| [ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
In
diesen Tagen gibt es jede Menge symbolischer Gesten. Aber
die entscheidende wurde vor 20 Jahren getan - als US-Präsident
Reagan und Bundeskanzler Kohl in Bittburg mit einem Handschlag
das Ende der Nachkriegsgeschichte besiegelten. Diese Rehabilitation
durch die einstige Siegermacht verwandelte den 8. Mai deutscherseits
in eine grässliche Inszenierung staatsbürgerlicher
Verlogenheit. Sprach man vorher von Kapitulation, wurden wir
jetzt auch befreit von einem "Unrechtsregime, das über
die Deutschen gekommen" war. Letztlich waren es undeutsche
Hitleristen, die von außen niedergekämpft werden
mussten, weil die "guten Deutschen" von innen bis
zuletzt mit ihnen eins waren. Und weil das so war, war die
notwendig gewordene bedingungslose Kapitulation auch nie der
Beginn einer "nachholenden Befreiung", auch wenn
es in der DDR versucht wurde.
Der 8. Mai war und ist der Tag des Sieges über das
faschistische Deutschland. Tag der Befreiung nicht für
die Deutschen - und das ist gut so. Wäre es anders, wäre
Deutschland nicht dort, wo es heute wieder ist: am Drücker
imperialistischer Politik. Wird heute beklagt oder festgestellt,
dass einen die Geschichte nicht loslässt, dann ist es
mehr als die geschmacklose historische Verdrehung. Es bleibt
die Frage, wessen Befreiung und wessen Sieg - vor allem aber,
welche Konsequenzen aus dieser Geschichte gezogen werden.
Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus dem Aufruf zu
einem internationalistisch-antimilitaristischen Block auf
der 8.Mai Demonstration in Berlin. Libertad! ist Teil dieses
bundesweiten Zusammenschluss, der zum Thema Internationalismus
arbeitet.
Der vollständige Text kann als Faltblatt beim Libertad!-Versand
bestellt werden. Und natürlich auf der Webseite der Initiative:
http://www.08mai.de.ms

Deutsche Zivilisten kapitulieren
(in Mönchengladbach)
Der Faschismus kam nicht über Nacht. Ohne die Kontinuität
der Herrschaft preußischer Zucht und Ordnung, den kapitalistischen
Fabrikdrill und die Kasernenhofdisziplin wären der deutsche
Führerkult und seine Massenanhängerschaft nicht
denkbar gewesen. Die Nazis eroberten mit der Unterstützung
des deutschen Großkapitals den Staatsapparat und zerschlugen
die kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter/innenbewegung.
Keiner der deutschnationalen Bonzen der Weimarer Zeit hatte
Angst vor Hitlers populistischem Antikapitalismus, wussten
sie doch, dass die Nazis die Klassenfrage nur propagandistisch
im "Volkskörper" des faschistischen Massenstaats
aufheben wollten - in Wahrheit hat der Nationalsozialismus
die Arbeiterschaft in den Herrschaftsbereich der Industrie
eingegliedert. Die Staats- und die Parteibürokratie verschmolzen,
und der Staat wurde an die Erfordernisse des industriellen
Komplexes angepasst.
Wessen Niederlage? Wessen Sieg?
In Deutschland gab es keine Partisanenbewegung wie in Italien,
Frankreich, Jugoslawien, Polen oder Griechenland. Nach der
blutigen Zerschlagung der Arbeiterbewegung waren es nur die
überlebenden Kommunist/innen, Sozialdemokrat/innen und
wenige bürgerliche Demokrat/innen, die in den Lagern,
der Illegalität oder aus dem Exil heraus versuchten weiter
gegen die Nazis zu kämpfen. Aber ihr Widerstand blieb
chancenlos angesichts des aufkommenden Wirtschaftswunders,
mit dem der "Kraft durch Freude"-Faschismus die
Mehrheit erobern konnte. Geschlagen wurden die Nazis von außen
- durch die Armeen der Alliierten, die mit Unterstützung
der Partisanenverbände die faschistische Wehrmacht besiegten.
Der in Deutschland vorherrschende Bezug zum 8. Mai war von
Anfang an das Selbstmitleid. Die Mehrheit der Deutschen vertrat
nach 1945 mit Vehemenz: "Wir haben nichts gewusst",
oder kleinlaut: "Wir konnten nichts dagegen tun".
Aber vor allem: "Wir haben den Krieg verloren."
Als Niederlage empfunden, was als Sieg versprochen war, gab
es für die allermeisten keine Befreiung. Wie auch: Immer
nur "Opfer der Verhältnisse", mehrheitlich
immer schon nur mitgemacht, wäre Befreiung aus diesen
Verhältnissen der eigene Widerstand gewesen. Aber die
Opfertracht ist allein der Anzug der Untertanen, der Jasager
und Mitmacher. Das Wissen, dass sie Hitler zur Macht verhalfen
und im Raubkrieg auch ihren privaten Schnitt machten, störte
in dieser Selbsttäuschung nur. Für das Europa außerhalb
Deutschlands dagegen steht der 8. Mai für die Befreiung
vom Naziterror, für die Befreiung von Besatzung und Krieg
- einem Krieg der allein in der ehemaligen Sowjetunion 20
Millionen Opfer forderte. Deshalb wird der 8. Mai in allen
Nationen, die während des 2. Weltkrieges besetzt waren
und deren Angehörige gegen Wehrmacht und SS gekämpft
haben, als Tag der Befreiung vom Faschismus gefeiert. Der
deutsche Faschismus mit seiner industriellen Massenvernichtung
von Menschen, seinem sozialdarwinistischen Rassenwahn, seinem
auf Auslöschung zielenden Antisemitismus und aggressiven
Militarismus ist historisch beispiellos. Angesichts des Grauens
und des Leidens, aber auch des erfolgreichen Widerstands ist
uns der 8. Mai, als Tag der Befreiung, Anlass zu feiern, dass
"der große Weltbrand" (Brecht) vor 60 Jahren
aufgehalten und besiegt werden konnte.
