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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 15 - Mai/Juni 2005 - Seite 5
Das Versprechen der Freiheit wurde in den Kolonien gebrochen
"Haltet die Atlantik-Charta ein"
[ Inhalt Nr. 15.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]

Das Ende des 2. Weltkrieges markierte die Zäsur in einer langen Auseinandersetzung um die Aufteilung der Welt. Der 2. Weltkrieg läutete das Ende des "alten" Kolonialismus ein. Die Kriegsanstrengungen der Alliierten gegen Hitlerdeutschland schuf zugleich auch Koalitionen zwischen Kolonisierten und den Kolonialmächten.
Unter den 400.000 an der Befreiung Frankreichs beteiligten Soldaten waren allein 150.000 aus verschiedenen Teilen des französischen Kolonialreiches - viele davon allerdings durch Zwangsrekrutierung. Im Frühjahr 1945 beteiligten sich über 130.000 Algerier, 70.000 Marokkaner und 26.000 Tunesier an den Kämpfen in Frankreich und in Deutschland. Zwischen dem März 1945 und der Kapitulation Japans im August 1945 waren die Viet Minh unter Führung von Ho Chi Minh offizielle Verbündete der Alliierten. Die Viet Minh Guerillas versorgten abgeschossene amerikanische Piloten, und das OSS (Office of Strategic Services, US-Geheimdienst) nahm Ho Chi Minh als Agenten mit dem Decknahmen "Lucius" in seine Dienste auf.

Alle sind gleich - nur einige sind gleicher

1941 wurde in der von Roosevelt und Churchill verabschiedeten Atlantik-Charta das Selbstbestimmungsrecht der Völker zur Richtschnur einer zu schaffenden "freiheitlichen Weltordnung" nach dem Sieg über Nazideutschland. Unter den acht Punkten der Charta lautete der dritte: "Sie respektieren das Recht aller Völker, die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollen, und sie wünschen, dass denjenigen die souveränen Rechte und die Selbstregierung zurückgegeben werden, denen sie mit Gewalt genommen worden sind."

„Drei Farben,
eine Fahne,
ein Weltreich“.
Französisches Propagandaplakat 1941

Unmittelbare Reaktionen darauf ließen nicht auf sich warten: Im gleichen Jahr wollte der Ministerpräsident von Birma wissen, wann Großbritannien den Artikel 3 auch in Birma anwenden würde. Nach der Besetzung des Iran durch Großbritannien und die Sowjetunion wandte sich die persische Regierung an US-Präsident Roosevelt mit der Bitte, das alliierte Freiheitsversprechen im Iran zur Geltung zu bringen. Auch Indiens Hindu-Nationalisten fragten, ob die USA die Unabhängigkeit innerhalb eines Jahres garantieren könnten. Vorsorglich suspendierte Winston Churchill am 9. September 1941 im Unterhaus die Atlantik-Charta für das britische Empire. Es sei für die Völker gemeint, die unter dem "Nazijoch" lebten. Die Probleme der Länder, die mit der britischen Krone verbunden seien, seien eine "andere Sache".

Die Reaktionen auf die alliierten Freiheitsversprechen reichten jedoch noch weiter: "Alle Menschen sind gleich erschaffen. Der Schöpfer hat uns bestimmte unveräußerliche Rechte gegeben: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit, und das Recht auf Wohlergehen". Mit diesen Worten proklamierte Ho Chi Minh am 2. September 1945 - nach einiger Zeit erfolgreicher Zusammenarbeit mit den USA - die Unabhängigkeit Vietnams von französischer Kolonialherrschaft und japanischer Besatzung. Allerdings sollte die Demokratische Republik Vietnam zu dieser Zeit nicht lange existieren, wurde doch Frankreichs Rückkehr als Kolonialmacht und die Wiederherstellung der alten Ordnung von den Alliierten einhellig befürwortet.

Der Anfang vom Ende

Die bürgerliche Geschichtsschreibung redet vom Beginn des Endes vom Kolonialismus. Was tatsächlich in den Kolonien geschah, ist geprägt vom Beharren auf ökonomischer, sozialer und politischer Vorherrschaft, bis heute. Bereits im Juli 1944 fand in Bretton Woods eine Währungs- und Finanzkonferenz statt, auf der Wirtschaftsdelegationen aus 44 Ländern die Neugestaltung der Weltwirtschafts- und Finanzordnung der Nachkriegsperiode diskutierten. Ergebnis war u.a. die Gründung des IWF und der Vorläuferin der Weltbank, beides Instrumentarien, mit denen die Grundlangen für einen expandierenden Nachkriegskapitalismus gelegt wurden. Aber dennoch verlief die Ablösung der alten Kolonialstrukturen durch moderne und zugleich subtilere Formen imperialer Unterdrückung alles andere als harmonisch.

