| [ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung
Nr. 15 - Mai/Juni 2005 ]
Am 23.03.05 begann der Prozess gegen den belgischen Anarchisten
Bart de Geeter, die spanischen Anarchisten Jose Fernandez
Delgado, Gabriel Pombo da Silva, sowie dessen Schwester Begonia
Pombo da Silva vor dem Aachener Schwurgericht.
Am 28.Juni 2004 waren sie, nachdem sie sich einer Polizeikontrolle
durch Geiselnahme und Flucht zu entziehen versuchten, in Aachen
verhaftet worden. Die Schießerei, Geiselnahme und Verfolgungsjagd
schien zuerst nur ein weiterer spektakulärer Vorfall
von Gewaltkriminalität zu sein. Aber schon bald stellte
sich ein anderer Hintergrund heraus; die jetzt Angeklagten
waren in der anarchistischen Bewegung aktiv. Trotzdem versucht
der Vorsitzende Richter Dr. Nohl "die Politik" aus
dem Verfahren raus zuhalten. Vorgeworfen wird den Angeklagten
mehrfacher versuchter Mord und Geiselnahme, Begonia wird Widerstand
und ein Bankraub zur Last gelegt werden.
|
|
| Bei Prozessbeginn am 23. März 2005 in Aachen |
Gabriel Pombo da Silva und Jose Fernandez Delgado haben bereits
jeweils über 20 Jahre in Spanien im Knast gesessen und
die Bedingungen unter dem Isolationsregime (FIES) kennen gelernt.
Das und die damit verbundenen Knastrebellionen hat sie politisiert.
Ende 2003 sind sie aus Spanien, während sie auf Bewährung
waren, geflohen, um auch weiterhin politisch arbeiten zu können.
Bart de Geeter kommt aus der anarchistischen Anti-Knast-Bewegung
in Belgien. Begonia ist die Schwester von Gabriel Pombo da
Silva.
Zu Prozessbeginn waren in Solidarität mit den Angeklagten
mehrere Dutzend Menschen aus Deutschland, Belgien und Spanien
nach Aachen gekommen. Die Sicherheitsmaßnahmen rund
um das Gericht sind hoch. Kein/e Besucher/in kommt ohne Kontrolle
in den Gerichtssaal. Alle müssen durch eine Schleuse,
und die Ausweise werden kopiert. Parallel wurden über
den polizeilichen Datenverbund Strafregisterauszüge und
Infos zu den Besucher/innen eingeholt, angeheftet und Charakterisierungen
wie "belgischer Anarchist", "Freund des..."
und "unter polizeilicher Beobachtung" vermerkt.
Zu Prozessbeginn wurden auch alle Besucher/innen abgefilmt.
Erst auf Intervention der Verteidigung hin wurde diese Maßnahme
gestoppt. Dagegen müssen die beiden spanischen Anarchisten
während des gesamten Prozesses Fußfesseln tragen.
Als Protest gegen diese Prozedur erscheint Gabriel nur mit
Unterhosen bekleidet vor Gericht. Die Gefangenen müssen
sich vor und nach den Prozesstagen nackt ausziehen, ihnen
werden bei Transport die Ohren verstopft und ihnen werden
sichtbehindernde Spezialbrillen aufgesetzt. Diese Maßnahmen
wurden vom Richter mit der Gefährlichkeit der Angeklagten
begründet. Damit wird auch die ständige Durchsicht
der Verteidigungsunterlagen der Angeklagten gerechtfertigt.
Aber auch die Verteidigerpost wird kontrolliert.
Der Gesundheitszustand von Jose Fernandez Delgado ist angegriffen.
Die Verteidigung macht dafür die Isolation im Knast und
die Transportbedingungen verantwortlich. Eine Einschränkung
der Verhandlungsdauer, aber erst recht eine Änderung
der Haftbedingungen hält das Gericht allerdings nicht
für notwendig.
In den bisherigen Prozesstagen ging es vor allem um die Vernehmung
der Zeugen der Geiselnahme und Verhaftung. Die Prozessbesucher/innen
sind sich durchaus der Widersprüchlichkeit der Sache
bewusst. "Aus Respekt vor den Geiseln kam es unsererseits
zu keinen Protestbekundungen an diesem Tag, da wir verstehen,
welchen Ängsten das Paar ausgesetzt war. Inzwischen gab
es auch vereinzelt Gespräche mit den Geiseln, um ihnen
mitzuteilen, dass unsere Verbundenheit und Solidarität
für Jose, Gabriel und Bart nicht heißt, dass wir
aus den Augen verlieren wie furchtbar das Alles für sie
gewesen sein muss", heisst es in einem Prozessbericht.
Gegen das Isolationsregime
Die Angeklagten und die Verteidigung versuchten u.a. als
biografischen und politischen Hintergrund das spanische Knastregime
FIES zu thematisieren. Entsprechende Anträge, wie die
Ladung des Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen (UN),
um etwas über das "Incomunicado"-System nach
Verhaftungen in Spanien zu erfahren, wurden vom Gericht abgewiesen.
Ganz offensichtlich ist es gewillt, auf jeden Fall an dem
Bild eines "normalen Verfahrens" festzuhalten, auch
wenn die Umstände es längst widerlegt haben.
Der UN-Mitarbeiter von Hoven sollte darüber aussagen,
was in diesen fünf Tagen der "Incommunicado"-Haft
mit Gefangenen passiert. Abgeschottet von Angehörigen
und Anwält/innen ist es üblich, die "Erstickungsfolter"
anzuwenden. Dabei wird den Gefangenen eine Tüte über
den Kopf gezogen oder der Kopf unter Wasser getaucht. Auch
wird ihnen auf die Fußsohlen geschlagen oder Elektroschocks
verpasst. Weiter beantragte die Verteidigung Herrn Hernandez
von der spanischen Gefangenenhilfsorganisation SALHAKETA vorzuladen.
Nach seinen Informationen sind allein im Jahr 2004 203 Gefangene
aufgrund von Folter ums Leben gekommen.
Alle diese Anträge wurden vom Gericht abgelehnt.
Internationale Solidarität
Für den 4. Mai riefen Genoss/innen der Angeklagten zu
einem internationalen Aktionstag in Solidarität mit den
Gefangenen in Aachen auf. In dem Aufruftext wird gegen die
spezielle Härte dieses Verfahrens und der Haftbedingungen
protestiert. Es wird aber auch Kritik geübt: "für
Monate wurden Jose, Bart und Gabriel in fast totaler Isolation
gefangen gehalten, für Monate wurden sie als gefährliche
Kriminelle dargestellt, für Monate haben Teile der so
genannten linksradikalen Bewegung in Schweigen verharrt".
Solidaritätsseite mit den "Aachener Vier"
http://www.escapeintorebellion.info
Bisherige Prozessberichte auch bei sooderso-online:
http://www.sooderso.de
Infos zum FIES-System:
http://de.indymedia.org/2005/02/106185.shtml
[ © So oder So / Libertad! Falkstr.
74, 60487 Frankfurt ]
|