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Die medial inszenierte Enthauptung des jüdischen Amerikaners
Nick Berg im Mai 2004 löste auch in der arabischen Welt
Entsetzen aus. Doch war diese makabre Inszenierung im world
wide web, als Waffe in der psychologischen Kriegsführung
gegen die amerikanische Besatzung eingesetzt, nicht nur für
westliche, sondern auch für arabische Augen kodiert.
Und sie findet keineswegs im leeren Raum statt. Seit Jahren,
auch schon vor dem 11. September, kursierte auf Internetseiten
radikaler Islamisten ein Videoclip, in dem einem gefesselten
russischen Soldaten von tschetschenischen Kämpfern mit
einem großen Messer der Kopf abgetrennt wird. Davon
ließ sich offensichtlich auch die im Irak aktive Al
Qaida Zelle unter Führung des Jordaniers al Zarqawis
bei ihrer Hinrichtung von Nick Berg inspirieren. Die Al Tawid-Gruppe
hatte allerdings einige Novitäten zu bieten. So sprachen
die Täter auf dem Video von schlachten (arabisch:
dhabh) und verwendeten damit ein Wort, das im Arabischen auch
die rituelle Schlachtung des Opfertieres bezeichnet. Damit
sollte offensichtlich der Ermordete auf die Stufe eines Tieres
gestellt werden. Zusätzlich wurde Berg und ihm folgende
westliche Geiseln in einen orangefarbenen Overall gesteckt,
der als Sinnbild für die Gefangenen von Guantanamo verstanden
werden dürfte. Ein Araber wird Berg also zunächst
mit den Opfern aus den eigenen Reihen assoziieren, getötet
zwar als Feind im Heiligen Krieg, aber eben auch als unschuldiger
Zivilist. Suggeriert werden soll damit nicht zuletzt, Berg
sei im Grunde ein Opfer der amerikanischen Besatzungspolitik.
Nicht
nur die arabische Presse distanzierte sich bewusst von dem
makabren Begriff dhabh und sprach dagegen von
Enthauptung oder Kopfabtrennen. Auch
die libanesisch-schiitische Hizbullah nannte den Mord ein
abscheuliches Verbrechen, das dem Ansehen des
Islam schade. In den Kreisen radikaler Islamisten, die sich
in zahlreichen Internet-Foren austauschen, wird die Propagandatat
der Gotteskrieger im Irak auch nicht vorbehaltlos gutgeheißen.
In dem Diskussionsforum Al Qala (Die Festung)
drückte ein Besucher zwar seine Bewunderung für
den Kampfgeist der Täter aus, kritisierte aber die Ermordung
eines hilflosen Gefangenen als unvereinbar mit dem Islam.
Andere Chatter riefen zu mehr Nachdenklichkeit auf und führten
ein Koranzitat aus der Biene-Sure (16: 126-127) an: Und
wenn ihr für eine Untat, die gegen euch verübt worden
ist, eine Strafe verhängt, dann tut das nach Maßgabe
dessen, was euch von der Gegenseite angetan worden ist! Aber
wenn ihr geduldig seid und auf eine Bestrafung verzichtet,
ist das besser für euch. Andere dagegen verteidigten
die Bluttat und verwiesen darauf, dass die Ungläubigen
ja jeden Tag unzählige Muslime töten würden
- nicht nur im Irak.
Die Meldung, al-Qaida rekrutiere per Internet oder nutze
das Netz als ideologische Waffe, wird regelmäßig
von US-Militärs lanciert. Dabei werden immer wieder die
Zeitungen Sawt al Jihad (Stimme des Jihad) und
Mu'askar al Battar (Battar-Armee) genannt. Beide
Publikationen sollen 14-tägig im Internet erscheinen.
Dort sind nicht nur die aktuellen Enthauptungsvideos zu sehen,
sondern die Herausgeber nutzen das Internet zur globalen Verbreitung
von Kampfstrategien und Vorbereitung von Attentaten. Die Artikel
beschäftigen sich mit Ereignissen in Saudi-Arabien, Palästina
und dem Irak. Mu'asker al Battar dagegen ist eher
als praktische Handfibel anzusehen. Hier wird den Kämpfern
des Heiligen Krieges angeraten, sich durch möglichst
viele sit-ups fit zu halten. Es geht um Waffenkunde,
Schulungen in Konspirativität und es wird erklärt,
wie man Menschen entführt. Kürzlich widmete sich
eine ganze Ausgabe dem Terror in Großstädten und
es hieß: Treffe die Investitionen von Juden und
Christen in muslimischen Ländern. Es gibt auch
eine Rangliste, nach der getötet werden soll, Christen
und Juden sind primär das Ziel, die Nationen folgen an
zweiter Stelle: Amerikaner, Briten, Italiener usw..
Entsprechend verläuft die mediale Verwertung. Westliche
Geiseln werden einzeln geköpft, Bauarbeiter, Köche
und Fahrer aus der Dritten Welt dagegen gleich im ganzen Dutzend
ermordet - wie zuletzt die 12 nepalesischen Geiseln in den
Händen der Ansar Al Sunna-Gruppe.
Die
Originalseite von Sawt al Jihad zu finden ist
indessen nicht leicht, sie soll teilweise stündlich unter
verschiedenen Links durchs Internet wandern. Wer also versucht
die Magazine zu googeln, stößt zumeist auf alles
andere, nur nicht auf die arabischen Seiten. Beispielsweise
auf das nördlich von Tel Aviv in Herzliya ansässige
Project for the Research of Islamist Movements
(www.e-prism.org), dass Originaldokumente von Al Qaida-Magazinen
anbietet. e-prism arbeitet unter dem Dach der Lauder
School of Gouverment, Diplomacy and Strategie. Ein ThinkTank,
der den israelischen Likud von Ariel Sharon berät. Auch
das in Washington ansässige Site-Institut, im original:
Search for International Terror Entities (http://siteinstitute.org)
steht auf der Trefferliste. Site sucht die Webadressen radikaler
Gotteskrieger, und bietet diese an. Aber auch radikale jüdische
Seiten in den USA bedienen sich der islamistischen Internet-Publikationen.
Die Seite Haganah (http://haganah.us) zitiert
oft und gerne aus beiden Zeitungen. Confronting the
Jihad online, heißt es dort, und die grausigen
Videos werden als Beispiel für den generell barbarischen
Charakter des Islam bezeichnet.
Nicht nur die Internetagenten des CIA und aus dem Umfeld
des israelischen Mossad gehen davon aus, das Sawt al
Jihad und Mu'asker al Battar originäre
Plattformen von Al Qaida-Zellen sind. Auch die in London ansässige
arabische Zeitung Al Quds al Arabia (www. alquds.co.uk) ist
sich sicher, dass die Seiten keine Fälschungen sind.
Nach Schätzungen arabischer Journalisten besuchen täglich
Zehntausende von Muslimen allein aus Neugier die Seiten. In
Chat-Rooms werden die aktuellen Adressen weitergegeben und
aus unzähligen Internet-Cafes angesurft. Zur Zeit sind
aber weniger die seriellen Enthauptungsvideos der Hit, sondern
eine Filmsequenz, die das saudische Fernsehen vor kurzem im
Fernsehen ausstrahlte. Ein von der Polizei gesuchter Islamist
hat sich mit seinen Kindern auf einem Videoband verewigt.
Der Clou: Die niedlichen Kleinen spielen mit Pistolen, einer
Handgranate und einer Kalashnikow.
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