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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 15
Vor 40 Jahren: Studentischer Protest gegen den kongolesischen Staatspräsident Moise Tschombe
„Der Beginn unserer Kulturrevolution“
[ Inhalt Nr. 14.]

In den 1950er und 1960er Jahren - die internationale Lage war durch die Systemauseinandersetzung und den Kalten Krieg geprägt - kämpften in Afrika, Asien und Lateinamerika nationale Befreiungsbewegungen gegen die Kolonialherrschaft. Mit der Dekolonialisierung von Ende der 1950er bis in die 1970er folgte meist die neokoloniale Abhängigkeit. Westliche Staaten sicherten sich in den ehemaligen Kolonien ihre Rohstoffe und Absatzmärkte.

Foto Anti-Tschombe-Demonstration am 18. Dezember 1964 in Berlin
Afrikanische Studenten zu Beginn der Anti-Tschombe-Demonstration am 18. Dezember 1964 in Berlin.


Kongo in Äquatorialafrika erhielt 1960, nach 80 Jahren belgischer Kolonialherrschaft, seine Unabhängigkeit. Patrice Lumumba, Präsident der dortigen nationalen Befreiungsbewegung, wurde erster Ministerpräsident der Republik Kongo. Er setzte sich konsequent für die Beseitigung des Kolonialismus und für die politische und ökonomische Unabhängigkeit des Landes ein. Nach einem Staatsstreich von General Mobutu wurde er 1961 von Putschisten festgenommen, misshandelt, in die Provinz Katanga verschleppt, wo Moise Tschombe Präsident einer Separatistenregierung war, und dort ermordet. Tschombe stand im Verdacht, an Lumumbas Ermordung beteiligt gewesen zu sein. Erst vor wenigen Jahren wurde öffentlich bekannt, dass er ihn im Auftrag des belgischen Königshauses und des CIA hatte umbringen lassen.

Lumumbas Kampfgefährten nahmen 1963 den Kampf wieder auf. Die Revolte der lumumbistischen Guerilla breitete sich schnell aus und führte zum Rücktritt der neuen Regierung. Moise Tschombe, der kurzzeitig in Europa Zuflucht gefunden hatte, kam im Herbst 1964 in den Kongo zurück und wurde als neuer Ministerpräsident installiert. Für den Westen war er ein Verbündeter im Kampf gegen den Kommunismus. Als Marionettenpräsident war er in Afrika verhasst. Die meisten afrikanischen Staaten unterhielten Verbindungen zur Gegenregierung der Guerilla, die in über Zweidrittel des Landes die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte. 1965 schloss sich auch Che Guevara für mehrere Monate ihrem Kampf an.

Mit Hilfe ausländischer, weißer Söldner, darunter auch ehemalige deutsche Wehrmachts- und Bundeswehrsoldaten, unterdrückte Tschombe gewaltsam den Widerstand der Kongoles/innen gegen seine Politik. Er widersetzte sich UN-Maßnahmen, die auf die Unabhängigkeit und Einheit eines demokratischen Kongo gerichtet waren. Tschombes weiße Söldner plünderten und zerstörten ganze Dörfer; sie folterten und ermordeten auf grausame Weise die Einwohner/innen.

Auseinandersetzung in der BRD

Bereits Ende der 1950er entstand im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg der Nationalen Befreiungsfront FLN gegen die französische Kolonialmacht eine erste internationalistische, aber noch kleine Solidaritätsbewegung. Die zahlreichen Diskussionen und Protestaktionen der darauffolgenden Jahre, auch die stetig anwachsenden Proteste gegen die ab 1964 zunehmenden Flächenbombardements der US-Luftwaffe auf Vietnam, hatten antikolonialistischen Charakter. In der BRD waren die zentralen Akteure dieser Proteste die Studentenbewegung, und später die Außerparlamentarische Opposition (APO).

International zusammengesetzte Arbeitskreise beschäftigten sich an Universitäten - neben marxistischen Klassikern und neuesten Theorien, darunter der damals in der BRD noch unbekannte Frantz Fanon, - ab 1963 mit der Geschichte und aktuellen Situation afrikanischer und asiatischer Länder, die für ihre Unabhängigkeit von den weißen, europäischen Kolonialherren kämpften. Sie widmeten sich der Analyse des Neokolonialismus und Imperialismus sowie der Bestimmung möglicher Solidarisierung mit den antikolonialistischen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Der kolonialen Welt schrieben sie eine revolutionäre Rolle zu. Mit dem Ende der Kolonialherrschaft verbanden sie die Chance einer Schwächung des Kapitalismus in den Metropolen. Aus dieser Analyse resultierte ihr internationalistisches Politikverständnis. Durch die neokolonialen Verhältnisse und nicht zuletzt auch durch andauernde militärische Interventionen der USA und westeuropäischer Staaten wurden jedoch die Hoffnungen auf grundlegende Veränderungen durch die unabhängig gewordenen Länder zunichte gemacht.

