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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 15 - Mai/Juni 2005 - Seite 11
Beobachtungen eines jungen Exilirakers im zerstörten Land seiner Eltern. Von Zaid Al-Alim
Forgetting Iraq
[ Inhalt Nr. 15.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]

Gerade die radikale Linke, besonders aber auch ein globalisierungskritischer Internationalismus in Zeiten postkolonialer Besatzungsregime, sollte diesen Text lesen: Er handelt vom Leben im Irak, und er unterscheidet sich von fast allen Analysen und Propagandatraktaten, die seit dem Kriegsende geschrieben wurden, weil er zugleich viel hoffnungsloser und hoffnungsvoller ist. Der Irak befindet sich inmitten einer tiefen Krise, die weder durch Investitionen, noch durch Besatzung, und auch nicht durch einen Befreiungskrieg behoben werden kann, sagt Zaid Al-Alim. Der Autor ist kein Journalist, sondern gelernter Rechtsanwalt, der sein bisheriges Leben in den Vereinigten Staaten und in Westeuropa verbrachte, und jetzt zum zweiten Mal ins Land seiner Eltern reiste. Die meisten Menschen, die er traf, waren krank, nicht einer war lebensfroh, nicht einer glaubte an Besserung, alle hassten die Amerikaner, doch die meisten hassten auch ihr eigenes Land. Doch Al-Alims Text ist nicht nur als Zustandsbericht erschütternd - er zeigt auch, was es für den Einzelnen bedeutet, dennoch auf den Werten von Freiheit und Humanismus zu bestehen.

Ich reiste zu einem Zeitpunkt in das Heimatland meiner Eltern, als die Menschen weltweit zu glauben begannen, dass im Irak alles auf dem besten Wege schien. Trotz aller Verlautbarungen irakischer und amerikanischer Regierungsstellen, trotz allem was ich über die Veränderungen gelesen hatte, war ich nicht vorbereitet auf das, was ich dort vorfand. Das Leben in Bagdad hat weder etwas mit den Erklärungen der Übergangsregierung zu tun, noch mit den Bildern, die über unsere Bildschirme flimmern. Aber das wusste ich erst, nachdem ich das Land besucht hatte.

Der Irak könnte ein wohlhabendes Land sein. Als eines der wenigen Länder in der Region verfügt er über Industrieanlagen, nennenswerte landwirtschaftliche Nutzflächen und eine gebildete Facharbeiterschaft. Gleich nach meiner Ankunft realisierte ich jedoch, dass dies nichts mit der Realität zu tun hat. Auf die ersten "echten" Iraker stieß ich an der jordanischen Grenze und musste feststellen, dass sie nichts mit der gutsituierten Diaspora gemein hatten, die meinen Alltag bisher ausmachte. Bei der Einreise in den Irak, zwischen all den Menschen, die eigentlich meine Landsleute sind, fühlte ich mich so fehl am Platz, wie nie zuvor in meinem Leben. Noch nie hatte ich mich so fremd, so unwillkommen, so unwohl und so schuldig gefühlt. Jeder einzelne, der dort wie ich wartete, um die Grenze zu überqueren, schien physisch krank zu sein. Es war fast nicht zu ertragen, kaum einer, der nicht unter Deformierungen oder schweren Verunstaltungen litt. Ihre Kleider waren schmutzig, voller Löcher, passten nicht. Ihre Bärte waren voller Staub und ungepflegt. Sie alle sahen müde und bekümmert aus. Jeder, der sich die Mühe machte mich anzusehen, war zweifellos der Meinung, ich sei Ausländer. Ich fühlte mich eher, als wäre ich in einem heruntergekommenen Krankenhaus, als an einer Grenze. Diese Menschen schienen nur weiter zu leben, weil sie dazu gezwungen waren und nicht, wie ich es im Westen kannte, weil sie es genießen. Dieser Eindruck bestätigte sich im weiteren Verlauf meines Aufenthaltes an jedem Tag und an jedem Ort aufs Neue.

