.: Hallo :.

Thursday, den 04.12.2008 - 02:01



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 11
Von Abed Othman
Die belagerte Gesellschaft
[ Inhalt Nr.14.]

Vor fünf Jahren hatte ich meine Familie im Flüchtlingslager Balata, nahe Nablus, zuletzt besucht. Diesmal habe ich zum ersten Mal seit 27 Jahren die jordanische Grenze überquert.

Foto: Foto: Der Zaun bei Abu Dis (Jerusalem)
Hofgang für Millionen. Der israelische Mauerbau zerschneidet die palästinensische Westbank. Auf einer geplanten Gesamtlänge von 780 km wird der Trennungswall, der in einzelnen Abschnitten eine acht Meter hohe Mauer bildet, die besetzten Gebiete vollständig einschließen. Geht es nach der Regierung Sharon, sollen vier Millionen Palästinenser auf der Westbank lediglich drei größere Enklaven verbleiben, denen mit dem Gazastreifen eine begrenzte „Unabhängikeit“ gewährt wird. Einem zukünftigen Palästina droht damit die Perspektive der „Homelands“ aus der südafrikanischen Vergangenheit.


Schon damals mussten Reisende manchmal eine Nacht oder länger an der Grenze verbringen, weil die Israelis nicht so viele Menschen durchlassen wollten. „An der Brücke schlafen“ nannte man das, ohne Decken, Wasser oder Toiletten.
Ich brauchte dieses Mal nicht an der Grenze zu Jordanien zu schlafen, dank meines deutschen Passes, aber stundenlang warten musste ich trotzdem. Nun muss man überall auf der Welt an Grenzen warten. An dieser Grenze gibt es jedoch keinen vernünftigen Grund. An den Schaltern arbeiten eindeutig zu wenige Soldaten, um die vielen Reisenden abzufertigen; die Militärs stellen überflüssige Fragen, die nichts mit der Sicherheit zu tun haben, und sie arbeiteten demonstrativ langsam, um die Menschen zu schikanieren. Um die „Grenzhalle“ zu durchqueren, benötigte ich fünf Stunden. Alle ohne fremden Pass mussten viel länger warten.

In Palästina gibt es viele Grenzen. Überquert man eine, kommt schon die nächste, nämlich die Checkpoints, sowohl die „festen“, als auch die „fliegenden“. Alle Städte sind belagert. Es ist nicht möglich, hinein oder heraus zu kommen, ohne auf einen Checkpoint zu stoßen. Die ehemaligen autonomen Städte sind nur noch große Gefängnisse. Es ist so gut wie unmöglich, etwas zu planen. Die Israelis besitzen nicht nur das Land, sondern auch die Zeit der Palästinenser/innen. Sie entscheiden, ob jemand eine Stunde oder einen Tag für eine Strecke von zehn Kilometern braucht. Ich habe fast sieben Stunden gebraucht, um den Hewara-Checkpoint zu überqueren, der Nablus vom Norden aus kontrolliert.

Ich habe Menschen getroffen, die die Stadt und ihr Flüchtlingslager seit vier Jahren nicht verlassen haben, es sei denn, sie wurden verhaftet und in ein Gefängnis gebracht, um nach ein paar Wochen oder Monaten wieder freigelassen zu werden. Die Mehrheit der fast 10.000 Menschen, die in den vergangenen vier Jahren verhaftet wurden, gehört zu dieser Kategorie. Die Mehrheit der fast 8.000 Palästinenser/innen, die sich z.Zt. in israelischen Gefängnissen befinden, hat mit Politik nichts zu tun, geschweige denn mit Terror.

