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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 8/9
Antonio Negri
Multitude heißt: Sich widersetzen
[ Inhalt Nr. 14.]
Mengenlehre im Empire: Perspektiven einer neuen interventionistischen Linken?

Der Imperialismus war in der Konfrontation zwischen Nationalstaaten ein Ausdruck des Nationalstaates. Mit dem Empire, wie es Tonio Negri und Michael Hardt beschreiben, verändern sich die Kategorien politischen Handelns und Denkens. Dessen Grundlage ist ein Weltmarkt, der nicht länger durch die Unterschiede zwischen Staaten bestimmt wird, sondern durch die weltweite Ausdehnung des Kapitalismus.
Die emanzipatorische Gegenbewegung zum Empire ist nun die Multitude - im Wortlaut: die Menge - und wohl einer der meistdiskutiertesten Begriffe, die in letzter Zeit in die linke Debatte eingeführt wurden. Verkürzt beschrieben handelt es sich dabei um die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Wünsche und Bedürfnisse, die in individuellen und kollektiven Revolten sichtbar werden. Aber subjektive Wünsche („Subjektivität“) sind nicht per se emanzipatorisch. In jeder Revolte hat es auch die Elemente der Raserei und Lynchjustiz gegeben. Keine revolutionäre Erhebung scheint historisch frei von nationalistischen, rassistischen, gar antisemitischen Elementen gewesen zu sein. Gleiches gilt für homophobe und sexistische Strukturen, die klassische Arbeiterbewegung etwa traute nur einer dekadenten Bourgeoisie die Homosexualität zu und immer waren die reichen (weißen) Frauen ein besonderes Objekt der Verachtung, des Spottes, des Begehrens. Und richtig ist auch: Die Subjektivität hat den Kapitalismus vor sich hergetrieben. Genauso gilt aber, dass der Kapitalismus diese Subjektivität aufgenommen und in geordnete Strukturen umgewandelt hat.
Wenn wir Tonio Negri folgen, so verheißt sein Begriff der Multitude mehr Emphase und ein soziales Subjekt, das sich in der Vielheit begreifend einer Einheitsstruktur verweigert und dennoch gemeinsam handeln kann. Dem Theoretiker des italienischen Operaismus geht es naturgemäß weder um die Masse, noch um das Fehlen der Organisation. Im Gegenteil: Die Multitude bekämpft nationale Vorstellungen, überkommene Organisationsformen und Reminiszenzen. Beste Beispiele für eine solche interventionistische linke Strömung sind die Globalisierungsproteste von Seattle, über Genua bis zu den Manifestationen der Weltsozialforen. In ihnen blieb die Verschiedenheit der einzelnen Gruppen immer bestehen. Aber sie konnten sich gemeinsam organisieren und sprachen mit einer Stimme.
Unlängst erschien jetzt das Sequel zum Bestseller „Empire“: Auf 420 Seiten entfalten Negri/Hardt nun die „Multitude“, den Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit. In Zürich gab Tonio Negri im März dieses Jahres vor vollbesetzten Rängen einen gedanklichen Ausblick. Wir stellen ihn gerne zur Diskussion.
Die Redaktion

Foto: FDJler an Tafel
Im staatlichen Sozialismus war die Formel alles - im Empire ist laut Negri die Mengenlehre die Bewegung.


In Mailand und auch in Barcelona, Lille und Dublin haben die Genossen aus den Bewegungen gegen die kapitalistische Globalisierung eine Demonstration zum 1. Mai organisiert, die getragen wurde von den neuen, prekären Arbeitern. Ich meine die Leute, die sich abrackern und quälen, die es gerade mal so schaffen, über die Runden zu kommen, die keine Kinder in die Welt setzen, weil sie Angst haben. Solange wir da mit dem alten Begriff von Arbeiterklasse herangehen, werden wir herzlich wenig sehen. Denn in dem Fall wären das alles einfach Arbeitslose, die, wie man ja weiß, für eine revolutionäre Politik, für die Veränderung der Welt nur dann gewonnen werden können, wenn man sie zuvor in die Arbeitswelt wiedereingegliedert hat, also in eine Welt, von der man zu wissen glaubt, dass die Solidarität in ihr aus der Produktionsweise selbst hervorgeht. Doch es hat sich ganz offensichtlich etwas verändert. Denn heutzutage haben wir beim 1. Mai der traditionellen Gewerkschaften 30.000 Menschen in Rom - und in Mailand sind 300.000 beim 1. Mai der prekären Arbeit auf der Straße.
Was hat sich verändert? Die Ausbeutung betrifft nicht mehr nur die in der Fabrik, sondern all jene, die innerhalb der Gesellschaft gezwungen sind zu arbeiten. Der Kapitalismus heute lebt durch die Arbeit und die Ausbeutung all jener, die innerhalb der Gesellschaft arbeiten. Wenn wir diese ganz erstaunliche Veränderung, die sich im Kapitalismus und in der Gesellschaft ereignet hat, nicht begreifen, dann sind wir erst recht nicht in der Lage zu verstehen, was Subversion heißt.