Ein Gesundheitssystem im Verfall

Endlich: Die illustrierte Gebrauchsanweisung für den Irak. Bunte Karten..

Einer der Gründe für meine Reise war, herauszufinden, wie das öffentliche Leben im Irak aussieht, wie sich z. B. das Gesundheitswesen seit dem Krieg entwickelt hatte. Einige meiner Verwandten sind in Bagdads öffentlichen Krankenhäusern beschäftigt und waren bereit mich herumzuführen. Einige Tage nach meiner Ankunft besuchte ich mit einem meiner Onkel das Baghdad Teaching Hospital. Schon der Weg dorthin beanspruchte wesentlich mehr Zeit als geplant, eine Brücke, die wir hätten überqueren müssen, war von amerikanischen Soldaten abgeriegelt. Mein Onkel nutzte die Gelegenheit, mir von den durch den Krieg verursachten Zerstörungen der Infrastruktur zu erzählen. Er beschrieb, wie GIs kurz nach dem Krieg eine große Anzahl Fahrzeuge vom Krankenhausparkplatz gestohlen hatten, um sie zu verkaufen; unfähig die Fahrzeuge zu bewegen, rissen sie die Dächer auf und räumten die Autos aus. Mein Onkel zeigte mir später, was von diesen Fahrzeugen übrig war: Skelette ohne Dach.
Vom Parkplatz ins Krankenhaus führt eine Brücke, die war jedoch auch von den Amerikanern blockiert. Das Krankenhaus war bombardiert worden, bei dem Angriff waren drei Menschen ums Leben gekommen. Der Angriff galt italienischen Ärzten, die seit letztem Jahr unbezahlte medizinische Hilfe leisten. Seit dem Anstieg der Angriffe auf Ausländer im letzten Jahr waren umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, um mögliche Anschläge auf ausländische Ärzte zu verhindern. Betonblöcke am Eingang des Gebäudes erweckten mehr den Eindruck, vor einem Militärbunker zu stehen, als vor einem Krankenhaus. Hinter aufgestapelten Sandsäcken waren Soldaten postiert. Die Verteidigungsmaßnahmen reichen jedoch offensichtlich nicht aus, die Angriffe von Aufständischen zu verhindern, die entschlossen sind, alle Ausländer aus dem Land zu jagen, egal ob sie unter der Fahne der Besatzer eingezogen sind oder nicht.

Der Besuch des Krankenhauses machte mir klar, dass alles, was ich über irakische Krankenhäuser während des Embargos gelesen hatte, immer noch zutraf: Mangel an Investitionen, kein funktionierendes technisches Gerät, kaum grundlegende Medikamente - und keine Aussicht auf Verbessung. In der Röntgenabteilung, in der Kardiologie, aber auch in der Kinderstation, waren nur etwa ein Fünftel aller Geräte betriebsbereit. Die meisten Untersuchungsräume waren seit Jahren nicht benutzt worden. Es gibt keine Möglichkeiten defekte Geräte zu reparieren, da die Ersatzteile aus dem Ausland nicht finanzierbar sind.

Die hygienischen Zustände sind erschreckend. Überall wo ich hinkam, in den Gängen, in den Operationssälen und Untersuchungsräumen, in den Treppenhäusern und Aufzügen, war es unglaublich schmutzig, in allen Ecken fanden sich undefinierbare schwarze Flecken, und manchmal auch Pfützen mit einer dunklen Flüssigkeit. In einem der Gänge sah ich ein Waschbecken, das so schmutzig war, dass ich es fotografierte, weil niemand meinen Erzählungen sonst Glauben schenken würde. Patienten oder ihre Angehörigen saßen und schliefen überall auf dem Krankenhausfußboden. Viele sahen aus, als wären sie schon seit Tagen hier: alte Männer mit Erstickungsanfällen, blutende Kinder, Menschen mit Verbrennungen und gebrochenen Knochen. Überall Schreie und Tränen, alte Frauen, die im Kreis liefen und nicht zu weinen aufhörten. Zwischen all dem Elend stand das Krankenhauspersonal untätig, unfähig irgend etwas zu tun, um das Leid ringsherum zu lindern.

