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Das explosive Wachstum der Slums in den letzten Jahrzehnten,
vor allem in den Megalopolen der Dritten Welt ist vielleicht
das entscheidende geopolitische Ereignis unserer Zeit. In
allernächster Zukunft wird die städtische Bevölkerung
der Erde die ländliche an Zahl übertreffen, und
die Bewohner der Slums werden die Mehrheit der städtischen
Bevölkerung stellen. Der Stadtforscher Mike Davis beschreibt
die realen Planspiele der US-Army zur Kontrolle der neuen
Schlachtfelder der Zukunft.
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| Das Auge der Besatzung: Satellitenaufnahme nach Raketenangriff
auf die Az-Kubaysi Moschee im umkämpften Falludscha. |
Der Traum eines Heckenschützen, so
beschreibt der junge amerikanische Marineinfanterist die Situation
in einem Außenbezirk von Falludscha gegenüber einem
Reporter der Los Angeles Times. Man kann hingehen
wo man will und findet immer eine Möglichkeit den Feind
zu beschießen ohne entdeckt zu werden.
Manchmal lasse ich den Getroffenen eine Weile schreien
um die Moral seiner Kameraden zu schwächen. Erst dann
schieße ich noch einmal.
Einen bösen Buben abzuknallen, so
der junge Soldat, ist ein einzigartiger Adrenalinflash.
Er prahlt damit, 24 bestätigte Tötungen vorweisen
zu können - alle in der Zeit um Ostern dieses Jahres,
der Anfangsphase des brutalen Angriffs der US-Truppen auf
das 300.000 Einwohner zählende aufständische Falludscha.
Angesichts der unnachgiebigen Haltung der Rebellen, die an
die heroische Verteidigung Hues durch den Vietcong 1968 erinnert,
haben die Marines wieder begonnen, wahllosen Terror gegen
die Bevölkerung auszuüben. Laut Journalisten der
britischen Tageszeitung Independent und den Mitarbeitern des
Krankenhauses von Falludscha wurden in den ersten zwei Wochen
nach Ausbruch der Kämpfe im April 2004 mindestens 200
Frauen und Kinder getötet.
Der Kampf um Falludscha und die aufkommenden Konflikte in
den Shia Städten und den Slums von Bagdad werden zur
Feuerprobe, nicht nur für den US-Polizeiapparat im Irak,
sondern auch für die Strategen im Pentagon. Sind die
US-Truppen in der Lage sich auf dem zentralen Schlachtfeld
der Zukunft - gemeint sind die Städte des Trikont
- zu behaupten?
Planspiele des urbanen Krieges
Das Debakel in Mogadischu im Jahr 1993 - Milizen aus den
Stadtvierteln waren damals für 60 Prozent der Verluste
bei der Eliteeinheit der Army Rangers verantwortlich - zwang
die US-Strategen im Pentagon, die sogenannte Militarized
Operations on Urbanized Terrain (MOUT) Kriegstaktik
zu überdenken. Im Bericht eines nationalen Verteidigungsausschusses
vom Dezember 1997 wurde der US-Armee vorgeworfen, nicht auf
langandauernde Kämpfe in den unpassierbaren Straßengewirren
der von Armut geprägten Städte der Dritten Welt
vorbereitet zu sein.
In der Konsequenz starteten das US-Militär, koordiniert
durch die Joint Staff Urban Working Group Crashprogramme,
um die Soldaten auf Straßenkämpfe unter realistischen
Bedingungen vorzubereiten. Laut der Zeitung der Armeeakademie
Army War College werden sich die zukünftigen Kriege
in den Straßen, Abwassersystemen, Hochhäusern und
den immer rascher anschwellenden Wohngebieten in den armen
Städten unserer Welt abspielen.
Israelische Beraterteams bringen in aller Stille Marines,
Rangers und Navy auf den neusten Stand. Im Besonderen wird
die Koordinierung von Scharfschützen und Zerstörungsteams
mit schwerem Gerät und Überlegenheit in der Luft
trainiert, die von den israelischen Streitkräften so
unbarmherzig im Gazastreifen und in der Westbank praktiziert
wird.
Künstliche Städte mit Rauch und Geräuschkulisse
wurden aufgebaut, um die Kampfbedingungen in den bevölkerungsstarken
Vierteln von Städten wie Bagdad oder Portau-Prince zu
simulieren. Das Laboratorium für Straßenkampf der
Marines, das Marine Corps Urban Warfighting Laboratory, inszenierte
ein realistisches Kriegsspiel, (Urban Warrior)
in Oakland and Chicago.
Heute sind viele Absolventen dieser Straßenkampfübungen
und der Scheingefechte in Yodaville (Straßenkampftrainingscamp
in Yuma, Arizona) als Marines in Falludscha eingesetzt. Andere
Kampfeinheiten, die mit der Einkreisung von Najaf und dem
Armenviertel Sadr City in Bagdad betraut wurden, rekrutieren
ihre Soldaten aus dem 34 Millionen Dollar Simulationsprojekt
in Fort Polk in Louisiana.
Diese taktische Israelisierung der US-amerikanischen
Kampfdoktrin geht Hand in Hand mit einem Prozess, der als
Sharonisierung des Pentagon bezeichnet werden
könnte. Denn die Militärtheoretiker sind eifrig
damit beschäftigt, Methoden zu entwickeln, die die Kapazitäten
hochtechnologisierter Kriegsführung nutzen, um mit terroristischen
Aufständen, die aus der Hoffnungslosigkeit der wachsenden
Megaslums entstehen, fertig zu werden bzw. sie zu zerstören.
