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Rund 3.000 palästinensische Gefangene in israelischen
Gefängnissen befanden sich im August im Hungerstreik
gegen die Haftbedingungen. Löste ihr Protest auch in
Palästina etwas aus?
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| Hofgang für Millionen. Der israelische Mauerbau
zerschneidet die palästinensische Westbank. Auf einer
geplanten Gesamtlänge von 780 km wird der Trennungswall,
der in einzelnen Abschnitten eine acht Meter hohe Mauer
bildet, die besetzten Gebiete vollständig einschließen.
Geht es nach der Regierung Sharon, sollen vier Millionen
Palästinenser auf der Westbank lediglich drei größere
Enklaven verbleiben, denen mit dem Gazastreifen eine begrenzte
Unabhängikeit gewährt wird. Einem
zukünftigen Palästina droht damit die Perspektive
der Homelands aus der südafrikanischen
Vergangenheit. |
Vor einigen Jahren beauftragte mich das Internationale Komitee
vom Roten Kreuz (IKRK), einen Film über Leben und Erfahrungen
von palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen
zu drehen. Damals waren Tausende freigekommen, als Folge der
israelisch-palästinensischen Oslo-Abkommen von 1993.
Ein neu gegründetes palästinensisches Ministerium
für Gefangenenangelegenheiten sollte die Freigelassenen
unterstützen. Millionen von US-Dollars wurden in Projekte
gepumpt, die die Gefangenen rehabilitieren und wieder in die
Gesellschaft eingliedern sollten. Während ich an diesem
Film arbeitete, wurde mir klar, wie wenig tatsächlich
gegen die eigentlichen Probleme dieser Menschen getan wurde.
Die meisten Projekte scheiterten, weil sie die Probleme ehemaliger
Gefangener als Schicksale Einzelner angingen - und nicht als
Problem der ganzen Gesellschaft.
Laut IKRK-Statistiken waren zwischen 1967 und 2000 über
500.000 Palästinenser/innen in israelischer Gefangenschaft,
und zwar für durchschnittlich 333 Tage. Viele befanden
sich in Administrativhaft, ohne Anklage, ohne
Vergehen. Anders gesagt: Eine halbe Million Jahre palästinensischer
Leben wurden in israelischen Gefängnissen verbracht.
Was mag in einer Gesellschaft passieren, aus der Menschen
zu hunderttausenden weggesperrt werden? Stellen Sie sich ein
Sagenwesen vor, das 500.000 Jahre in Gefangenschaft lebt -
was würde wohl aus ihm werden? Oder stellen Sie sich
eine Bevölkerung von 500.000 Menschen vor, die alle gleichzeitig
zu einem Jahr Gefängnis verurteilt werden. Das sind gruselige
Sciencefiction-Szenarien.
Erinnerung an eine frühere Zeit
Doch diese Tragödie war Realität, und sie wird
weiterhin produziert. Der israelische Minister für innere
Sicherheit, Tzahi Hanegbi, erklärte zu Beginn des Hungerstreiks
der palästinensischen Gefangenen, sie können
streiken, bis sie sterben. Es ist bemerkenswert, wie
leicht und en passant ein israelischer Politiker heute eine/n
Palästinenser/in sterben lassen kann - oder umbringen,
wie die in den letzten Monaten als Terroristen bezeichneten
Männer. All diese Hinrichtungen werden außergerichtlich
vollstreckt, es gibt keinen Prozess. Die Urteile fallen im
Feld, in öffentlichen Äußerungen, in Witzen
und Filmen.
Beim Problem der palästinensischen Gefangenen geht es
um weit mehr als um die mitternächtlichen Durchsuchungen
von nackten Häftlingen. Der Begriff Gefängnis greift
in der palästinensischen Gesellschaft zu kurz, denn die
Gefangenschaft ist zu vielschichtig: politisch, ethnisch,
wirtschaftlich und auch philosophisch.
In der früheren revolutionären Romantik lernten
wir Palästinenser/innen gar, die Härte der Gefangenschaft
zu mögen. Fast alle kannten das Lied O beherrschende
Dunkelheit des Gefängnisses, wir haben gelernt, dich
zu schätzen. Wir sangen es wie ein Liebeslied,
denn wir alle ahnten, dass wir wohl früher oder später
ins Gefängnis kommen würden. Besser, man kommt gerne
dorthin. Das Gefängnis wurde zu einer Auszeichnung, und
ein/e freigelassene/r Gefangene/r besaß gesellschaftliche
Anerkennung. Es gelang den Israelis nie, diese Gedanken zu
brechen - dies gelang nur den Palästinenser/innen selber.
Genau genommen erreichten es die Autonomiebehörden mit
der falschen Art, wie sie mit dem Phänomen Gefängnis
umgingen. Ehemalige Gefangene beschreiben die Periode der
Oslo-Verhandlungen als die bitterste Zeit. Die Gefangenen
wurden zur Verhandlungsmasse, und wer nicht freigelassen wurde,
fühlte die Bitterkeit von Verrat, und nicht mehr den
Trost der Revolutionsromantik.
Mit dem neuen, aus dem Exil gekommenen Establishment der Autonomiebehörden
schwand das Gefängnis als Angelpunkt des politischen
Lebens. Vorher, von Mitte der siebziger bis Mitte der neunziger
Jahre, agierte die politische Führung in der Westbank
und im Gasastreifen aus dem Gefängnis heraus. In den
Jahren der ersten Intifada ab 1987 beherrschte das Gefängnis
die Straße. Während das Gefängnis für
Israel der Ort war, an dem es die palästinensische Gefahr
zu bannen können glaubte, war es in Palästina ein
Organ, ohne das ein junger Mann nicht funktionieren konnte.
Der Hungerstreik brachte die Erinnerung an jene Zeit zurück,
als die Führung an vorderster Front kämpfte. Heute,
mit einer geschlagenen Führung, mit einer an den Rand
gedrängten Öffentlichkeit, erinnert der Streik die
Menschen - zumindest einige - an die Zeiten, als die Palästinenser
stark und fähig waren, ohne Waffen und Geld zu kämpfen.
Dem Hungerstreik wird es allerdings kaum gelingen, eine andere
Behandlung der palästinensischen Gefangenen durchzusetzen.
Einige Erleichterungen werden kommen, doch keine dramatischen
Änderungen. Aber schlimmer ist, dass die Gefangenen alleine
kämpfen, ohne eine Führung, die sie von außen
unterstützen könnte, und ohne dass sich die Leute
für sie die Strassen erkämpfen. Bei allem Respekt
für die Solidaritätsaktionen von Tausenden: Die
Gefangenen kämpften alleine - oder vielleicht kämpften
sie, weil sie entdeckt haben, dass sie alleine sind.
Viele hoffen, dass der Hungerstreik nicht nur ein Schritt
zu einer wiedererstarkten Widerstandsbewegung ist, sondern
zu einem anderen Widerstandskonzept. Es war ein Zufall, dass
Aron Ghandi, der Enkel des Mahatma Gandhi, gerade jetzt Palästina
besuchte, um gegen den Bau der Mauer zu protestieren. In seinen
Reden bezog er sich oft auf seinen Großvater, er sprach
von Gewaltlosigkeit und friedlichem Widerstand, von der versteckten
Kraft in uns.
Der palästinensische Filmemacher Subhi al-Zobaidi
lebt in Ramallah
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