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Die Waffe Mensch - Holger Meins und die RAF
Vor 30 Jahren, am 09. November 1974 starb Holger Meins
während und an der Zwangsernährung. Sein Hungerstreik
sollte gebrochen werden wie sein Wille für eine
befreite Gesellschaft zu kämpfen. Libertad! hat
die Ausstellung, die erstmalig 1999 in der Berliner
Volksbühne gezeigt wurde, neu aufgelegt und erweitert.
Wir stellen die Ausstellung Interessierten gerne zur
Verfügung. Ein eMail genügt: kampagne
bei libertad.de
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Das Rätsel ist die Entscheidung für das Leben
im Untergrund und den bewaffneten Kampf, obwohl diese
Lebensformen etwas Einfaches, fast Natürliches zu
haben scheinen. Bewaffnete Auseinandersetzungen wird es
immer geben, auch innerstaatlich, weil es immer Menschen
geben wird, die nicht anders können, als den Kampf
auf dieser Ebene zu führen, so wie es immer die Vielen
geben wird, die davor zurückschrecken, weil sie wissen,
dass sie es nicht können, objektiv, nicht durchhalten
würden, die schon nervös werden, wenn sie einen
Soldaten oder einen Polizisten sehen. Ich habe ein derart
gestörtes Verhältnis zum Gesetzesbruch, dass
ich schon zu zittern beginne, wenn ich im Supermarkt einen
Flachmann in die Hand nehme, in der Absicht, ihn zu klauen.
Menschen wie ich haben nur dann nichts gegen die Anwendung
von Gewalt, wenn sie nicht selber Gewalt anwenden müssen
und ihr nicht ausgesetzt sind. Die Genossen von der RAF
und den anderen Kampftruppen, die meine Freunde waren,
auch politisch, haben immer nur für mich gekämpft.
Ich wollte diesen Kampf, fand ihn richtig, hielt ihn für
unausweichlich, habe sie dafür bewundert, einige
auch geliebt, aber selber hätte ich an ihm nicht
teilnehmen können. So viele Ängste, die sich
in mir breitgemacht haben, seit ich ein Kind war vermutlich.
Ehe ich in die Lage kam, über sie nachzudenken. Nicht
nur die Angst, selber Schaden zu nehmen oder zu sterben.
Nicht nur die vor dem Leben im Untergrund und im Knast,
die ich beide nicht aushalten würde. Das ist das
einzige, was ich zu wissen meine. Auch die Angst davor,
anderen wehzutun. Ich weiß, warum so viele Menschen
vor Hitler gestanden haben, ohne ihn umzubringen. Ich
selber hätte es auch nicht getan, weil ich es nicht
gekonnt hätte. Ich wüsste nicht, woher ich so
schnell die notwendige Erregung nehmen sollte. Nur im
Affekt könnte ich einen Menschen töten, denke
ich, aber auch dessen bin ich mir nicht sicher. Nie jedenfalls
waren meine Affekte groß genug und jetzt, da ich
siebzig bin, werden sie immer geringer. Natürlich
könnte ich ein paar Episoden aufschreiben, aber was
soll das? Es gibt ein schönes Buch über
Meins, Starbuck, 2001 in Berlin im Espresso
Verlag erschienen. Ich habe es gelesen, es hat mich bereichert,
ich habe viel über Holger Meins gelernt, aber an
einem Punkt hat es mich auch enttäuscht. Das ist
die Frage, wie hat er sich in die Lage versetzt, den bewaffneten
Kampf zu führen. Warum reichte eines Tages sein Hass
soviel tiefer. Wie konnte er überhaupt so hassen,
wo ich mich damit trösten konnte, dass die Verhältnisse
daran schuld sind, dass die Menschen sich so verhalten,
wie sie es tun. Es gibt da diesen berühmten Brief
von Meins an Manfred Grashof vom 1. November 1974. Den
Staatsfetischisten und Anhängern der versammelten
Scheiße, die sich Bundesrepublik Deutschland nennt,
gilt er als zentrales Dokument des Fanatismus. Denen,
die selber nie genug Mut hatten, zu kämpfen, als
Ausdruck eines heldenhaften Menschen. Verstehen werden
ihn nur die Wenigen, die selber gekämpft und in seiner
Situation im Knast gesessen haben.
Die zentralen Sätze des Briefes wurden unzählige
Male zitiert und man kann ihn auch als ganzes lesen. Auf
Seite 183 in dem Buch Dokumente herausgegeben
von Bakker Schut, erschienen 1987 im Neuer Malik
Verlag. Ich musste mir den Zeitpunkt vergegenwärtigen,
als ich den Brief erstmals las. Geschrieben wurde er am
1. November 1974 nach fünfzig Tagen Hungerstreik
und Zwangsernährung in der Haftanstalt Wittlich,
acht Tage später war Meins tot. Die Anstaltsärzte
hatten ihn verhungern lassen, um die anderen Gefangen
zu veranlassen, ihren Hungerstreik abzubrechen.
