| Mengenlehre im Empire: Perspektiven einer neuen interventionistischen
Linken?
Der Imperialismus war in der Konfrontation zwischen Nationalstaaten ein
Ausdruck des Nationalstaates. Mit dem Empire, wie es Tonio
Negri und Michael Hardt beschreiben, verändern sich die
Kategorien politischen Handelns und Denkens. Dessen Grundlage
ist ein Weltmarkt, der nicht länger durch die Unterschiede
zwischen Staaten bestimmt wird, sondern durch die weltweite
Ausdehnung des Kapitalismus.
Die emanzipatorische Gegenbewegung zum Empire ist nun die
Multitude - im Wortlaut: die Menge - und wohl einer der meistdiskutiertesten
Begriffe, die in letzter Zeit in die linke Debatte eingeführt
wurden. Verkürzt beschrieben handelt es sich dabei um
die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Wünsche und
Bedürfnisse, die in individuellen und kollektiven Revolten
sichtbar werden. Aber subjektive Wünsche (Subjektivität)
sind nicht per se emanzipatorisch. In jeder Revolte hat es
auch die Elemente der Raserei und Lynchjustiz gegeben. Keine
revolutionäre Erhebung scheint historisch frei von nationalistischen,
rassistischen, gar antisemitischen Elementen gewesen zu sein.
Gleiches gilt für homophobe und sexistische Strukturen,
die klassische Arbeiterbewegung etwa traute nur einer dekadenten
Bourgeoisie die Homosexualität zu und immer waren die
reichen (weißen) Frauen ein besonderes Objekt der Verachtung,
des Spottes, des Begehrens. Und richtig ist auch: Die Subjektivität
hat den Kapitalismus vor sich hergetrieben. Genauso gilt aber,
dass der Kapitalismus diese Subjektivität aufgenommen
und in geordnete Strukturen umgewandelt hat.
Wenn wir Tonio Negri folgen, so verheißt sein Begriff
der Multitude mehr Emphase und ein soziales Subjekt, das sich
in der Vielheit begreifend einer Einheitsstruktur verweigert
und dennoch gemeinsam handeln kann. Dem Theoretiker des italienischen
Operaismus geht es naturgemäß weder um die Masse,
noch um das Fehlen der Organisation. Im Gegenteil: Die Multitude
bekämpft nationale Vorstellungen, überkommene Organisationsformen
und Reminiszenzen. Beste Beispiele für eine solche interventionistische
linke Strömung sind die Globalisierungsproteste von Seattle,
über Genua bis zu den Manifestationen der Weltsozialforen.
In ihnen blieb die Verschiedenheit der einzelnen Gruppen immer
bestehen. Aber sie konnten sich gemeinsam organisieren und
sprachen mit einer Stimme.
Unlängst erschien jetzt das Sequel zum Bestseller Empire:
Auf 420 Seiten entfalten Negri/Hardt nun die Multitude,
den Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. In Zürich
gab Tonio Negri im März dieses Jahres vor vollbesetzten
Rängen einen gedanklichen Ausblick. Wir stellen ihn gerne
zur Diskussion.
Die Redaktion
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| Im staatlichen Sozialismus war die Formel alles -
im Empire ist laut Negri die Mengenlehre die Bewegung. |
In Mailand und auch in Barcelona, Lille und Dublin haben die
Genossen aus den Bewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung
eine Demonstration zum 1. Mai organisiert, die getragen wurde
von den neuen, prekären Arbeitern. Ich meine die Leute,
die sich abrackern und quälen, die es gerade mal so schaffen,
über die Runden zu kommen, die keine Kinder in die Welt
setzen, weil sie Angst haben. Solange wir da mit dem alten
Begriff von Arbeiterklasse herangehen, werden wir herzlich
wenig sehen. Denn in dem Fall wären das alles einfach
Arbeitslose, die, wie man ja weiß, für eine revolutionäre
Politik, für die Veränderung der Welt nur dann gewonnen
werden können, wenn man sie zuvor in die Arbeitswelt
wiedereingegliedert hat, also in eine Welt, von der man zu
wissen glaubt, dass die Solidarität in ihr aus der Produktionsweise
selbst hervorgeht. Doch es hat sich ganz offensichtlich etwas
verändert. Denn heutzutage haben wir beim 1. Mai der
traditionellen Gewerkschaften 30.000 Menschen in Rom - und
in Mailand sind 300.000 beim 1. Mai der prekären Arbeit
auf der Straße.
