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Am 28. September endete im Prozessbunker von Stammheim das
Verfahren gegen Andrea Klump. Der Stuttgarter Staatsschutzsenat
verurteilte die ehemalige Aktivistin aus der antiimperialistischen
Linken zu 12 Jahren Gefängnis. Andrea Klump hatte 1991
einen Anschlag auf einen Bus mit jüdischen Auswanderern
in Budapest unterstützt.
Zu der Tat bekannte sich damals die palästinensische
Bewegung für die Befreiung von Jerusalem.
Bei dem Anschlag traf die ferngezündete 20kg-Bombe nicht
den Auswanderer-Bus, sondern ein Begleitfahrzeug der ungarischen
Polizei. Sechs Menschen wurden dabei zum Teil schwer verletzt.
Andrea Klump war 1999 nach über 10 Jahren Illegalität
in Wien festgenommen worden. Dabei wurde Horst-Ludwig Mayer
von der Polizei erschossen. Beide waren seit Mitte der 1970er
in der antiimperialistischen Linken aktiv gewesen. Sie mobilisierten
in Komitees gegen die NATO-Kriegspolitik und unterstützten
die Gefangenen aus der RAF. Wie viele andere in dieser Zeit,
wurden beide vom Staatsschutz verfolgt und überwacht.
Um sich einer drohenden Verhaftung zu entziehen, tauchten
sie ab - allerdings nicht, um sich der RAF anzuschließen,
wie Andrea Klump im Gericht betonte. Vielmehr hätten
sie und andere Aktivisten auf ein Exil in Lateinamerika
gehofft.
Schlussendlich erklärten sich nur palästinensische
Gruppen zur Aufnahme bereit. Auf Vermittlung der RAF gelangten
sie in den Libanon. Die deutschen Exilanten lebten aus Sicherheitsgründen
getrennt in den palästinensischen Flüchtlingslagern,
und arbeiten als Fahrer, Krankenschwestern oder in Kindergärten.
An den politischen Diskussionen in Europa hatten sie keinen
Anteil mehr.
Mitte der 1990er Jahre hatte sich die politische Situation
in Deutschland verändert. Die militanten Gruppen der
Linken waren zerfallen, die RAF hatte den bewaffneten Kampf
erst ausgesetzt, dann eingestellt und die Aussagen der DDR-Heimkehrer
aus der RAF, die 1989 im Zuge der Wiedervereinigung verhaftet
wurden, machten deutlich, dass die meisten Haftbefehle gegen
vermeintliche RAF-Mitglieder jeder Grundlage entbehrten. Daraufhin
nutzten einige der im Libanon lebenden Ex-Aktivist/innen Kooperationsangebote
des Verfassungsschutzes, andere kamen auf eigene Faust.
Palästinenischer Zwang?
1988 wurde ein Anschlag auf eine von US-Soldaten besuchte
Diskothek bei der spanischen NATO-Basis Rota verübt.
Die Polizei sicherte Spuren von Andrea Klump. Im Jahre 2000
wurde ihr dafür in Stuttgart der erste Prozess gemacht.
Andrea Klump räumte ihre Beteiligung ein und behauptete,
Palästinenser hätten sie dazu gezwungen, und sie
wollte dem Lagerelend entkommen. En passant wurde
eine neue Lesart internationaler Beziehungen in die Historie
der militanten Linken eingeführt. Gerade die internationale
Kooperation war innerhalb der westdeutschen militanten Linken
immer wieder umstritten. Anfang der 1990er Jahre führte
vor allem die Zusammenarbeit der Revolutionären Zellen
mit der Carlos-Gruppe im Zuge der Ermordung des
RZ-Militanten Gerd Albartus zu Debatten.
