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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 11
Von Subhi al-Zobaidi
Ein Kampf aus der Erinnerung
[ Inhalt Nr.14.]

Rund 3.000 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen befanden sich im August im Hungerstreik gegen die Haftbedingungen. Löste ihr Protest auch in Palästina etwas aus?

Foto: Foto: Der Zaun bei Abu Dis (Jerusalem)
Hofgang für Millionen. Der israelische Mauerbau zerschneidet die palästinensische Westbank. Auf einer geplanten Gesamtlänge von 780 km wird der Trennungswall, der in einzelnen Abschnitten eine acht Meter hohe Mauer bildet, die besetzten Gebiete vollständig einschließen. Geht es nach der Regierung Sharon, sollen vier Millionen Palästinenser auf der Westbank lediglich drei größere Enklaven verbleiben, denen mit dem Gazastreifen eine begrenzte „Unabhängikeit“ gewährt wird. Einem zukünftigen Palästina droht damit die Perspektive der „Homelands“ aus der südafrikanischen Vergangenheit.


Vor einigen Jahren beauftragte mich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), einen Film über Leben und Erfahrungen von palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen zu drehen. Damals waren Tausende freigekommen, als Folge der israelisch-palästinensischen Oslo-Abkommen von 1993. Ein neu gegründetes palästinensisches Ministerium für Gefangenenangelegenheiten sollte die Freigelassenen unterstützen. Millionen von US-Dollars wurden in Projekte gepumpt, die die Gefangenen rehabilitieren und wieder in die Gesellschaft eingliedern sollten. Während ich an diesem Film arbeitete, wurde mir klar, wie wenig tatsächlich gegen die eigentlichen Probleme dieser Menschen getan wurde. Die meisten Projekte scheiterten, weil sie die Probleme ehemaliger Gefangener als Schicksale Einzelner angingen - und nicht als Problem der ganzen Gesellschaft.
Laut IKRK-Statistiken waren zwischen 1967 und 2000 über 500.000 Palästinenser/innen in israelischer Gefangenschaft, und zwar für durchschnittlich 333 Tage. Viele befanden sich in „Administrativhaft“, ohne Anklage, ohne Vergehen. Anders gesagt: Eine halbe Million Jahre palästinensischer Leben wurden in israelischen Gefängnissen verbracht. Was mag in einer Gesellschaft passieren, aus der Menschen zu hunderttausenden weggesperrt werden? Stellen Sie sich ein Sagenwesen vor, das 500.000 Jahre in Gefangenschaft lebt - was würde wohl aus ihm werden? Oder stellen Sie sich eine Bevölkerung von 500.000 Menschen vor, die alle gleichzeitig zu einem Jahr Gefängnis verurteilt werden. Das sind gruselige Sciencefiction-Szenarien.

Erinnerung an eine frühere Zeit

Doch diese Tragödie war Realität, und sie wird weiterhin produziert. Der israelische Minister für innere Sicherheit, Tzahi Hanegbi, erklärte zu Beginn des Hungerstreiks der palästinensischen Gefangenen, „sie können streiken, bis sie sterben“. Es ist bemerkenswert, wie leicht und en passant ein israelischer Politiker heute eine/n Palästinenser/in sterben lassen kann - oder umbringen, wie die in den letzten Monaten als Terroristen bezeichneten Männer. All diese Hinrichtungen werden außergerichtlich vollstreckt, es gibt keinen Prozess. Die Urteile fallen im Feld, in öffentlichen Äußerungen, in Witzen und Filmen.

Beim Problem der palästinensischen Gefangenen geht es um weit mehr als um die mitternächtlichen Durchsuchungen von nackten Häftlingen. Der Begriff Gefängnis greift in der palästinensischen Gesellschaft zu kurz, denn die Gefangenschaft ist zu vielschichtig: politisch, ethnisch, wirtschaftlich und auch philosophisch.

In der früheren revolutionären Romantik lernten wir Palästinenser/innen gar, die Härte der Gefangenschaft zu mögen. Fast alle kannten das Lied „O beherrschende Dunkelheit des Gefängnisses, wir haben gelernt, dich zu schätzen“. Wir sangen es wie ein Liebeslied, denn wir alle ahnten, dass wir wohl früher oder später ins Gefängnis kommen würden. Besser, man kommt gerne dorthin. Das Gefängnis wurde zu einer Auszeichnung, und ein/e freigelassene/r Gefangene/r besaß gesellschaftliche Anerkennung. Es gelang den Israelis nie, diese Gedanken zu brechen - dies gelang nur den Palästinenser/innen selber. Genau genommen erreichten es die Autonomiebehörden mit der falschen Art, wie sie mit dem Phänomen Gefängnis umgingen. Ehemalige Gefangene beschreiben die Periode der Oslo-Verhandlungen als die bitterste Zeit. Die Gefangenen wurden zur Verhandlungsmasse, und wer nicht freigelassen wurde, fühlte die Bitterkeit von Verrat, und nicht mehr den Trost der Revolutionsromantik.
Mit dem neuen, aus dem Exil gekommenen Establishment der Autonomiebehörden schwand das Gefängnis als Angelpunkt des politischen Lebens. Vorher, von Mitte der siebziger bis Mitte der neunziger Jahre, agierte die politische Führung in der Westbank und im Gasastreifen aus dem Gefängnis heraus. In den Jahren der ersten Intifada ab 1987 beherrschte das Gefängnis die Straße. Während das Gefängnis für Israel der Ort war, an dem es die palästinensische Gefahr zu bannen können glaubte, war es in Palästina ein Organ, ohne das ein junger Mann nicht funktionieren konnte.

Der Hungerstreik brachte die Erinnerung an jene Zeit zurück, als die Führung an vorderster Front kämpfte. Heute, mit einer geschlagenen Führung, mit einer an den Rand gedrängten Öffentlichkeit, erinnert der Streik die Menschen - zumindest einige - an die Zeiten, als die Palästinenser stark und fähig waren, ohne Waffen und Geld zu kämpfen. Dem Hungerstreik wird es allerdings kaum gelingen, eine andere Behandlung der palästinensischen Gefangenen durchzusetzen. Einige Erleichterungen werden kommen, doch keine dramatischen Änderungen. Aber schlimmer ist, dass die Gefangenen alleine kämpfen, ohne eine Führung, die sie von außen unterstützen könnte, und ohne dass sich die Leute für sie die Strassen erkämpfen. Bei allem Respekt für die Solidaritätsaktionen von Tausenden: Die Gefangenen kämpften alleine - oder vielleicht kämpften sie, weil sie entdeckt haben, dass sie alleine sind.

Viele hoffen, dass der Hungerstreik nicht nur ein Schritt zu einer wiedererstarkten Widerstandsbewegung ist, sondern zu einem anderen Widerstandskonzept. Es war ein Zufall, dass Aron Ghandi, der Enkel des Mahatma Gandhi, gerade jetzt Palästina besuchte, um gegen den Bau der Mauer zu protestieren. In seinen Reden bezog er sich oft auf seinen Großvater, er sprach von Gewaltlosigkeit und friedlichem Widerstand, von der versteckten Kraft in uns.

Der palästinensische Filmemacher Subhi al-Zobaidi lebt in Ramallah


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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