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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 13
Joëlle Aubron (Action Directe), im Juni aus medizinischen Gründen freigelassen
„Das Gefängnis ist keine tote Zeit“
[ Inhalt Nr. 14.]

Nach 17 Jahren Haft, die letzten Jahre im Gefängnis von Bapaume (Pas-de-Calais), wurde Joëlle Aubron am 14. Juni freigelassen. Vorzeitig, und nur weil das Ex-Mitglied von Action Directe (AD) im Knast an Krebs erkrankte. Ärzte hatten Metastasen im Gehirn entdeckt. Verurteilt war die jetzt 45jährige Joëlle Aubron u.a. wegen Teilnahme an den Aktionen von AD aus den Jahren 1985 und 1986 gegen General René Audran, Generalinspektor der Armee, und Georges Besse, Chef von Renault. Beide wurden bei den Aktionen getötet. Joëlle Aubron hatte dafür, wie auch ihre Genoss/innen aus AD, „Lebenslänglich“ bekommen.

Ein Besuch in der Verbannung

Würden wir pünktlich sein? Wir hatten ausgemacht, dass wir Joëlle Aubron vom Zug abholen. Nach gut 600 km Fahrt in die französische Provinz waren wir natürlich nicht pünktlich. Zuerst fanden wir sie nicht. Dann sahen wir ein kleines Grüppchen Menschen an einem Brunnen sitzen. Wir erkannten Joëlle, sie uns. Unsere Begrüßung unterbrach ihr Gespräch nur kurz. Die arabischstämmigen jungen Männer hatten sie vor wenigen Tagen im Fernsehen gesehen, wiedererkannt und angesprochen. Sie waren interessiert an Action Directe, hatten schon einiges gelesen. So tauschten sie mit Joëlle Internetadressen aus. Vielleicht sogar eine typische Szene; ähnliches erlebte sie in den Wochen seit ihrer Entlassung öfters.

Joëlle Aubron lebt gegenwärtig bei ihren Eltern in einem kleinen Dorf. In den ersten drei Monaten konnte sie reisen, einige ihrer gefangenen Genoss/innen besuchen, auch nach Korsika und Deutschland fahren. Jetzt ist das Dorf ihrer Eltern zu einem Verbannungsort geworden. Kurz vor unserem Besuch hatte die zuständige Strafvollstreckungskammer beschlossen, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken. Nach Beratung mit den „Opferanwälten“ von Audran und Besse, vermutlich sogar auf ihre Initiative, wurde gegen Joëlle Aubron verfügt, dass sie sich nur frei innerhalb des Departments (vergleichbar mit deutschen Landkreisen) bewegen darf. Verlassen darf sie es ausschließlich aus medizinischen Gründen, zu Untersuchungen und Behandlungen.
Während unseres zweitägigen Besuches drehte es sich deshalb viel um die Konsequenzen dieser Verfügung. Kann sie jetzt noch ihre Genoss/innen im Knast besuchen, mit ihnen die Diskussionen fortführen? Wie läßt sich die notwendige Begleitung organisieren, wenn sie in die Großstädte zur Behandlung muss? Bleibt jetzt alles an den Eltern hängen?

Für den Februar planen die Gefangenen aus Action Directe und das Unterstützungskomitee eine erneute Initiatve für ihre Freilassung. Dann haben sie alle die vorgeschriebene Mindestfrist von 18 Jahren abgesessen. In den nächsten Wochen wird das Komitee mit den Kampagnenvorstellungen an die Öffentlichkeit gehen. Dabei wird auf die Erfahrungen mit der Kampagne in den Monaten vor der Entlassung von Joëlle Aubron aufgebaut. Für französische Verhältnisse war die Mobilisierung und erreichte Öffentlichkeit ausgesprochen gut. In den Jahren zuvor war es den Gefangenen aus Action Directe trotz zahlreicher Hungertreiks nie gelungen eine gesellschaftliche Reibung zu erzeugen, z.B. gerade an der Frage ihrer Haftbedingungen. Jetzt, bedingt durch die lange Haftzeit und die lebensbedrohende Erkrankung entzündete sich öffentliche Empörung, weil gleichzeitig Nazi-Kollobateure wegen Krankheit entlassen wurden. Immer noch gilt auch für Frankreich, was in Deutschland Usus ist: gefangene Revolutionär/innen müssen abschwören oder sterbenskrank sein, bevor sie rausgelassen werden. Das Interview übernahmen wir aus Libération vom 28.08.04.


Wie vergeht die Zeit im Gefängnis?

