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In den 1950er und 1960er Jahren - die internationale Lage
war durch die Systemauseinandersetzung und den Kalten Krieg
geprägt - kämpften in Afrika, Asien und Lateinamerika
nationale Befreiungsbewegungen gegen die Kolonialherrschaft.
Mit der Dekolonialisierung von Ende der 1950er bis in die
1970er folgte meist die neokoloniale Abhängigkeit. Westliche
Staaten sicherten sich in den ehemaligen Kolonien ihre Rohstoffe
und Absatzmärkte.
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| Afrikanische Studenten zu Beginn der Anti-Tschombe-Demonstration
am 18. Dezember 1964 in Berlin. |
Kongo in Äquatorialafrika erhielt 1960, nach 80 Jahren
belgischer Kolonialherrschaft, seine Unabhängigkeit.
Patrice Lumumba, Präsident der dortigen nationalen Befreiungsbewegung,
wurde erster Ministerpräsident der Republik Kongo. Er
setzte sich konsequent für die Beseitigung des Kolonialismus
und für die politische und ökonomische Unabhängigkeit
des Landes ein. Nach einem Staatsstreich von General Mobutu
wurde er 1961 von Putschisten festgenommen, misshandelt, in
die Provinz Katanga verschleppt, wo Moise Tschombe Präsident
einer Separatistenregierung war, und dort ermordet. Tschombe
stand im Verdacht, an Lumumbas Ermordung beteiligt gewesen
zu sein. Erst vor wenigen Jahren wurde öffentlich bekannt,
dass er ihn im Auftrag des belgischen Königshauses und
des CIA hatte umbringen lassen.
Lumumbas Kampfgefährten nahmen 1963 den Kampf wieder
auf. Die Revolte der lumumbistischen Guerilla breitete sich
schnell aus und führte zum Rücktritt der neuen Regierung.
Moise Tschombe, der kurzzeitig in Europa Zuflucht gefunden
hatte, kam im Herbst 1964 in den Kongo zurück und wurde
als neuer Ministerpräsident installiert. Für den
Westen war er ein Verbündeter im Kampf gegen den Kommunismus.
Als Marionettenpräsident war er in Afrika verhasst. Die
meisten afrikanischen Staaten unterhielten Verbindungen zur
Gegenregierung der Guerilla, die in über Zweidrittel
des Landes die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte.
1965 schloss sich auch Che Guevara für mehrere Monate
ihrem Kampf an.
Mit Hilfe ausländischer, weißer Söldner,
darunter auch ehemalige deutsche Wehrmachts- und Bundeswehrsoldaten,
unterdrückte Tschombe gewaltsam den Widerstand der Kongoles/innen
gegen seine Politik. Er widersetzte sich UN-Maßnahmen,
die auf die Unabhängigkeit und Einheit eines demokratischen
Kongo gerichtet waren. Tschombes weiße Söldner
plünderten und zerstörten ganze Dörfer; sie
folterten und ermordeten auf grausame Weise die Einwohner/innen.
Auseinandersetzung in der BRD
Bereits Ende der 1950er entstand im Zusammenhang mit dem
algerischen Unabhängigkeitskrieg der Nationalen Befreiungsfront
FLN gegen die französische Kolonialmacht eine erste internationalistische,
aber noch kleine Solidaritätsbewegung. Die zahlreichen
Diskussionen und Protestaktionen der darauffolgenden Jahre,
auch die stetig anwachsenden Proteste gegen die ab 1964 zunehmenden
Flächenbombardements der US-Luftwaffe auf Vietnam, hatten
antikolonialistischen Charakter. In der BRD waren die zentralen
Akteure dieser Proteste die Studentenbewegung, und später
die Außerparlamentarische Opposition (APO).
International zusammengesetzte Arbeitskreise beschäftigten
sich an Universitäten - neben marxistischen Klassikern
und neuesten Theorien, darunter der damals in der BRD noch
unbekannte Frantz Fanon, - ab 1963 mit der Geschichte und
aktuellen Situation afrikanischer und asiatischer Länder,
die für ihre Unabhängigkeit von den weißen,
europäischen Kolonialherren kämpften. Sie widmeten
sich der Analyse des Neokolonialismus und Imperialismus sowie
der Bestimmung möglicher Solidarisierung mit den antikolonialistischen
Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Der kolonialen Welt
schrieben sie eine revolutionäre Rolle zu. Mit dem Ende
der Kolonialherrschaft verbanden sie die Chance einer Schwächung
des Kapitalismus in den Metropolen. Aus dieser Analyse resultierte
ihr internationalistisches Politikverständnis. Durch
die neokolonialen Verhältnisse und nicht zuletzt auch
durch andauernde militärische Interventionen der USA
und westeuropäischer Staaten wurden jedoch die Hoffnungen
auf grundlegende Veränderungen durch die unabhängig
gewordenen Länder zunichte gemacht.