Ein Subjekt der Revolte

Wenn wir von Multitude sprechen, dann meinen wir diese neue Wirklichkeit der Arbeit. Wir sprechen von der Tatsache, dass die Ausbeutung sich heute auf jede Einzelne und jeden Einzelnen konzentriert, indem sie von den Singularitäten ausgeht. Die Arbeit dieser Singularitäten wird ausgebeutet aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Ausbildung, ihrer Initiative, ihres Wissens und ihrer Sprachen. Die Organisation der Arbeit geschieht zugleich nicht mehr von außen, sondern kommt als Aufforderung zur Selbstausbeutung aus dem Innern dieser gesellschaftlichen Welt.
Der heutige Kapitalismus schafft Wert, indem die intellektuelle Kooperation unterworfen wird. Das ist eine grundlegende Veränderung - eine Veränderung zum Guten! Mein Großvater zum Beispiel arbeitete als Tagelöhner auf dem Land. Er hat mir, als ich klein war, erzählt, wie er Zentnerlasten auf dem Rücken tragen musste, und er hat mir gesagt: „Du musst studieren, damit dir das einmal erspart bleibt.“ Die Arbeiter in den Fabriken sabotierten die Produktion, sie kämpften gegen die Fließbänder. Mit dem Verstand zu arbeiten ist ein Wunsch, den die Arbeiterklasse sich endlich erfüllt hat. Die Arbeiterklasse hat niemals die Lohnarbeit geliebt - niemals! Es ist eine reaktionäre Illusion, wenn man glaubt, die Arbeiter würden an der Fabrikarbeit hängen.

Diese Veränderung ist ein enormer Fortschritt. Und es ist ein Übergang, der von den Kämpfen der Arbeiter/innen erzwungen wurde - von niemand anders! Die Kapitalisten hätten liebend gerne weitergemacht wie bisher; nur allzu gerne hätten sie ihre Fabriken auf die alte Art und Weise weitergeführt, und den Fordismus, den Taylorismus beibehalten. Aber das war nicht möglich. Die Fabriken waren unregierbar. Die sechziger und siebziger Jahre waren Schauplatz dieses ungeheuren Übergangs: einer grundlegenden Transformation der Produktionsweise. Die Entdeckung, dass das Kapital allein war und das alle Formen, unter denen bisher der Reichtum geschaffen wurde, tief in der Krise steckten, machten es notwendig, eine neue Phase der Arbeitsorganisation einzuleiten. Diese grundlegende Veränderung bedeutete zugleich das Ende der hegemonialen Stellung der alten Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse war in den Bewegungen, die für die Veränderung kämpften, hegemonial, weil und solange sie im Zentrum der Arbeitsorganisation stand. Aber die Arbeiterklasse wurde, und zwar gerade, weil sie selbst es so wollte, überholt - sie ging über sich selbst hinaus. Genau hier finden wir unseren Ausgangspunkt, um über die Multitude nachzudenken.
Beginnen wir unsere Überlegungen bei den Singularitäten, bei jenen ungeheuren Fähigkeiten, die in den Arbeitsprozess geworfen und in ihm ausgebeutet werden. Und beginnen wir uns zu fragen, wie Intelligenz und Kooperation sich widersetzen können. Sie können in der Rebellion die hegemoniale Stellung erobern, die sie in der Gesellschaft, in der Produktionsweise und bei der Schaffung des Reichtums haben. Das ist der Begriff der Multitude. Die Multitude organisiert sich im Innern einer Gesellschaft, in der die Arbeit - aus dem Blickwinkel des Kapitals betrachtet - verstreut und prekär ist; doch betrachten wir sie aus dem Blickwinkel der Singularitäten, dann ist es die Arbeit der Multitude, die beständig die Möglichkeit birgt, in Aktion zu treten. Sagen wir es in theoretischen Begriffen: Der General Intellect wird in den Arbeitsprozess geworfen - und diese Arbeit bringt ein Subjekt der Revolte hervor: eine Subjektivität, die fähig ist, sich die Mechanismen und die Resultate der Produktion des Reichtums wiederanzueignen.

