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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 7
Im irakischen Falludscha probt die US-Armee den Krieg im urbanen Raum. Von Mike Davis
Das Pentagon als globaler Slumlord
[ Inhalt Nr. 14.]

Das explosive Wachstum der Slums in den letzten Jahrzehnten, vor allem in den Megalopolen der Dritten Welt ist vielleicht das entscheidende geopolitische Ereignis unserer Zeit. In allernächster Zukunft wird die städtische Bevölkerung der Erde die ländliche an Zahl übertreffen, und die Bewohner der Slums werden die Mehrheit der städtischen Bevölkerung stellen. Der Stadtforscher Mike Davis beschreibt die realen Planspiele der US-Army zur Kontrolle der neuen „Schlachtfelder der Zukunft“.

Foto: Satellitenaufnahme von Falludscha
Das Auge der Besatzung: Satellitenaufnahme nach Raketenangriff auf die Az-Kubaysi Moschee im umkämpften Falludscha.


„Der Traum eines Heckenschützen“, so beschreibt der junge amerikanische Marineinfanterist die Situation in einem Außenbezirk von Falludscha gegenüber einem Reporter der Los Angeles Times. „Man kann hingehen wo man will und findet immer eine Möglichkeit den Feind zu beschießen ohne entdeckt zu werden.“
„Manchmal lasse ich den Getroffenen eine Weile schreien um die Moral seiner Kameraden zu schwächen. Erst dann schieße ich noch einmal.“
„Einen bösen Buben abzuknallen“, so der junge Soldat, „ist ein einzigartiger Adrenalinflash.“ Er prahlt damit, 24 bestätigte Tötungen vorweisen zu können - alle in der Zeit um Ostern dieses Jahres, der Anfangsphase des brutalen Angriffs der US-Truppen auf das 300.000 Einwohner zählende aufständische Falludscha.

Angesichts der unnachgiebigen Haltung der Rebellen, die an die heroische Verteidigung Hues durch den Vietcong 1968 erinnert, haben die Marines wieder begonnen, wahllosen Terror gegen die Bevölkerung auszuüben. Laut Journalisten der britischen Tageszeitung Independent und den Mitarbeitern des Krankenhauses von Falludscha wurden in den ersten zwei Wochen nach Ausbruch der Kämpfe im April 2004 mindestens 200 Frauen und Kinder getötet.
Der Kampf um Falludscha und die aufkommenden Konflikte in den Shia Städten und den Slums von Bagdad werden zur Feuerprobe, nicht nur für den US-Polizeiapparat im Irak, sondern auch für die Strategen im Pentagon. Sind die US-Truppen in der Lage sich auf dem „zentralen Schlachtfeld der Zukunft“ - gemeint sind die Städte des Trikont - zu behaupten?

Planspiele des urbanen Krieges

Das Debakel in Mogadischu im Jahr 1993 - Milizen aus den Stadtvierteln waren damals für 60 Prozent der Verluste bei der Eliteeinheit der Army Rangers verantwortlich - zwang die US-Strategen im Pentagon, die sogenannte „Militarized Operations on Urbanized Terrain“ (MOUT) Kriegstaktik zu überdenken. Im Bericht eines nationalen Verteidigungsausschusses vom Dezember 1997 wurde der US-Armee vorgeworfen, nicht auf langandauernde Kämpfe in den unpassierbaren Straßengewirren der von Armut geprägten Städte der Dritten Welt vorbereitet zu sein.

In der Konsequenz starteten das US-Militär, koordiniert durch die „Joint Staff Urban Working Group“ Crashprogramme, um die Soldaten auf Straßenkämpfe unter realistischen Bedingungen vorzubereiten. Laut der Zeitung der Armeeakademie Army War College werden sich „die zukünftigen Kriege in den Straßen, Abwassersystemen, Hochhäusern und den immer rascher anschwellenden Wohngebieten in den armen Städten unserer Welt abspielen.“

Israelische Beraterteams bringen in aller Stille Marines, Rangers und Navy auf den neusten Stand. Im Besonderen wird die Koordinierung von Scharfschützen und Zerstörungsteams mit schwerem Gerät und Überlegenheit in der Luft trainiert, die von den israelischen Streitkräften so unbarmherzig im Gazastreifen und in der Westbank praktiziert wird.
Künstliche Städte mit Rauch und Geräuschkulisse wurden aufgebaut, um die Kampfbedingungen in den bevölkerungsstarken Vierteln von Städten wie Bagdad oder Portau-Prince zu simulieren. Das Laboratorium für Straßenkampf der Marines, das Marine Corps Urban Warfighting Laboratory, inszenierte ein realistisches Kriegsspiel, („Urban Warrior“) in Oakland and Chicago.
Heute sind viele Absolventen dieser Straßenkampfübungen und der Scheingefechte in „Yodaville“ (Straßenkampftrainingscamp in Yuma, Arizona) als Marines in Falludscha eingesetzt. Andere Kampfeinheiten, die mit der Einkreisung von Najaf und dem Armenviertel Sadr City in Bagdad betraut wurden, rekrutieren ihre Soldaten aus dem 34 Millionen Dollar Simulationsprojekt in Fort Polk in Louisiana.

