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Vor fünf Jahren hatte ich meine Familie im Flüchtlingslager
Balata, nahe Nablus, zuletzt besucht. Diesmal habe ich zum
ersten Mal seit 27 Jahren die jordanische Grenze überquert.
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| Hofgang für Millionen. Der israelische Mauerbau
zerschneidet die palästinensische Westbank. Auf einer
geplanten Gesamtlänge von 780 km wird der Trennungswall,
der in einzelnen Abschnitten eine acht Meter hohe Mauer
bildet, die besetzten Gebiete vollständig einschließen.
Geht es nach der Regierung Sharon, sollen vier Millionen
Palästinenser auf der Westbank lediglich drei größere
Enklaven verbleiben, denen mit dem Gazastreifen eine begrenzte
Unabhängikeit gewährt wird. Einem
zukünftigen Palästina droht damit die Perspektive
der Homelands aus der südafrikanischen
Vergangenheit. |
Schon damals mussten Reisende manchmal eine Nacht oder länger
an der Grenze verbringen, weil die Israelis nicht so viele
Menschen durchlassen wollten. An der Brücke schlafen
nannte man das, ohne Decken, Wasser oder Toiletten.
Ich brauchte dieses Mal nicht an der Grenze zu Jordanien zu
schlafen, dank meines deutschen Passes, aber stundenlang warten
musste ich trotzdem. Nun muss man überall auf der Welt
an Grenzen warten. An dieser Grenze gibt es jedoch keinen
vernünftigen Grund. An den Schaltern arbeiten eindeutig
zu wenige Soldaten, um die vielen Reisenden abzufertigen;
die Militärs stellen überflüssige Fragen, die
nichts mit der Sicherheit zu tun haben, und sie arbeiteten
demonstrativ langsam, um die Menschen zu schikanieren. Um
die Grenzhalle zu durchqueren, benötigte
ich fünf Stunden. Alle ohne fremden Pass mussten viel
länger warten.
In Palästina gibt es viele Grenzen. Überquert man
eine, kommt schon die nächste, nämlich die Checkpoints,
sowohl die festen, als auch die fliegenden.
Alle Städte sind belagert. Es ist nicht möglich,
hinein oder heraus zu kommen, ohne auf einen Checkpoint zu
stoßen. Die ehemaligen autonomen Städte sind nur
noch große Gefängnisse. Es ist so gut wie unmöglich,
etwas zu planen. Die Israelis besitzen nicht nur das Land,
sondern auch die Zeit der Palästinenser/innen. Sie entscheiden,
ob jemand eine Stunde oder einen Tag für eine Strecke
von zehn Kilometern braucht. Ich habe fast sieben Stunden
gebraucht, um den Hewara-Checkpoint zu überqueren, der
Nablus vom Norden aus kontrolliert.
Ich habe Menschen getroffen, die die Stadt und ihr Flüchtlingslager
seit vier Jahren nicht verlassen haben, es sei denn, sie wurden
verhaftet und in ein Gefängnis gebracht, um nach ein
paar Wochen oder Monaten wieder freigelassen zu werden. Die
Mehrheit der fast 10.000 Menschen, die in den vergangenen
vier Jahren verhaftet wurden, gehört zu dieser Kategorie.
Die Mehrheit der fast 8.000 Palästinenser/innen, die
sich z.Zt. in israelischen Gefängnissen befinden, hat
mit Politik nichts zu tun, geschweige denn mit Terror.
