|
1884 - vor 120 Jahren fand in Berlin die sog. Kongo-Konferenz
statt, in der Afrika aufgeteilt wurde. 1904 - vor 100 Jahren
wurde der Herero-Aufstand im damaligen Deutsch-Südwestafrika
niedergemetzelt. Aus diesem Anlass findet vom 11.-17.11.04
die Anticolonial Africa Conference in Berlin statt. (Infos:
www.africa-anticolonial.org).
Ein Anlass, einige Schlagzeilen aus dem aktuellen Afrika aufzulisten
und einen Blick zurück auf einen der Anfänge internationaler
Solidarität im Nachkriegs(west)-deutschland zu werfen.
 |
| Ein Junge im Flüchtlingslager Calamocarro in
Ceuta (spanische Enklave in Marrokko). |
Freitagsdemos in Mozambique
Ehemalige so genannte Vertragsarbeiter aus Mozambique, die
bis zu ihrer Ausweisung durch die Bundesregierung 1990 in
der Ex-DDR arbeiteten und lebten, fordern von ihrer Regierung
einbehaltene Lohn- und Rentenzahlungen. Mit einer fünftägigen
Besetzung der Deutschen Botschaft im Juli machten einige von
ihnen auf ihre Forderungen aufmerksam, wegen denen sie bereits
seit Jahren jeden Freitag demonstrieren.
Die Regierung in Maputo lässt derweil auf die so genannten
Madgermanes einprügeln und mit Gummigeschossen auf sie
schießen, was bisher ein Menschenleben gekostet hat.
In Folge des 1979 geschlossenen Freundschaftsvertrages zwischen
der DDR und Mozambique arbeiteten bis zu 20.000 Arbeiter aus
Mozambique in der DDR. Mit dem Vertragsarbeiter-Programm sollten
unter anderem auch Schulden Mozambiques bei der DDR abgebaut
werden.
Ein Teil der Löhne wurde auf Regierungskonten in Mozambique
überwiesen, wo es offensichtlich verschwand. Nach Angaben
der Organisation der ehemaligen Vertragsarbeiter wurden ihnen
so 300 Millionen Dollar vorenthalten.
Unsicherheit in Kenia
Anfang August kehrte einer der bekanntesten afrikanischen
Schriftsteller, Ngugi wa Thiong'o, nach 22 Jahren Exil zu
einer Lesetour in sein Heimatland Kenia zurück. Eineinhalb
Jahre lang hat er für diese Entscheidung die Vorgänge
in Kenia beobachtet, in dem 2002 ein Regimewechsel stattfand.
Unter Präsident Daniel arap Moi wurde Thiong'o verfolgt,
seiner Arbeitsmöglichkeiten beraubt und schließlich
inhaftiert.
Nur zwei Wochen nach seiner Ankunft in Kenia überfielen
vier mit Messern und Schusswaffen ausgerüstete Männer
Ngugi und seine Ehefrau Njeeri. Während diese innerhalb
einer Stunde mehrmals vergewaltigt wurde, prügelten die
Männer mit Pistolen auf Ngugi ein und drückten Zigaretten
auf seiner Stirn aus.
Der Überfall geschah nachts in einem sonst streng bewachten
Appartment-Haus. Die Polizei ist nicht in der Lage zu klären,
wieso die Täter das Gelände ungehindert betreten
konnten. Die Begründungsversuche für den Überfall
reichen von Sie wollten Geld, über Mutmaßungen
bezüglich alter Familienfehden bis hin zur alten Moi-Regierung
als Drahtzieher.
Gedenken in Namibia
Im August 1904 schlugen deutsche Kolobialtruppen den Aufstand
der Hereros im damaligen Deutsch-Südwestafrika nieder:
75 Prozent des Herero-Volkes und 50 Prozent des Nama-Volkes
wurden ermordet.
 |
| Die Berliner Congo-Konferenz 1884. |
Über das ganze Jahr 2004 erstreckten sich verschiedene
Gedenkveranstaltungen, die im Januar mit dem Erinnern an den
100 Jahre zurückliegenden Herero-Aufstand begannen. Bundesdeutsche
Politiker/innen gaben sich dabei die Klinke in die Hand und
bemühten sich gleichermaßen, keine Worte der Entschuldigung
über ihre Lippen kommen zu lassen. Entschuldigung, das
ist entschädigungsrelevant. So ergeht man sich in unverfänglicher
verbaler Anteilnahme und dem Bedauern im Sinne der Versöhnung
und dem Bekenntnis zu unserer kolonialen Schuld
(Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul), und Joschka
Fischer empfand ganz unverbindlich Tiefes Bedauern
und Tiefen Schmerz.
Denn: Man hat sich hierzulande gegen eine Sammelklage der
Nachkommen der überlebenden Herero über zwei Milliarden
US-Dollar Wiedergutmachung zu wappnen.
Auch 100 Jahre nach dem Völkermord befindet sich der
größte Teil des Herero-Landes im Besitz deutscher
Farmer, 80 Prozent des Farmlandes ist in den Händen Weißer.
Die Regierung Namibias hat eine Landreform in Angriff genommen,
in deren Verlauf Farmland aufgekauft, und an Bauern verteilt
werden soll.
Bürgerkrieg in Sudan
Wir werden nicht ruhen. Wir werden weiterhin Druck
ausüben, meint US-Außenminister Colin Powell
angesichts seiner Interpretation der Vorgänge im Sudan.