Multitude

Das Konzept der Multitude verändert das politische Terrain: Der Begriff der Klasse, und mit ihm auch der Begriff der Masse, wird überwunden. Das Homogene, das Undifferenzierte wird überwunden von einem Gemeinsamen, von der Vielfalt der Differenzen. Wir verdanken den Begriff der Differenz vor allem der Revolte der Frauen und dem feministischen Denken. Differenz darf nicht einfach mit Separation verwechselt werden, denn Differenz ist kreativ, sie schafft das Neue, das es in dieser Gesellschaft gibt und vor allem das Neue, das es in dieser Gesellschaft geben kann.
Wenn die Multitude die politischen Konzepte der Klasse und der undifferenzierten Masse überwindet - was geschieht mit dem Begriff des Volkes, mit dem der Nation? Das sind Begriffe, die einer Phase der Entwicklung des Kapitalismus und einem politischen Bedürfnis nach einer Einheit ohne Abweichungen entsprechen, die immer auch ein Einverständnis zwischen den Klassen sein musste. Wenn wir dieses Volk betrachten, das über die Jahrhunderte einen immer organischeren Charakter angenommen hat, das immer mehr als etwas Natürliches erschien, das identisch wurde mit der Nation - dann müssen wir feststellen: Wir haben für dieses Volk wahrlich keine Verwendung mehr. Denn was sind die Nationen in der europäischen Geschichte? Sie sind der Name für die Möglichkeit der Staaten, ihre Bürger zu mobilisieren und zu „vermassen“, sie zur Arbeit anzutreiben und sich gegenseitig zu massakrieren. In Italien oder in Frankreich oder in Deutschland haben sie in den letzten paar Generationen Dutzende von Toten in jeder Familie - gestorben in den Schützengräben, in den Massakern der Massenkriege, die die Geschichte des kapitalistischen Nationalstaats bilden. Das Wort Nation ist das dreckigste, das die Zivilisation der Neuzeit erfunden hat.

Wenn die Nationen nur noch Überbleibsel sind, dann nicht einfach, weil wir das aus den Veränderungen der Arbeit ableiten. Der Kapitalismus hat diese Veränderung vollzogen, nicht freiwillig, sondern weil er dazu gezwungen wurde von den großen Widerstandsbewegungen der Unterdrückten seit den vierziger Jahren, von den Kommunisten, vom Widerstand all jener, die gegen den Kapitalismus und seine Kriege kämpften. Der Kapitalismus musste sich selbst nach und nach anpassen an das, was zur neuen Wirklichkeit werden sollte, eine Wirklichkeit, in der die Nationen natürlich weiter bestehen bleiben. Doch erleben wir eine Ausdehnung des kapitalistischen Kommandos über die Welt, eine Erweiterung der Märkte, ein Global-Werden, das in immer größerem Maßstab eine Schwächung, ein Verschwinden, ein Verschwimmen der Entitäten mit sich brachte, die einmal die alten nationalen Formationen waren.
Von hier gibt es eine unmittelbare Verbindung zu den neuen Fähigkeiten der Arbeit. Wir machen eine weitere Entdeckung: die Mobilität der Arbeit. Heute ist die Arbeit nicht mehr bloß etwas, das in der Fabrik gefasst wird und dort in Beziehung zu anderen Arbeiten tritt, sondern sie ist mobil. Und auch hier wissen wir natürlich alle nur allzu gut, dass die Mobilität im Leben eines Menschen häufig etwas extrem Negatives ist. Aber: Sie ist zugleich ein Wunsch, in ihr verkörpert sich der Wunsch nach Freiheit. Das ist das Moment, das in dieser neuen Phase zum Tragen kommt - dieser Phase, die gekennzeichnet ist von der Hegemonie der intellektuellen, der immateriellen Arbeit. Es geht also darum zu verstehen, wie die immaterielle Arbeit immer stärker in den Vordergrund tritt, ja dass die Arbeit insgesamt immer immaterieller wird; und gleichzeitig gibt es die politische und ethische Dimension, das Auftauchen der neuen Subjektivität, der Singularitäten, die sich außerhalb der kursierenden mystifizierenden und populistischen Vorstellungen darüber bewegen, was politisches Subjekt heißt: Das ist der Zusammenhang, in dem wir über dieses andere ungeheure Moment, die Mobilität und die Dynamik, die von ihr ausgeht, nachdenken müssen.

