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SO ODER SO - EXTRA ZUM PROZESS GEGEN LIBERTAD! WEGEN DER ONLINE-DEMONSTRATION
GEGEN LUFTHANSA 2001
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
Als Mitte und Ende der 1990er Jahre erstmals vom "virtuellen
zivilen Ungehorsam" die Rede war und Aktionsformen wie
Netz-Sit-ins und Blockaden ausprobiert wurden, sollten vor
allem Formen der direkten gewaltfreien Aktion von der Straße
ins Internet übertragen werden. Das Ziel dabei war, das
Internet als politischen Protestraum, als Ort des Widerstands
und der Intervention zu konstituieren. In gewissem Sinne stellten
diese Bemühungen die Antithese des Netz-Hypes der Dotcom-Ökonomie
dar, die das Netz vor allem als Einkaufsstraße und Konsumparadies
zu funktionalisieren versuchte.
So inszenierten die britischen Elektrohippies 1999 während
der Proteste in Seattle einen virtuellen Sit-in auf der Webseite
der Welthandelsorganisation. 400.000 nahmen an der Aktion
teil. Die Grundidee einer solchen Aktion ist, die Webseiten
einer Institution oder eines Konzerns zu blockieren, indem
möglichst viele Menschen zu einer vereinbarten Zeit auf
diese Seiten zugreifen. Im Idealfall wird so die Seite unerreichbar.
Die Wirkung einer solchen Denial-of-Service (DoS)-Aktion entspricht
der eines Sit-ins, eines Streikpostens oder einer Straßenblockade
vor dem Eingang zur Konzernzentrale. Falls die angegriffene
Firma oder Institution ihre eigene Netzkommunikation über
denselben Kanal abwickelt wie den externen Web-Verkehr, ist
die Blockade vollständig - keiner kann rein, keiner kommt
raus.

Für die Beurteilung solcher Aktionen ist
es wichtig, nicht nur die unmittelbaren technischen Effekte
zu diskutieren, sondern auch die sozialen und kommunikativen
Voraussetzungen und Implikationen solcher Protestaktionen
zu bedenken. Während bei einer Straßendemonstration,
einer Blockade oder einem Sit-in wird die Zahl der Protestierenden
in der Regel als ein wichtiges Maß für die Stärke
des Protests angesehen. Im Falle eines DoS-Angriffs liegt
jedoch die Idee nahe, auf die protestierenden Massen ganz
zu verzichten und stattdessen möglichst viele fremde
Computer für den Angriff zu kooptieren, ohne deren Besitzer
lange zu fragen. Am Ende der Gedankenkette steht ein einzelner
PC, ein Internetzugang und ein Skriptkid - und in der Tat
sind die technisch wirksamsten DoS-Attacken genau so zu Stande
gekommen: Attacken, die es schafften, Netzriesen wie Yahoo
und Microsoft für viele Stunden aus dem Netz zu nehmen.
Politische Aktionen sind solche notwendigerweise klandestinen
Angriffe nicht. Inzwischen sind virtuelle Sit-Ins selten geworden
oder ins semikriminelle Milieu der Geheimdienste und Infowar-Strategen
abgewandert.
Der virtuelle zivile Ungehorsam, wie er u.a. von Ricardo
Dominguez vom Elektronic Disturbance Theatre propagiert wird,
steht im bewussten Gegensatz zu individuellen Skriptkid-Aktionen.
Allerdings bleibt das Kollektiv der Protestierenden bei den
virtuellen Sit-Ins abstrakt, ist nicht unmittelbar sichtbar
und auch nur bedingt als soziale Gruppe erfahrbar. Die deutlichste
direkte "Wirkung" des Protests zeigt sich als langsamerer
Zugriff auf die angegriffene Webseite. Doch politisches Engagement
und Protest sind immer auch soziale Ereignisse, die von gemeinsam
erlebten Aktionen und kollektiv geteilten Erinnerungen beflügelt
werden. Hier zeigte sich im konkreten Handgemenge, dass die
Übertragung von Straßenprotestmustern in den virtuellen
Raum nur bedingt funktioniert.