Was hat sich verändert? Die Ausbeutung betrifft nicht
mehr nur die in der Fabrik, sondern all jene, die innerhalb
der Gesellschaft gezwungen sind zu arbeiten. Der Kapitalismus
heute lebt durch die Arbeit und die Ausbeutung all jener,
die innerhalb der Gesellschaft arbeiten. Wenn wir diese ganz
erstaunliche Veränderung, die sich im Kapitalismus und
in der Gesellschaft ereignet hat, nicht begreifen, dann sind
wir erst recht nicht in der Lage zu verstehen, was Subversion
heißt.
Ein Subjekt der Revolte
Wenn wir von Multitude sprechen, dann meinen wir diese neue
Wirklichkeit der Arbeit. Wir sprechen von der Tatsache, dass
die Ausbeutung sich heute auf jede Einzelne und jeden Einzelnen
konzentriert, indem sie von den Singularitäten ausgeht.
Die Arbeit dieser Singularitäten wird ausgebeutet aufgrund
ihrer Fähigkeiten, ihrer Ausbildung, ihrer Initiative,
ihres Wissens und ihrer Sprachen. Die Organisation der Arbeit
geschieht zugleich nicht mehr von außen, sondern kommt
als Aufforderung zur Selbstausbeutung aus dem Innern dieser
gesellschaftlichen Welt.
Der heutige Kapitalismus schafft Wert, indem die intellektuelle
Kooperation unterworfen wird. Das ist eine grundlegende Veränderung
- eine Veränderung zum Guten! Mein Großvater zum
Beispiel arbeitete als Tagelöhner auf dem Land. Er hat
mir, als ich klein war, erzählt, wie er Zentnerlasten
auf dem Rücken tragen musste, und er hat mir gesagt:
Du musst studieren, damit dir das einmal erspart bleibt.
Die Arbeiter in den Fabriken sabotierten die Produktion, sie
kämpften gegen die Fließbänder. Mit dem Verstand
zu arbeiten ist ein Wunsch, den die Arbeiterklasse sich endlich
erfüllt hat. Die Arbeiterklasse hat niemals die Lohnarbeit
geliebt - niemals! Es ist eine reaktionäre Illusion,
wenn man glaubt, die Arbeiter würden an der Fabrikarbeit
hängen.
Diese Veränderung ist ein enormer Fortschritt. Und es
ist ein Übergang, der von den Kämpfen der Arbeiter/innen
erzwungen wurde - von niemand anders! Die Kapitalisten hätten
liebend gerne weitergemacht wie bisher; nur allzu gerne hätten
sie ihre Fabriken auf die alte Art und Weise weitergeführt,
und den Fordismus, den Taylorismus beibehalten. Aber das war
nicht möglich. Die Fabriken waren unregierbar. Die sechziger
und siebziger Jahre waren Schauplatz dieses ungeheuren Übergangs:
einer grundlegenden Transformation der Produktionsweise. Die
Entdeckung, dass das Kapital allein war und das alle Formen,
unter denen bisher der Reichtum geschaffen wurde, tief in
der Krise steckten, machten es notwendig, eine neue Phase
der Arbeitsorganisation einzuleiten. Diese grundlegende Veränderung
bedeutete zugleich das Ende der hegemonialen Stellung der
alten Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse war in den Bewegungen,
die für die Veränderung kämpften, hegemonial,
weil und solange sie im Zentrum der Arbeitsorganisation stand.