Was mich immer am meisten erschreckte: Meins wusste, dass
sie ihn sterben lassen würden, wenn er seinen Hungerstreik
fortsetzte. Der vorletzte Absatz lautet: hier
geht's doch ziemlich rapide - also schneller als ich schrieb.
hab jetzt 46,8. geht täglich 140-150 g runter. kriege
tatsächlich nur 400 kalorien. das arzt-pigchen meint
1200: drei esslöffel je vierhundert' -ist aber
so: drei esslöffel = 400. Was ist das
Wesen des Briefes? Er besteht aus einigen Feststellungen:
das einzige, was zählt, ist der kampf. kampf
bis zum tod. Wenn du weißt, dass mit jedem schweinesieg
die konkrete mordabsicht konkretisiert wird und du machst
nicht weiter mit, bist du das schwein, das spaltet, um
selbst zu überleben. entweder mensch oder schwein.
Holger Meins entwickelt aus der Konfrontation mit den
Schweinen, die Sätze, die ihn selbst aus der Gesellschaft
herauskatapultieren. Nicht nur die Propaganda der staatlichen
Counterinsurgency hat zur Abwendung der Linken von den
Gefangenen geführt - dazu, dass immer weniger Leute
draußen bereit waren, sich für ihre Lebensbedingungen
und für ihr Leben einzusetzen. Ein Prozess, der nach
dem Tod von Meins sich rasch entwickelte. Es war auch
das messianisch Unbedingte der Sprache, das wie ein Trennungsstrich
wirkte und dazu führte, dass sich das Engagement
für die Erhaltung des Lebens der Gefangenen erst
in Desinteresse verwandelte, bis sich im Spätherbst
1977 zeigte, dass viele Linke froh waren, dass der
Spuk endlich vorbei war: dass die Gründer der
RAF endlich tot waren. Der Staatsschutz wusste, warum
er die wesentlichen Aussagen des Briefes (den die Herren
des Morgengrauens in schweinemäßiger Weitsicht
als Kassiber hatten durchgehen lassen), den Presseorganen
zuspielen ließ. Im Brief von Meins wurde das Verhältnis
zu denen, die nicht oder nicht mehr bereit waren, bis
zum Tod zu kämpfen, vermeintlich noch einmal zugespitzt.
Ich selbst interpretiere die Schärfe des Briefes
anders. Auch den Kadern der RAF war klar, dass nicht alle
so kämpfen konnten wie sie und natürlich gab
es immer die Möglichkeit auszusteigen ohne Gefahr
für Leib und Leben. Es geht um einen anderen Widerspruch.
Von Anfang an hatte der Staat versucht, bewaffnete Kämpfer
umzubringen, möglichst schon bei der Festnahme. Wo
das nicht opportun war, versuchten sie es im Knast mit
diversen Mitteln. Holger Meins wurde nach seiner Festnahme
gefoltert. Alle Maßnahmen waren darauf gerichtet,
ihn und die anderen entweder psychisch zu brechen oder
umzubringen, durch oktroyierte Hungerstreiks. Man brachte
die Gefangenen in Extremsituationen, bis sie keine Möglichkeit
mehr sahen, als ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wer von
einem Menschen nach mehr als zwei Jahren der Folter und
fünfzig Tagen Hungerstreik erwartet, dass er wieder
zur Stulle greift, um sein Leben zu retten, handelt selber
mit unbedingtem Tötungsvorsatz. Meins hat die aussichtlose
Lage im Brief selber definiert: menschen also,
die sich weigern, den kampf zu beenden - sie gewinnen
entweder oder sie sterben, anstatt zu verlieren und zu
sterben. Man kann auch darüber verzweifeln,
dass man Recht hat. Wir definieren den Staat als ein Monster,
das um sich schlägt, wenn man es bedroht und das
vor keinem Verbrechen zurückschreckt, wenn es um
seine Existenz fürchtet. Man kann sich ihm nur unterwerfen,
oder ihn bekämpfen. Die Unterwerfung hat viele Spielarten.
Der Kampf kennt nur ein Ende. Den Tod der Edlen und Gerechten.
Peter O. Chotjewitz ist Schriftsteller und Übersetzer
von Dario Fo. In den 1970er ließ er sich als Rechtsanwalt
zu lassen, um Andreas Baader zu besuchen. Sein im Oktober
2004 erschienenes Buch heißt Alles über
Leonardo aus Vinci (Europa Verlag, Hamburg).
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