Andrea Klump ist aber die erste, die eine erpresste Zusammenarbeit
und erzwungene Teilnahme an Aktionen behauptete. Auch wenn
es nahe liegt, diese Behauptungen als verfahrenstechnische
Denunziation zu werten, blieb bis heute die Verleumdung derjenigen
unwidersprochen, die ihr Exil gewährten und mit denen
sie damals zusammenarbeitete. Andrea Klump distanzierte sich
aber nicht allein von ihrer politischen Geschichte. Schon
in diesem ersten Prozess betrieb sie eine Redefinition der
Rolle von Frauen in der militanten Linken als Frauen
an der Seite ihres Mannes. Nach ihrer Aussage war Horst-Ludwig
Mayer derjenige, der es bei der Flucht nach der missglückten
Aktion in Spanien auf eine Schießerei mit der Polizei
ankommen ließ und kurzzeitig eine englische Touristenfamilie
mit einem behinderten Kind als Geisel nahm.
Haushaltshilfe in Budapest
Im September 2003 erhob die BAW die zweite Anklage gegen
Andrea Klump. Mit einem DNA-Testverfahren hatte das BKA unzählige
alte Asservate neu ausgewertet. Die Fahnder waren dabei auf
genetische Spuren von Andrea Klump in einer Wohnung in Budapest
gestoßen, die 1991 offensichtlich zur Vorbereitung des
Anschlages auf russische Auswanderer nach Israel genutzt worden
war. Noch kurz nach der Anklageerhebung, im September 2003,
ließ Andrea Klump durch ihre Anwälte jede Beteiligung
an dieser Aktion vehement bestreiten. Im späteren Verfahren
erklärte sie jedoch, von der Aktion gewusst zu haben.
Sie hätte aber lediglich mit Horst-Ludwig Mayer das Bett
geteilt und ihm den Haushalt geführt. Wieder versuchte
sie auf höchst zweifelhafte Art und Weise die Anklage
der BAW zu revidieren, in dem sie erneut den Mann
zum alleinigen Täter erklärte - und damit nicht
nur ein entsprechendes Männerbild, sondern auch eine
linke Frauenfigur bürgerlicher Lesart bediente: Die Frau
hält dem bombenden Mann Bett und Küche warm und
hat von seinem außerhäusigen Tun keine Ahnung.
Dass diese reaktionäre Selbststilisierung nicht nur frauenfeindlich,
sondern auch ahistorisch ist, was die Rolle der Frauen in
der antiimperialistischen Linken betrifft, schien sie nicht
zu stören. Weitaus ärgerlicher ist je doch, dass
Andrea Klump zwar ihr Mitwissen einräumte, aber mit keinem
Wort auf die Frage einging, warum sie sich als Linke - nicht
zuletzt deutsche Militante - an diesem Anschlag beteiligte.
In dem Reisebus saßen vorwiegend Familien mit kleinen
Kindern, die vom Flughafen in Budapest nach Israel auswandern
wollten.
Einwanderer für Großisrael
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| Eine Sichtweise des Problems. Titelbild-entwurf einer
PFLP-Zeitschrift (1990). |
Die rechtliche Grundlage der israelischen Einwanderungspolitik
ist das 1950 verabschiedete und 1970 ergänzte Gesetz
der Rückkehr, wonach alle Juden und Jüdinnen
der Welt das Recht haben, nach Israel einzuwandern. Seit der
Staatsgründung steht für alle Regierungen in Tel
Aviv fest, dass nur Israel die natürliche Heimat
aller Juden sei. Sie betrieben eine offensive Einwanderungspolitik.
So kamen zwischen 1950 und 1985 fast 2,5 Mio. Menschen ins
Land, 1990 dann etwa 200.000, davon 95 Prozent aus der UdSSR.
Die Einwanderungswelle war damit die größte seit
1951, so dass die jüdische Bevölkerung die Viermillionengrenze
überschritt. Der damalige Ministerpräsident Schamir
verdeutlichte, was sich seine Regierung von der Einreisewelle
versprach: Eine große Aliya braucht ein großes
Israel - d.h. den forcierten Ausbau jüdischer Siedlungen
in den besetzten Gebieten. Die USA unterstützten den
Zuzug sowjetischer Einwanderer mit 400 Mio. US-Dollar. Die
Lösung ist, so viele Immigranten wie möglich
nach Jerusalem zu bringen und aus ihr eine überwältigende
jüdische Stadt zu machen, damit die Palästinenser
sich aus dem Kopf schlagen, Jerusalem wäre etwa
nicht Israels Hauptstadt, so der damalige Jerusalemer
Bürgermeister Kollek - zeitgleich zu Beginn der Oslo-Verhandlungen.