Aber die Arbeiterklasse wurde, und zwar gerade, weil sie selbst
es so wollte, überholt - sie ging über sich selbst
hinaus. Genau hier finden wir unseren Ausgangspunkt, um über
die Multitude nachzudenken.
Beginnen wir unsere Überlegungen bei den Singularitäten,
bei jenen ungeheuren Fähigkeiten, die in den Arbeitsprozess
geworfen und in ihm ausgebeutet werden. Und beginnen wir uns
zu fragen, wie Intelligenz und Kooperation sich widersetzen
können. Sie können in der Rebellion die hegemoniale
Stellung erobern, die sie in der Gesellschaft, in der Produktionsweise
und bei der Schaffung des Reichtums haben. Das ist der Begriff
der Multitude. Die Multitude organisiert sich im Innern einer
Gesellschaft, in der die Arbeit - aus dem Blickwinkel des
Kapitals betrachtet - verstreut und prekär ist; doch
betrachten wir sie aus dem Blickwinkel der Singularitäten,
dann ist es die Arbeit der Multitude, die beständig die
Möglichkeit birgt, in Aktion zu treten. Sagen wir es
in theoretischen Begriffen: Der General Intellect wird in
den Arbeitsprozess geworfen - und diese Arbeit bringt ein
Subjekt der Revolte hervor: eine Subjektivität, die fähig
ist, sich die Mechanismen und die Resultate der Produktion
des Reichtums wiederanzueignen.
Multitude
Das Konzept der Multitude verändert das politische Terrain:
Der Begriff der Klasse, und mit ihm auch der Begriff der Masse,
wird überwunden. Das Homogene, das Undifferenzierte wird
überwunden von einem Gemeinsamen, von der Vielfalt der
Differenzen. Wir verdanken den Begriff der Differenz vor allem
der Revolte der Frauen und dem feministischen Denken. Differenz
darf nicht einfach mit Separation verwechselt werden, denn
Differenz ist kreativ, sie schafft das Neue, das es in dieser
Gesellschaft gibt und vor allem das Neue, das es in dieser
Gesellschaft geben kann.
Wenn die Multitude die politischen Konzepte der Klasse und
der undifferenzierten Masse überwindet - was geschieht
mit dem Begriff des Volkes, mit dem der Nation? Das sind Begriffe,
die einer Phase der Entwicklung des Kapitalismus und einem
politischen Bedürfnis nach einer Einheit ohne Abweichungen
entsprechen, die immer auch ein Einverständnis zwischen
den Klassen sein musste. Wenn wir dieses Volk betrachten,
das über die Jahrhunderte einen immer organischeren Charakter
angenommen hat, das immer mehr als etwas Natürliches
erschien, das identisch wurde mit der Nation - dann müssen
wir feststellen: Wir haben für dieses Volk wahrlich keine
Verwendung mehr. Denn was sind die Nationen in der europäischen
Geschichte? Sie sind der Name für die Möglichkeit
der Staaten, ihre Bürger zu mobilisieren und zu vermassen,
sie zur Arbeit anzutreiben und sich gegenseitig zu massakrieren.
In Italien oder in Frankreich oder in Deutschland haben sie
in den letzten paar Generationen Dutzende von Toten in jeder
Familie - gestorben in den Schützengräben, in den
Massakern der Massenkriege, die die Geschichte des kapitalistischen
Nationalstaats bilden. Das Wort Nation ist das dreckigste,
das die Zivilisation der Neuzeit erfunden hat.
Wenn die Nationen nur noch Überbleibsel sind, dann nicht
einfach, weil wir das aus den Veränderungen der Arbeit
ableiten. Der Kapitalismus hat diese Veränderung vollzogen,
nicht freiwillig, sondern weil er dazu gezwungen wurde von
den großen Widerstandsbewegungen der Unterdrückten
seit den vierziger Jahren, von den Kommunisten, vom Widerstand
all jener, die gegen den Kapitalismus und seine Kriege kämpften.
