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SO ODER SO - EXTRA ZUM PROZESS GEGEN LIBERTAD! WEGEN DER ONLINE-DEMONSTRATION
GEGEN LUFTHANSA 2001
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
Die Geschichte des Widerstands gegen Abschiebungen ist lang.
Schon im Jahr 1979 kam es zu einem Anschlag der Revolutionären
Zellen gegen die Ausländerbehörde in Frankfurt.
Damals ging es um den Umgang des Staates mit den so genannten
Gastarbeitern, die von der deutschen Industrie ins Land geholt
wurden um den steigenden Bedarf an Arbeitskräften während
des "Wirtschaftswunders" zu decken. Schon damals
benutzte der Staat die "Gnade des Aufenthaltsrechts",
um zwischen "braven Arbeiter/innen" und renitenten
Streikteilnehmer/innen zu unterscheiden. Die braven durften
bleiben, die renitenten wurden ausgewiesen.
In den 80er Jahren hatte sich die Situation grundlegend geändert.
Durch die steigende Arbeitslosigkeit entstand immer mehr die
dumpf deutsche Stimmung, "Ausländer nehmen uns die
Arbeitsplätze weg". Die deutsche Industrie hatte
es nicht mehr nötig, Arbeitskräfte im Ausland zu
mobilisieren, andererseits gab es hier noch ein Grundrecht
auf Asyl, das von Flüchtlingen aus aller Welt in Anspruch
genommen wurde. Aber auch mit diesem Grundrecht war es schwer
genug, eine Anerkennung auf Asyl zu bekommen. Wer nicht anerkannt
wurde, wurde gewaltsam abgeschoben.
Wieder waren es die Revolutionären Zellen, die diese
Praxis konkret angriffen. Im Rahmen einer Kampagne gegen Institutionen
der Abschreckung und Kontrolle von Flüchtlingen im Jahr
1986 kam es unter anderem auch zu einem Anschlag auf die Lufthansa
in Köln. In ihrer Erklärung hieß es: "Wer
sich vor Hunger, Verfolgung, Folter, Krieg und Tod in die
Bundesrepublik zu retten versucht, muss dazu ein Flugzeug
benutzen. Und wer von diesem Staat zum "Abschübling"
erklärt wird, wird wieder zurück ins Flugzeug getreten.
Von den über 8.000 Abschiebungen im Jahr 1984 hat die
Deutsche Lufthansa rund 6.000 übernommen. Das sind mindestens
16 Flüchtlinge pro Tag. Der Umsatz für diese Hilfspolizeileistungen
lag 1984 bei circa 8 Millionen Mark"
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15 Jahre vor der deportation.class-Kampagne:
Karikatur von 1983.
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Mit dem Fall des sowjetischen Systems und der Wiedervereinigung
Anfang der 90er Jahre verschärfte sich die Situation
noch einmal. Die Zerschlagung der ostdeutschen Betriebe, die
Umstrukturierung des Ostens in eine kapitalistische Wirtschaftszone
führte zu einem enormen Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Das erstarkte Nationalgefühl durch die wiedererlangte
Souveränität kam da gerade Recht. Während auf
der einen Seite die Zuwanderung von so genannten Russlanddeutschen
gefördert wurde, erklärten die Herrschenden andererseits,
das Boot sei voll und stilisierten die Asylbewerber zum zentralen
Problem der miserablen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Dieser
Griff in die Trickkiste einfachsten Populismus resultierte
nicht nur in einem explosionsartigen Anstieg faschistischer
Anschläge auf Asylbewerberheime, sondern ebnete auch
den Weg zur faktischen Abschaffung des Asylrechts 1993.
Auf der anderen Seite begannen immer mehr Menschen aktiv
gegen die staatliche Asylpolitik zu arbeiten. Von bürgerlichen/kirchlichen
Gruppen wurden abgelehnte Asylbewerber/innen versteckt oder
im Kirchenasyl untergebracht, viele antirassistische Gruppen
entstanden aus der konkreten Notwendigkeit, den von der Flüchtlingspolitik
betroffenen Menschen zu helfen. Im Jahr 1987 schlossen sich
viele dieser Gruppen zur Initiative "kein mensch ist
illegal" zusammen. Im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses
wurde in dieser Zeit auch immer klarer, dass es sich bei den
Fragen der Asylpolitik und Abschiebepraxis um kein spezifisch
deutsches Problem handelte. In praktisch allen Ländern
Europas wurden diese Fragen diskutiert und im Rahmen der EU
wurden gemeinsame Richtlinien des Umgangs mit Migrant/innen
entwickelt. Die Festung Europa machte ihre Grenzen dicht,
und die NATO bekam in ihr neues Aufgabenheft unter anderem
die Steuerung von Flüchtlingsströmen geschrieben.
