presse mehrfach
über die menschenunwürdigen Lagerbedingungen berichtet
hatte.

Aufklärung: Die Besatzung eines alliierten Flugzeugs
machte diese Aufnahme vom
Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 31. Mai 1944.
Doch die Welt wollte damals noch nichts wissen vom industriellen
Völkermord.
Im Nazideutschland wurde aus dem Konzentrationslager des
kriegführenden Kaiserreichs und der frühen Weimarer
Republik der Ort des Holocaust. In den ersten Konzentrationslagern
wie Dachau und Buchenwald wurde die politische Opposition
eingesperrt, später kamen "Juden" und "Zigeuner"
und weitere als "Volksschädlinge" klassifizierte
Bevölkerungsgruppen hinzu. Zwangsarbeit, Folter, Schikanen,
Hinrichtungen oder medizinische Versuche an Gefangenen waren
an der Tagesordnung. Mit Beginn des Krieges internationalisierte
sich das NS-Lagerregime und wuchs zu einem europaweiten Komplex
von Konzentrations- und Zwangsarbeiterlagern. Hinzu kamen
sechs Vernichtungslager wie Treblinka und Sobibor, deren Zweck
weder in Internierung noch Vernichtung durch Arbeit, sondern
einzig und allein in der fabrikmäßigen Tötung
vor allem der jüdischen Bevölkerung Europas lag.
Zu Anfang wurde die Deportation in die Vernichtungslager von
behördlichen Stellen noch als "Abschiebung"
bezeichnet.
Wenn heute von Lagern oder Konzentrationslagern die Rede
ist, dann ist die fast unmittelbare Assoziation das Konzentrationslager,
wie es der Nationalsozialismus in Form von Auschwitz hervorgebracht
hat. Aber es gibt Lager, auch Konzentrationslager, unterschiedlicher
Funktion, und sie sind bis heute ein weltweites Phänomen.
Das koloniale Frankreich bediente sich ihrer in Algerien,
genauso wie die griechische Militärdiktatur. Unter Pinochet
wurde in Santiago de Chile das Stadion als Gefangenenlager
umfunktioniert. In Israel wurde 2002 das Militärlager
Ansar 3 in der Negev-Wüste wiedereröffnet.
Auch der Linken ist die Unterbringung von Menschen in Lagern
keinesfalls fremd. Der stalinistische Aufbau des Sozialismus
in einem Land wurde im großen Stil mittels Arbeitslagern
regelrecht aus dem Boden gestampft. Und in Vietnam folgten
den französischen Internierungslagern die kommunistischen
Umerziehungslager. Tito hatte seine "Kahle Insel"
für die politischen Gegner, und albanische Lagergefangene
bauten den Flughafen von Tirana. Verwerflich? Dort wo es innerhalb
der Linken angesprochen wurde, wurden diese Lager, weil unter
sozialistischem Vorzeichen stehend, meistens gerechtfertigt.
Kritik gab es nur, wenn der betreffende Staat nicht mit der
politischen Richtung zusammenfiel, der man selber anhing.
Das Recht Rechte zu haben
In ihrem Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft"
schrieb Hannah Arendt: "Dass es so etwas gibt wie ein
Recht, Rechte zu haben - und dies ist gleichbedeutend damit,
in einem Beziehungsgeflecht zu leben, in dem man auf Grund
von Handlungen und Meinungen beurteilt wird - , wissen wir
erst, seitdem Millionen Menschen aufgetaucht sind, die dieses
Recht verloren haben und zufolge der neuen globalen Organisation
der Welt nicht imstande sind, es wiederzugewinnen." Dieser
Gedanke hat auch gut fünfzig Jahre nach Erscheinen des
Buches kaum an Aktualität verloren.
Zerfallende Gesellschaften und Nationalstaaten, inner- und
zwischenstaatliche Verteilungskriege und der seinem Wesen
nach nicht endende "Krieg gegen den Terrorismus"
schaffen eine Realität, in der Menschen massenhaft im
Niemandsland der Rechtlosigkeit landen. Sie werden in Lager
eingesperrt, weil sie nach herrschender Auffassung als schädlich
oder gefährlich gelten, oder weil man sie sich vom Leibe
halten will. So gibt es in der zwischen Armut und Reichtum
auseinanderklaffenden Welt eine Verbindung von den Kriegen
gegen Afghanistan und den Irak, über Guantanamo, das
Flüchtlingslager Woomera in der Wüste Südaustraliens
bis hin zu den neu geplanten EU-Lagern in Nordafrika, und
den Sammel- und Abschiebelagern in Deutschland. Ohne Übertreibung
kann von einer Internationalisierung des Lagerregimes gesprochen
werden. Und wer dagegen vorgehen will, kann direkt vor der
Haustür damit anfangen.