Der Kapitalismus musste sich selbst nach und nach anpassen
an das, was zur neuen Wirklichkeit werden sollte, eine Wirklichkeit,
in der die Nationen natürlich weiter bestehen bleiben.
Doch erleben wir eine Ausdehnung des kapitalistischen Kommandos
über die Welt, eine Erweiterung der Märkte, ein
Global-Werden, das in immer größerem Maßstab
eine Schwächung, ein Verschwinden, ein Verschwimmen der
Entitäten mit sich brachte, die einmal die alten nationalen
Formationen waren.
Von hier gibt es eine unmittelbare Verbindung zu den neuen
Fähigkeiten der Arbeit. Wir machen eine weitere Entdeckung:
die Mobilität der Arbeit. Heute ist die Arbeit nicht
mehr bloß etwas, das in der Fabrik gefasst wird und
dort in Beziehung zu anderen Arbeiten tritt, sondern sie ist
mobil. Und auch hier wissen wir natürlich alle nur allzu
gut, dass die Mobilität im Leben eines Menschen häufig
etwas extrem Negatives ist. Aber: Sie ist zugleich ein Wunsch,
in ihr verkörpert sich der Wunsch nach Freiheit. Das
ist das Moment, das in dieser neuen Phase zum Tragen kommt
- dieser Phase, die gekennzeichnet ist von der Hegemonie der
intellektuellen, der immateriellen Arbeit. Es geht also darum
zu verstehen, wie die immaterielle Arbeit immer stärker
in den Vordergrund tritt, ja dass die Arbeit insgesamt immer
immaterieller wird; und gleichzeitig gibt es die politische
und ethische Dimension, das Auftauchen der neuen Subjektivität,
der Singularitäten, die sich außerhalb der kursierenden
mystifizierenden und populistischen Vorstellungen darüber
bewegen, was politisches Subjekt heißt: Das ist der
Zusammenhang, in dem wir über dieses andere ungeheure
Moment, die Mobilität und die Dynamik, die von ihr ausgeht,
nachdenken müssen.
Neue Körperpolitiken
Um uns das klar zu machen, wollen wir eine weitere Überlegung
anschließen. Es tritt immer deutlicher hervor, dass
die Durchsetzung disziplinärer Herrschaft über die
Arbeit und über die gesamte Gesellschaft schwieriger
geworden ist, weil die Disziplin sich auf Massen bezieht.
Die Disziplinargesellschaft bedeutet die Entwicklung einer
ganzen Reihe von sozialen Vertragsverhältnissen, die
den Staat und die Gesellschaft durchziehen und verbinden,
von Verhältnissen also, die den so genannten Wohlfahrtsstaat
ausmachen. Doch die Situation verändert sich in dem Moment,
in dem die gesellschaftliche Intelligenz und die Singularitäten
in den Arbeitsprozess geworfen werden. Neue Körperpolitiken
treten hervor und werden immer wichtiger. Wenn ich von Körperpolitik
spreche, dann bezieht sich das zum einen auf eine eher traditionelle
Vorstellung von Disziplin: Foucault hat uns in seinen großen
Untersuchungen gezeigt, wie der Staat zu einem bestimmten
historischen Zeitpunkt begonnen hat, die Existenzweise der
Körper zu organisieren. Das Disziplinarregime unterwirft
die Körper durch die bekannten Institutionen der Zurichtung,
Einschließung und Überwachung: die Fabrik, das
Gefängnis, die Klinik, all die anderen gesellschaftlichen
Institutionen. Heute, mit dem Auftreten der neuen Singularitäten,
ist es nicht länger möglich, die Körper in
dieser Weise zu kontrollieren; die Kontrolle muss gerade ihrer
Subjektivität Aufmerksamkeit schenken.