Manche Aktionen dieses "virtuellen zivilen Ungehorsams"
konnten ein beachtliches Medienecho erzielen. Die Neuheit
der Aktionsform sicherte Medienaufmerksamkeit, und die Vorstellung,
Aktivist/innen könnten den neu konstituierten virtuellen
Straßenraum zum Schauplatz von Protest und Intervention
machen, passte in den Mediendiskurs, der das Internet als
virtuellen Parallelraum konzeptualisierte.
Medial erfolgreich war auch die nun inkriminierte "Online-Demo"
gegen die Lufthansa-Webseiten im Rahmen der Deportation-Alliance-Kampagne
gegen Abschiebefluglinien. Das Beispiel der Deportation Alliance-Kampagne
zeigt auch, dass die netzbasierte Aktion gerade im Rahmen
einer Kampagne erfolgreich war, die sich zugleich außerhalb
des Netzes abspielte und von einer breiten, mit einer Vielzahl
von Aktionsformen operierenden Bewegung getragen wurde. So
war es möglich, ein hohes Aufmerksamkeitsniveau der etablierten
Medien zu sichern, für die der Online-Protest als mediales
Schmankerl dazukam. Die Netz-Intervention war hier Teil einer
umfassenderen Kommunikations- und Aktionspraxis, die sich
sowohl im physikalischen wie im virtuellen Raum abspielte
und die Vorbereitung und Durchführung der Aktion ebenso
einschloss wie ihre politische Kontextualisierung - bei der
das Internet nicht nur als Aktionsfeld, sondern insbesondere
als Vernetzungsinstrument von großer Bedeutung war.
Diesen Zusammenhang sehen wir als Hintergrund des Prozesses
gegen den Online-Demo-Aktivisten Andreas V. wie auch jener
"Telekommunikationsüberwachungsverordnung (TKÜV)",
die die Internetprovider zur Bereitstellung von technischen
Möglichkeiten zum unbemerkten Mitlesen von E-Mails für
den Staat sowie zur Datensicherung zwingt.
Der Computer und das Internet sind hybride Instrumente (Maschine
und Medium zugleich) die in immer mehr Arbeitsverhältnissen
zu zentralen Produktionsmitteln werden. Maurizio Lazzarato
hat in seinen Texten über die Tendenz zu einer neuen
Form der "lebendigen Arbeit" ("Immaterielle
Arbeit") im Informationskapitalismus an die Marxsche
Einsicht erinnert, dass das Kapital (nicht als handelnder
Akteur, sondern als gesellschaftliches Verhältnis gedacht)
auf Gedeih und Verderb nicht nur die Produktionsmittel kontrollieren,
sondern auch das Kommando über die "lebendige Arbeit"
haben muss. Der hybride Charakter der Technik trägt die
Tendenz in sich, die "lebendige Arbeit" unabhängiger
vom Kapital zu machen. Das gleiche Werkzeug mit dem die Arbeitskraft
ausgebeutet wird, kann auch für den Widerstand eingesetzt
werden. Das ist die Kehrseite jener Tendenz zur "Subjektivierung
von Arbeit", deren Apologeten die Autonomie, Kreativität
und Flexibilität der "Wissensarbeiter" preisen.
Insofern bedarf es eines Diskurses über die legitime
Nutzung der neuen Informations- und Kommunikationstechnik,
sprich, abweichende Nutzungsformen des Computers und des Internet
sollen unterbunden werden. Das Potential des Computers zur
autonomen Vernetzung wird auch in diesem Prozess bekämpft
und das zentrale Produktionsmittel des Postfordismus soll
wieder unter Kontrolle gebracht werden. Das ist die symbolische
Aussage des Online-Demo-Prozesses. Es ist eben nicht nur ein
Prozess gegen einen einzelnen Aktivisten, sondern hier wird
auch dem autonomen Kognitariat, das den hybriden Charakter
von Computern und Internet zu nutzen weiß, der Prozess
gemacht. Auch deswegen sollten wir uns solidarisieren. No
pasaran!
autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe
Von der autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe ist
erschienen:
Stolpersteine auf der Datenautobahn? Politischer Aktivismus
im Internet. In: Amann, Marc (Hg.): go. stop. act! Die Kunst
des kreativen Straßenprotests. Frankfurt/M. 2005. http://www.akweb.de/ak_s/ak490/06.htm.
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
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