Die westlichen Interventionen im Kongo, die Tschombes Machterhalt
dienten, verkaufte die bundesdeutsche Presse als humanitär
motivierte Handlungen; so auch im November 1964, als belgische
Fallschirmjäger mit amerikanischer und englischer Unterstützung
in der kongolesischen Stadt Stanleyville landeten. Aufgrund
der einseitigen Berichterstattung, die die Folterungen und
Massaker der weißen Söldner verschwieg, stellte
der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) Gegenöffentlichkeit
her. In mehreren Städten informierte er auf eigenen Flugblättern
über die Gegenregierung der Guerilla und deren Ziel der
politischen und ökonomischen Selbständigkeit des
Kongo, sowie die daraus resultierenden Hintergründe der
Intervention der Westmächte.
Der Protest der sich internationalistisch und antiimperialistisch
verstehenden Aktivist/innen richtete sich gegen Tschombe,
der durch seine Politik für Verhältnisse sorgte,
an denen ihre Kritik am Imperialismus verdeutlicht werden
konnte. Die Proteste waren ein Schritt von internem Meinungsaustausch
und Diskussionen in die Öffentlichkeit. Die Student/innen
griffen mit tagespolitischen Forderungen in die Politik ein.
Tschombe-Besuch
Im Dezember 1964 besuchte Tschombe die Bundesrepublik Deutschland.
Er wurde von Bundespräsident Heinrich Lübke, dem
bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, dem Staatssekretär
im Auswärtigen Amt Karl Carstens und dem regierenden
Bürgermeister von Berlin Willy Brandt empfangen. Auf
allen seinen Stationen kam es zu Protesten. Am 12. Dezember
traf Tschombe in München ein. Vor dem Hotel Bayerischer
Hof, wo er untergebracht war, verteilten etwa 100 Menschen
Flugblätter der Aktion für internationale
Solidarität, in denen zu lesen war: Wo
immer es galt die Interessen der belgischen, englischen und
amerikanischen Großindustrie zu vertreten, stand Moise
Tschombe bereit. Die Tatsache, dass 80 Prozent der kongolesischen
Wirtschaft in der Hand der belgischen, englischen und amerikanischen
Gesellschaften sind, erklärt, warum gerade die Regierungen
dieser Länder in bestem Einverständnis mit Moise
Tschombe die Strafexpedition gegen Stanleyville unter dem
Vorwand der Geiselbefreiung organisierten. So wurde das grauenhafte
Blutbad von denen provoziert, die vorgaben, es verhindern
zu wollen. [...] Die Unterdrücker des kongolesischen
Volkes sind auch unsere Unterdrücker. Es flogen
Stinkbomben in das Hotelfoyer, das zu einer unbetretbaren
Zone wurde, und später auch in das erzbischöfliche
Palais in München-Freising, wo Tschombe dem Kardinal
Döpfner einen Besuch abstattete.
In Düsseldorf sprach Tschombe am 17. Dezember vor Industriellen
des Rhein-Ruhr-Clubs. Er wurde mit Mörder!
Mörder!-Rufen begrüßt, und während
seiner Rede von Es lebe Lumumba!-Rufen unterbrochen.
Die afrikanischen und asiatischen Studenten wurden von der
Polizei aus dem Saal entfernt und verhaftet. Davon unbeeindruckt
sprach Tschombe über den Kampf gegen den Kommunismus
und bat die Industriellen um finanzielle Unterstützung.
Anti-Tschombe-Demo
Gegen die geplante Ehrerweisung durch Bürgermeister
Brandt in Berlin wandten sich SDS, Afrikanischer Studentenbund,
Latein-Amerikanischer Studentenbund, die Anschlag-Gruppe und
andere Studentenverbände. Sie riefen für den 18.
Dezember zu einer Schweigedemonstration, also einer Form des
stillen Protestes, am Flughafen Tempelhof auf.
Etwa 800 Demonstrant/innen, darunter über 150 ausländische
Student/innen,. versammelten sich vor dem Platz der Luftbrücke
am Flughafen Tempelhof. Auf Plakaten kritisierten sie Tschombes
Beteiligung an Lumumbas Ermordung und die Massaker seiner
Söldner. Dass so viele Menschen - und zwar nicht von
einer Partei organisiert - zusammenkamen, war ein Novum und
ließ den SDS sogar von einer Massendemonstration
sprechen. Tschombe verließ unmittelbar nach seiner Ankunft
durch einen Seitenausgang den Flughafen und unternahm - wie
alle Staatsgäste zu der Zeit - eine Stadtrundfahrt zum
Brandenburger Tor und zur Berliner Mauer.
