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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 14- Herbst 2004- Seite 3
Peter O. Chotjewitz zum 30. Todestag von Holger Meins, Gefangener aus der RAF
Der Kampf kennt nur ein Ende
[ Inhalt Nr.14.]
 
   
 
   
 
   

“Die Waffe Mensch - Holger Meins und die RAF“

Vor 30 Jahren, am 09. November 1974 starb Holger Meins während und an der Zwangsernährung. Sein Hungerstreik sollte gebrochen werden wie sein Wille für eine befreite Gesellschaft zu kämpfen. Libertad! hat die Ausstellung, die erstmalig 1999 in der Berliner Volksbühne gezeigt wurde, neu aufgelegt und erweitert. Wir stellen die Ausstellung Interessierten gerne zur Verfügung. Ein eMail genügt: kampagne bei libertad.de

 

Das Rätsel ist die Entscheidung für das Leben im Untergrund und den bewaffneten Kampf, obwohl diese Lebensformen etwas Einfaches, fast Natürliches zu haben scheinen. Bewaffnete Auseinandersetzungen wird es immer geben, auch innerstaatlich, weil es immer Menschen geben wird, die nicht anders können, als den Kampf auf dieser Ebene zu führen, so wie es immer die Vielen geben wird, die davor zurückschrecken, weil sie wissen, dass sie es nicht können, objektiv, nicht durchhalten würden, die schon nervös werden, wenn sie einen Soldaten oder einen Polizisten sehen. Ich habe ein derart gestörtes Verhältnis zum Gesetzesbruch, dass ich schon zu zittern beginne, wenn ich im Supermarkt einen Flachmann in die Hand nehme, in der Absicht, ihn zu klauen. Menschen wie ich haben nur dann nichts gegen die Anwendung von Gewalt, wenn sie nicht selber Gewalt anwenden müssen und ihr nicht ausgesetzt sind. Die Genossen von der RAF und den anderen Kampftruppen, die meine Freunde waren, auch politisch, haben immer nur für mich gekämpft. Ich wollte diesen Kampf, fand ihn richtig, hielt ihn für unausweichlich, habe sie dafür bewundert, einige auch geliebt, aber selber hätte ich an ihm nicht teilnehmen können. So viele Ängste, die sich in mir breitgemacht haben, seit ich ein Kind war vermutlich. Ehe ich in die Lage kam, über sie nachzudenken. Nicht nur die Angst, selber Schaden zu nehmen oder zu sterben. Nicht nur die vor dem Leben im Untergrund und im Knast, die ich beide nicht aushalten würde. Das ist das einzige, was ich zu wissen meine. Auch die Angst davor, anderen wehzutun. Ich weiß, warum so viele Menschen vor Hitler gestanden haben, ohne ihn umzubringen. Ich selber hätte es auch nicht getan, weil ich es nicht gekonnt hätte. Ich wüsste nicht, woher ich so schnell die notwendige Erregung nehmen sollte. Nur im Affekt könnte ich einen Menschen töten, denke ich, aber auch dessen bin ich mir nicht sicher. Nie jedenfalls waren meine Affekte groß genug und jetzt, da ich siebzig bin, werden sie immer geringer. Natürlich könnte ich ein paar Episoden aufschreiben, aber was soll das? Es gibt ein schönes Buch über Meins, „Starbuck“, 2001 in Berlin im Espresso Verlag erschienen. Ich habe es gelesen, es hat mich bereichert, ich habe viel über Holger Meins gelernt, aber an einem Punkt hat es mich auch enttäuscht. Das ist die Frage, wie hat er sich in die Lage versetzt, den bewaffneten Kampf zu führen. Warum reichte eines Tages sein Hass soviel tiefer. Wie konnte er überhaupt so hassen, wo ich mich damit trösten konnte, dass die Verhältnisse daran schuld sind, dass die Menschen sich so verhalten, wie sie es tun. Es gibt da diesen berühmten Brief von Meins an Manfred Grashof vom 1. November 1974. Den Staatsfetischisten und Anhängern der versammelten Scheiße, die sich Bundesrepublik Deutschland nennt, gilt er als zentrales Dokument des Fanatismus. Denen, die selber nie genug Mut hatten, zu kämpfen, als Ausdruck eines heldenhaften Menschen. Verstehen werden ihn nur die Wenigen, die selber gekämpft und in seiner Situation im Knast gesessen haben.
Die zentralen Sätze des Briefes wurden unzählige Male zitiert und man kann ihn auch als ganzes lesen. Auf Seite 183 in dem Buch „Dokumente“ herausgegeben von Bakker Schut, erschienen 1987 im „Neuer Malik Verlag“. Ich musste mir den Zeitpunkt vergegenwärtigen, als ich den Brief erstmals las. Geschrieben wurde er am 1. November 1974 nach fünfzig Tagen Hungerstreik und Zwangsernährung in der Haftanstalt Wittlich, acht Tage später war Meins tot. Die Anstaltsärzte hatten ihn verhungern lassen, um die anderen Gefangen zu veranlassen, ihren Hungerstreik abzubrechen.