Neue Körperpolitiken

Um uns das klar zu machen, wollen wir eine weitere Überlegung anschließen. Es tritt immer deutlicher hervor, dass die Durchsetzung disziplinärer Herrschaft über die Arbeit und über die gesamte Gesellschaft schwieriger geworden ist, weil die Disziplin sich auf Massen bezieht. Die Disziplinargesellschaft bedeutet die Entwicklung einer ganzen Reihe von sozialen Vertragsverhältnissen, die den Staat und die Gesellschaft durchziehen und verbinden, von Verhältnissen also, die den so genannten Wohlfahrtsstaat ausmachen. Doch die Situation verändert sich in dem Moment, in dem die gesellschaftliche Intelligenz und die Singularitäten in den Arbeitsprozess geworfen werden. Neue Körperpolitiken treten hervor und werden immer wichtiger. Wenn ich von Körperpolitik spreche, dann bezieht sich das zum einen auf eine eher traditionelle Vorstellung von Disziplin: Foucault hat uns in seinen großen Untersuchungen gezeigt, wie der Staat zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt begonnen hat, die Existenzweise der Körper zu organisieren. Das Disziplinarregime unterwirft die Körper durch die bekannten Institutionen der Zurichtung, Einschließung und Überwachung: die Fabrik, das Gefängnis, die Klinik, all die anderen gesellschaftlichen Institutionen. Heute, mit dem Auftreten der neuen Singularitäten, ist es nicht länger möglich, die Körper in dieser Weise zu kontrollieren; die Kontrolle muss gerade ihrer Subjektivität Aufmerksamkeit schenken.
Auf dieser Ebene, der Ebene der Körper, müssen wir die Frage nach dem Politischen stellen. Heute bewegen wir uns auf dem Terrain der Biopolitik, denn es ist das Leben als Ganzes, das jeden Moment auf dem Spiel steht. Es waren die Totalitarismen, die gezeigt haben, was es heißt, das Leben anzugreifen, es zu zerstören und dies als sozialen Terror zu verallgemeinern. Die Macht, ihre Instrumente und ihre Institutionen heute manifestieren sich im wesentlichen als Biomacht, das heißt als Fähigkeit, in unser Leben einzugreifen, es zu beeinflussen, und zwar gerade weil unser Leben nicht mehr länger durch ein Disziplinarregime zu unterwerfen ist. Es muss der Macht daher um die Kontrolle unseres Bewusstseins gehen. Aus diesem Grund stellen sich alle Fragen des Politischen heute unmittelbar auf der Ebene des Lebens.
Wenn man sagt, dass die Leute sich nicht für Politik interessieren, dass sie sich von ihr abwenden, dann sagt man gleichzeitig etwas Wahres und etwas Falsches. Etwas Wahres, weil es stimmt, dass die Leute der alten Politik des Disziplinarregimes, in der sie als Volk und Nation gelten, den Rücken kehren. Aber zugleich kehren die Leute zur Politik zurück, da sie ein Bewusstsein davon haben, dass jeder Augenblick ihres Lebens mit den kollektiven Formen in Verbindung steht, in denen dieses Leben gelebt wird und in denen es sich reproduziert, den kollektiven Formen also, die als solche das Feld des Politischen ausmachen, insofern sich in ihnen die Herrschaft der Biomacht manifestiert und zugleich der Widerstand und die Kämpfe dagegen in ihnen ihren Ansatzpunkt finden.