"Nieder mit dem Kolonialismus"

In der algerischen Stadt Setif nahmen Demonstranten die Siegesfeiern zum 8. Mai 1945 zum Anlass, mit Transparenten auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen: "Nieder mit dem Kolonialismus", "Wir wollen die Unabhängigkeit", "Haltet die Atlantik-Charta ein".

Das Mitführen der verbotenen algerischen Fahne lieferte den anwesenden französischen Ordnungskräften den Vorwand, das Feuer auf die Demonstration zu eröffnen. In den darauf folgenden bewaffneten Auseinandersetzungen waren bereits nach dem ersten Tag 20 Europäer und 100 algerische Opfer zu beklagen. Nach wenigen Wochen ging die Zahl der toten Algerier in die Zehntausende.

Am 14.8.1944 sagte de Gaulle dem Führer der Afrikaarmee, General Martin: "Wir müssen vermeiden, dass uns, während wir Europa befreien, Nordafrika entgleitet."
Konsequent fanden bereits Tage vor dem 8. Mai in der Kabylei, 60 km von Setif entfernt, Manöver des französischen Militärs statt, in denen genau das geprobt wurde, was man Tage später exekutierte: Gruppenerschießungen, Terror, Razzien, Folterungen - verdächtig war, wer muslimisch war. Am 22.Mai 1945 wurden 15.000 Muslime aus dem Hochland um Constantine mit Gewalt zu einer Steilküste gebracht, wo sie sich offiziell ergeben sollten. Mit einer Siegesparade feierte das französische Militär das Ende der repressiven Maßnahmen. Während dieser Feier wurden aus der Menge der 15.000 Besiegten 400 angebliche Rädelsführer ausgesondert und an einen unbekannten Ort verschleppt. Heute existieren noch die Kalköfen, in denen laut Augenzeugen deren Leichen verbrannt wurden. Die letzten der im Mai 1945 inhaftierten Algerier wurden erst mit der Unabhängigkeit 1962 befreit.

Stimmen von unten

Gerade rechtzeitig anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Nazifaschismus erscheint ein Buch mit dem Titel: "Unsere Opfer zählen nicht" - Die dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. In über 30 Ländern haben die Autoren dieses Sammelbandes, der sich mit den Soldaten und den Opfern unter den Zivilisten aus den ehemaligen Kolonien beschäftigt, recherchiert. Die Ergebnisse ihrer Zeitzeugenbefragungen und ihre Forschungen auf Schlachtfeldern und in Archiven belegen, dass die Menschen aus den ehemaligen Kolonien weder im Krieg noch danach ihren weißen Mitkämpfern gleichgestellt waren.

In der Einleitung heißt es: "Soldatenfriedhöfe, Kriegsgräber und Denkmäler für Gefallene in allen Kontinenten zeugen von den Opfern des Zweiten Weltkrieges in aller Welt. Sie finden sich rund um den Globus: in Rio de Janeiro wie in Montevideo, in Algier wie in Tunis, in Burkina Faso und in Äthiopien, im Dschungel von Burma und in den philippinischen Bergen, auf den Marianen-Inseln und auf Tahiti. Trotzdem tauchen die Kriegsopfer aus der Dritten Welt in den gängigen Statistiken über die ‚Menschenverluste' des Zweiten Weltkrieges nicht auf. Denn die Kolonialherren haben sie entweder gar nicht erst gezählt oder den eigenen Verlusten zugeschlagen und damit unkenntlich gemacht (...) Wir haben uns bemüht, vor allem Augenzeuginnen, Kriegsveteranen, Sozialwissenschaftlerinnen und Historiker aus der Dritten Welt zu befragen und ihre schriftlichen Zeugnisse auszuwerten. Wir wollten die Geschichte der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg soweit wie möglich aus der Perspektive der Kolonialisierten beschreiben. Ihre Stimmen zu sammeln und zu Gehör zu bringen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ‚von unten' zu beleuchten ist eines der Hauptanliegen dieses Buches."


"Unsere Opfer zählen nicht" - Die dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Rheinisches Journalist/innenbüro Recherche International e.V. (Hg.), Verlag Assoziation A.

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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