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Nach 17 Jahren Haft, die letzten Jahre im Gefängnis
von Bapaume (Pas-de-Calais), wurde Joëlle Aubron am 14.
Juni freigelassen. Vorzeitig, und nur weil das Ex-Mitglied
von Action Directe (AD) im Knast an Krebs erkrankte. Ärzte
hatten Metastasen im Gehirn entdeckt. Verurteilt war die jetzt
45jährige Joëlle Aubron u.a. wegen Teilnahme an
den Aktionen von AD aus den Jahren 1985 und 1986 gegen General
René Audran, Generalinspektor der Armee, und Georges
Besse, Chef von Renault. Beide wurden bei den Aktionen getötet.
Joëlle Aubron hatte dafür, wie auch ihre Genoss/innen
aus AD, Lebenslänglich bekommen.
Ein Besuch in der Verbannung
Würden wir pünktlich sein? Wir hatten ausgemacht,
dass wir Joëlle Aubron vom Zug abholen. Nach gut 600
km Fahrt in die französische Provinz waren wir natürlich
nicht pünktlich. Zuerst fanden wir sie nicht. Dann sahen
wir ein kleines Grüppchen Menschen an einem Brunnen sitzen.
Wir erkannten Joëlle, sie uns. Unsere Begrüßung
unterbrach ihr Gespräch nur kurz. Die arabischstämmigen
jungen Männer hatten sie vor wenigen Tagen im Fernsehen
gesehen, wiedererkannt und angesprochen. Sie waren interessiert
an Action Directe, hatten schon einiges gelesen. So tauschten
sie mit Joëlle Internetadressen aus. Vielleicht sogar
eine typische Szene; ähnliches erlebte sie in den Wochen
seit ihrer Entlassung öfters.
Joëlle Aubron lebt gegenwärtig bei ihren Eltern
in einem kleinen Dorf. In den ersten drei Monaten konnte sie
reisen, einige ihrer gefangenen Genoss/innen besuchen, auch
nach Korsika und Deutschland fahren. Jetzt ist das Dorf ihrer
Eltern zu einem Verbannungsort geworden. Kurz vor unserem
Besuch hatte die zuständige Strafvollstreckungskammer
beschlossen, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Nach
Beratung mit den Opferanwälten von Audran
und Besse, vermutlich sogar auf ihre Initiative, wurde gegen
Joëlle Aubron verfügt, dass sie sich nur frei innerhalb
des Departments (vergleichbar mit deutschen Landkreisen) bewegen
darf. Verlassen darf sie es ausschließlich aus medizinischen
Gründen, zu Untersuchungen und Behandlungen.
Während unseres zweitägigen Besuches drehte es sich
deshalb viel um die Konsequenzen dieser Verfügung. Kann
sie jetzt noch ihre Genoss/innen im Knast besuchen, mit ihnen
die Diskussionen fortführen? Wie läßt sich
die notwendige Begleitung organisieren, wenn sie in die Großstädte
zur Behandlung muss? Bleibt jetzt alles an den Eltern hängen?
Für den Februar planen die Gefangenen aus Action
Directe und das Unterstützungskomitee eine erneute Initiatve
für ihre Freilassung. Dann haben sie alle die vorgeschriebene
Mindestfrist von 18 Jahren abgesessen. In den nächsten
Wochen wird das Komitee mit den Kampagnenvorstellungen an
die Öffentlichkeit gehen. Dabei wird auf die Erfahrungen
mit der Kampagne in den Monaten vor der Entlassung von Joëlle
Aubron aufgebaut. Für französische Verhältnisse
war die Mobilisierung und erreichte Öffentlichkeit ausgesprochen
gut. In den Jahren zuvor war es den Gefangenen aus Action
Directe trotz zahlreicher Hungertreiks nie gelungen eine gesellschaftliche
Reibung zu erzeugen, z.B. gerade an der Frage ihrer Haftbedingungen.
Jetzt, bedingt durch die lange Haftzeit und die lebensbedrohende
Erkrankung entzündete sich öffentliche Empörung,
weil gleichzeitig Nazi-Kollobateure wegen Krankheit entlassen
wurden. Immer noch gilt auch für Frankreich, was in Deutschland
Usus ist: gefangene Revolutionär/innen müssen abschwören
oder sterbenskrank sein, bevor sie rausgelassen werden. Das
Interview übernahmen wir aus Libération vom 28.08.04.

Wie vergeht die Zeit im Gefängnis?
Unsere Strafe wusste ich schon in dem Moment, wo sie mir
Handschellen angelegt haben. Das war später keine Überraschung
mehr. Ich habe die Gefängniszeit wie eine lange Strecke
gesehen, die Kurven habe ich im Laufe der Jahre genommen.
