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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 15 - Mai/Juni - Seite 4
Zum 25. Todestag von Jean-Paul Sartre
Betrachtungen zur Judenfrage
[ Inhalt Nr. 15.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]

"Man ist ‚Philosoph', wenn man tot ist, und wenn die Nachwelt einen auf einige Bücher reduziert hat. Zu unseren Lebzeiten sind wir Menschen, die unter anderem philosophische Werke schreiben." (J.P. Sartre an M. Merleau-Ponty)

Sartres Tod am 15. April 1980 gilt weithin als Endpunkt einer historischen Epoche, in der der fortschrittliche Intellektuelle immer nur eine vom Marxismus geprägte Person sein konnte. Jean Paul Sartre, aus einem katholisch-protestantischen Elternhaus kommend, begann sich schon als Student, angeregt u.a. durch jüdische Freundinnen und Freunde, für die sogenannte "Judenfrage" zu interessieren. Als Kriegsgefangener in Deutschland schrieb er 1940 sein erstes Theaterstück, "Bariona oder Der Sohn des Donners", welches im Lager aufgeführt wurde. Dem Griechen Orest vergleichbar (Hauptgestalt des 1943 uraufgeführten Stückes "Die Fliegen") verkündete der Jude Bariona den Zuschauern eine verschlüsselte Botschaft, den Aufruf zu Freiheit und Verantwortung. Beide Begriffe nehmen in Sartres erstem politischem Essay, den "Betrachtungen zur Judenfrage", 1944/45 geschrieben und 1945 erstmalig veröffentlicht, einen zentralen Platz ein. In dem Text, der ursprünglich "Portrait des Antisemiten" hieß, gibt Sartre eine Analyse des Antisemitismus vom Boden seiner Philosophie der Freiheit aus und umreißt damit das Wesensbild eines Menschen unserer Zeit, der sich im Zuge des freien Selbstentwurfes als Antisemit wählt.
Wer den vollständigen Essay liest, wird feststellen, wie erstaunlich und zugleich erschreckend Sartres Ausführungen auch heute noch sind. Zugleich diente der Text aber bereits in den 1990er Jahren auch als Katalysator zur Entsorgung linker Positionen, gleichsam als Vorgriff auf hier und heute sattsam bekanntes antideutsches Mobbing. Sartre wurde vorgeworfen, er habe in seinen Ausführungen die Besonderheit des Holocaust nicht genügend beachtet und wirke dadurch geschichtsrelativierend.
Wir veröffentlichen anlässlich des 25. Todestages von Jean Paul Sartre als Auszug das oftmals angegriffene 4. Kapitel, in dem es heißt: "Das bedeutet, dass der Antisemitismus eine bourgeoise und mystische Darstellung des Klassenkampfes ist, und dass er in einer Gesellschaft ohne Klassen nicht bestehen könnte." Der Text kann heute nur noch antiquarisch oder im Internet in Auszügen gelesen werden.
Die Redaktion


Die Banalität des Bösen wird auf manchen historischen Aufnahmen
besonders deutlich. Das Schild unter der Vereinstafel des Stuttgarter
Sportclubs belegt zudem, dass der benachbarte VfB Stuttgart bereits
1938, dem Zeitpunkt der Aufnahme, als „judenfrei" galt.


Das bisher Gesagte kann selbstverständlich nicht zu einer Lösung der Judenfrage führen, aber es ist immerhin denkbar, dass es den Ausgangspunkt zur Präzisierung von Bedingungen bildet, in denen man eine Lösung ins Auge fassen kann.

Wir haben nun gesehen, dass entgegen einer weit verbreiteten Ansicht nicht der Charakter des Juden den Antisemitismus macht, sondern dass im Gegenteil der Antisemit den Juden schafft.

Das Urphänomen ist demnach der Antisemitismus, ein rückschrittliches soziales Gebilde und eine noch nicht auf Logik aufgebaute Weltanschauung.
Was folgt aus dieser Feststellung? Zur Lösung der Frage gehört die Definition des Zweckes und seiner Mittel. Man streitet oft über die Mittel, ohne den Zweck zu kennen.
Was kann man in der Tat anstreben? Die Assimilation? Sie ist ein leerer Wahn, denn der wahre Gegner der Assimilation ist, wie gesagt, nicht der Jude, sondern der Antisemit.