Empire

Um über diese Frage sprechen zu können, ist es vor allem notwendig, über die neuen Macht- und Kräfteverhältnisse nachzudenken, die zwischen der Multitude und den neuen Formen der Souveränität entstehen. Wenn man sagt, dass die Multitude ein Ensemble von Singularitäten ist, deren wesentliche Kennzeichen ihre Produktivität, ihre Intellektualität und ihre Mobilität sind, und wenn man weiter annimmt, dass das die hauptsächliche, ja die einzige Grundlage ist, auf der heute produziert werden kann, dann müssen wir noch ein anderes Konzept ins Spiel bringen, das dieser ungeheuren Veränderung folgt: Wir müssen nach der Souveränität fragen, die diese Arbeitskraft in ihrer globalen Mobilität überwölbt und sie einschließt. Um es deutlich zu sagen: Es ist nicht das Empire, das die Multitude schafft. Es ist die Multitude, es sind ihre Kämpfe, ihre Mobilität und die neuen Charakteristika der Arbeitskraft, die für das Kapital die Notwendigkeit schaffen, die Wirklichkeit auf neue Art zu beherrschen. Um es so präzise wie möglich zu formulieren: Es ist für das Kapital notwendig, die Biomacht weltweit auszudehnen, also das Herrschaftssystem selbst zu vereinheitlichen, die Ströme der Mobilität zu kontrollieren, die Ströme der Intelligenz, die Ströme des Werts, sagen wir es treffend: die Ströme des Lebens, die auf diesem Planeten fließen.
Wenn wir dieses System des Kommandos Empire nennen, dann geht es nicht allein um die neuen Formen der Souveränität: Sie gehen mit der Verallgemeinerung einer neuen lex mercatoria einher, das heißt mit der Verallgemeinerung verschiedener Formen von Übereinkünften zwischen Kapitalisten auf dem Weltmarkt, Abkommen der großen transnationalen Konzerne, und mit der globalen Koordination der Finanzinstrumente. Von Empire zu sprechen bedeutet zugleich, von den neuen Mechanismen und Instrumenten der Biomacht zu sprechen, also vom Krieg. Es geht darum, welche nationale Fiktion blockiert und welche andere gefördert werden soll, welche demographischen Maßnahmen man durchsetzen und welche Bevölkerungen oder vielmehr welche Multitudes man sterben lassen will. Das ist das Empire: die Tatsache, dass die ganze Welt in ein Netzwerk der Herrschaft eingesponnen ist. Das Bestreben der Multitude hingegen ist es, sich zu befreien, sich bewegen und ihre Intelligenz einsetzen zu können, und zwar an jedem Ort dieser Welt.
Heute ist der Kapitalismus ein System der Macht, das alle genannten Elemente in einen Zusammenhang bringt und auf imperialer Ebene organisiert. Es ist wie eine Matrjoschka: Die erste Puppe ist der Krieg, und wenn wir sie aufmachen, finden wir darin Kontrolle und Disziplin. Und aus jeder Puppe werden spezifische Normen und Aktionen gezogen. Hier stoßen wir auf ein Paradox: Diese Welt, die imperial vereinigt ist, wird künstlich auseinandergerissen. Der Ausschluss funktioniert nicht mehr in der Art wie früher, als es ein Außen gab. Denken wir an die Berichte so genannter Entdecker über Länder „irgendwo in Afrika“. Heute ist alles „in der Welt“. Heute ist der Ausschluss schlicht ein politischer Willensakt der imperialen Souveränität. Wir sind heute in einer Situation, in der es schwierig geworden ist, solche Fragen zu stellen, wie: Wo ist die Dritte Welt? Gewiss, ich werde nicht bestreiten, dass es spezifische Bedingungen gibt, geographische Unterschiede von Kontinent zu Kontinent, was Beschränkungen, Repression und Ausschluss angeht. Aber zugleich ist klar, dass wir die so genannte Dritte Welt ebenso in South Central Los Angeles antreffen, direkt neben den Wolkenkratzern, oder in der Banlieue von Paris. Die Dritte Welt sind heute Formen der Organisation der Arbeit im globalen Maßstab. Auf diese Verhältnisse müssen wir uns heute vor allem konzentrieren, auf sie müssen wir unsere ganzen Fähigkeiten zur Veränderung richten, sie müssen wir bekämpfen.