Im ganzen Gebäude stieß ich auf Poster von Imam Ali, Ayatollah Ali Al-Sistani und Muqtada Al-Sadr. Weder wurde mir klar, was diese Poster zur Genesung der Patienten beitragen könnten, noch wer sie aufgehängt hatte, sie waren jedoch auch in den Personalräumen zu finden. Am Ende des Tages saß ich in der Cafeteria des Krankenhauses und konnte nicht glauben, dass all dieser Schmutz, dieses Elend und diese Hoffnungslosigkeit wirklich existierten. Dieses Gefühl verstärkte sich noch, als ich später von Kollegen meines Onkels erfuhr, dass das Krankenhaus im Monat lediglich eine Summe von 300 US-Dollar benötigen würde, um die notwendigsten Medikamente anschaffen zu können. Es war für mich unbegreiflich, dass es wirklich ein Problem darstellen würde, eine solche Summe monatlich aufzutreiben.

Sicherheit, Korruption und Lebensstandart

sollen US-Marines die Sprache und Kultur des fernen Landes näherbringen

Die Frage, die sich nach Kriegsende im Irak wohl alle stellten war, ob die Ankunft der amerikanischen Armee dem Land eine Wendung zum Guten oder zum Schlechten gebracht hatte. Meinen Beobachtungen zufolge hatten viele Familien eine sehr gespaltene Meinung. Das galt auch für Familien, die es unter Saddam Hussein zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten. Manche argumentierten, dass es nicht schlimmer kommen könne als unter Saddam, andere meinten, dass sie ein Leben unter Besatzung nicht aushalten könnten. Soweit ich das einschätzen kann, ist diese Zerrissenheit im großen und ganzen der totalen Ablehnung der Besatzer gewichen. Dieser Sinnesumschwung hat unterschiedliche Ursachen. Die Argumente, die am häufigsten als Beweis dafür angeführt wurden, dass die Besatzung nicht den Interessen der Bevölkerung dienen oder den Lebensstandard verbessern würde, war die fehlende stabile Versorgung mit Elektrizität, die Unfähigkeit, Sicherheit zu garantieren und ein rechtstaatliches System aufzubauen. Viele meiner Gesprächpartner waren der festen Überzeugung, dass all diese Mängel bewusst herbeigeführt sind, und dass die Bushregierung heimlich beschlossen habe, die Menschen im Irak in Armut und Unsicherheit zu halten.

Es gibt gewichtige Faktoren, die den Glauben der irakischen Bevölkerung in den gegenwärtigen politischen Prozess zerstört haben. In erster Linie ist es die hohe Arbeitslosigkeit, die die Gesellschaft in die Depression stürzt. Die meisten Menschen sind wirtschaftlich inaktiv. Und auch wenn in einigen Sektoren ein Aufschwung zu verzeichnen war, so hatte dies keine durchschlagende Auswirkung auf den Grad der Beschäftigung. Ich traf Ingenieure, Fachleute aus dem Baugewerbe, Lehrer, Journalisten, ehemalige Mitglieder der Streitkräfte, die keine Arbeit finden konnten. Viele von ihnen fragten mich, ob ich ihnen helfen könnte, das Land zu verlassen. Ich traf auch Geschäftsleute, die in den ersten Tagen nach dem Krieg von ausländischen Investoren kontaktiert worden waren, die meisten gaben ihre Projekte jedoch aus Angst auf. Einer meiner Gesprächspartner arbeitete als Ingenieur in einer Firma, die auch die Besatzungsverwaltung als Kunden hat. Nachdem er und ein Kollege zweimal von Aufständischen aufgefordert worden war zu kündigen, wurde sein Kollege aus einem vorbeifahrendem Auto erschossen. Daraufhin gab er seinen Posten aus Angst auf. Die Schuld an all dem wird ausschließlich bei den Amerikanern gesucht, die unwillig oder unfähig sind, den Irak zu einem sicheren Land zu machen. Und zumindest, so denken viele Iraker, dazu wäre Saddam Hussein durchaus in der Lage gewesen.