Diese taktische „Israelisierung“ der US-amerikanischen Kampfdoktrin geht Hand in Hand mit einem Prozess, der als „Sharonisierung“ des Pentagon bezeichnet werden könnte. Denn die Militärtheoretiker sind eifrig damit beschäftigt, Methoden zu entwickeln, die die Kapazitäten hochtechnologisierter Kriegsführung nutzen, um mit „terroristischen“ Aufständen, die aus der Hoffnungslosigkeit der wachsenden Megaslums entstehen, fertig zu werden bzw. sie zu zerstören.
Um dieser urbanen Kriegsführung einen geopolitischen Rahmen zu geben, schlossen sich die militärischen Planungsstäbe in den 1990ern zur Rand-Corporation zusammen: Dr. Seltsam's alte Alma Mater. Rand ist ein nicht Profit orientierter Thinktank, der 1948 von der Air Force ins Leben gerufen wurde. Er war bekannt für seine nuklearen Armageddonspiele in den 1950ern und für seine Mitarbeit bei der Planung des Vietnamkrieges in den 60ern. Heute wird Rand auf die Städteplanung losgelassen, und ist mit der Erstellung von urbanen Kriminalitätsstatistiken, dem Aufbau der Gesundheitsversorgung in den Innenstädten und der Privatisierung des Bildungswesens betraut. Außerdem unterhält Rand das Arroyo Center der Armee, das kürzlich eine kleine Reihe Studien über urbane Kriegsführung veröffentlicht hat.

Der wunde Punkt im Empire

Eines der wichtigsten Projekte von Rand wurde Anfang der 1990er initiiert, eine umfassende Studie wie „demographische Veränderungen zukünftige Konflikte verändern“, deren Ergebnis dann zum Titel der Studie wurde: „Die Urbanisierung des Aufstandes“.
„Die Aufständischen folgen ihren Verfolgern in die Städte“, warnt Rand, „und schaffen in den Barackensiedlungen ‚befreite Zonen'. Weder die US-Doktrin, noch das derzeitige Training oder die Ausbildung sind auf urbane Aufstandsbekämpfung ausgerichtet.“ Das Ergebnis ist, dass der Slum zum wundesten Punkt im amerikanischen Empire wurde.
Die Studien von Rand beziehen sich auf das Beispiel El Salvador. Dort waren lokale Militärs trotz massiver Unterstützung der USA nicht in der Lage, die FMLN daran zu hindern, eine Stadtguerilla aufzubauen. „Hätte die Farabundo Marti National Liberation Front schon früher erfolgreich in den Städten operiert, wären die Vereinigten Staaten wahrscheinlich nicht einmal in der Lage gewesen, die Pattsituation zwischen den Aufständischen und der Regierung aufrechterhalten zu können.“
In unmittelbarer Vergangenheit hat ein führender Theoretiker der Air Force auf ähnliche Probleme hingewiesen. Im Aerospace Power Journal vom Frühjahr 2003 schrieb Captain Troy Thomas: „Die spontane Urbanisierung in Entwicklungsländern und die damit einhergehende fehlende Städteplanung macht das Kampfterrain immer schwerer einschätzbar.“
Thomas vergleicht die modernen „hierarchischen“ urbanen Zentren, deren zentralisierte Infrastruktur leicht lahmzulegen ist, sei es durch Luftangriffe wie in Belgrad, oder terroristische Anschläge wie in Manhatten, mit den sich ausbreitenden Armutsvierteln an den Rändern der Städte der Dritten Welt. Diese verfügen über informale, dezentrale Subsysteme, die schwer angreifbar sind. Thomas beschreibt die wachsenden Herausforderungen durch asymetrische Kampfformen der Aufständischen, die von „Wut und Verzweiflung“ getrieben werden. Mangelnde Zentralisierung und das Fehlen hierarchischer Strukturen wie zum Beispiel in den Slums von Lagos, Nigeria und Kinshasa sind der potentielle Alptraum der Militärstrategen.
Captain Thomas, dessen Artikel den provokanten Namen „Slumlords: Aerospace Power in Urban Fights“ trägt, ist wie Rand fest davon überzeugt, dass die umfangreichen Investitionen des Pentagon in MOUT-Technologien und Ausbildungsprogramme die Überlegenheit in den komplexen Schlachtfeldern der Slums herstellen werden. Eines dieser „Krieg-leicht-gemacht“-Bücher von Rand enthält sogar eine hilfreiche Tabelle, mittels derer ein tolerierbarer Rahmen für Kollateralschäden (z. B. die Anzahl toter Babies) unter unterschiedlichen politischen und operativen Bedingungen errechnet werden kann.

Die Besetzung des Irak wurde von den Ideologen der Bush-Administration als Versuchsfeld für Demokratie im Nahen Osten dargestellt. Für die MOUT-Freaks ist der Nahe Osten ein Versuchsfeld ganz anderer Art. Dort üben Heckenschützen der Marines und Air Force Piloten neue Techniken des Tötens in einem sich ausbreitenden globalen Krieg gegen die Armen in den Slums.

Der US-amerikanische Soziologe und Stadtforscher Mike Davis wurde zu Beginn der 1990er Jahre mit seinem Buch „City of Quarts“ bekannt, einer Sozialgeschichte von Los Angeles, die den Zusammenhang zwischen der Privatisierung des öffentlichen Raums, ethnischer Ausgrenzung und Globalisierung analysierte. Sein jüngstes Buch, „Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter“, erschien in der Assoziation A, Berlin 2004.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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