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| Das Bekanntwerden von Lumumbas Ermordung führte
1961 in zahlreichen deutschen Städten zu Protesten.
In Frankfurt am Main zogen über 1.000 Menschen durch
die Stadt. Dieses Foto entstand am Rande der Demonstration. |
Rudi Dutschke - zu der Zeit noch kein SDS-Mitglied - war
mit seiner Gruppe im hinteren Teil der Demonstration unterwegs
gewesen. Er hielt den weiteren Verlauf in seinem Tagebuch
fest: War das eine Freude. Die Polizeiführung
wie der Bürgermeister Brandt werden schon von den Socken
gewesen sein. Die meisten vom SDS wohl desgleichen, allerdings
aus ganz anderen Gründen. Wie eine Demonstration umgebaut
werden kann. [...] Nachdem der Tschombé sich über
die Besatzer-Ecken der Amerikaner mit seinen Gastgebern davongestohlen
hatte zum Schöneberger Rathaus, mußten und wollten
wir ihm folgen. Die vom Anfang der Demonstration konnten schlecht
beginnen, hatten ca. 15-20 Polizisten vor sich. [...] Nun
hinten und spontan zu beginnen war klar [...] Zustimmung zu
erreichen nicht schwer. Unsere Freunde aus der dritten Welt
sprangen sofort ein, die Deutschen hatten zu folgen.
Die Schweigedemonstration wandelte sich spontan zu einer
lebendigen Demonstration mit lautstarken Sprechchören:
Tschombe raus! Am Mehringdamm wurden mehrmals
mit Gummiknüppeln ausgerüstete Polizeiketten von
den Demonstrant/innen beiseite gedrängt, durchbrochen
und überrannt. Die Demonstration zog, zum Teil eingehakt
in Ketten, zügig weiter nach Schöneberg.
20 Demonstrant/innen blockierten die Zufahrt zum Rathaus,
worauf es zu einem Handgemenge kam, in dessen Verlauf die
Polizei deutsche und afrikanische Studenten festnahm. Eine
Delegation aus deutschen, afrikanischen und arabischen Demonstranten
wurde von Bürgermeister Brandt für eine 20-minütige
Diskussion empfangen. Brandt zeigte Verständnis für
ihren Protest und garantierte allen Beteiligten Straffreiheit.
Das Amt des Bürgermeisters ließe ihm jedoch keine
Möglichkeit, prominente Berlin-Besucher nach persönlichen
Sympathien zu empfangen oder abzuweisen. Tschombes anschließender
Empfang wurde auf eine Viertelstunde verkürzt, was ihm
gegenüber als deutliche Ablehnung zu verstehen war.
Als Tschombe nach der nur knapp fünfzehnminütigen
Unterredung mit Brandt das Rathaus verließ, trafen die
Demonstrant/innen erstmals direkt mit ihm zusammen. Sie riefen
Sprechchöre und warfen Tomaten. Dutschke notierte: Der
imperialistische Agent und Mörder von Lumumba ließ
nicht lange auf sich warten. Wir donnerten voll los, Schwiedrzik
traf ihn voll in die Fresse. Die Tomatenwürfe,
an denen Wolfgang Schwiedrzik nach eigenen Angaben nicht beteiligt
war, gehörten zum Höhepunkt der Proteste, die Tschombe
veranlassten, seinen Deutschlandbesuch noch am gleichen Tag
vorzeitig abzubrechen.
Die Stimmung unter den Teilnehmer/innen war enthusiastisch.
Ihre Aktionsbereitschaft, Flexibilität und Entschlossenheit
trugen maßgeblich zu diesem erfolgreichen Ausgang bei.
In der Zeit danach bezogen sich die Beteiligten immer wieder
positiv auf die Anti-Tschombe-Demonstration. Dutschke bezeichnete
sie wenige Jahre später als Beginn unserer Kulturrevolution.
Er datierte damit die Anfänge der außerparlamentarischen
Bewegung in Deutschland. Die Demonstration und das offensive
Vorgehen gegen den kongolesischen Staatspräsidenten Tschombe
war ein Initialereignis und der Beginn eines Radikalisierungsprozess,
der auch in seiner weiteren Entwicklung immer wieder auf spontane
und militante Widerstandsformen zurückgriff.
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