Eines der größten Übel für die Bevölkerung ist die instabile Stromversorgung. In den Stadtvierteln von Bagdad, in denen ich mich die meiste Zeit aufhielt, ist eine dreistündige Stromversorgung mit einer darauffolgenden dreistündigen Unterbrechung vorgesehen. Ein Zeitplan, der fast nie eingehalten wird. In den meisten anderen Gebieten des Irak liegt die angesetzte Versorgungszeit weit darunter. Eine Familie in Tikrit, die ich besuchte, hatte nur eine Stunde Strom, dann wurde er für vier Stunden wieder abgestellt. Viele Häuser haben private Stromgeneratoren, die jedoch nur zum Betrieb des Fernsehers und der Lichter ausreichen. Die Klimaanlagen stehen praktisch die ganze Zeit still, da private Generatoren ihren hohen Strombedarf nicht decken können. Eine Tatsache, die die Iraker wütend macht, besonders nachts, wenn Hitze und Feuchtigkeit ihren Höhepunkt erreichen. Plötzliche Dunkelheit durch Stromausfall begleiten jede Nacht in Bagdad.
Öffentliche Stellen versuchen immer wieder, die Verantwortung für diese Mängel auf die Aufständischen abzuwälzen. Auch ich dachte, dass Anschläge der Hauptgrund für die schlechte Stromversorgung seien. Ich hatte mich, wie in so vielem, geirrt. Tatsächlich scheint ein Mangel an Investitionen verantwortlich zu sein. Ein Großteil der Gelder, die dem Irak zugesagt waren, sind noch immer nicht ausgezahlt worden. Ein leitender Angestellter der Elektrizitätswerke klärte mich auf: "Und wenn die Aufständischen die Versorgungsnetze angreifen? Im Höchstfall platzieren sie Mörsergranaten, diese Schäden können wir in ein paar Stunden beheben. Das eigentliche Problem ist, dass es kein Geld gibt. Bisher haben wir nur 10 Prozent dessen bekommen, was uns versprochen wurde. Wir könnten alle Arbeiten in sechs Monaten erledigen und volle Kapazität fahren, wenn wir bekommen würden, was wir fordern." Kaum ein Iraker glaubt mehr daran, dass mangelnde Investitionsbereitschaft schuld an den Mißständen ist. Tatsächlich fließen die Einnahmen des Landes aus dem Erdölgeschäft an amerikanische Subunternehmer mit nobid Verträgen (Anm.: Verträge ohne zu bieten).

Wenn sie in der Sommerhitze weder atmen noch schlafen können, verfluchen die Iraker Amerika. Ich erzählte ihnen von den Amerikanern, die ich in meinem Leben getroffen hatte, mit denen ich studiert, gearbeitet und gelebt hatte, aber sie waren an meinen Geschichten nicht interessiert. Alle Iraker mit denen ich gesprochen habe sind der Meinung, dass Amerikaner Kriminelle, Diebe, Heuchler, Perverse, Lügner und natürlich ausländische Invasoren sind.