Lagerdeutschland
In der bundesdeutschen Flüchtlingspolitik ist die Unterbringung
in Lagern konstituierend und seit Mitte der 1980er Jahre die
Regel: Der Aufenthalt neu ankommender Migrant/innen sollte
möglichst unangenehm und abschreckend gestaltet werden.
Der ehemalige hessische Innenminister Gries (FDP): "Das
Lager soll nicht einladend wirken, sondern Scheinasylanten
abschrecken. Auch das ist gemeint (...) lagermäßige
Unterbringung, Zugangskontrollen und Ausgangsbeschränkung
- ganz klar!" Das war 1982. Seitdem wurde die Flüchtlingspolitik
kontinuierlich verschärft und immer restriktiver gehandhabt.
Die 1993 eingeführte Drittstaatenregelung und das tödliche
Grenzregime der Festung Europa wirken sich deutlich aus: Die
Zahl der Asylanträge ist seit Jahren rückläufig.
Sukzessive wurde ein repressives Regime aus Sondergesetzen
und Sonderregelungen geschaffen, in dessen Zentrum die Lager
stehen. Es ist eine eigene Welt, und sie beinhaltet ein ganzes
System von Disziplinierungsmaßnahmen. Das reicht von
der Ausgabe von Lebensmittelpaketen, über die Verweigerung
der Arbeitserlaubnis bis zu mangelhafter medizinischer Versorgung.
Um die Lager herum schränken Residenzpflicht und verdachtsunabhängige
Kontrollen die Bewegungsfreiheit weiter ein. Auch das neue
Zuwanderungsgesetz kennt in der Unterbringung keine andere
Form: Sammellager für Ankommende, und neben den Abschiebegefängnissen
noch spezielle Abschiebelager, so genannte "Ausreisezentren",
für Menschen, die das Land verlassen sollen.
Europäische Vorwärtsverteidigung
Auch im Rahmen der europäischen Migrationspolitik, die
aufs Engste mit der herrschenden Sicherheitspolitik verflochten
ist, gehen der Lagerausbau und die Internierung von Flüchtlingen
weiter. Beispiel Flüchtlingslager Debrecen in Ungarn:
Zwei Wochen vor Beginn des US-amerikanischen Angriffs auf
Afghanistan wurden dort alle afghanischen Flüchtlinge,
die sich in Ungarn aufhielten, zwangsinterniert. Es gab eine
Ausgangssperre, und das Lager wurde von der ungarischen Grenzpolizei
bewacht. Beispiel: Irakkrieg. In einem Strategiepapier der
britischen Regierung mit dem Titel "Eine neue Vision
für Flüchtlinge" wurden Auffangzonen rund um
Kriegsgebiete und so genannte "Transit Processing Centres"
vor den Toren der EU angedacht, ohne dass es während
des Krieges zu einer Umsetzung dieser Projekte gekommen wäre.
Im Sommer 2004 startete dann Otto Schily seinen Vorschlag.
In Anlehnung an das EU-Programm zur Bekämpfung der illegalen
Migration forderte er Auffanglager in Nordafrika. "Asylshopping
sollte unterbleiben", so Schily wörtlich. Im Oktober
2004 war es dann soweit. Beim Treffen der EU-Justiz- und Innenminister
im niederländischen Scheveningen einigte man sich auf
fünf Pilotprojekte in Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko
und Mauretanien. Und noch eine zweite Sache wurde auf diesem
Treffen diskutiert. Analog zu Schilys Vorschlag brachte der
österreichische Innenminister Strasser die Idee ins Spiel,
ein Flüchtlingslager für Tschetschenen in der Ukraine
zu errichten, ebenfalls als Pilotprojekt. Zur Zeit liegt dieses
Projekt noch auf Eis, aber es zeichnet sich ab, dass neben
Nordafrika und dem Mittelmeerraum bald auch in Osteuropa die
zweite Front der Abschottung weiter ausgebaut wird.
Menschen auf der Flucht - seien sie staatlich Verfolgte,
Bürgerkriegsflüchtlinge oder Elendsflüchtlinge
auf der Suche nach Auskommen und Lebensmöglichkeiten
- werden als "Illegale" denunziert. Die Begriffe,
die dabei fast immer mitschwingen sind "Kriminalität"
und "Terrorismus", nochmals stärker seit dem
11. September. Dementsprechend militarisiert ist die europäische
Migrationspolitik. So hat Italien im Zusammenhang mit dem
Lagerprojekt in Libyen Aufklärungsflugzeuge, Hubschrauber,
Patrouillenboote, wüstentaugliche Fahrzeuge sowie Radar-
und Nachtsichtgeräte geliefert. Die neuen Lager der EU
sind Teil einer imperialen Sicherheitspolitik, die die weltweiten
Machtverhältnisse zugunsten der metropolitanen Wohlstandsinseln
festschreiben will.
