
SO ODER SO - EXTRA ZUM PROZESS GEGEN LIBERTAD! WEGEN
DER ONLINE-DEMONSTRATION GEGEN LUFTHANSA 2001
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
"Die Bewegungsweise einer Information ist nicht identisch
mit der Bewegungsweise einer Auseinandersetzung. Ist das erste
vielleicht auch eine Frage der Menge und Geschwindigkeit,
ist das zweite vor allem eine Frage der Tiefe und praktischen
Orientierung."
Vor Jahren plakatierte der inzwischen längst verblichene
linksradikale Mailboxverbund Spinnennetz diesen Satz. Er hat
seine Aussagekraft über die Jahre nicht verloren. Das
Gegenteil ist der Fall. Die Geschwindigkeit, mit der uns Informationen
über Ereignisse und Aktivitäten - der Linken, mehr
noch aber über die unterdrückerischen Maßnahmen
der verschiedensten Staatsapparate rund um den Globus - vorliegen,
ist realtime. Nahezu alles ist heute erfahrbar, soweit es
elektronisch verfügbar ist. Das hat unsere Wahrnehmungsweise
verändert, nicht aber unbedingt unsere Praxis. Wie nie
zuvor entlarvt sich der Vorbehalt, es müssten erst mehr
Infos vorliegen, bevor etwas zu machen wäre. Denn an
schnellen Meldungen mangelt es nicht, auch nicht an einer
Fülle von Hintergrundinformationen. Es ist alles da -
es kommt aber immer noch darauf an, was wir aus den Nachrichten
machen. So ist Information nichts, wenn sich aus ihr keine
Konsequenzen ergeben. Und so sind es die Mühen realer
Aktivität, das Planen, Agitieren und Organisieren, aus
denen alles entspringt.
Als Geisterfahrer auf der Datenautobahn fühlen wir uns
nicht, wenn wir die Online-Demonstration gegen das deportation.business
propagieren. Das Internet hat sich längst als öffentlicher
Raum etabliert. Dort werden Geschäfte gemacht, Kriegspropaganda
betrieben, Ideologie produziert - alles wie in der wirklichen
Welt auch. Ein öffentlicher, aber kein freier Raum, wie
die Straße nicht uns gehört, sondern sie immer
wieder erobert werden muss. Das Internet ist schon jetzt für
uns ein Medium der gegenseitigen Information, der Vernetzung
von Aktions- und Solidaritätsgruppen, der Verabredung
zur gemeinsamen Praxis. Mumia Abu Jamal, Chiapas, Seattle,
Prag oder auch Porto Alegre stehen als Namen und Orte für
einen zunehmend weltweit sich elektronisch vernetzenden Widerstand,
der sich im virtuellen Raum verständigt um real zu handeln.
Mit der ersten Online-Demo in Deutschland gehen wir einen
Schritt weiter. Im Internet kollektiv solidarisch handeln
gegen staatlichen Rassismus und Menschenmisshandlung, eröffnet,
wie wir hoffen, neue Aktionsformen, die auch zu ganz anderen
Anlässen und anderen Zwecken zur Wirkung kommen können.
Denkbar sind ähnliche Proteste gegen Firmen, die sich
beispielsweise weigern Zahlungen an NS-Zwangsarbeiter/innen
zu entrichten oder ihren Profit mit der Produktion von Überwachungs-
und Repressionstechnologien erwirtschaften. Auch wenn der
Online-Protest in seiner Materialität nicht zu fassen
ist, kann er durchaus handfeste Folgen haben. Trotz der Symbolik
bleibt der reale Ausgangspunkt die Teilnahme vieler. Um die
Simulation einer Realität geht es dabei nicht, sondern
den virtuellen Raum mittels massenhaftem und realem Protest
zu nutzen - um in die herrschenden Verhältnisse zu intervenieren.
Und die sind ebenfalls alles andere als virtuell. (...) Die
neuen "Sitzblockaden" auf dem Datenhighway machen
also Sinn und können eine politische Wirkung haben. Nur
eins sind sie nicht: Ersatz für den Protest in der harten
Realität der herrschenden Verhältnisse. Wenn geglaubt
wird, dass der Mausklick im Internet die Anstrengung des offline-Aktivismus
ersetzt, wird die Form zum Inhalt und erliegt der gute Gedanke
der Verblendung der Simulationsindustrie.
Denn kein Mausklick macht satt, keine Internet-Blockade ersetzt
die reale Demontage der Herrschaft. In diesem Sinne: let's
go.to/online-demo ist eine unserer Kampagnen. Eine andere
versucht Solidarität und Unterstützung mit dem Hungerstreikkampf
der politischen Gefangenen in der Türkei zu organisieren.
Am 19. Dezember (2000) wurden innerhalb weniger Stunden 28
Gefangene massakriert, als türkische Militärs ihre
eigenen Gefängnisse stürmten und hunderte Gefangene
in Isolationszellen verschleppten. Die Bilder rauchender Knäste
waren auf allen türkischen Kanälen online. Und der
Hungerstreik geht weiter ... Das ist die hardware...
Diesen kurzen, hier leicht gekürzten,
Text schrieben wir für die deportation.class-Zeitung
2001
Die andiskutierten Fragen halten wir nach wie vor für
aktuell, auch und gerade angesichts des Prozesses gegen uns.
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
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