Weltbürgereinkommen und Weltbürgerrechte

Mit der fortschreitenden Hegemonie der immateriellen, der intellektuellen Arbeit in der Produktion steht die Wiederaneignung der Kommune, des Gemeinsamen auf der Tagesordnung. Wohlgemerkt: Wenn wir vom Gemeinsamen sprechen, dann ist das nicht die alte Gemeinschaft, nicht die Vorstellung des Natürlichen und Organischen. Es ist das Gemeinsame, das die Arbeit schafft. Wir reden von einem neuen Element, durch das wir uns von unseren Eltern und Großeltern unterscheiden. Der Unterschied ist, dass wir heute, was unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten anbelangt, viel reicher sind als sie. Unsere Körper haben eine Metamorphose hinter sich.
Die Arbeit ist heute völlig im Gesellschaftlichen aufgegangen, und sie ist prekär. Wenn wir das alltägliche Leben betrachten, dann ist die Eindeutigkeit aufgelöst, die zu unterscheiden erlaubte, ob man bei der Arbeit oder nicht bei der Arbeit ist. Vergleichbar ist das den Lebensbedingungen von Frauen zwischen Hausarbeit, Lohnarbeit, Kindererziehung und dem ganzen Rest. Aus diesen Situationen erwachsen beinahe wie von selbst vitale Forderungen, die Elemente der Subjektkonstitution werden. Ein Beispiel ist die Forderung nach einem universellen Einkommen, das heißt nach einer Art Weltbürgereinkommen, das ganz einfach der Art und Weise entspricht, in der der Reichtum produziert wird: Die Forderung nach einem gesellschaftlichen Einkommen entspricht der Gesellschaftlichkeit der Produktion.

Eine weitere Forderung sehen wir auftauchen. Angesichts der Tatsache, dass es in der Welt kein Außen mehr gibt, dass stattdessen die Herrschaft des Kapitals sie vollkommen umschließt, sie zugleich eint und spaltet, angesichts dieser Situation erwächst die Forderung nach einem universellen Bürgerrecht. Ein solches Weltbürgerrecht hieße das Recht für alle Menschen, die auf diesem Planeten leben; es würde ihnen keine abstrakte Gleichheit geben, sondern wäre das Recht, sich frei zu bewegen, das Recht auf Mobilität, das Recht, in der Lage zu sein, in jedem beliebigen Land, in jeder beliebigen Situation zu existieren. Die Forderung zielt gegen die nationalen Logiken des Ausschlusses, die in Wahrheit keine Existenz mehr haben, und ebenso gegen die Ausschlussversuche, die sich mit populistischen Ideologien verbinden. Doch die Grundlage des Ausschlusses finden wir in der Entwicklung der Situation in der wir leben: der Ausbeutung. Daraus erhebt sich unsere Forderung nach der Freiheit aller.

Das neue Paradigma

Wir leben heute in einer sehr schwierigen und komplizierten Zeit. Nach der Durchsetzung des Weltmarkts und nachdem die Problematik seiner Regierung offensichtlich wird, haben die Vereinigten Staaten den Versuch unternommen, unilateral zu handeln und in diesem imperialen Zusammenhang zum Alleinherrscher zu werden. Dieser monarchische Anspruch zieht sich durch unsere Zeit, die eine Zeit tiefer Instabilitäten ist; manches spricht dafür, sie ein Interregnum zu nennen, wie die Epoche des Übergangs zwischen Mittelalter und Neuzeit. In jener Epoche entstanden die ersten konstitutionellen Arrangements in den Ländern Europas, denken wir etwa an England und die Unterbrechung der Monarchie. Im Interregnum sind die Kräfteverhältnisse uneindeutig, und zugleich ist die einmal hergestellte Einheit irreversibel. Diese Einheit ist heute der Weltmarkt. Dennoch eröffnen sich - das sind die uneindeutigen Kräfteverhältnisse - eine ganze Reihe von unterschiedlichen Wegen. Aufgrund dessen werden wir alle gezwungen, Stellung zu beziehen. Doch was bedeutet das, angesichts des monarchischen, unilateralen Vorgehens der USA oder angesichts des Multilateralismus der imperialen Aristokratien? Die Aristokratien wollen ihr Gewicht stärken und gegebenenfalls werden sie sich ein paar Vasallen suchen und ihre konstitutionellen Rechte einfordern. Doch was bedeutet ein politisches Handeln der Multitude gegen all das? Wie lässt es sich in die Tat umsetzen? Ganz offensichtlich werde ich Ihnen kein Rezept verraten können.
Das politische Handeln der Multitude ist postsozialistisch. Die Parteien der Linken haben alle eine Leiche im Keller. Die Parteien der Linken, nicht nur die Reformisten, haben immer auf die Entwicklung des Kapitalismus gesetzt. Sie sind dabei von der Vorstellung ausgegangen, dass diese Entwicklung, die sie Fortschritt nannten, sich im Kräfteverhältnis zwischen den Herrschenden und den Beherrschten und Ausgebeuteten entscheidet. Die Situation heute, die durch den neuen Anfang, den die Multitude darstellt, bestimmt ist, ist in den alten Begriffen nicht mehr denkbar. Wir befinden uns in einem Interregnum. In dieser Situation der Leere, der Angst, des Bruchs und der Gegensätze zwischen den Mächten der Souveränität, zwischen den Kräften der Biomacht, wollen, müssen und können wir den Raum für das politische Handeln der Multitude schaffen. In diesem Rahmen sind die heutigen Kämpfe, etwa die in Argentinien, situiert. Als weiteres Beispiel sehen wir auch einige der interessanten und weit reichenden Initiativen auf internationaler Ebene, die von der Regierung Brasiliens ausgehen. Wenn die Brasilianer sagen, die Dependenztheorie und der Versuch, mit ihr die Welt zu verstehen, sind passé, weil wir unsere Situation vor dem Hintergrund der globalen Interdependenz begreifen müssen, dann heißt das ganz konkret bezogen auf die Schulden, die unter dem alten Regime gemacht wurden: Bezahlt wird nicht!