Seit der Emanzipation, also seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten, bemüht der Jude sich redlich um die Aufnahme in eine Gesellschaft, die ihn zurückweist. Es wäre daher nichtig, diese Integration, die sich ihm stets entzieht, durch ihn beschleunigen zu wollen. Solange es einen Antisemitismus gibt, ist die Assimilation unmöglich. In der Tat will man zu Gewaltmitteln greifen. Manche Juden verlangen selbst, dass man alle Juden umbenennt, dass man sie zwingt, Namen wie Durand oder Dupont anzunehmen. Aber das wäre eine ungenügende Maßnahme, man müsste auch eine Politik der Mischehen betreiben und strenge Verbote gegen die Riten und insbesondere gegen die Beschneidung erlassen.

Ich aber sage ohne Umschweife, dass diese Maßnahmen mir unmenschlich erscheinen. Es mag sein, dass Napoleon sie durchführen wollte, aber Napoleon wollte ja gerade die Individuen dem Staat opfern. Keine Demokratie kann die Assimilation um den Preis derartiger Zwangsmaßnahmen dulden. Überdies kann ein solches Vorgehen nur von getarnten Juden gepredigt werden, die an einer antisemitischen Psychose leiden; es bedeutet nichts weniger als die Tilgung der jüdischen Rasse, und es stellt letzten Endes die schon beim Demokraten vermerkte Tendenz dar, den Juden zugunsten des "Menschen" abzuschaffen. Aber der "Mensch an sich" existiert nicht, es gibt Juden, Protestanten und Katholiken, es gibt Franzosen, Engländer und Deutsche, es gibt Weiße, Schwarze und Gelbe. Mit einem Wort, es geht darum, eine aus Sitten und Gefühlen bestehende Gemeinschaft zugunsten einer nationalen Gemeinschaft zu vernichten. Die meisten Juden würden eine Assimilation unter diesen Gesichtspunkten ablehnen.
Gewiss träumen sie davon, sich der Nation einzuverleiben, aber als Juden, und wer dürfte ihnen das verargen?

Man hat sie gezwungen, sich als Juden zu betrachten, man hat ihnen das Bewusstsein der Solidarität mit den anderen Juden beigebracht, ist es dann verwunderlich, wenn sie sich gegen die Maßnahmen wehren, die Israel zerstören wollen?
Man wird zu Unrecht einwenden, dass die Juden eine Nation innerhalb der Nation bilden. Wir haben zu beweisen versucht, dass die jüdische Gemeinschaft weder national noch international noch religiös noch ethisch noch politisch ist, sie ist eine quasihistorische Gemeinschaft.

Was den Juden ausmacht, ist seine besondere Situation, was ihn mit den anderen Juden verbindet, ist die Gleichheit der Situation. Diese gleichsam historische Körperschaft darf nicht als fremdes Element der Gesellschaft angesehen werden, ganz im Gegenteil, sie ist ihr notwendig. Wenn die Kirche sie zu einer Zeit duldete, da sie allmächtig war, so nur deshalb, weil sie sich durch Übernahme bestimmter wirtschaftlicher Funktionen unentbehrlich gemacht hatten. Heute sind diese Funktionen allen zugänglich, aber das soll nicht heißen, dass die Juden als geistiger Faktor nicht dazu beitragen, der französischen Nation ihren speziellen Charakter und ihr Gleichgewicht zu geben.
Wir haben die Züge des verschämten Juden scharf und vielleicht etwas streng gezeichnet; es gibt keinen einzigen unter ihnen, der sich als solcher der Assimilation durch die französische Gesellschaft widersetzen würde. Im Gegenteil, sein Rationalismus, sein kritischer Geist, sein Traum von einer vertragsmäßigen Gesellschaft und einer Wellverbrüderung und sein Humanismus machen aus ihm ein unentbehrliches auftreibendes Element dieser Gesellschaft.