Dabei liegt der Sudan genau auf dem Weg, auf dem die US-Regierung
ihren Krieg gegen den Terrorismus beschreitet; wenn auch nur
als kleines Fleckchen, aber trotzdem.
Schon lange wird der sudanesischen Regierung unterstellt,
sie habe Osama bin Laden Schutz gewährt, der seinerseits
den Sudan finanziell unterstützt habe.
Sudans Islamisten gewähren fanatischen Glaubensbrüdern
aus Algerien, Tunesien und Palästina Zuflucht,
wusste der Spiegel 1995 zu berichten.
Drei Jahre später ließ die US-Regierung eine Produktionsstätte
für Medikamente platt bomben und behauptete, es sei eine
Giftgasfabrik gewesen. Von einer Entschuldigung oder gar Wiedergutmachung
für die Familien der über 300 Opfer unter den Beschäftigten
ganz zu schweigen.
Was passiert eigentlich wirklich in Darfur? Jenseits vom
Opferzählen um den Krieg nur einigermaßen
zu verstehen, muss man wissen, dass die Auseinandersetzungen
mit einem bewaffneten Konflikt zwischen Regierung und Rebellen
begannen, die in Zusammenhang mit dem Befreiungskampf im Süden
des Landes stehen. Dabei die Guten und die Bösen
unter den Kriegspartein orten zu wollen wird genauso vergeblich
sein wie sie bei den Taliban oder der Nordallianz in Afghanistan
zu suchen. Am Ausgangspunkt dieses Krieges steht die Verfügungsgewalt
über Bodenschätze, nicht zuletzt Öl. Diese
befinden sich im Süden des Landes, und werden über
den Norden vermarktet.
Wir müssen Afrika aus der Sicherheitsperspektive
betrachten, meinte Paul Wolfowitz Anfang des Jahres.
Dabei geht es wie gehabt um die Sicherheit westlicher
Firmen beim Profitmachen. Und wenn sich westliche Medien in
ihrer Berichterstattung auf Angaben von Hilfsorganisationen
beziehen, und eine dieser Organisationen US-AID heißt,
ist es wichtig zu wissen, dass diese Organisation dazu neigt,
der US-amerikanischen Industrie Breschen zu schlagen.
Sicherheit in Afrika
In Evian hatte man sich letztes Jahr darauf geeinigt, dass
die G8-Staaten unter dem Motto Sicherheit und Stabilität
in Afrika eine eigene Eingreiftruppe für Afrika
aufbauen werden.
Im Januar diesen Jahres bereiste Kanzler Schröder Afrika,
wo er mit Kenia eine Geheimdienstkooperation vereinbarte und
in Ghana das mit deutscher Unterstützung entstandene
Internationale Kofi Annan Peacekeeping-Trainingszentrum
eröffnete, in dem die praxisorientierten Lehrgänge
für zivile Fachleute, Soldaten und Polizisten neues Denken
und neues Handeln im Sinne einer umfassenden Friedens- und
Stabilitätssicherung fördern können.
(Schröder).
Das Trainingszentrum wird Teil einer von Europa
unterstützten eigenen afrikanischen Eingreiftruppe sein,
deren Zustandekommen 50 Mitgliedsstaaten der Afrikanischen
Union vereinbarten.
Auf verschiedensten Ebenen laufen die Bemühungen, das
Auseinanderbrechen staatlicher und sozialer Ordnung auf dem
afrikanischen Kontinent zumindest soweit zu dirigieren, dass
westlichen Interessen keine größeren Hindernisse
entgegenstehen. Mit einer dauerhaften Befriedung der zahlreichen
Konflikte ist nicht zu rechnen von einer Zukunft in
Frieden und Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Auch wenn Außenminister
Fischer meint, es obliegt (den afrikanischen Regierungen),
ihre Staaten in der multipolaren Welt neu zu positionieren
und zu glaubwürdigen Partnern zu werden.
Reale Chancen auch nur zu einigermaßen gleichberechtigten
Partnerschaften bekommen die afrikanischen Regierungen in
Zeiten neoliberaler Globalisierung indes nicht. Die neokolonialen
Profite resultieren aus der freien Ausbeutung billiger Arbeitskräfte,
die durch IWF, Weltbank, WTO und OECD vertraglich ermöglicht
wurde. Strukturanpassungsmaßnahmen nannte
sich das, was sich letztlich als Munition herausstellte, den
afrikanischen Kontinent für die Multis sturmreif zu schießen.
Die Folgen dieser Politik, Armut, Destruktion, Warlordisierung,
die Zerstörung von Lebensgrundlagen und Massenvertreibungen
müssen irgendwie gemanagt werden. Kongo, Uganda, Ruanda,
Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone... als Söldner
an der Seite eines der zahlreichen Kriegsherren, hat sich
in vielen afrikanischen Regionen als eine Überlebensstrategie
entwickelt nach dem Motto, wer eine Waffe trägt, hat
die Kontrolle. Süd- und Ostafrika gelten als Regionen
mit der höchsten Waffendichte weltweit. Noch eine weitere
interessante Komponente in diesem Zusammenhang: In den letzten
Jahren haben die USA, Großbritannien und Frankreich
mehr Geld an Waffenexporten nach Afrika, Asien, Lateinamerika
und den Nahen Osten verdient, als sie diesen Ländern
als Entwicklungshilfe zur Verfügung stellten.
|