Ende Februar 2004 verließ der Präsident Haitis,
Jean-Bertrand Aristide, das Land. Er sagte, er sei durch amerikanische
Kräfte verschleppt worden. Gleichzeitig marschierten
in Haitis Hauptstadt Rebellen und amerikanische Soldaten
ein.
...Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von
angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde,
die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren
ist. Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so
viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die
jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung
und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten. (Aus der
Rede Patrice Lumumbas am kongolesischen Unabhängigkeitstag)
Wir haben beschlossen, daß die Beseitigung
Lumumbas unser wichtigstes Ziel ist und dass dieses Ziel unter
den gegebenen Umständen innerhalb unserer geheimen Aktion
Priorität genießt. (Allen Dulles, Chef
der CIA, in einem Telegramm an einen seiner Agenten in Léopoldville,
Kongo, 28.8.1960)

US-Marine bei der Sicherung amerikanischer Interessen in
Port-au-Prince
Ein halbes Jahr später war Patrice Lumumba, der einzige
demokratisch gewählte Präsident Kongos, tot
ermordet von Oppositionellen. Inzwischen sind
Verwicklungen der damals scheidenden Kolonialmacht Belgien
und des CIA in die Ermordung Lumumbas nachgewiesen. Aber nicht
über Lumumba wollten wir schreiben, auch nicht über
den Kolonialismus in Afrika und über afrikanische Befreiungskämpfe
etc., auch wenn der Stoff bis heute nicht ausgeht... Die
Methode
interessiert uns. Ende Februar 2004 verließ der Präsident Haitis,
Jean-Bertrand Aristide, das Land. Er selbst sagt, er sei durch
amerikanische Kräfte verschleppt worden. Gleichzeitig
marschierten in Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, die
Rebellen ein.
Jean-Bertrand Aristide bekannt als der katholische
Armenpriester - wurde 1990 in den ersten demokratischen
Wahlen Haitis mit großer Mehrheit zum Präsidenten
gewählt. Zuvor löste eine Regierung die andere ab.
Nach der Flucht des Diktators Baby Doc Duvalier
aufgrund lange anhaltender Rebellionen im Februar 1986 nach
Frankreich, waren es neun an der Zahl, die mit unterschiedlichen
kriminellen Methoden die Macht an sich rissen.
Aristide, in der mehrheitlich verarmten haitianischen Bevölkerung
sehr beliebt, hatte erklärt, die sozialen Missstände
auf der Insel unter anderem durch Enteignung beseitigen zu
wollen. Doch bevor er seine Regierungsgeschäfte richtig
in Angriff nehmen konnte, wurde er durch einen Militärputsch
gestürzt. International wurde der Putsch verurteilt,
Entwicklungshilfe wurde eingestellt, die UNO verhängte
1993 ein Erdöl- und Waffenembargo. Schlussendlich trug
dann noch die Androhung einer US-Invasion in Haiti dazu bei,
dass Aristide 1994 sein Amt wieder übernehmen konnte.
Es war nicht die Entrüstung über die Skrupellosigkeit
antidemokratischer Kräfte in Haiti, die die westlichen
Regierungen umtrieb. Es war vielmehr die Erkenntnis, dass
die Dynamik der sozialen Rebellion nicht einfach aufzuhalten
sein wird, sondern dass sie langfristig in ungefährliche
Bahnen gelenkt werden muss. Unsere Aufgabe war es, eine
Revolution aufzuhalten, nicht einen Staatsstreich, so
skizzierte Stan Goff, Hauptfeldwebel der US Special-Forces
und Veteran der Operation Uphold Democracy das Ziel der damaligen
US-Politik.
Es lag schon damals auf der Hand: Haiti, in einer strategisch
nicht unwichtigen Region gelegen, war auf Unterstützung
des IWF angewiesen, und im weiteren Verlauf hatten die westlichen
Staaten, allen voran die USA, den Taktstock in der Hand. So
wie jede Bestrebung, in einem kapitalistischen System Armut
zu bekämpfen und langfristige soziale Verbesserungen
durchzusetzen scheitern muss, blieben in Haiti die Armen weiterhin
arm, und blieb einer verschwindend kleinen Oberschicht der
Reichtum erhalten.
Dass nach den erst erfolgreichen Rebellionen, die immerhin
zum Sturz eines verhassten Diktators führten, Desillusionierung
um sich griff und in Destruktivität mündete, wird
nicht verwundern. Im Marsch auf Port-au-Prince standen sich
jetzt bewaffnete Banden gegenüber, die zu unterschiedlichen
Zeiten in unterschiedlichen Machtverteilungen Protagonisten
der Entwicklung noch aus der Duvalier-Zeit bis heute waren
und sind, und die sich um diverse Warlords gruppieren bzw.
sich aus der Anhängerschaft Aristides rekrutieren, der
sich ihrer zu seiner Zeit auch bediente. Die neuen
alten Führer, die sich jetzt um die Macht streiten, verharrten
bis dato entweder im Exil oder waren zum Zwecke ihrer Befriedung
in den Staatsapparat unter Aristides Lavalas-Partei eingebunden.
Zum großen Teil sind sie berühmtberüchtigt,
wie uns ein beispielhafter Blick auf zwei dieser Exemplare
verdeutlichen kann: Guy Philippe, ein von US-Spezialeinheiten
ausgebildeter Ex-Militär, während dessen Dienstzeit
als Polizeichef Ende der 90er Jahre es zu extralegalen Exekutionen
in Haiti kam.
Chamblain, 1995 zusammen mit sieben weiteren Militärs
und Paramilitärs in Abwesenheit zu lebenslanger Haft
verurteilt wegen seiner Beteiligung an der Ermordung eines
Aktivisten der Demokratiebewegung 1993.
Aristide und Lumumba lassen sich schlecht miteinander vergleichen.
Lumumba war Befreiungskämpfer, der vom ersten Tag seiner
Regierungstätigkeit an auf Konfrontationskurs zu den
imperialistischen Staaten ging, Aristide ist ein Theologe
der Befreiung, der mit Unterstützung der imperialistischen
Staaten seine legitime Regierungstätigkeit übernahm.
Vergleichen lassen sich die Methoden der Einflussnahme von
außen auf die Politik souveräner Staaten; durch
die Unterstützung oppositioneller Bewegungen bis hin
zu Paramilitärs, die Absetzung ganzer Regierungen, die
Entführung bis hin zur Liquidierung von Präsidenten:
der imperialistischen Requisitenkammer fehlt es an nichts.
Die USA hat sich schon mit der kubanischen Renitenz in ihrem
Hinterhof abzufinden, der gewünschte Sturz
der Chavez-Regierung lässt auf sich warten. Das zusammen
ergibt mehr als genug Unwägbarkeiten für die US-amerikanischen
Interessen. Einen dritten Kandidaten mit sozialen Ambitionen
wollte man sich nicht länger leisten.
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