Unsere Strafe wusste ich schon in dem Moment, wo sie mir Handschellen angelegt haben. Das war später keine Überraschung mehr. Ich habe die Gefängniszeit wie eine lange Strecke gesehen, die Kurven habe ich im Laufe der Jahre genommen. Das Prinzip war, immer genug Energie aufzubringen, um die Mauern von sich fernzuhalten. Wenn ich auf dem Flur der Abteilung herumlief um nachzudenken, habe ich gesehen, wie die Frauen dort herumhingen, vor allem am Wochenende, und auf irgend etwas warteten... Ich habe mich nie gelangweilt. Ich hatte immer einen Haufen Sachen zu tun: lesen, auf Post antworten, Texte übersetzen, Kollagen machen, Aquarelle zeichnen und außerdem diese nicht enden wollenden Anträge. Wegen alles und jedem: Bücher hereinbekommen oder herausgeben. Für Einkäufe oder um eine Besuchsverlängerung zu bekommen. Das ist eine systematisch organisierte Abhängigkeit, gegen die man kämpfen muss. Trotzdem ist das Gefängnis keine tote Zeit. Im schlimmsten Fall passt sich der Stoffwechsel an diese Verlangsamung an.


Wie sind die Beziehungen unter den gefangenen Frauen?

Viele der Frauen wurden vergessen. Übrigens, im Gegensatz zu den Männergefängnissen sind die Besuchszeiten niemals voll ausgebucht. In den fast vier Jahren in Bapaume hatte ich nur einmal Schwierigkeiten einen Besuch zu verlängern, weil die Besucherzellen belegt waren. Das affektive Elend ist so groß, dass man sich über den Mangel an Solidarität unter den Gefangenen nicht wundern darf. Aber als unsere Genoss/innen im September vor den Mauern von Bapaume demonstrierten, waren die Frauen glücklich. Sie waren berührt davon, dass nach so vielen Jahren Leute draußen an uns denken und uns ihre Solidarität zeigen. Das war ein Fest, als wenn auch sie aus dem Vergessen auftauchten, die Stimmung hat sich danach verändert. Sie war fröhlicher, solidarischer. Und was mich betrifft, ich sage das jetzt im Spass: Ich war 20 Jahre mit Regis Schleicher verheiratet, aber ich habe 20 Jahre mit Nathalie Ménigon zusammen gelebt. Zusammen haben wir Tag für Tag eine äußerst solide Beziehung als Genossinnen hergestellt.

Wie deine Genoss/innen warst Du jahrelang in totaler Isolation. Wie hast Du das erlebt?

Nathalie hatte dafür eine sehr gute Formel. ´Wenn man isoliert ist, verliert man Zeit, verliert man den Tag und schließlich sich selbst. In der Isolation hat man außer den Wärter/innen kein Gegenüber. Man braucht aber den Blick des Anderen, um leben zu können, um zu wissen, dass man existiert. Man fragt sich danach am Ende so vieler Monate, in denen man allein war. Einige schneiden sich. Nicht unbedingt aus Verzweiflung, einfach um zu sehen, wie das Blut fließt und damit beweist: „Du lebst.“ Im Lauf unserer vielen Hungerstreiks habe ich übrigens gelernt, dass es unmöglich ist, den Körper vom Kopf zu trennen. Bei einem Streik übernimmt der Kopf die Führung. Wenn man aufhört, rächt sich der Körper. Und in der Isolation, wenn der Körper somatisieren kann, dann ist das nicht unbedingt das Schlimmste. Das Risiko, wenn es keine Somatisierung gibt, ist, dass der Kopf alles abbekommt. Bei Georges, das ist klar, ihm ist das nach sechs Jahren Isolation und mehreren Hungerstreiks passiert.

Wie hast du von der Krankheit erfahren?

Es fing mit Unwohlsein an. Ich sagte mir, das hat nichts zu bedeuten, nur eine innere Erschöpfung. Und dann bin ich hingefallen. Im Krankenhaus von Lille wurde eine IRM gemacht und der Radiologe hat mir einen bösartigen Tumor im Gehirn verkündet. Ich habe nichts dazu gesagt, er hat es wiederholt, ich habe nicht reagiert. Und weil er dachte, wegen des Gehirnödems wäre ich etwas verwirrt, hat er noch mal wiederholt, was er gesagt hatte: „Verstehen Sie?“ Ich habe gesagt: „Ja, aber was soll ich denn machen?“ Die Wärterin, die mich begleitete und die mich eigentlich gut kennt, war verblüfft. Aber ich reagiere immer sehr kalt, sehr rational, ohne im mindesten fatalistisch zu sein. Ich frage mich jetzt: Wie kann ich mich um meine Gesundheit kümmern, was kann ich nützliches tun. Als die Bullen mich mit Handschellen an mein Bett ketteten, war es genauso. Rumschreien hätte nur die anderen Patienten belästigt und ich wäre außerdem noch an den Füßen gefesselt worden.
Nach dem Bericht der medizinischen Experten zur Aussetzung der Strafe sieht meine Zukunft düster aus. Mein Anwalt hatte sogar gezögert, ihn mir zum Lesen zu geben. Aber ich gehöre zu den Leuten, die lieber wissen, woran sie sind. Für mich ist es jetzt am besten so ruhig wie möglich zu leben, umgeben von meiner Familie, von meinen Freunden und den Hauptteil meiner Energie dafür aufzuwenden, mich gegen die Krankheit zu wehren.