Wir empfehlen hier einen echten Liberalismus. Das heißt, dass alle, die durch ihre Mitarbeit zur Größe eines Landes beitragen, die vollen Bürgerrechte beanspruchen dürfen, und zwar nicht auf Grund einer abstrakten, problematischen "menschlichen Natur", sondern auf Grund ihrer werktätigen Mitarbeit am Leben der Gemeinschaft. Das bedeutet, dass Juden sowohl als Araber oder Neger in dem Augenblick, da sie mit dem nationalen Unternehmen solidarisch sind, ein "Einspruchs"recht in diesem Unternehmen haben. Dass sie Staatsbürger sind.

Aber sie genießen diese Rechte in ihrer Eigenschaft als Juden, Neger oder Araber, das heißt als Individuen. In den Staaten mit Frauenwahlrecht verlangt man von den Wählerinnen nicht, dass sie ihr Geschlecht verändern, wenn sie zur Urne gehen; die Stimme der Frau wiegt genauso viel wie die des Mannes, aber sie wählt in ihrer Eigenschaft als Frau mit ihren weiblichen Sorgen und Leidenscharten, mit ihrem weiblichen Charakter.
Wenn es sich um die legalen Rechte des Juden handelt und um jene nicht minder wichtigen ungeschriebenen Rechte, die in keinem Gesetzbuch stehen, so darf man ihm diese Rechte nicht nur in dem Maße zuerkennen, als ein potentieller Christ in ihm steckt, sondern als französischem Juden. Wir müssen ihn mit seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Geschmack, seiner Religion, falls er religiös ist, seinem Namen und seinem Äußeren akzeptieren.

Wenn diese Aufnahme aufrichtig und rückhaltlos ist, so wird sie es vor allem dem Juden erleichtern, sich als aufrechter Jude zu bekennen, und nach und nach wird sie, ohne Gewalt und nur durch die historische Evolution, jene Assimilation ermöglichen, die man durch Machtmittel erzwingen wollte.
Aber dieser konkrete Liberalismus, wie wir ihn definieren, ist ein Ziel, doch kann er leicht zur Schimäre werden, wenn wir nicht den Weg bezeichnen, zu diesem Ziel zu gelangen.

Wie wir gezeigt haben, kommt es nicht in Frage, die Sache von der jüdischen Seite anzupacken. Die Judenfrage ist durch den Antisemitismus entstanden, und wir müssen den Antisemitismus abschaffen, um sie zu lösen. Der Kernpunkt der Frage lautet demnach: Wie soll man dem Antisemitismus beikommen? Man darf die üblichen Methoden wie Propaganda und Erziehung keineswegs vernachlässigen; es wäre wünschenswert, den Schulkindern eine Erziehung zu geben, die sie vor den Irrtümern der Leidenschaft bewahrt. Aber man muss befürchten, dass die Ergebnisse rein individuell wären. Ebenso darf man sich nicht scheuen, durch feststehende Gesetze die Herabsetzung durch Wort und Tat einer bestimmten Kategorie von Franzosen energisch zu verbieten.

Aber geben wir uns über die Wirksamkeit solcher Maßnahmen keinen Illusionen hin. Gesetze haben den Antisemiten nie gestört und werden ihn nie stören, er fühlt sich einer mystischen Gemeinschaft zugehörig, die außerhalb der Gesetze steht. Man mag die Verordnungen und Verbote anhäufen, sie werden immer vom offiziellen Frankreich ausgehen, während der Antisemit behauptet, der Vertreter des "wahren" Frankreichs zu sein.