In der Tat verhaftet die israelische Armee tagtäglich Palästinenser/innen. Ich kenne keine einzige Familie, in der nicht mindestens ein/e Angehörige/r inhaftiert wurde. Allein in der Zeit von März bis Oktober 2002 wurden mindestens 1.500 Palästinenser/innen inhaftiert. Einige Gefangene kommen nach ein paar Wochen frei, manche müssen jedoch monatelang in Haft bleiben, die meisten ohne Prozess und ohne Urteil. Viele werden ohne rechtskräftiges Urteil in so genannter Administrativhaft gehalten, ein Überbleibsel der britischen Mandatzeit. Ich traf ehemalige Administrativ-Häftlinge, und sie erzählten, dass diese Haft die schlimmste sei, da man nach sechs Monaten mit der Freilassung rechne, dann aber meist eine Verlängerung bekomme. Wären diese Gefangene „Terroristen“ oder „Kriminelle“, hätte man sie verurteilen müssen, sie sind jedoch allenfalls „politische Gefangene“, deren Existenz Israels Regierung mit aller Vehemenz bestreitet. In den israelischen Gefängnissen befinden sich nicht nur Erwachsene, zur Zeit sind ca. 380 Minderjährige inhaftiert, darunter etwa 80, die sogar unter 16 sind.

Zweierlei Haftbedingungen

Die Verhafteten könnten lange Geschichten über die Brutalität der Armee erzählen. Die Soldaten kommen meistens nachts, sprengen die Haustür oder brechen durch die Wand. Auf dem Weg zum Gefängnis wird der Gefangene geprügelt und brutal gefoltert. Manchmal wird der/die Gefangene erst ins Krankenhaus eingeliefert, bevor er/sie ins Gefängnis kommt. Während meiner drei Wochen in Palästina habe ich viele derartige Geschichten gehört.

Seit vier Jahren sind in den israelischen Gefängnissen keine Familienbesuche erlaubt, die Gefangenen dürfen auch nicht anrufen. Häufig müssen Gefangene beim täglichen Zählappell ihre Kleidung ablegen. Wer diese Prozedur ablehnt, wird zusammengeschlagen und isoliert. Um gegen diese Haftbedingungen und andere unmenschliche Behandlung zu protestieren, traten die Häftlinge Mitte August in einen Hungerstreik.

Die Liste ihrer Forderungen beinhaltete keine einzige politische Forderung. Dieser 18. Hungerstreik seit 1967 dauerte 21 Tage. Israelischen kriminellen Gefangenen sind Familienbesuche gestattet, und sie können so lange sie wollen mit jeder x-beliebigen Person telefonieren. Hunderte von palästinensischen Gefangenen leiden an Krankheiten und bekommen keine medizinische Versorgung, außerdem werden sie sehr schlecht ernährt.

Da ich fünf Jahre lang nicht in Palästina war, konnte ich zahlreiche Änderungen feststellen. Die Zahl der Siedlungen und deren Zufahrtsstraßen ist enorm gestiegen. Aus kleinen Siedlungen sind mittlerweile fast Städte geworden. Die Mauer, die nicht entlang der Grenze von 1967 verläuft, trennt meistens Palästinenser/innen von Palästinenser/innen und hat keine Sicherheitsfunktion, wie Israel behauptet. Sie dient allein dazu, die palästinensische Gesellschaft zu zerstören. Premierminister Sharon spricht zwar vom Abzug aus Gaza, gleichzeitig forciert er die Besetzung der Westbank. Es werden Ländereien beschlagnahmt, und die Mauer zerreißt das verbliebene Land in Hunderte von Fragmenten.

Ich habe seit Jahren regelmäßigen telefonischen Kontakt mit meiner Familie und Freunden in Palästina und dachte deshalb, ich wisse, wie die Lage sei. Aber diese Reise hat mir gezeigt, dass ich in Wahrheit nichts wusste. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, etwas über einen Checkpoint zu hören, oder dort selbst stundenlang zu stehen in der Augustsonne, ohne Wasser und Toiletten - bis ein Soldat, der vielleicht erst vor einem Jahr von irgendwo her nach Israel kam, Dir erlaubt, zu passieren. Durch die Hunderte von Checkpoints und die Massenverhaftungen hat Israel längst ganz Palästina in ein einziges Gefängnis verwandelt.

Der palästinensische Journalist Abed Othman lebt in Köln


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!