Wie ist Deine Freilassung abgelaufen?

Ich hatte nicht damit gerechnet, ich hatte überhaupt keinen Raum dafür gesehen, dass eine/r von uns freigelassen wird. Die Krankheit hat die Gegebenheiten geändert, ich sagte mir aber: „Vor allem verknüpfe dein Überleben nicht mit einer Freilassung.“ Ich habe kaum die Zeit gehabt, die Hoffnung auf Freilassung und dann die kurzfristige Freilassung selbst wirklich zu realisieren. Seit meinen ersten Schritten in Freiheit gab es diese Masse von Journalisten, Kameras, Blitzlichtern. Ich habe meine Hände vors Gesicht gehalten. Die Genoss/innen haben mich geschützt. Danach sind wir zu Freunden gegangen. Leute, die ich seit 20 Jahren nicht gesehen hatte, waren da, andere, die ich nicht kannte, begrüßten mich, andere haben angerufen, wir hatten sehr zerrissene Gespräche. Ich sehe manche Dinge an und sage mir dabei: „Das sehe ich seit 17 Jahren zum ersten Mal.“ Das ist außergewöhnlich und vollkommen normal. Außergewöhnlich ist das davor. Zu einem durch Mauern begrenzten Horizont, einem tristen Flur und Hofgang auf Asphalt verurteilt zu sein, Ich bin jetzt in der Position einer Beobachterin. Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas in die Hand zu nehmen, ich höre, ich schaue, ich nehme die Dinge auf. Und dann ermesse ich meine phänomenale Chance: Ich komme raus und es gibt viele Leute, die ich treffen, auf die ich zählen kann. Das ist ein riesiger Unterschied zu den meisten Gefangenen, die in die soziale und finanzielle Not entlassen werden.

Was machst Du den Tag über?

Ich teile den Tag in Ruhe- und Pflegephasen und das Zusammensein mit Freunden auf. Ich besuche die, die lange Reisen gemacht haben, um mich im Gefängnis zu besuchen. Ich bin sogar nach Korsika und nach Deutschland gefahren. Was ich auch der Richterin für den Strafvollzug gesagte habe, die mich regelmäßig vorlädt. Meine GenossI/innen aus AD, die immer noch exemplarische Strafen erleiden, sind mir nie aus dem Sinn.

Welchen Blick hast Du auf die Aktionen von AD?

Ethisch und menschlich geht es nicht darum, den Tod von wem auch immer zu rechtfertigen. Aber ich kann weder Bedauern noch Reue formulieren, ich würde das als unanständig empfinden sowohl gegenüber den Opfern als auch denen gegenüber, die bleiben... Ich trage eine Verantwortung und zwar nicht nur weil ich verurteilt worden bin, sondern weil ich zu dieser Organisation gehörte. Zur damaligen Zeit war das eine Entscheidung, war das die Realität des Kampfs. Wir dachten, ich dachte, dass es möglich wäre, eine Gegenmacht hervorzubringen. Wir dachten, wir könnten die Barrikade verteidigen. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich hier im Vagen bleibe. Es fehlt der historische und politische Kontext der Atmosphäre der 80er Jahre. Ich könnte das erklären, aber das würde viele Seiten füllen. Außerdem ist AD nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Wir gehörten einer langen Geschichte an und wir waren viele, die an einen Elan glaubten, mit ihm rechneten, der schließlich nicht kam. Unsere Hypothese ist gescheitert. Das ist klar. Aber ich kann nicht auf 17 und sogar 20 Jahre meines Lebens pfeifen. Ich würde mich fragen: „All das für nichts?“ Nichtsdestoweniger gibt es nichts, das ich verleugnen müsste. Und wenn es nur das wäre, dass der Druck zum Abschwören während dieser 17 Jahre in unseren Haftbedingungen sehr präsent war. Heute sind meine Genossen immer noch damit konfrontiert.

Im Rahmen der Initiative für die Freiheit der Gefangenen aus Action Directe wurde von Freund/innen und Genoss/innen das oben abgebildete Plakat hergestellt. Ebenso eine Broschüre mit Texten. Beides kann über Libertad! bestellt werden.

 


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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