Das Flugzeug wurde zum einzigen theoretischen Mittel, um
Deutschland aus einem "nicht sicheren Drittland"
zu erreichen, damit wurde es aber gleichzeitig auch zum entscheidenen
Mittel zur "Rückführung" abgelehnter Asylbewerber/innen.
Auf den großen Flughäfen wurden lagerartige Knäste
eingerichtet, um die Ablehnung der Verfahren gleich dort durchzuführen,
wo man die Menschen wieder zurückschicken konnte. Auch
der Widerstand gegen die staatliche Abschiebepraxis konzentrierte
sich konsequenterweise mehr und mehr auf die Fluglinien, die
mit dieser Art von Transport ein hübsches Sümmchen
verdienten. Aufgrund der Proteste verzichteten Ende der 90er
Jahre einige Fluggesellschaften auf den Transport "unfreiwilliger
Passagiere". Die belgische Fluglinie SABENA und die damals
noch existierende SWISSAIR beschlossen zumindest zeitweise
als direkte Reaktion auf die öffentlichen Kampagnen der
Abschiebegegner/innen, die Abschiebungen nicht mehr durchzuführen.
Auch die deutsche Pilotengewerkschaft COCKPIT rief ihre Mitglieder
dazu auf, gefesselte Passagiere nicht mehr zu transportieren.
Diejenigen Fluglinien, die sich groß ins Deportation
Business stürzten, sahen sich mit breiten Gegenkampagnen
konfrontiert. Es entstanden Kampagnen gegen die rumänische
Gesellschaft TAROM, und natürlich gegen die Deutsche
Lufthansa, die den größten Brocken des Abschiebegeschäfts
für sich beanspruchte. Von den über 20.000 jährlichen
Abschiebungen aus Deutschland übernimmt die Lufthansa
mehr als die Hälfte.
Als am 28. Mai 1999 der Sudanese Aamir Ageeb während
der Abschiebung qualvoll erstickte, weil er mit einem Integralhelm
auf dem Kopf von den begleitenden BGS-Bullen während
des Starts in eine Zwangsposition gedrückt wurde, wurde
eine breite Kampagne gegen die Deportation Class ins Leben
gerufen. Aamir Ageeb war bereits das zweite Todesopfer in
einer Lufthansamaschine.
Neben Plakaten, Demos an den Flughäfen und Grenzcamps,
die sich aktiv gegen die Abschiebepolitik richten, war die
Online-Demo gegen die Lufthansa am 20.6.2001 ein Höhepunkt
der Deportation Class Kampagne. 13.000 Menschen beteiligten
sich an der Demonstration im virtuellen, aber öffentlichen
Raum, die Server der Lufthansa waren zeitweise nicht mehr
erreichbar.
Seit dieser Zeit kam es immer wieder zu einzelnen Demos und
Kundgebungen auf Flughäfen, die manchmal tatsächlich
so erfolgreich waren, dass Abschiebungen verhindert werden
konnten. Die Abschiebung der Iranerin Zarah Kameli im Februar
dieses Jahres konnte im letzten Augenblick durch öffentlichen
Druck verhindert werden.
Am 18.10.2004 ergingen die Urteile gegen die BGS-Beamten,
die am Tod Aamir Ageebs beteiligt waren: Je neun Monate auf
Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge
in einem minder schweren Fall! Der Richter blieb damit sogar
unter der vorgeschriebenen Mindeststrafe, um den Angeklagten
ihre Beamtenlaufbahn nicht zu verbauen. Am 14. Juni 2005 wird
es zum Prozess gegen einen Aktivisten von Libertad! wegen
der Online-Demo kommen. Ob es auch hier zur Einschätzung
eines "minder schweren Falls" kommt, bleibt abzuwarten...
[ © So oder So / Libertad!
Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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