Bedenken wir, dass der Antisemitismus eine manichäistische, primitive Weltauffassung ist, in der der Judenhass an Stelle des großen erklärenden Mythos tritt.
Wir haben gesehen, dass es sich nicht um eine vereinzelte Ansicht unter anderen Ansichten handelt, sondern darum, wie ein Mensch in einer bestimmten Situation sich mit seinem ganzen Ich einstellt und um die Wahl seiner Weltanschauung. Sie entspricht einem gewissen wilden, mystischen Sinn für die eigene Scholle. Um diese Einstellung unmöglich zu machen, genügt es nicht, durch Propaganda, Erziehung und legale Verbote an den freien Willen des Antisemiten zu appellieren. Da er, wie jeder Mensch, einen durch die Situation bedingten freien Willen darstellt, so ist es die Situation, die wir von Grund auf ändern müssen. Man muss nur die Chancen dieser Selbstbestimmung von Grund auf ändern, um die Ich-Wahl zu verwandeln. Man trifft dadurch nicht den freien Willen, aber der freie Wille entscheidet auf Grund anderer Gegebenheiten und im Hinblick auf andere Formationen.
Der Politiker kann nie auf den freien Willen der Staatsbürger einwirken, denn schon seine Stellung verbietet es ihm, sich anders als in negativer Form mit ihm zu befassen, das heißt, indem er sich bemüht, ihn nicht zu hemmen; er befasst sich nur mit den Situationen.

Wir konstatieren, dass der Antisemitismus ein verzweifelter Versuch ist, gegen die Schichtung der Gesellschaft in Klassen eine nationale Union zu verwirklichen. Er ist ein Versuch, die Zersplitterung der Gesellschaft in einander feindselige Gruppen dadurch abzuschaffen, dass man die gemeinsamen Leidenschaften derart erhitzt, dass die Schranken schmelzen. Aber da die Trennungen fortbestehen, da ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen nicht beseitigt wurden, will man sie alle in einer einzigen zusammenfassen: Die Unterschiede zwischen reich und arm, Arbeitern und Arbeitgebern, gesetzlichen und okkulten Mächten, Städtern und Bauern und so weiter, sie alle fasst man in den einen Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden zusammen.

Das bedeutet, dass der Antisemitismus eine bourgeoise und mystische Darstellung des Klassenkampfes ist, und dass er in einer Gesellschaft ohne Klassen nicht bestehen könnte. Er offenbart die Trennung der Menschen, ihre Isolierung inmitten der Gemeinschaft, die Interessen-Konflikte, die Zerstückelung der Leidenschaften. Er kann nur in einer Gemeinschaft bestehen, wo eine geschwächte Solidarität stark gegliederte Mehrheiten vereint, er ist ein Phänomen des sozialen Pluralismus.
In einer Gesellschaft, in welcher alle solidarisch sind, weil alle die gleichen Interessen haben, gäbe es keinen Raum für ihn. Endlich offenbart er einen gewissen mystischen Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinem Hab und Gut, der dem heutigen Regime des Privateigentums entspricht.

In einer klassenlosen und auf gemeinsamem Besitz der Produktionsmittel begründeten Gesellschaft, in der der Mensch, von seinen Wahnvorstellungen der Vorzeit befreit, sich endlich seinem wahren Beruf hingeben wird, der da ist, das Reich des Menschen erstehen zu lassen, wird der Antisemitismus keine Daseinsberechtigung mehr haben. Er wird mit der Wurzel ausgerottet sein. Daher widersetzt sich der aufrechte Jude, der sich dank dem Antisemiten als Jude fühlt, der Assimilation nicht mehr als der klassenbewusste Arbeiter der Abschaffung der Klassen. Ganz im Gegenteil, in beiden Fällen wird das Erwachen des Selbstbewusstseins das Ende des Rassen- und Klassenkampfes beschleunigen.
Kurz, der aufrechte Jude verzichtet für seine Person auf die heute unmögliche Assimilation, aber er erhofft sie für seine Söhne durch die radikale Abschaffung des Antisemitismus.
Der heutige Jude steht mitten im Kampf, woraus folgt, dass die soziale Revolution notwendig ist und die Kraft haben wird, den Antisemitismus aus der Welt zu scharfen. Wir werden die Revolution auch für die Juden machen.

Und was geschieht bis dahin? - Denn auf die künftige Revolution warten, um die Judenfrage abzuschaffen, ist eine unbefriedigende Lösung! - Wir sind doch alle direkt an ihr interessiert, wir alle sind mit den Juden solidarisch, weil der Antisemitismus geradewegs zum Nationalsozialismus führt. Wenn wir die Person des Israeliten nicht achten, wer wird uns achten? Wenn wir uns dieser Gefahren bewusst sind, wenn wir die Schande unserer widerwilligen Mitschuld mit den Antisemiten, die uns zu Henkern gemacht haben, durchlebt haben, wird es vielleicht in uns aufdämmern, dass wir nicht mehr und nicht minder für die Juden kämpfen müssen als für uns selbst.