Auf dieser Ebene, der Ebene der Körper, müssen wir
die Frage nach dem Politischen stellen. Heute bewegen wir
uns auf dem Terrain der Biopolitik, denn es ist das Leben
als Ganzes, das jeden Moment auf dem Spiel steht. Es waren
die Totalitarismen, die gezeigt haben, was es heißt,
das Leben anzugreifen, es zu zerstören und dies als sozialen
Terror zu verallgemeinern. Die Macht, ihre Instrumente und
ihre Institutionen heute manifestieren sich im wesentlichen
als Biomacht, das heißt als Fähigkeit, in unser
Leben einzugreifen, es zu beeinflussen, und zwar gerade weil
unser Leben nicht mehr länger durch ein Disziplinarregime
zu unterwerfen ist. Es muss der Macht daher um die Kontrolle
unseres Bewusstseins gehen. Aus diesem Grund stellen sich
alle Fragen des Politischen heute unmittelbar auf der Ebene
des Lebens.
Wenn man sagt, dass die Leute sich nicht für Politik
interessieren, dass sie sich von ihr abwenden, dann sagt man
gleichzeitig etwas Wahres und etwas Falsches. Etwas Wahres,
weil es stimmt, dass die Leute der alten Politik des Disziplinarregimes,
in der sie als Volk und Nation gelten, den Rücken kehren.
Aber zugleich kehren die Leute zur Politik zurück, da
sie ein Bewusstsein davon haben, dass jeder Augenblick ihres
Lebens mit den kollektiven Formen in Verbindung steht, in
denen dieses Leben gelebt wird und in denen es sich reproduziert,
den kollektiven Formen also, die als solche das Feld des Politischen
ausmachen, insofern sich in ihnen die Herrschaft der Biomacht
manifestiert und zugleich der Widerstand und die Kämpfe
dagegen in ihnen ihren Ansatzpunkt finden.
Empire
Um über diese Frage sprechen zu können, ist es
vor allem notwendig, über die neuen Macht- und Kräfteverhältnisse
nachzudenken, die zwischen der Multitude und den neuen Formen
der Souveränität entstehen. Wenn man sagt, dass
die Multitude ein Ensemble von Singularitäten ist, deren
wesentliche Kennzeichen ihre Produktivität, ihre Intellektualität
und ihre Mobilität sind, und wenn man weiter annimmt,
dass das die hauptsächliche, ja die einzige Grundlage
ist, auf der heute produziert werden kann, dann müssen
wir noch ein anderes Konzept ins Spiel bringen, das dieser
ungeheuren Veränderung folgt: Wir müssen nach der
Souveränität fragen, die diese Arbeitskraft in ihrer
globalen Mobilität überwölbt und sie einschließt.
Um es deutlich zu sagen: Es ist nicht das Empire, das die
Multitude schafft. Es ist die Multitude, es sind ihre Kämpfe,
ihre Mobilität und die neuen Charakteristika der Arbeitskraft,
die für das Kapital die Notwendigkeit schaffen, die Wirklichkeit
auf neue Art zu beherrschen. Um es so präzise wie möglich
zu formulieren: Es ist für das Kapital notwendig, die
Biomacht weltweit auszudehnen, also das Herrschaftssystem
selbst zu vereinheitlichen, die Ströme der Mobilität
zu kontrollieren, die Ströme der Intelligenz, die Ströme
des Werts, sagen wir es treffend: die Ströme des Lebens,
die auf diesem Planeten fließen.
Wenn wir dieses System des Kommandos Empire nennen, dann geht
es nicht allein um die neuen Formen der Souveränität:
Sie gehen mit der Verallgemeinerung einer neuen lex mercatoria
einher, das heißt mit der Verallgemeinerung verschiedener
Formen von Übereinkünften zwischen Kapitalisten
auf dem Weltmarkt, Abkommen der großen transnationalen
Konzerne, und mit der globalen Koordination der Finanzinstrumente.