Und man muss im Irak nicht lange suchen, um Bestätigungen für diese Vorurteile zu finden. Ich sah während meines Aufenthaltes - und das war, nachdem die Besatzung offiziell beendet war - überall wo ich hinkam Amerikaner. Ich sah amerikanische Panzer, amerikanische Hubschrauber, amerikanische Geländewagen, Patrouillen, Checkpoints, alles amerikanisch. Militärfahrzeuge auf fast allen Brücken in Bagdad, amerikanische Truppen besetzen Gebäude überall in der Stadt, gesichert durch Betonplatten und Sandsäcke. Amerikanische Konvois blockieren den Verkehr. Bei mehreren Gelegenheiten, als ich versuchte einen amerikanischen Konvoi zu überholen, richteten die Soldaten ihre Gewehre direkt auf mich. Amerikanische Militärfahrzeuge fahren häufig auf der falschen Straßenseite. Die Iraker sind überzeugt, dass dies einzig und allein dem Zweck dient, ihre Verachtung für das Land auszudrücken. Einmal, nachdem ich über eine Stunde in der brütenden Hitze gewartet hatte, dass ein amerikanischer Konvoi den Weg für den Verkehr freimachte, drehte der Fahrer neben mir die Scheibe herunter und brüllte: "Saddam ist die Medizin, die uns von ihnen heilen wird!".

Abgekoppelt von der Moderne

Merke: Der Feind trägt Schnurbart!

Langfristig gesehen ist die Zukunft des Irak jedoch durch ein weitaus ernsthafteres Problem bedroht. Es gab eine Zeit, zwischen den 1950er und der ersten Hälfte der 1980er, in der sich das Bildungswesen im Irak im Aufschwung befand. Das Land verfügte über einige der besten Universitäten der Region. Irakische Studenten setzten ihre Studien in Westeuropa und Nordamerika fort. Viele dieser "weltgewandten" Iraker verfügen über ein hohes Niveau an sozialer und politischer Bildung und beherrschen zwei oder drei Sprachen. Sie sind weit gereist und manche waren aus ideologischen Gründen Mitglieder verschiedener Parteien. Diese Menschen sind jedoch alle über 45 oder älter.

Das Leben der nachfolgenden Generation war von Krieg, politischer Unterdrückung und dem Embargo geprägt. Während der 24-jährigen Präsidentschaft von Saddam Hussein war jede politische Debatte verboten. Dies galt auch innerhalb der Baath-Partei. Hatte die Bewegung zu Anfang mit sozialistischen und freiheitlichen Slogans die koloniale Unterdrückung bekämpft, verwandelte sie sich später in eine Partei, deren einzige Aufgabe es war Saddam Hussein zu preisen. Ein Umschwung, der exakt an dem Tag begann, als Saddam Hussein das Präsidentenamt übernahm. Jeder denkende Mensch sollte wissen, dass ein Land ohne eine offene Diskussionskultur langfristig keine Überlebenschance hat. Saddam Hussein war diese Erkenntnis entweder fremd oder egal, war er doch hauptsächlich mit Imagepflege und seinem Lebensstil beschäftigt. Diese Entwicklung und der Verarmungsprozess in den 1980er Jahren im Zuge des 1. Golfkrieges gegen den Iran, die Zerstörungen nach dem Überfall der internationalen Gemeinschaft 1991 und die "Politik des langsamen Sterbens" durch die Sanktionen; alles zusammen genommen hat eine "verlorene" Generation ungebildeter Iraker hervorgebracht, für die unsere moderne Welt eine "terra incognita" ist.

Das irakische Bildungssystem verfügt nicht über die Werkzeuge, diese "Barbarisierung" der Gesellschaft wirkungsvoll zu bekämpfen. Alle, die in das Bildungssystem involviert sind, sind unzufrieden und beschweren sich andauernd über alles, von den staatlichen Leistungen bis zu ihrer Bezahlung. Lehrer und Professoren sind demotiviert, und die Studenten haben schnell gelernt daraus Vorteile zu ziehen. Alle Examen in einem Jahr erfolgreich abzuschließen kostet an manchen Universitäten nur 100 US-Dollar.

