| [ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
Die Bush-Administration hat unmissverständlich klar
gemacht, dass der Iran auf ihrer Liste der Störfaktoren
im Nahen Osten ganz oben steht. Die USA werden ihre neue Ordnung
im erweiterten Mittleren Osten ("Greater Middle East")
kaum verwirklichen können, solange in Teheran eine klerikale
Diktatur an der Macht ist, die seit 25 Jahren in der Region
radikal-fundamentalistische Bewegungen unterstützt.

Der Blick nach Mekka und die Verheißung der Freiheit
made in USA.
Das Bild, das vom Iran gezeichnet wird, ist ein weiteres
gutes Beispiel dafür, wie heuchlerisch die Debatte um
eine Demokratisierung des Nahen Ostens ist. Der Iran ist kein
Land, in dem eine passive, unterdrückte Bevölkerung
tagtäglich für seine Befreier aus den USA betet.
Das Land ist vielmehr seit nahezu einem Jahrzehnt von permanenten
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geprägt, in denen
eine vielschichtige Protestbewegung das Regime an den Rande
des Zusammenbruchs gebracht hat. Sollte das strategische Schlüsselland
Iran tatsächlich durch eine Bewegung von unten eine radikale
Umwälzung erfahren, sind heute noch kaum vorstellbare
Veränderungen in den Machtverhältnissen des Nahen
und Mittleren Osten zu erwarten. Jede ausländische Intervention,
vielleicht mit Ausnahme einer gezielten Zerstörung der
iranischen Atomanlagen, würde nicht nur von der Bevölkerung
abgelehnt, sondern zugleich die enorme Dynamik zivilgesellschaftlicher
Bewegungen im Iran zurückwerfen und allein die radikale
islamistische Rechte stärken.
Die Ruhe des Krieges
Das iranische System schien bis weit in die 1990er Jahre
hinein extrem stabil zu sein. Nach der Revolution 1979 gelang
es den Islamisten mittels einer soliden gesellschaftlichen
Basis, begünstigt durch die Kapitulationspolitik der
stalinistischen Linken, ihr Regime recht schnell zu stabilisieren.
Der erste Golfkrieg, ausgelöst durch die irakische Intervention,
führte innenpolitisch zu einer weiteren Stabilisierung
der Diktatur und des Terrors. Die Zerschlagung der Linken
und der Opposition gelang auch deshalb so leicht, weil das
Regime, besonders unter den Armen in den Städten, über
eine große Massenbasis verfügte. Es verband die
Lehren des Islams mit einer enormen sozialpolitischen Komponente
und das Versprechen einer neuen islamistischen Ordnung schien
eine soziale Gerechtigkeit zu bringen, die nicht zuletzt dazu
beitrug, die Jugend aus den Slums für die Zerschlagung
alles "unislamischen" zu gewinnen.
Der bis zum Jahr 1988 andauernde Krieg mit dem Irak war wesentlich
dafür verantwortlich, dass innergesellschaftliche Widersprüche
tabuisiert und öffentlich nicht ausgetragen wurden. Nach
Kriegsende aber begann ein Prozess, der die islamistische
Herrschaft von innen zersetzen sollte. Denn statt der versprochenen
sozialen Gerechtigkeit hatte das islamische Regime lediglich
Vorteile für die herrschende Elite gebracht, die sich
in erster Linie aus religiösen Gelehrten und hochrangigen
Führern der islamistischen Bewegung zusammensetzte. Die
immensen Reichtümer, die die neue klerikale Bourgeoisie
anhäufte, ließen eine Realität entstehen,
die immer stärker in Widerspruch zu den Geburtsfanalen
des Regimes geriet. Die hinzukommende mangelnde Modernisierung
des Landes, das über enorme Potentiale - vor allem über
strategische Rohstoffe - verfügt, trug ebenfalls dazu
bei, dass sich die ideologische Bindung an das islamstische
Regime lockerte.
Diese Widersprüche, die sich bis 1997 eher im verborgenen
artikulierten, kamen mit der Wahl Mohammed Chatamis zum Staatspräsidenten
schlagartig an die Oberfläche. Chatami, ein ehemaliger
Kultusminister in einer hohen religiösen Stellung, musste
trotz seiner liberalen Haltung zur Wahl zugelassen werden.
Der Reformer erzielte einen erdrutschartigen Wahlsieg, obwohl
er offensiv für Reformen eintrat. Bisher waren die Wahlen
von der Bevölkerung weitgehend ignoriert worden, doch
diesmal kam es zu einer Wahlbeteiligung von über 80 Prozent,
bei der Chatami Zweidrittel der Stimmen für sich verbuchen
konnte. Die Wahl verdeutlichte, dass die Bevölkerung
nicht mehr bereit war, die gegebenen Verhältnisse hinzunehmen.