Outsourcing
und Exterritorialität
Haben wir im Bereich der Migration die Konstruktion des illegalen
und tendenziell rechtlosen Einwanderers, finden wir als Pendant
im weltweiten "Krieg gegen den Terror" den unrechtmäßigen,
feindlichen und ebenfalls tendenziell rechtlosen Kämpfer,
den "unlawful enemy combatant". Die Konsequenz,
die sich aus dieser Zuschreibung ergibt, ist zum Beispiel,
dass den rund 600 Gefangenen auf Guantanamo der Gefangenenstatus
nach der Genfer Konvention nicht zugestanden wird. Für
die US-Regierung sind sie keine Kriegsgefangene.
Daneben spielt eine zweite Konstruktion, die so genannte
"Exterritorialität" eine entscheidende Rolle.
Nach Meinung der US-Regierung sind US-Gerichte für diesen
Militärstützpunkt nicht zuständig, weil Cuba
dort die "volle Souveränität" besitzen
würde. Das bedeutet, dass den Gefangenen auch nicht die
von der amerikanischen Verfassung garantierten Rechte zugestanden
werden. So scheiterten bis ins Jahr 2004 vor amerikanischen
Gerichten alle Klagen von Anwälten wegen Verletzungen
der Menschenrechte in Guantanamo.
Kriegsgefangene, genauso aber auch zivile Gefangene in amerikanischen
Gefängnissen, sollen de jure mit Würde behandelt
und dürfen nicht gefoltert werden. Auch wenn die Realität
in amerikanischen Gefängnissen de facto anders aussieht,
ist das der springende Punkt. Mit Guantanamo schuf die US-Regierung
einen exterritorialen-rechtsfreien Raum, in dem die Gefangenen
schutzlos den Geheimdiensten und Militärs ausgeliefert
sind.
Es gibt mindestens noch zwei weitere Gefangenenlager, über
die in der Öffentlichkeit nur sehr wenig bekannt ist:
Auf den US-Militärstützpunkten Diego Garcia im Indischen
Ozean, und im afghanischen Bagram, 40 km nördlich von
Kabul. Die totale Verfügungsgewalt über Gefangene
in diesen Lagern verbindet sich mit einer weiteren Struktur
der Folter, die "rendition" genannte Übergabe
von Gefangenen an Staaten wie Syrien, Saudi-Arabien, Marokko
oder Pakistan zur "Nachrichtengewinnung". Nach dem
11/9 unterzeichnete Bush einen Erlass, durch den der Geheimdienst
bislang etwa 150 Verdächtige zu Verhören in die
genannten Länder ausfliegen konnte. Bei diesem "Outsourcing
von Folter", wie es ein US-Abgeordneter nannte, werden
den Gefangenen keinerlei Rechte eingeräumt. Am 28. Juni
2004 fällte der Supreme Court, das Oberste Gericht der
USA, ein Urteil zugunsten von Inhaftierten auf Guantanamo
und sprach ihnen das Recht zu in ihrer Sache Gerichte in den
USA anzurufen. Die Folge: Mehr als die Hälfte der Gefangenen
soll jetzt in neue Internierungslager in Saudi-Arabien, Afghanistan
und im Jemen verlegt werden.
Verbindungen schaffen
Lager sind nicht populär und haben ein negatives Image.
In allen westlichen Ländern gibt es teilweise sogar breit
getragenen Protest und Widerstand gegen die Internierung von
Flüchtlingen in Lagern. Gleichzeitig wehren sich dort
die Menschen mit Hungerstreiks und Revolten gegen ihre Zwangsunterbringung.
In Guantanamo und den anderen Lagern des "Kriegs gegen
den Terror" sieht es da schon anders aus. Für diese
scheinen sich vor allem die klassischen Menschenrechtsorganisationen
wie Amnesty International oder Human Rights Watch zu interessieren.
Dabei besteht zwischen beiden Lagertypen ein systemimmanenter
Zusammenhang. Lager stehen für Ausgrenzung, Entrechtung
und teilweise totale Verfügungsgewalt in den Händen
staatlicher Macht. Lager sind Orte eines organisierten Ausnahmezustands
im Prozess imperialer Machterweiterung. Die Methoden und Techniken,
die Gewalt und der Terror, die dabei zur Anwendung kommen
haben ihren Ursprung im System kolonialer Herrschaft. Rechtlosigkeit
herrscht nicht nur in den Lagern. Sie hängt unmittelbar
mit einer Ökonomie zusammen, deren Akkumulation soziale
Ausgrenzung im Weltmaßstab produziert. "Wer aus
Bosnien oder aus Rumänien nach Deutschland kommt, muss
wissen: Er kommt ins Lager", hatte Altkanzler Schmidt
1992 erklärt:
Wehe dem, der dieses Land betritt.
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
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