Was mich immer am meisten erschreckte: Meins wusste, dass sie ihn sterben lassen würden, wenn er seinen Hungerstreik fortsetzte. Der vorletzte Absatz lautet: „hier geht's doch ziemlich rapide - also schneller als ich schrieb. hab jetzt 46,8. geht täglich 140-150 g runter. kriege tatsächlich nur 400 kalorien. das arzt-pigchen meint 1200: ‚drei esslöffel je vierhundert' -ist aber so: drei esslöffel = 400.“ Was ist das Wesen des Briefes? Er besteht aus einigen Feststellungen: „das einzige, was zählt, ist der kampf. kampf bis zum tod. Wenn du weißt, dass mit jedem schweinesieg die konkrete mordabsicht konkretisiert wird und du machst nicht weiter mit, bist du das schwein, das spaltet, um selbst zu überleben. entweder mensch oder schwein.“
Holger Meins entwickelt aus der Konfrontation mit den Schweinen, die Sätze, die ihn selbst aus der Gesellschaft herauskatapultieren. Nicht nur die Propaganda der staatlichen Counterinsurgency hat zur Abwendung der Linken von den Gefangenen geführt - dazu, dass immer weniger Leute draußen bereit waren, sich für ihre Lebensbedingungen und für ihr Leben einzusetzen. Ein Prozess, der nach dem Tod von Meins sich rasch entwickelte. Es war auch das messianisch Unbedingte der Sprache, das wie ein Trennungsstrich wirkte und dazu führte, dass sich das Engagement für die Erhaltung des Lebens der Gefangenen erst in Desinteresse verwandelte, bis sich im Spätherbst 1977 zeigte, dass viele Linke froh waren, dass „der Spuk“ endlich vorbei war: dass die Gründer der RAF endlich tot waren. Der Staatsschutz wusste, warum er die wesentlichen Aussagen des Briefes (den die Herren des Morgengrauens in schweinemäßiger Weitsicht als Kassiber hatten durchgehen lassen), den Presseorganen zuspielen ließ. Im Brief von Meins wurde das Verhältnis zu denen, die nicht oder nicht mehr bereit waren, bis zum Tod zu kämpfen, vermeintlich noch einmal zugespitzt. Ich selbst interpretiere die Schärfe des Briefes anders. Auch den Kadern der RAF war klar, dass nicht alle so kämpfen konnten wie sie und natürlich gab es immer die Möglichkeit auszusteigen ohne Gefahr für Leib und Leben. Es geht um einen anderen Widerspruch. Von Anfang an hatte der Staat versucht, bewaffnete Kämpfer umzubringen, möglichst schon bei der Festnahme. Wo das nicht opportun war, versuchten sie es im Knast mit diversen Mitteln. Holger Meins wurde nach seiner Festnahme gefoltert. Alle Maßnahmen waren darauf gerichtet, ihn und die anderen entweder psychisch zu brechen oder umzubringen, durch oktroyierte Hungerstreiks. Man brachte die Gefangenen in Extremsituationen, bis sie keine Möglichkeit mehr sahen, als ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Wer von einem Menschen nach mehr als zwei Jahren der Folter und fünfzig Tagen Hungerstreik erwartet, dass er wieder zur Stulle greift, um sein Leben zu retten, handelt selber mit unbedingtem Tötungsvorsatz. Meins hat die aussichtlose Lage im Brief selber definiert: „menschen also, die sich weigern, den kampf zu beenden - sie gewinnen entweder oder sie sterben, anstatt zu verlieren und zu sterben.“ Man kann auch darüber verzweifeln, dass man Recht hat. Wir definieren den Staat als ein Monster, das um sich schlägt, wenn man es bedroht und das vor keinem Verbrechen zurückschreckt, wenn es um seine Existenz fürchtet. Man kann sich ihm nur unterwerfen, oder ihn bekämpfen. Die Unterwerfung hat viele Spielarten. Der Kampf kennt nur ein Ende. Den Tod der Edlen und Gerechten. Peter O. Chotjewitz ist Schriftsteller und Übersetzer von Dario Fo. In den 1970er ließ er sich als Rechtsanwalt zu lassen, um Andreas Baader zu besuchen. Sein im Oktober 2004 erschienenes Buch heißt „Alles über Leonardo aus Vinci“ (Europa Verlag, Hamburg).


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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