Von Empire zu sprechen bedeutet zugleich, von den neuen Mechanismen
und Instrumenten der Biomacht zu sprechen, also vom Krieg.
Es geht darum, welche nationale Fiktion blockiert und welche
andere gefördert werden soll, welche demographischen
Maßnahmen man durchsetzen und welche Bevölkerungen
oder vielmehr welche Multitudes man sterben lassen will. Das
ist das Empire: die Tatsache, dass die ganze Welt in ein Netzwerk
der Herrschaft eingesponnen ist. Das Bestreben der Multitude
hingegen ist es, sich zu befreien, sich bewegen und ihre Intelligenz
einsetzen zu können, und zwar an jedem Ort dieser Welt.
Heute ist der Kapitalismus ein System der Macht, das alle
genannten Elemente in einen Zusammenhang bringt und auf imperialer
Ebene organisiert. Es ist wie eine Matrjoschka: Die erste
Puppe ist der Krieg, und wenn wir sie aufmachen, finden wir
darin Kontrolle und Disziplin. Und aus jeder Puppe werden
spezifische Normen und Aktionen gezogen. Hier stoßen
wir auf ein Paradox: Diese Welt, die imperial vereinigt ist,
wird künstlich auseinandergerissen. Der Ausschluss funktioniert
nicht mehr in der Art wie früher, als es ein Außen
gab. Denken wir an die Berichte so genannter Entdecker über
Länder irgendwo in Afrika. Heute ist alles
in der Welt. Heute ist der Ausschluss schlicht
ein politischer Willensakt der imperialen Souveränität.
Wir sind heute in einer Situation, in der es schwierig geworden
ist, solche Fragen zu stellen, wie: Wo ist die Dritte Welt?
Gewiss, ich werde nicht bestreiten, dass es spezifische Bedingungen
gibt, geographische Unterschiede von Kontinent zu Kontinent,
was Beschränkungen, Repression und Ausschluss angeht.
Aber zugleich ist klar, dass wir die so genannte Dritte Welt
ebenso in South Central Los Angeles antreffen, direkt neben
den Wolkenkratzern, oder in der Banlieue von Paris. Die Dritte
Welt sind heute Formen der Organisation der Arbeit im globalen
Maßstab. Auf diese Verhältnisse müssen wir
uns heute vor allem konzentrieren, auf sie müssen wir
unsere ganzen Fähigkeiten zur Veränderung richten,
sie müssen wir bekämpfen.
Weltbürgereinkommen und Weltbürgerrechte
Mit der fortschreitenden Hegemonie der immateriellen, der
intellektuellen Arbeit in der Produktion steht die Wiederaneignung
der Kommune, des Gemeinsamen auf der Tagesordnung. Wohlgemerkt:
Wenn wir vom Gemeinsamen sprechen, dann ist das nicht die
alte Gemeinschaft, nicht die Vorstellung des Natürlichen
und Organischen. Es ist das Gemeinsame, das die Arbeit schafft.
Wir reden von einem neuen Element, durch das wir uns von unseren
Eltern und Großeltern unterscheiden. Der Unterschied
ist, dass wir heute, was unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten
anbelangt, viel reicher sind als sie. Unsere Körper haben
eine Metamorphose hinter sich.
Die Arbeit ist heute völlig im Gesellschaftlichen aufgegangen,
und sie ist prekär. Wenn wir das alltägliche Leben
betrachten, dann ist die Eindeutigkeit aufgelöst, die
zu unterscheiden erlaubte, ob man bei der Arbeit oder nicht
bei der Arbeit ist. Vergleichbar ist das den Lebensbedingungen
von Frauen zwischen Hausarbeit, Lohnarbeit, Kindererziehung
und dem ganzen Rest. Aus diesen Situationen erwachsen beinahe
wie von selbst vitale Forderungen, die Elemente der Subjektkonstitution
werden. Ein Beispiel ist die Forderung nach einem universellen
Einkommen, das heißt nach einer Art Weltbürgereinkommen,
das ganz einfach der Art und Weise entspricht, in der der
Reichtum produziert wird: Die Forderung nach einem gesellschaftlichen
Einkommen entspricht der Gesellschaftlichkeit der Produktion.