Flucht aus Antisemitismus
Obwohl die israelische Regierung die Einwanderer letztlich
als Humankapital für ihre aggressive Expansionspolitik
benutzte, können die jüdischen Immigranten keinesfalls
zu bewussten Befürwortern der Siedlungsprogramme erklärt
werden. Im besonderen Maße gilt das für die sowjetischen
Einwanderer. Auch in der sozialistischen Sowjetunion war Antisemitismus
immer virulent. Bereits die Mobilisierung des russischen Nationalismus
während des Großen Vaterländischen Krieges
gegen Nazideutschland beinhaltete auch die Rehabilitierung
der vorrevolutionären Geschichte Russlands - und ihrer
reaktionär-chauvinistischen Momente, zu der auch die
blutigen antijüdischen Pogrome der Zarenzeit gehörten.
1944 wurde der Zugang von Jüdinnen und Juden zu leitenden
Funktionen in der KP auf Anordnung von Stalin beschränkt
und blieb Jahrzehnte unmöglich. Immer wieder gab es offizielle
Kampagnen gegen einen angeblichen Kosmopolitismus
oder gegen Angehörige der jüdischen Hochfinanz.
Sich zum Judentum bekennende Sowjets wurden der Konspiration
mit Imperialisten, Kriminellen, subversiven Elementen
und Zionisten beschuldigt. Ende der 1980er Jahre nahm
diese Phraseologie in der UdSSR zwar ab, der Antisemitismus
in der Bevölkerung wurde allerdings nicht bekämpft.
Im Zuge der Perestroika traten vielmehr Gruppen
wie die Patriotische Bewegung Russlands PAMJAT
auf, die sich durch eine Mischung aus Altstalinismus, russischem
Chauvinismus und Neofaschismus auszeichnete. Deren Mitglieder
trugen bei Aufmärschen Transparente wie Nieder
mit den Juden, verkauften die Protokolle der Weisen
von Zion und griffen immer wieder vermeintlich jüdisch
aussehende Passanten an.
In mehreren Abkommen mit Washington und Moskau stellte Israel
ab Ende der 1980er Jahre sicher, dass die Ausreisenden weder
in die USA noch nach Europa emigrieren konten. Hatte doch
die Mehrheit der Auswanderer zuvor angegeben, am liebsten
in die USA ausreisen zu wollen. Diese freie Wahl des Landes
versuchten auch verschiedene jüdische Initiativen zu
unterstützen. So erklärte 1990 ein jüdisches
Komitee für offene Grenzen in Paris und Washington:
Seit dem dreiseitigen Abkommen zwischen den USA, UdSSR
und Israel ... seien fast 100 Prozent der auswandernden sowjetischen
Juden gezwungen, nach Israel einzuwandern. Länder, die
ein mögliches Einwanderungsland sind, seien von der USA
und von Israel aufgefordert worden, die Emigration nach Israel
nicht zu behindern'. Der Text schloss mit dem
Aufruf: Lass mein Volk gehen, wohin es immer will.