Die westlichen Interventionen im Kongo, die Tschombes Machterhalt dienten, verkaufte die bundesdeutsche Presse als humanitär motivierte Handlungen; so auch im November 1964, als belgische Fallschirmjäger mit amerikanischer und englischer Unterstützung in der kongolesischen Stadt Stanleyville landeten. Aufgrund der einseitigen Berichterstattung, die die Folterungen und Massaker der weißen Söldner verschwieg, stellte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) Gegenöffentlichkeit her. In mehreren Städten informierte er auf eigenen Flugblättern über die Gegenregierung der Guerilla und deren Ziel der politischen und ökonomischen Selbständigkeit des Kongo, sowie die daraus resultierenden Hintergründe der Intervention der Westmächte.

Der Protest der sich internationalistisch und antiimperialistisch verstehenden Aktivist/innen richtete sich gegen Tschombe, der durch seine Politik für Verhältnisse sorgte, an denen ihre Kritik am Imperialismus verdeutlicht werden konnte. Die Proteste waren ein Schritt von internem Meinungsaustausch und Diskussionen in die Öffentlichkeit. Die Student/innen griffen mit tagespolitischen Forderungen in die Politik ein.

Tschombe-Besuch

Im Dezember 1964 besuchte Tschombe die Bundesrepublik Deutschland. Er wurde von Bundespräsident Heinrich Lübke, dem bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt Karl Carstens und dem regierenden Bürgermeister von Berlin Willy Brandt empfangen. Auf allen seinen Stationen kam es zu Protesten. Am 12. Dezember traf Tschombe in München ein. Vor dem Hotel „Bayerischer Hof”, wo er untergebracht war, verteilten etwa 100 Menschen Flugblätter der „Aktion für internationale Solidarität”, in denen zu lesen war: „Wo immer es galt die Interessen der belgischen, englischen und amerikanischen Großindustrie zu vertreten, stand Moise Tschombe bereit. Die Tatsache, dass 80 Prozent der kongolesischen Wirtschaft in der Hand der belgischen, englischen und amerikanischen Gesellschaften sind, erklärt, warum gerade die Regierungen dieser Länder in bestem Einverständnis mit Moise Tschombe die Strafexpedition gegen Stanleyville unter dem Vorwand der Geiselbefreiung organisierten. So wurde das grauenhafte Blutbad von denen provoziert, die vorgaben, es verhindern zu wollen. [...] Die Unterdrücker des kongolesischen Volkes sind auch unsere Unterdrücker.” Es flogen Stinkbomben in das Hotelfoyer, das zu einer unbetretbaren Zone wurde, und später auch in das erzbischöfliche Palais in München-Freising, wo Tschombe dem Kardinal Döpfner einen Besuch abstattete.

In Düsseldorf sprach Tschombe am 17. Dezember vor Industriellen des „Rhein-Ruhr-Clubs”. Er wurde mit „Mörder! Mörder!”-Rufen begrüßt, und während seiner Rede von „Es lebe Lumumba!”-Rufen unterbrochen. Die afrikanischen und asiatischen Studenten wurden von der Polizei aus dem Saal entfernt und verhaftet. Davon unbeeindruckt sprach Tschombe über den Kampf gegen den Kommunismus und bat die Industriellen um finanzielle Unterstützung.

Anti-Tschombe-Demo

Gegen die geplante Ehrerweisung durch Bürgermeister Brandt in Berlin wandten sich SDS, Afrikanischer Studentenbund, Latein-Amerikanischer Studentenbund, die Anschlag-Gruppe und andere Studentenverbände. Sie riefen für den 18. Dezember zu einer Schweigedemonstration, also einer Form des stillen Protestes, am Flughafen Tempelhof auf.

Etwa 800 Demonstrant/innen, darunter über 150 ausländische Student/innen,. versammelten sich vor dem Platz der Luftbrücke am Flughafen Tempelhof. Auf Plakaten kritisierten sie Tschombes Beteiligung an Lumumbas Ermordung und die Massaker seiner Söldner. Dass so viele Menschen - und zwar nicht von einer Partei organisiert - zusammenkamen, war ein Novum und ließ den SDS sogar von einer „Massendemonstration” sprechen. Tschombe verließ unmittelbar nach seiner Ankunft durch einen Seitenausgang den Flughafen und unternahm - wie alle Staatsgäste zu der Zeit - eine Stadtrundfahrt zum Brandenburger Tor und zur Berliner Mauer.