Eine weitere Forderung sehen wir auftauchen. Angesichts der
Tatsache, dass es in der Welt kein Außen mehr gibt,
dass stattdessen die Herrschaft des Kapitals sie vollkommen
umschließt, sie zugleich eint und spaltet, angesichts
dieser Situation erwächst die Forderung nach einem universellen
Bürgerrecht. Ein solches Weltbürgerrecht hieße
das Recht für alle Menschen, die auf diesem Planeten
leben; es würde ihnen keine abstrakte Gleichheit geben,
sondern wäre das Recht, sich frei zu bewegen, das Recht
auf Mobilität, das Recht, in der Lage zu sein, in jedem
beliebigen Land, in jeder beliebigen Situation zu existieren.
Die Forderung zielt gegen die nationalen Logiken des Ausschlusses,
die in Wahrheit keine Existenz mehr haben, und ebenso gegen
die Ausschlussversuche, die sich mit populistischen Ideologien
verbinden. Doch die Grundlage des Ausschlusses finden wir
in der Entwicklung der Situation in der wir leben: der Ausbeutung.
Daraus erhebt sich unsere Forderung nach der Freiheit aller.
Das neue Paradigma
Wir leben heute in einer sehr schwierigen und komplizierten
Zeit. Nach der Durchsetzung des Weltmarkts und nachdem die
Problematik seiner Regierung offensichtlich wird, haben die
Vereinigten Staaten den Versuch unternommen, unilateral zu
handeln und in diesem imperialen Zusammenhang zum Alleinherrscher
zu werden. Dieser monarchische Anspruch zieht sich durch unsere
Zeit, die eine Zeit tiefer Instabilitäten ist; manches
spricht dafür, sie ein Interregnum zu nennen, wie die
Epoche des Übergangs zwischen Mittelalter und Neuzeit.
In jener Epoche entstanden die ersten konstitutionellen Arrangements
in den Ländern Europas, denken wir etwa an England und
die Unterbrechung der Monarchie. Im Interregnum sind die Kräfteverhältnisse
uneindeutig, und zugleich ist die einmal hergestellte Einheit
irreversibel. Diese Einheit ist heute der Weltmarkt. Dennoch
eröffnen sich - das sind die uneindeutigen Kräfteverhältnisse
- eine ganze Reihe von unterschiedlichen Wegen. Aufgrund dessen
werden wir alle gezwungen, Stellung zu beziehen. Doch was
bedeutet das, angesichts des monarchischen, unilateralen Vorgehens
der USA oder angesichts des Multilateralismus der imperialen
Aristokratien? Die Aristokratien wollen ihr Gewicht stärken
und gegebenenfalls werden sie sich ein paar Vasallen suchen
und ihre konstitutionellen Rechte einfordern. Doch was bedeutet
ein politisches Handeln der Multitude gegen all das? Wie lässt
es sich in die Tat umsetzen? Ganz offensichtlich werde ich
Ihnen kein Rezept verraten können.
Das politische Handeln der Multitude ist postsozialistisch.
Die Parteien der Linken haben alle eine Leiche im Keller.
Die Parteien der Linken, nicht nur die Reformisten, haben
immer auf die Entwicklung des Kapitalismus gesetzt. Sie sind
dabei von der Vorstellung ausgegangen, dass diese Entwicklung,
die sie Fortschritt nannten, sich im Kräfteverhältnis
zwischen den Herrschenden und den Beherrschten und Ausgebeuteten
entscheidet. Die Situation heute, die durch den neuen Anfang,
den die Multitude darstellt, bestimmt ist, ist in den alten
Begriffen nicht mehr denkbar. Wir befinden uns in einem Interregnum.