Zivilgesellschaft wie aus dem Lehrbuch
Die Wahl Chatamis verunsicherte zunächst den herrschenden
Klerus völlig. Die neue Administration von Chatami, der
Ende der 1990er Jahre noch mit Gorbatschow verglichen wurde,
lotete Räume für eine sanfte Liberalisierung aus.
Eine kritische Öffentlichkeit entwickelte sich, die sich
z.B. in der Gründung unzähliger Zeitungen ausdrückte.
Zusehends entglitt dem konservativen Regime die kulturelle
Unterdrückung. Ein zentrales Ereignis in diesem Zusammenhang
war die quasi mit letztem Spielzug erkämpfte Qualifikation
der iranischen Nationalmannschaft für die Fußball-WM
1998. In dieser Nacht tanzten Millionen Frauen und Männer
auf den Straßen Teherans und denen der größeren
iranischen Städte. Dabei ignorierten sie nicht nut demonstrativ
islamistische Gebote, sondern der massenhafte Akt der Freude
ließ die herrschende kulturelle Ordnung endgültig
zerbrechen. Seitdem wird das Land von einem permanenten Kampf
gezeichnet. Die Rechte, gestützt auf die Justiz, den
Geheimdienst und seine paramilitärischen Bataillone,
versucht beständig die bereits erkämpften politischen
und kulturellen Freiräume zurückzudrängen.
Die angegriffenen Aktivist/innen hingegen entwickeln ein immer
größeres Selbstbewusstein, sie weichen zwar zurück,
schreiten zugleich wieder vorwärts. Im Alltagsleben ist
die Diktatur gebrochen. Ständig werden Zeitungen geschlossen
und Redaktionen verhaftet, aber im gleichen Zeitraum werden
auch neue gegründet. Hinzukommen unzählige Nichtregierungsorganisationen,
die sich in zahlreichen sozialen Initiativen engagieren..
Die hohe Alltagsfrustration ist nun von einem enormen Politisierungsprozess
und vielfältiger Organisierung geprägt.
Eine besondere Rolle spielen die Studierenden, die im Iran
traditionell eine fortschrittliche Kraft bildeten. In den
Universitäten fanden nach dem konterrevolutionären
Umsturz im April 1979 zahlreiche Säuberungsaktionen statt.
Die Generation, die Ende 1990er in die Universitäten
strömte, war die erste, die in der islamischen Republik
aufgewachsen war. Durch fundamentalistische Kindergärten
und religiösen Schulunterricht geprägt, wurde diese
Studentengeneration dennoch zur Speerspitze des Bruchs mit
den Normen des herrschenden Regimes. Die islamischen Studentenverbände
wurden die Zentren der Proteste an den Universitäten.
Zunächst hatte Chatami die Sympathien in großen
Teilen der Bevölkerung. Als 1999 die Rechten eine Offensive
gegen die kritische Presse eröffneten, antworteten die
Studierenden mit öffentlichen Kundgebungen. Es waren
die ersten oppositionellen Massendemonstrationen in Teheran
seit 20 Jahren.
Das Regime antwortete auf die tagelangen Straßenproteste
mit brutalen Polizeieinsätzen, bei denen es auch zu Toten
kam. Aber die Bewegung von unten hatte bereits eine neue Stufe
erreicht. Chatami und die Reformer fürchteten dagegen,
dass die Bewegung weit über die von ihnen gewollten Reformen
hinausschießen und Gefahr laufen könnte, das gesamte
System hinwegzufegen. So stellten sie sich offiziell gegen
die Proteste, wodurch die konservative Regierung die Repressionsschraube
weiter anziehen konnte. Dies war ein Schlüsselmoment
und zugleich eine erneute bittere Enttäuschung, die die
Bewegung erfahren musste, die die Aktivist/innen jedoch reifen
ließ und ihre politische Loslösung von den Systemreformern
beschleunigte. Chatami gewann zwar auch seine Wiederwahl,
er verlor aber immer weiter an Ansehen, da die versprochenen
Reformen ausblieben. Auch die kritische Presse konnte durch
die klerikale Rechte wieder zurückgedrängt werden.
Das Reformerlager ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Heute wird der ehemalige Vorzeigeliberale Chatami an den Universitäten
ausgebuht. Der Niedergang des Reformerlagers hat zunächst
zu einer Ernüchterung in der Bevölkerung geführt,
die Reaktion sah sich in der Offensive, aber die sozialen
Bewegungen erholten und radikalisierten sich sogar.
Der neue Frühling der Revolte?
Im Iran kann zur Zeit von drei zentralen Bewegungen gesprochen
werden. Es gibt eine Arbeiter/innenbewegung, die seit Monaten
keinen Tag vergehen lässt, ohne dass nicht in verschiedenen
Sektoren der Produktion Dutzende von Streiks stattfinden.