Ich erfahre, dass wieder eine jüdische Liga gegen den Antisemitismus ins Leben gerufen wurde. Ich bin höchst erfreut darüber, denn es beweist, dass der Sinn für aufrechtes Judentum sich bei den Israeliten wieder entwickelt. Aber wird diese Liga etwas vermögen? Viele Juden - und mit die besten - zögern aus einer Art Bescheidenheit, ihr beizutreten. Einer von ihnen sagte mir jüngst: "Was das für Sachen sind" und fügte etwas linkisch, jedoch mit einer aufrichtigen und tiefen Schamhaftigkeit hinzu, "der Antisemitismus und die Verfolgungen sind nicht so wichtig".

Diese Scheu ist leicht begreiflich, aber dürfen wir Nichtjuden sie teilen? Richard Wright, der Negerschriftsteller, sagte kürzlich: "Es gibt in den Vereinigten Staaten kein Negerproblem, es gibt nur ein Problem der Weißen." Wir sagen ebenso, der Antisemitismus ist kein jüdisches Problem, er ist unser Problem.
Weil wir Unschuldigen auch stets Gefahr laufen, seine Opfer zu werden, müssen wir mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, dass er vor allem unsere Sache ist. Es ist nicht an den Juden, als erste eine Liga gegen den Antisemitismus zu gründen, sondern an uns.

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Liga das Problem nicht aus der Welt schaffen wird. Aber wenn sie sich in ganz Frankreich verzweigen würde, wenn sie staatlich anerkannt würde, wenn ihr Beispiel in anderen Ländern weitere Ligen schaffen würde, die sich alle zusammenschließen würden, um endlich eine internationale Gesellschaft zu gründen, wenn diese dann überall einschreiten würde, von wo Ungerechtigkeiten gemeldet werden, wenn sie durch Presse, Propaganda und Erziehung einwirken würde, so könnte sie ein dreifaches Resultat erzielen.

Erstens würde sie den Gegnern des Antisemitismus Gelegenheit geben, sich zu versammeln und zu einer werktätigen Gemeinschaft zusammenzuschließen, sodann würde sie durch die Anziehungskraft, die jeder organisierten Gruppe eigen ist, so manche Zauderer, die sich über die Judenfrage überhaupt keine Gedanken gemacht haben, heranziehen. Endlich würde sie einem Gegner, der mit Vorliebe das wahre Vaterland dem Staat gegenüberstellt, das Schauspiel einer wirklichen Gemeinschaft vorführen, die jenseits der allgemeinen Abstraktion des Staates ihren eigenen Kampf kämpft.
So würde sie dem Antisemiten sein Lieblingsargument rauben, das auf dem Mythos des Wirklichen beruht.

Die Sache der Juden wäre halb gewonnen, wenn ihre Verteidiger nur einen Bruchteil der Leidenschaft und der Ausdauer aufbringen würden, die ihre Feinde daransetzen, sie zu vernichten. Um diese Leidenschaft zu entfachen, darf man sich nicht an die Großmut der Arier wenden. Auch bei den Besten ist diese Tugend nur sporadisch, aber man wird jedem Einzelnen darlegen müssen, dass das Schicksal der Juden auch sein Schicksal ist.

Kein Franzose wird frei sein, solange die Juden nicht im Vollbesitz ihrer Rechte sind.
Kein Franzose wird sicher sein, solange ein Jude in Frankreich, in der ganzen Welt, um sein Leben zittern muss.

Hinweis: Die "Betrachtungen zur Judenfrage" (Réflexions sur la Question Juive) erschienen 1945, auf deutsch 1970 in dem Sammelband: Jean-Paul Sartre "Drei Essays" (Ullstein Materialien), sowie als Neuauflage in " Jean Paul Sartre. Band 2 der politischen Schriften" (Rowohlt, 1984).

Das hier vorliegende 4. Kapitel wurde dankenswerterweise von der trend-Onlinezeitung ins Netz gestellt:
http://www.trend.infopartisan.net

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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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