Das Prinzip war, immer genug Energie aufzubringen, um die
Mauern von sich fernzuhalten. Wenn ich auf dem Flur der Abteilung
herumlief um nachzudenken, habe ich gesehen, wie die Frauen
dort herumhingen, vor allem am Wochenende, und auf irgend
etwas warteten... Ich habe mich nie gelangweilt. Ich hatte
immer einen Haufen Sachen zu tun: lesen, auf Post antworten,
Texte übersetzen, Kollagen machen, Aquarelle zeichnen
und außerdem diese nicht enden wollenden Anträge.
Wegen alles und jedem: Bücher hereinbekommen oder herausgeben.
Für Einkäufe oder um eine Besuchsverlängerung
zu bekommen. Das ist eine systematisch organisierte Abhängigkeit,
gegen die man kämpfen muss. Trotzdem ist das Gefängnis
keine tote Zeit. Im schlimmsten Fall passt sich der Stoffwechsel
an diese Verlangsamung an.
Wie sind die Beziehungen unter den gefangenen Frauen?
Viele der Frauen wurden vergessen. Übrigens, im Gegensatz
zu den Männergefängnissen sind die Besuchszeiten
niemals voll ausgebucht. In den fast vier Jahren in Bapaume
hatte ich nur einmal Schwierigkeiten einen Besuch zu verlängern,
weil die Besucherzellen belegt waren. Das affektive Elend
ist so groß, dass man sich über den Mangel an Solidarität
unter den Gefangenen nicht wundern darf. Aber als unsere Genoss/innen
im September vor den Mauern von Bapaume demonstrierten, waren
die Frauen glücklich. Sie waren berührt davon, dass
nach so vielen Jahren Leute draußen an uns denken und
uns ihre Solidarität zeigen. Das war ein Fest, als wenn
auch sie aus dem Vergessen auftauchten, die Stimmung hat sich
danach verändert. Sie war fröhlicher, solidarischer.
Und was mich betrifft, ich sage das jetzt im Spass: Ich war
20 Jahre mit Regis Schleicher verheiratet, aber ich habe 20
Jahre mit Nathalie Ménigon zusammen gelebt. Zusammen
haben wir Tag für Tag eine äußerst solide
Beziehung als Genossinnen hergestellt.
Wie deine Genoss/innen warst Du jahrelang in totaler Isolation.
Wie hast Du das erlebt?
Nathalie hatte dafür eine sehr gute Formel. ´Wenn
man isoliert ist, verliert man Zeit, verliert man den Tag
und schließlich sich selbst. In der Isolation hat man
außer den Wärter/innen kein Gegenüber. Man
braucht aber den Blick des Anderen, um leben zu können,
um zu wissen, dass man existiert. Man fragt sich danach am
Ende so vieler Monate, in denen man allein war. Einige schneiden
sich. Nicht unbedingt aus Verzweiflung, einfach um zu sehen,
wie das Blut fließt und damit beweist: Du lebst.
Im Lauf unserer vielen Hungerstreiks habe ich übrigens
gelernt, dass es unmöglich ist, den Körper vom Kopf
zu trennen. Bei einem Streik übernimmt der Kopf die Führung.
Wenn man aufhört, rächt sich der Körper. Und
in der Isolation, wenn der Körper somatisieren kann,
dann ist das nicht unbedingt das Schlimmste. Das Risiko, wenn
es keine Somatisierung gibt, ist, dass der Kopf alles abbekommt.
Bei Georges, das ist klar, ihm ist das nach sechs Jahren Isolation
und mehreren Hungerstreiks passiert.
Wie hast du von der Krankheit erfahren?
Es fing mit Unwohlsein an. Ich sagte mir, das hat nichts
zu bedeuten, nur eine innere Erschöpfung. Und dann bin
ich hingefallen. Im Krankenhaus von Lille wurde eine IRM gemacht
und der Radiologe hat mir einen bösartigen Tumor im Gehirn
verkündet. Ich habe nichts dazu gesagt, er hat es wiederholt,
ich habe nicht reagiert. Und weil er dachte, wegen des Gehirnödems
wäre ich etwas verwirrt, hat er noch mal wiederholt,
was er gesagt hatte: Verstehen Sie? Ich habe gesagt:
Ja, aber was soll ich denn machen? Die Wärterin,
die mich begleitete und die mich eigentlich gut kennt, war
verblüfft. Aber ich reagiere immer sehr kalt, sehr rational,
ohne im mindesten fatalistisch zu sein. Ich frage mich jetzt:
Wie kann ich mich um meine Gesundheit kümmern, was kann
ich nützliches tun. Als die Bullen mich mit Handschellen
an mein Bett ketteten, war es genauso. Rumschreien hätte
nur die anderen Patienten belästigt und ich wäre
außerdem noch an den Füßen gefesselt worden.