Foto Demo 1961 in Frankfurt nach Tod von Lumumba
Das Bekanntwerden von Lumumbas Ermordung führte 1961 in zahlreichen deutschen Städten zu Protesten. In Frankfurt am Main zogen über 1.000 Menschen durch die Stadt. Dieses Foto entstand am Rande der Demonstration.

Rudi Dutschke - zu der Zeit noch kein SDS-Mitglied - war mit seiner Gruppe im hinteren Teil der Demonstration unterwegs gewesen. Er hielt den weiteren Verlauf in seinem Tagebuch fest: „War das eine Freude. Die Polizeiführung wie der Bürgermeister Brandt werden schon von den Socken gewesen sein. Die meisten vom SDS wohl desgleichen, allerdings aus ganz anderen Gründen. Wie eine Demonstration umgebaut werden kann. [...] Nachdem der Tschombé sich über die Besatzer-Ecken der Amerikaner mit seinen Gastgebern davongestohlen hatte zum Schöneberger Rathaus, mußten und wollten wir ihm folgen. Die vom Anfang der Demonstration konnten schlecht beginnen, hatten ca. 15-20 Polizisten vor sich. [...] Nun hinten und spontan zu beginnen war klar [...] Zustimmung zu erreichen nicht schwer. Unsere Freunde aus der dritten Welt sprangen sofort ein, die Deutschen hatten zu folgen.”

Die Schweigedemonstration wandelte sich spontan zu einer lebendigen Demonstration mit lautstarken Sprechchören: „Tschombe raus!” Am Mehringdamm wurden mehrmals mit Gummiknüppeln ausgerüstete Polizeiketten von den Demonstrant/innen beiseite gedrängt, durchbrochen und überrannt. Die Demonstration zog, zum Teil eingehakt in Ketten, zügig weiter nach Schöneberg.

20 Demonstrant/innen blockierten die Zufahrt zum Rathaus, worauf es zu einem Handgemenge kam, in dessen Verlauf die Polizei deutsche und afrikanische Studenten festnahm. Eine Delegation aus deutschen, afrikanischen und arabischen Demonstranten wurde von Bürgermeister Brandt für eine 20-minütige Diskussion empfangen. Brandt zeigte Verständnis für ihren Protest und garantierte allen Beteiligten Straffreiheit. Das Amt des Bürgermeisters ließe ihm jedoch keine Möglichkeit, prominente Berlin-Besucher nach persönlichen Sympathien zu empfangen oder abzuweisen. Tschombes anschließender Empfang wurde auf eine Viertelstunde verkürzt, was ihm gegenüber als deutliche Ablehnung zu verstehen war.

Als Tschombe nach der nur knapp fünfzehnminütigen Unterredung mit Brandt das Rathaus verließ, trafen die Demonstrant/innen erstmals direkt mit ihm zusammen. Sie riefen Sprechchöre und warfen Tomaten. Dutschke notierte: „Der imperialistische Agent und Mörder von Lumumba ließ nicht lange auf sich warten. Wir donnerten voll los, Schwiedrzik traf ihn voll in die Fresse”. Die Tomatenwürfe, an denen Wolfgang Schwiedrzik nach eigenen Angaben nicht beteiligt war, gehörten zum Höhepunkt der Proteste, die Tschombe veranlassten, seinen Deutschlandbesuch noch am gleichen Tag vorzeitig abzubrechen.
Die Stimmung unter den Teilnehmer/innen war enthusiastisch. Ihre Aktionsbereitschaft, Flexibilität und Entschlossenheit trugen maßgeblich zu diesem erfolgreichen Ausgang bei. In der Zeit danach bezogen sich die Beteiligten immer wieder positiv auf die Anti-Tschombe-Demonstration. Dutschke bezeichnete sie wenige Jahre später „als Beginn unserer Kulturrevolution”. Er datierte damit die Anfänge der außerparlamentarischen Bewegung in Deutschland. Die Demonstration und das offensive Vorgehen gegen den kongolesischen Staatspräsidenten Tschombe war ein Initialereignis und der Beginn eines Radikalisierungsprozess, der auch in seiner weiteren Entwicklung immer wieder auf spontane und militante Widerstandsformen zurückgriff.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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