Der Zustand der Gebäude ist auch nicht besser als der Lehrbetrieb. Während meines Aufenthaltes im Irak besuchte ich einige Schulen und Universitäten in Bagdad und in Tikrit. Die Ausstattung ist mehr als dürftig. Zwar sah ich in manchen Büros Computer, aber schon die Einschalttaste mit der Aufschrift "powre" zeugte von der Qualität dieser Produkte. Um die Sache noch schlimmer zu machen, waren die Universitäten direkt nach dem Krieg geplündert und ein Großteil der Bücher verbrannt worden. Die juristische Fakultät in Bagdad verfügt über kein einziges Buch über die Grundlagen des irakischen Rechts mehr. Trotz groß angekündigter Spenden westlicher Institutionen gibt es nirgendwo auch nur annähernd genug Bücher. Das gilt auch für viele Schulen in Tikrit und Bagdad. Lehrer beklagten sich bei mir, dass die Nachkriegsprogramme, die dazu dienen sollten ihre Schulen zu sanieren, im besten Falle zu einem neuen Anstrich geführt hätten, und sich die Lehrstandards in keiner Weise verbessert hätten. Klassenzimmer werden in einigen Schulen als Mülllagerräume benutzt, noch viel deprimierender sind jedoch die Klassenräume die in Betrieb sind. Sie sind meist völlig kahl und schmutzig. Kurz gesagt, das gegenwärtige Bildungssystem im Irak ist ein Desaster, im absoluten Sinne und im Vergleich zu dem wie es vor Saddam war.

Unter denjenigen, die dieser verlorenen Generation angehören herrscht die Ansicht vor, dass politische Diskussionen völlig nutzlos sind. Nicht nur weil sie so lange verboten waren, sondern auch weil das Ergebnis der politischen Anstrengungen im Irak, das Ergebnis der langen und harten Arbeit tausender Iraker, die sich seit den 1950ern für eine soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung in ihrem Land eingesetzt haben, die amerikanische Besatzung des Irak ist. Ein Iraker mittleren Alters mit hervorragenden Englischkenntnissen und dem Abschluss einer renommierten britischen Universität sagte mir, dass der Irak keine Zukunft hätte und, dass er keinen Sinn darin sähe weitere Anstrengungen zu unternehmen. "Ich hoffe", so sagte er, "dass dies ihr letzter Besuch in diesem Land sein wird. Bleiben Sie im Ausland und leben Sie ihr Leben dort, hier gibt es nichts für Sie." Sein Pessimismus resultiere aus der Tatsache, dass die Jugend keine Bildung hätte. Aber war es nicht auch wahr, dass die Generation vor seiner eigenen keine Bildung besaß? War es nicht auch wahr, dass seine Generation sich selbst aus der Ignoranz herausgearbeitet hatte? Die Antwort auf meine Einwände waren ein müdes Lächeln und ein Schulterzucken.

Zukunft ohne Aussicht

Die Menschen im Irak glauben nicht mehr an ein besseres Leben, das war mir schon ganz zu Anfang meiner Reise klar geworden, als ich an einem irakischen Polizeicheckpoint angehalten wurde. Der diensthabende Wachmann entnahm meinem Pass, dass ich aus Westeuropa komme. Er brüllte mich an, dass ich völlig verrückt sei. "Gott verfluche dieses Land und all seine Kriege!" schrie er. Manchmal wurde ich gefragt, warum die Iraker gegen die militärische Besatzung ihres Landes nicht mit gewaltfreien Mitteln vorgingen, die von manchen Menschen als die effektivere Form des Widerstands eingeschätzt werden als der Guerillakampf, der jetzt praktiziert wird. Eine Antwort darauf ist, dass die überwiegende Mehrheit der Iraker noch nie etwas von Gewaltfreiheit, Mahatma Gandhi oder Martin Luther King gehört hat.