"Gedenken macht frei"
Die offizielle "Geschichtsverarbeitung" des Nazi-Faschismus
meinte in der BRD immer mehr als nur die Trauer um die Opfer
der von Deutschen begangenen Gräueltaten. Die regierungsamtliche
Anteilnahme verschwieg systematisch die Namen der Täter.
Gemahnt wurde vielmehr mit Kalkül und Hintersinn: Ging
es doch auch darum, das Geschehene zu historisieren oder für
politische Anlässe nutzbar zu machen. Bereits am 8. Mai
1985 standen Kohl und der US-Präsident Reagan programmatisch
zur "Vergangenheitsbewältigung" an den Gräbern
der Waffen-SS'ler und GIs in Bitburg. Wenn der konservative
Historiker Nolte im gleichen Zeitraum, den Vernichtungskrieg
der Wehrmacht als Reaktion auf den "Bolschewismus"
erklärte und den deutschen Faschismus als europäische
Notwehrhandlung auf die russische Revolution von 1917 halluzinierte,
war nicht die Leugnung der deutschen Verbrechen das Ziel -
Nolte war kein David Irving. Die antikommunistische Aufrechnerei
und Relativierung zielte auf den Freispruch der bürgerlichen
Klasse. Der Geschichtsrevisionismus der "geistig-moralischen
Wende" hat sein Ziel eben nicht in der Geschichte, sondern
in Gegenwart und Zukunft.
Mit der aktuellen Bombenkriegsdebatte, die zwar von Guernica,
Warschau, Rotterdam oder Coventry spricht, aber immer nur
Dresden meint, und der Lüge, dass die Leiden der deutschen
Kriegsvertriebenen bis in jüngster Zeit ein gesellschaftliches
Tabu gewesen wären - als wenn Grass der erste Schreibgreis
wäre, der schlechte Romane über Ostflüchtlinge
verfasst hätte -, wird aus der Generation der Täter
eine Generation der Opfer. So sind die Deutschen wieder quitt
mit sich selbst. Unterm Strich haben halt alle gelitten, ob
die Juden in Treblinka oder die Ostpreußen auf der Flucht
vor der Roten Armee. Da kommt dann der Krieg laut Spiegel-Titel
auch mal wieder "nach Deutschland", als wäre
er nicht in Berlin begonnen und die so genannte "Endlösung",
die Vernichtung und der Massenterror in Auschwitz, Oradour
und Lidice nicht am Wannsee beschlossen worden. Nicht die
kritische Aufklärung über die Ursachen und Mechanismen
der Naziideologie dominiert die Massenmedien, sondern der
öffentlich-rechtliche Chefhistoriker Guido Knopp lässt
die Entourage des Führers sprechen: Hitlers Frauen, Weihnachten
im Weltkrieg, Der Feuersturm und Flucht aus Schlesien heißen
die aktuellen Doku-Soaps, mit denen die Deutschen ihr Leiden
an Hitler immer wieder sich selbst erzählen. Großes
deutsches Kino ist auch dabei. Wir erleben wie der Führer
endlich mal aus dem Halbschatten der Kameras tritt, wie er
sabbert, krümelt und seine Makkaroni lutscht - endlich
verstehen wir, warum die Deutschen Hitler so liebten: er war
auch nur Mensch! Aber etwas Gutes hat diese Schmonzette doch:
Der Jargon des virtuellen Führers - "Wir müssen
wieder Schwung in die Sache bringen" - holt einen schnell
ins ganz reale Heute zurück, in die Welt der Schröders
und Clements mit ihren ähnlich lautenden Hau-Ruck und
Gürtel-enger-schnallen-Parolen.
Mit dem Ende der DDR 1990 ging eine neuerliche Welle der
Relativierung einher. Offensiv wurde das faschistische Deutschland
mit dem Realsozialismus gleichgesetzt. Der DDR-Antifaschismus
wurde delegitimiert. Von nun an galt es zu zeigen, dass die
DDR, wenn nicht schlimmer, so doch mindestens auch eine "Diktatur"
gewesen sei. So durfte der Bürgerrechtler und Abrüstungspfarrer
Eppelmann die DDR vor dem versammelten Bundestag als "ein
einziges großes KZ" bezeichnen. Widerruf gab es
da keinen. Gedenkstätten in ehemaligen Konzentrationslagern
wurden umgebaut und dem Konzept der "zwei deutschen Diktaturen"
angepasst....
Heiner Geißler sagte zu Zeiten, als er noch was zu
melden hatte und CDU-Generalsekretär war: "1968
hat mehr Werte in der Gesellschaft zerstört als der Nationalsozialismus",
und setzte damit eine innenpolitische Feindmarkierung, die
bis heute gültig ist.
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