Reaktionäre Politik
In den 1980er Jahren erklärten palästinensische
Organisationen mehrfach, sie wollten die Einwanderung sowjetischer
Juden nicht hinnehmen und begriffen sie als einen zionistischen
Angriff, dessen Ziel es sei die palästinensische
Westbank endgültig zu judaisieren. Ziel der
darauffolgenden blutigen Anschlägen waren niemals die
Verantwortlichen für die Reiseabkommen, sondern allein
die ausreisewilligen Emigranten - wie in Budapest oder aber
an Flugschaltern in Wien wenige Jahre zuvor. Anstatt die Funktionalisierung
seitens der israelischen Regierung anzugreifen, machten die
palästinensischen Gruppen die Leidtragenden des russischen
Antisemitismus für die zionistische Siedlungspolitik
verantwortlich. Eine bürgerlich-nationalistische Kriegslogik,
aus der heraus nicht nur die blutigen Kampagnen gegen die
jüdischen Immigranten resultierten, sondern die auch
in jedem aktuellen Selbstmordanschlag zum Tragen kommt: Angst
und Schrecken gegen die gegnerische Bevölkerung, um deren
Führung zu schwächen.
Die gezielte Ermordung von nicht Verantwortung tragenden
Zivilisten sollte kein Mittel des Befreiungskampfes sein.
Und dies nicht allein, weil es Israelis/Juden trifft. Denn
dass Palästinenser versuchen Israelis/Juden zu töten
- und ebenso umgekehrt - liegt im Konflikt begründet.
Und es gibt - historisch gesehen - durchaus Momente, wo es
legitim erscheint, das gegnerische Volk
auch als Feind zu behandeln. Deswegen gibt es auch keine linke
Kritik an den Vertreibungen nach dem 2. Weltkrieg. Und natürlich
nicht an den nordamerikanischen Indianern, weil sie Siedlertrecks
überfielen. Wahrscheinlich nicht einmal, wenn sie z.B.
die Schiffe der Auswanderer in Bremerhaven, die ihrerseits
arme Schlucker und nicht selten religiös Verfolgte waren,
angegriffen hätten.
Auch wenn die Palästinenser also politisch gewichtige
Argumente hatten, die forcierte Einwanderungswelle nach Israel
zu kritisieren, so haben sie dennoch mit den Emigranten die
falschen Ziele angegriffen. Tatsächlich gelten all die
genannten Gründe auch für die Teilnahme von deutschen
Linken an derartigen Anschlägen. Solche Angriffe sind
reaktionär - auch wenn es dabei nichtjüdische Auswanderer
getroffen hätte. Aber weil es sich um Juden gehandelt
hat, ist die Beteiligung vor dem historischen Hintergrund
des Holocaust und des fortwährenden europäischen
Antisemitismus besonders zu verurteilen.
Keine Aussagen zu den Motiven
Andrea Klump hat sich vor Gericht für ihr Mitwissen
entschuldigt. Prozesstaktisch mag das ihr zum Vorteil gereicht
haben, politisch hilft sie damit niemandem, außer sich
selbst. Sie diskreditierte nicht nur den toten Horst-Ludwig
Mayer, sondern überließ es der Linken darüber
zu spekulieren, was sie beide veranlasste, sich an dem Kommando
in Budapest zu beteiligen. Wie die meisten gezwungenen oder
freiwilligen 80er-Jahre-Heimkehrer/innen vor ihr,
distanzierte sie sich von ihren Vorhaben. So bleibt allein
die Entpolitisierung und Umformulierung der Gründe und
Ziele des ehemals eigenen Kampfes. Eine Vermittlung des gesellschaftlichen
wie internationalen Kontextes findet nicht mehr statt. Für
Andrea Klump wie auch für die RAF-Exilanten in der DDR
galt, dass die Entscheidung für das Exil zugleich auch
eine Entscheidung der Entfernung aus dem Prozess der Linken
in Deutschland selbst war. Weder war die RAF dafür verantwortlich,
was die DDR'ler in der DDR machten - etwa ob sie
bis zuletzt dem MfS treu ergeben waren oder in Bürgerrechtsgruppen
arbeiteten. Noch sind die Antiimps dafür
zur Verantwortung zu ziehen, was ihre ehemaligen Aktivist/innen
im Exil trieben. Das enthebt eine bewusste Linke nicht davon,
über die politischen Ursachen und Gründe zu diskutieren,
die deutsche Militante dazu bewegten, an massenfeindlichen
terroristischen Tendenzen teilzunehmen.
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