Nach dem Bericht der medizinischen Experten zur Aussetzung
der Strafe sieht meine Zukunft düster aus. Mein Anwalt
hatte sogar gezögert, ihn mir zum Lesen zu geben. Aber
ich gehöre zu den Leuten, die lieber wissen, woran sie
sind. Für mich ist es jetzt am besten so ruhig wie möglich
zu leben, umgeben von meiner Familie, von meinen Freunden
und den Hauptteil meiner Energie dafür aufzuwenden, mich
gegen die Krankheit zu wehren.
Wie ist Deine Freilassung abgelaufen?
Ich hatte nicht damit gerechnet, ich hatte überhaupt
keinen Raum dafür gesehen, dass eine/r von uns freigelassen
wird. Die Krankheit hat die Gegebenheiten geändert, ich
sagte mir aber: Vor allem verknüpfe dein Überleben
nicht mit einer Freilassung. Ich habe kaum die Zeit
gehabt, die Hoffnung auf Freilassung und dann die kurzfristige
Freilassung selbst wirklich zu realisieren. Seit meinen ersten
Schritten in Freiheit gab es diese Masse von Journalisten,
Kameras, Blitzlichtern. Ich habe meine Hände vors Gesicht
gehalten. Die Genoss/innen haben mich geschützt. Danach
sind wir zu Freunden gegangen. Leute, die ich seit 20 Jahren
nicht gesehen hatte, waren da, andere, die ich nicht kannte,
begrüßten mich, andere haben angerufen, wir hatten
sehr zerrissene Gespräche. Ich sehe manche Dinge an und
sage mir dabei: Das sehe ich seit 17 Jahren zum ersten
Mal. Das ist außergewöhnlich und vollkommen
normal. Außergewöhnlich ist das davor. Zu einem
durch Mauern begrenzten Horizont, einem tristen Flur und Hofgang
auf Asphalt verurteilt zu sein, Ich bin jetzt in der Position
einer Beobachterin. Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas
in die Hand zu nehmen, ich höre, ich schaue, ich nehme
die Dinge auf. Und dann ermesse ich meine phänomenale
Chance: Ich komme raus und es gibt viele Leute, die ich treffen,
auf die ich zählen kann. Das ist ein riesiger Unterschied
zu den meisten Gefangenen, die in die soziale und finanzielle
Not entlassen werden.
Was machst Du den Tag über?
Ich teile den Tag in Ruhe- und Pflegephasen und das Zusammensein
mit Freunden auf. Ich besuche die, die lange Reisen gemacht
haben, um mich im Gefängnis zu besuchen. Ich bin sogar
nach Korsika und nach Deutschland gefahren. Was ich auch der
Richterin für den Strafvollzug gesagte habe, die mich
regelmäßig vorlädt. Meine GenossI/innen aus
AD, die immer noch exemplarische Strafen erleiden, sind mir
nie aus dem Sinn.
Welchen Blick hast Du auf die Aktionen von AD?
Ethisch und menschlich geht es nicht darum, den Tod von wem
auch immer zu rechtfertigen. Aber ich kann weder Bedauern
noch Reue formulieren, ich würde das als unanständig
empfinden sowohl gegenüber den Opfern als auch denen
gegenüber, die bleiben... Ich trage eine Verantwortung
und zwar nicht nur weil ich verurteilt worden bin, sondern
weil ich zu dieser Organisation gehörte. Zur damaligen
Zeit war das eine Entscheidung, war das die Realität
des Kampfs. Wir dachten, ich dachte, dass es möglich
wäre, eine Gegenmacht hervorzubringen. Wir dachten, wir
könnten die Barrikade verteidigen. Mir ist vollkommen
bewusst, dass ich hier im Vagen bleibe. Es fehlt der historische
und politische Kontext der Atmosphäre der 80er Jahre.
Ich könnte das erklären, aber das würde viele
Seiten füllen. Außerdem ist AD nicht aus dem Nichts
aufgetaucht. Wir gehörten einer langen Geschichte an
und wir waren viele, die an einen Elan glaubten, mit ihm rechneten,
der schließlich nicht kam. Unsere Hypothese ist gescheitert.
Das ist klar. Aber ich kann nicht auf 17 und sogar 20 Jahre
meines Lebens pfeifen. Ich würde mich fragen: All
das für nichts? Nichtsdestoweniger gibt es nichts,
das ich verleugnen müsste. Und wenn es nur das wäre,
dass der Druck zum Abschwören während dieser 17
Jahre in unseren Haftbedingungen sehr präsent war. Heute
sind meine Genossen immer noch damit konfrontiert.
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Im Rahmen der Initiative für die
Freiheit der Gefangenen aus Action Directe wurde von Freund/innen
und Genoss/innen das oben abgebildete Plakat hergestellt.
Ebenso eine Broschüre mit Texten. Beides kann über
Libertad! bestellt werden. |
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