Die Proteste richten sich nicht nur gegen ausbleibende Lohnauszahlungen,
sondern auch vermehrt gegen die zu beobachtende forcierte
Privatisierung von Staatsbetrieben; auch das iranische Regime
schielt auf die Verlockungen der Welthandelsorganisation WTO.
Die staatlichen Stellen wurden zwar zu wiederholten Zugeständnissen
gezwungen, versuchten aber zugleich eine freie Arbeiter/innenorganisierung
zu verhindern. Trotz Repression gegen bekannte Aktivisten
kam es in der jüngsten Zeit immer wieder zu ernsthaften
Versuchen einer unabhängigen Organisierung auf betrieblicher
Ebene. So forderten beispielsweise 4.000 Kolleg/innen in einem
Aufruf an die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) das
Recht auf freie gewerkschaftliche Organisierung.
Die zweite Bewegung ist die der nationalen Minderheiten.
Iran ist ein ethnisch extrem gemischter Staat, in dem die
Minderheiten historisch immer benachteiligt waren. Aber nicht
allein die veränderte Situation der Kurden im Irak schuf
in der Region ein neues Selbstbewusstsein. Die allgemeine
Unzufriedenheit und die Schwäche des Regimes haben seit
längerem schon zu Unruhen in den Provinzen geführt,
wie etwa im April 2004 unter der arabischen Minderheit in
der Südprovinz Choosestan, mit Zentrum in Ahwa. Die Regierung
sprach von 30 Toten. Der Fernsehsender Al Jazeera wurde wegen
seiner ausführlichen Berichterstattung über die
Vorfälle des Landes verwiesen.
Auffällig war bei diesen Unruhen, dass von beiden Seiten
geschossen wurde. Dieser neue Trend zur Militanz wird bei
der dritten Bewegung, den Student/innen, am deutlichsten.
Die Universitäten sind ein stabiler Ort politischen Protests.
Am Jahrestag der Unruhen von 1999 kam es 2003 erneut zu Revolten,
doch diesmal wehrten sich die Studierenden mit Molotow-Cocktails
und konnten in einigen Städten den Campus für einige
Zeit verteidigen. Die Tendenz ist eindeutig: Den paramilitärischen
Schlägerbanden wird mehr und mehr getrotzt. Die studentische
Protestkultur an den Universitäten ist eminent politisch.
War die erste Generation politisierter Studenten vor allem
liberal eingestellt und auf die Säkularisierung der Gesellschaft
aus, so bildet sich seit kurzem eine neue, radikalisierte
Linke heraus. Auf den Veranstaltungen zum Jahrestag der Student/innen
waren in diesem Jahr allerorten Rote Fahnen und Bilder von
Che Guevara zu sehen. Auf Transparenten war die traditionelle
Forderung der Linken nach "Brot und Freiheit" zu
lesen.
Im März 2005 gründete sich in Teheran ein linker
Studentenverband, der als Ziel "das Werben um neomarxistische
Ideen in der Gesellschaft" angab und von der Universitätsleitung
anerkannt werden musste. Ende April wurde an gleicher Universität
der Jahrestag der Ermordung Bijan Djasanis begangen. Der Gründer
der Volksfedajin Iran und eine Symbolfigur der iranischen
Linken war am 19. April 1975 im Auftrag des Schahs im Gefängnis
hingerichtet worden. Für die konservativen Zeitungen
nehmen nun die Linken den Platz der Liberalen ein. Die Staatszeitung
"Keyhan" veröffentlichte eine lange Liste von
Studentengruppen, die ihrer Meinung nach der Linken nahe stehen
würden. Die erwähnte marxistische Student/innengruppe
wurde nach ihrer Aktivität am 8. März wieder verboten,
doch ihr offensives Auftreten zeigte, wie selbstbewusst die
Zivilgesellschaft im Iran inzwischen ist.
Die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Juni 2005
werden wohl das offizielle Ende der Ära Chatami sein.
Doch das Regime bleibt weiterhin extrem gespalten und zerstritten.
Ein neuer Hardliner-Flügel kandidiert gegen Rafsandjani,
der als ehemaliger Konservativer nun vom Bazaris (Handelskapital)
gestützt wird. Die klerikale und liberale Bourgeoisie
setzt auf moderate Reformen, um den Iran an den Westen und
in die WTO zu führen.
Pedram Shahyar musste als Zwölfjähriger
mit seiner Familie aus dem Iran fliehen. Pedram lebt und studiert
in Berlin und ist seit frühester Jugend in linken Gruppen
aktiv gewesen. Zur Zeit ist er Mitglied im ATTAC-Koordinierungskreis.
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