Die Verhältnisse haben sich verändert. Die wechselseitige Abhängigkeit ist das Gesicht des neuen Paradigmas, in dem die alten Nationalstaaten verschwinden und in einer neuen Weltordnung aufgehen. Doch andererseits, wenn wir die internen Dynamiken dieses neuen Paradigmas und seine ständigen Veränderungen betrachten, dann müssen wir sagen: Die Linke existiert nicht auf diesem Terrain, solange sie sich als Repräsentantin versteht. Es gibt keine Repräsentation mehr in einer Welt, in der die Arbeit selbst biopolitisch geworden ist. Es gibt Bewegungen, und das äußerste, was die Parteien der Linken tun können, wäre, kontinuierliche, wechselseitige, offene Beziehungen herzustellen. Die Parteien der Linken müssten eine Art Dienstleitungsstruktur für die Bewegungen entwickeln, müssten sie finanziell abstützen, müssten sie dabei unterstützen, sich zu reproduzieren und gesellschaftliche Institutionen auszubilden.
Es geht darum, die großen Themen zu entwickeln, ein postsozialistisches Programm, das nichts, aber auch gar nichts, mit den alten Forderungen der Arbeiterpartei zu tun hat. Zu diesem Programm gehört etwa die Forderung nach einem garantierten gesellschaftlichen Einkommen für alle, ohne dass Bedingungen daran geknüpft sind, dazu gehören universelle Bürgerrechte, die Möglichkeit sich zu bewegen und zu bleiben, wodurch die so genannten Ausländer keine Ausländer mehr wären. Das sind Forderungen gegen willentliche, spezifische Mechanismen der Ausschließung im Dienst der Ausbeutung. Eine weitere Forderung ist die Wiederaneignung der gemeinsamen Mittel, die diese Gesellschaft am Leben erhalten. Wie können wir uns mit der Privatisierung all der Dinge abfinden, die wir täglich gemeinsam hervorbringen? Zum einen geht es um die Privatisierung der so genannten natürlichen Ressourcen, von Luft und Wasser, doch dann ist es tatsächlich alles, was wir gemeinsam schaffen: die Welt des Denkens, die Welt der Sprache, die Kooperation.Diese Forderungen ergeben sich ganz naturwüchsig, wie es in der Tradition des Naturrechts heißen würde. Sie entstehen aus der Arbeit und zeigen sich in der Multitude.

Übersetzung: Thomas Atzert

Antonio Negri hielt diese Rede am 6. März 2004 bei der Veranstaltung „Live and Let Die!“ in der Züricher Schiffbauhalle Zürich. Der Text wurde gekürzt. Der vollständige Wortlaut siehe: www.sooderso.de


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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