Um dieser urbanen Kriegsführung einen geopolitischen
Rahmen zu geben, schlossen sich die militärischen Planungsstäbe
in den 1990ern zur Rand-Corporation zusammen: Dr. Seltsam's
alte Alma Mater. Rand ist ein nicht Profit orientierter Thinktank,
der 1948 von der Air Force ins Leben gerufen wurde. Er war
bekannt für seine nuklearen Armageddonspiele in den 1950ern
und für seine Mitarbeit bei der Planung des Vietnamkrieges
in den 60ern. Heute wird Rand auf die Städteplanung losgelassen,
und ist mit der Erstellung von urbanen Kriminalitätsstatistiken,
dem Aufbau der Gesundheitsversorgung in den Innenstädten
und der Privatisierung des Bildungswesens betraut. Außerdem
unterhält Rand das Arroyo Center der Armee, das kürzlich
eine kleine Reihe Studien über urbane Kriegsführung
veröffentlicht hat.
Der wunde Punkt im Empire
Eines der wichtigsten Projekte von Rand wurde Anfang der
1990er initiiert, eine umfassende Studie wie demographische
Veränderungen zukünftige Konflikte verändern,
deren Ergebnis dann zum Titel der Studie wurde: Die
Urbanisierung des Aufstandes.
Die Aufständischen folgen ihren Verfolgern in
die Städte, warnt Rand, und schaffen
in den Barackensiedlungen befreite Zonen'. Weder die
US-Doktrin, noch das derzeitige Training oder die Ausbildung
sind auf urbane Aufstandsbekämpfung ausgerichtet.
Das Ergebnis ist, dass der Slum zum wundesten Punkt im amerikanischen
Empire wurde.
Die Studien von Rand beziehen sich auf das Beispiel El Salvador.
Dort waren lokale Militärs trotz massiver Unterstützung
der USA nicht in der Lage, die FMLN daran zu hindern, eine
Stadtguerilla aufzubauen. Hätte die Farabundo
Marti National Liberation Front schon früher erfolgreich
in den Städten operiert, wären die Vereinigten Staaten
wahrscheinlich nicht einmal in der Lage gewesen, die Pattsituation
zwischen den Aufständischen und der Regierung aufrechterhalten
zu können.
In unmittelbarer Vergangenheit hat ein führender Theoretiker
der Air Force auf ähnliche Probleme hingewiesen. Im Aerospace
Power Journal vom Frühjahr 2003 schrieb Captain Troy
Thomas: Die spontane Urbanisierung in Entwicklungsländern
und die damit einhergehende fehlende Städteplanung macht
das Kampfterrain immer schwerer einschätzbar.
Thomas vergleicht die modernen hierarchischen
urbanen Zentren, deren zentralisierte Infrastruktur leicht
lahmzulegen ist, sei es durch Luftangriffe wie in Belgrad,
oder terroristische Anschläge wie in Manhatten, mit den
sich ausbreitenden Armutsvierteln an den Rändern der
Städte der Dritten Welt. Diese verfügen über
informale, dezentrale Subsysteme, die schwer angreifbar sind.
Thomas beschreibt die wachsenden Herausforderungen durch asymetrische
Kampfformen der Aufständischen, die von Wut und
Verzweiflung getrieben werden. Mangelnde Zentralisierung
und das Fehlen hierarchischer Strukturen wie zum Beispiel
in den Slums von Lagos, Nigeria und Kinshasa sind der potentielle
Alptraum der Militärstrategen.
Captain Thomas, dessen Artikel den provokanten Namen Slumlords:
Aerospace Power in Urban Fights trägt, ist wie
Rand fest davon überzeugt, dass die umfangreichen Investitionen
des Pentagon in MOUT-Technologien und Ausbildungsprogramme
die Überlegenheit in den komplexen Schlachtfeldern der
Slums herstellen werden. Eines dieser Krieg-leicht-gemacht-Bücher
von Rand enthält sogar eine hilfreiche Tabelle, mittels
derer ein tolerierbarer Rahmen für Kollateralschäden
(z. B. die Anzahl toter Babies) unter unterschiedlichen politischen
und operativen Bedingungen errechnet werden kann.
Die Besetzung des Irak wurde von den Ideologen der Bush-Administration
als Versuchsfeld für Demokratie im Nahen Osten dargestellt.
Für die MOUT-Freaks ist der Nahe Osten ein Versuchsfeld
ganz anderer Art. Dort üben Heckenschützen der Marines
und Air Force Piloten neue Techniken des Tötens in einem
sich ausbreitenden globalen Krieg gegen die Armen in den Slums.
Der US-amerikanische Soziologe und Stadtforscher Mike
Davis wurde zu Beginn der 1990er Jahre mit seinem Buch City
of Quarts bekannt, einer Sozialgeschichte von Los Angeles,
die den Zusammenhang zwischen der Privatisierung des öffentlichen
Raums, ethnischer Ausgrenzung und Globalisierung analysierte.
Sein jüngstes Buch, Die Geburt der Dritten Welt.
Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen
Zeitalter, erschien in der Assoziation A, Berlin 2004.
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