In der Tat verhaftet die israelische Armee tagtäglich
Palästinenser/innen. Ich kenne keine einzige Familie,
in der nicht mindestens ein/e Angehörige/r inhaftiert
wurde. Allein in der Zeit von März bis Oktober 2002 wurden
mindestens 1.500 Palästinenser/innen inhaftiert. Einige
Gefangene kommen nach ein paar Wochen frei, manche müssen
jedoch monatelang in Haft bleiben, die meisten ohne Prozess
und ohne Urteil. Viele werden ohne rechtskräftiges Urteil
in so genannter Administrativhaft gehalten, ein Überbleibsel
der britischen Mandatzeit. Ich traf ehemalige Administrativ-Häftlinge,
und sie erzählten, dass diese Haft die schlimmste sei,
da man nach sechs Monaten mit der Freilassung rechne, dann
aber meist eine Verlängerung bekomme. Wären diese
Gefangene Terroristen oder Kriminelle,
hätte man sie verurteilen müssen, sie sind jedoch
allenfalls politische Gefangene, deren Existenz
Israels Regierung mit aller Vehemenz bestreitet. In den israelischen
Gefängnissen befinden sich nicht nur Erwachsene, zur
Zeit sind ca. 380 Minderjährige inhaftiert, darunter
etwa 80, die sogar unter 16 sind.
Zweierlei Haftbedingungen
Die Verhafteten könnten lange Geschichten über
die Brutalität der Armee erzählen. Die Soldaten
kommen meistens nachts, sprengen die Haustür oder brechen
durch die Wand. Auf dem Weg zum Gefängnis wird der Gefangene
geprügelt und brutal gefoltert. Manchmal wird der/die
Gefangene erst ins Krankenhaus eingeliefert, bevor er/sie
ins Gefängnis kommt. Während meiner drei Wochen
in Palästina habe ich viele derartige Geschichten gehört.
Seit vier Jahren sind in den israelischen Gefängnissen
keine Familienbesuche erlaubt, die Gefangenen dürfen
auch nicht anrufen. Häufig müssen Gefangene beim
täglichen Zählappell ihre Kleidung ablegen. Wer
diese Prozedur ablehnt, wird zusammengeschlagen und isoliert.
Um gegen diese Haftbedingungen und andere unmenschliche Behandlung
zu protestieren, traten die Häftlinge Mitte August in
einen Hungerstreik.
Die Liste ihrer Forderungen beinhaltete keine einzige politische
Forderung. Dieser 18. Hungerstreik seit 1967 dauerte 21 Tage.
Israelischen kriminellen Gefangenen sind Familienbesuche gestattet,
und sie können so lange sie wollen mit jeder x-beliebigen
Person telefonieren. Hunderte von palästinensischen Gefangenen
leiden an Krankheiten und bekommen keine medizinische Versorgung,
außerdem werden sie sehr schlecht ernährt.
Da ich fünf Jahre lang nicht in Palästina war,
konnte ich zahlreiche Änderungen feststellen. Die Zahl
der Siedlungen und deren Zufahrtsstraßen ist enorm gestiegen.
Aus kleinen Siedlungen sind mittlerweile fast Städte
geworden. Die Mauer, die nicht entlang der Grenze von 1967
verläuft, trennt meistens Palästinenser/innen von
Palästinenser/innen und hat keine Sicherheitsfunktion,
wie Israel behauptet. Sie dient allein dazu, die palästinensische
Gesellschaft zu zerstören. Premierminister Sharon spricht
zwar vom Abzug aus Gaza, gleichzeitig forciert er die Besetzung
der Westbank. Es werden Ländereien beschlagnahmt, und
die Mauer zerreißt das verbliebene Land in Hunderte
von Fragmenten.
Ich habe seit Jahren regelmäßigen telefonischen
Kontakt mit meiner Familie und Freunden in Palästina
und dachte deshalb, ich wisse, wie die Lage sei. Aber diese
Reise hat mir gezeigt, dass ich in Wahrheit nichts wusste.
Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, etwas über einen
Checkpoint zu hören, oder dort selbst stundenlang zu
stehen in der Augustsonne, ohne Wasser und Toiletten - bis
ein Soldat, der vielleicht erst vor einem Jahr von irgendwo
her nach Israel kam, Dir erlaubt, zu passieren. Durch die
Hunderte von Checkpoints und die Massenverhaftungen hat Israel
längst ganz Palästina in ein einziges Gefängnis
verwandelt.
Der palästinensische Journalist Abed Othman lebt
in Köln
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