Die Iraker sind ein totes Volk, ich sah sie in allen möglichen Situationen, ich sah sie, wie sie durch den Dreck liefen, der jeden Zentimeter einer jeden Strasse heimsucht, ich sah sie in ihren Häusern, in luxuriösen und elenden Häusern, und doch, egal wo sie waren, an welchem Punkt ihres Lebens sie sich befanden, sie atmeten alle die schwere staubige Luft des Landes und seufzten vor Erleichterung, wenn sie diese Luft abschütteln konnten. Die Hoffnungslosigkeit ist zeitlos und allumfassend: in jedem Lächeln, in jeder Auseinandersetzung. Der einzige Ort, an dem ich diese Stimmung nicht fühlte, war am Ostufer des Tigris, in der Nähe von Tikrit - ein Ort an dem die Zeit seit Babylon vorüber gegangen zu sein schien, eine Epoche, in der die Menschen dieses Landes wahrscheinlich viel glücklicher waren als jetzt.

Der Irak befindet sich in Mitten einer ernsten Krise, und diese Krise kann weder durch Investitionen, noch durch Besatzung, und auch nicht durch einen Befreiungskrieg behoben werden. Wahrscheinlich kann die verlorene Generation des Landes nicht mehr gerettet werden, und es ist wahrscheinlich auch wahr, dass die weltoffene Generation mittlerweile viel zu müde und zu zynisch ist um einen positiven Beitrag zu leisten. Es könnte durchaus der richtige Weg sein, auf die Generation zu setzen, die noch nicht völlig durchdrungen von Krieg, Sanktionen und der Herrschaft Saddam Husseins ist. Es gibt eine Generation Iraker, die jung genug ist, motivierbar ist, die ein politisches Bewusstsein entwickeln könnte, um daraus die nötigen Kompetenzen zu schöpfen, eine treibende Kraft bei der Erneuerung der eigenen Gesellschaft zu werden. Dazu bedarf es allerdings mehr als neuer Elektrizitätswerke oder neuer Ölförderanlagen, auch mehr als medizinisches Equipment. Was gebraucht wird sind Bücher, neue Lehrmittel und vor allem Lehrer. Der Irak muss wieder auf die Füße kommen, selbstbewusst werden, und der einzige Weg dies auf lange Sicht zu erreichen ist, dass die Menschen aufstehen und sich um ihre Bildung und Ausbildung kümmern.

Während des Krieges dachte ich, ich könnte nichts tun, um die Entwicklung im Irak zu beeinflussen. Jetzt habe ich realisiert, dass sich hier alles im Stillstand oder im Rückschritt befindet und dass der einzige Ausweg die Eigeninitiative ist.
Wenn es wirklich so ist, dass die Jugend in den letzten 20 Jahren nichts sinnvolles gelernt hat, dann ist es die Aufgabe der Alten, allein oder kollektiv in die Schulen und Universitäten zu gehen und zu lehren. Wenn es wahr ist, dass es eine irakische Diaspora gibt, Menschen, die das Land verlassen und von sozialen Einrichtungen und einem Schulsystem profitiert haben, das es im Irak nicht gab, dann haben diese Menschen die Pflicht die Würde des Irak wieder herzustellen. Sie haben die Pflicht dafür zu sorgen, dass es eine Zukunft für neue Generationen gibt. Und wenn das für die Diaspora gilt, dann gilt es auch für mich. Deshalb gibt es keine andere Option für mich als mein bisheriges bequemes Leben aufzugeben und ein Leben zu beginnen, das hoffentlich auch für Menschen, außer meiner eigenen Person, von Nutzen sein wird.

Der Text erschien zum Jahreswechsel 2005, im Vorfeld der ersten irakischen Parlamentswahlen, in der ägyptischen Wochenzeitung Al-Ahram und wurde von So oder So mit geringfügigen Kürzungen ins Deutsche übersetzt. Zaid Al-Alim ist zugelassener Anwalt in New York und arbeitet zur Zeit am internationalen Schiedsgerichtshof in Paris.

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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