In dieser Situation der Leere, der Angst, des Bruchs und der
Gegensätze zwischen den Mächten der Souveränität,
zwischen den Kräften der Biomacht, wollen, müssen
und können wir den Raum für das politische Handeln
der Multitude schaffen. In diesem Rahmen sind die heutigen
Kämpfe, etwa die in Argentinien, situiert. Als weiteres
Beispiel sehen wir auch einige der interessanten und weit
reichenden Initiativen auf internationaler Ebene, die von
der Regierung Brasiliens ausgehen. Wenn die Brasilianer sagen,
die Dependenztheorie und der Versuch, mit ihr die Welt zu
verstehen, sind passé, weil wir unsere Situation vor
dem Hintergrund der globalen Interdependenz begreifen müssen,
dann heißt das ganz konkret bezogen auf die Schulden,
die unter dem alten Regime gemacht wurden: Bezahlt wird nicht!
Die Verhältnisse haben sich verändert. Die wechselseitige
Abhängigkeit ist das Gesicht des neuen Paradigmas, in
dem die alten Nationalstaaten verschwinden und in einer neuen
Weltordnung aufgehen. Doch andererseits, wenn wir die internen
Dynamiken dieses neuen Paradigmas und seine ständigen
Veränderungen betrachten, dann müssen wir sagen:
Die Linke existiert nicht auf diesem Terrain, solange sie
sich als Repräsentantin versteht. Es gibt keine Repräsentation
mehr in einer Welt, in der die Arbeit selbst biopolitisch
geworden ist. Es gibt Bewegungen, und das äußerste,
was die Parteien der Linken tun können, wäre, kontinuierliche,
wechselseitige, offene Beziehungen herzustellen. Die Parteien
der Linken müssten eine Art Dienstleitungsstruktur für
die Bewegungen entwickeln, müssten sie finanziell abstützen,
müssten sie dabei unterstützen, sich zu reproduzieren
und gesellschaftliche Institutionen auszubilden.
Es geht darum, die großen Themen zu entwickeln, ein
postsozialistisches Programm, das nichts, aber auch gar nichts,
mit den alten Forderungen der Arbeiterpartei zu tun hat. Zu
diesem Programm gehört etwa die Forderung nach einem
garantierten gesellschaftlichen Einkommen für alle, ohne
dass Bedingungen daran geknüpft sind, dazu gehören
universelle Bürgerrechte, die Möglichkeit sich zu
bewegen und zu bleiben, wodurch die so genannten Ausländer
keine Ausländer mehr wären. Das sind Forderungen
gegen willentliche, spezifische Mechanismen der Ausschließung
im Dienst der Ausbeutung. Eine weitere Forderung ist die Wiederaneignung
der gemeinsamen Mittel, die diese Gesellschaft am Leben erhalten.
Wie können wir uns mit der Privatisierung all der Dinge
abfinden, die wir täglich gemeinsam hervorbringen? Zum
einen geht es um die Privatisierung der so genannten natürlichen
Ressourcen, von Luft und Wasser, doch dann ist es tatsächlich
alles, was wir gemeinsam schaffen: die Welt des Denkens, die
Welt der Sprache, die Kooperation.Diese Forderungen ergeben
sich ganz naturwüchsig, wie es in der Tradition des Naturrechts
heißen würde. Sie entstehen aus der Arbeit und
zeigen sich in der Multitude.
Übersetzung: Thomas Atzert
Antonio Negri hielt diese Rede am 6. März 2004 bei
der Veranstaltung Live and Let Die! in der Züricher
Schiffbauhalle Zürich. Der Text wurde gekürzt. Der
vollständige Wortlaut siehe: www.sooderso.de
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