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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13 - Frühjahr 2004 - Seite 19
RAF, Pop und historische Bezüge: Ein Gespräch mit Christoph Korn
„Die RAF ist heiß. Marx hätte die Polizei nicht interessiert!“
[ Inhalt Nr. 13 .]

 

Der Frankfurter Künstler und Musiker Christoph Korn ist 1965 geboren. Im Alter von 24 hat er in Brasilien ein Jahr mit Straßenkindern gearbeitet. Im Hessischen Rundfunk wird in Kürze sein Hörspiel über Arbeitersprechchöre in den 1920er Jahren gesendet. Er ist Mitglied der Musikgruppe „arbeit“, die auf dem Kongress „Indeterminate! Kommunismus“ im November 2003 mit „Marx“, einem elektronischen Musiktheater, aufgetreten sind und 2004 eine neue CD herausbringen werden mit Vertonungen von Texten und Liedern, die mehr oder weniger direkt Verbindungen zu Marx herstellen. Wir dokumentieren einen Ausriss eines Gesprächs, das die „So oder So“ im November 2003 mit Christoph Korn führte.

Internet-Links:
http://www.textxtnd.de/infokuenstler/korn/korn.htm
http://www.textxtnd.de/deutsch_engl/projekte/RAF/s1_raf.htm
http://www.hyperghetto.de (POSTCOLONIALISM)

 

Ab Mitte Juni 2003 war deine Installation „RAF 1970-1998“ in der D-Ebene des Frankfurter U-Bahnhofs Merianplatz für vier Wochen aufgebaut. Was war da zu sehen?

Die Installation war in einem Raum, der nicht mehr genutzt wird und den man vom Bahnsteig aus durch ein kleines Fenster einsehen konnte. Es war wohl mal der Raum eines Bediensteten. Es gab darin ein Waschbecken, Linoleumboden, Neonleuchten; ein ganz karger, funktional ausgestatteter Raum. Darin wurde eine PA-Anlage installiert, die Tag und Nacht lief. Dieses PA-System gab laute Noise-Musik von sich. Noise-Musik besteht aus Noise, Krach. Das musikalische Material von Noise-Musik sind alle möglichen Formen von Rauschen. Diese Musik kam ursprünglich aus Japan, wurde dort sozusagen erfunden. Die PA-Anlage gab also mit extremer Lautstärke diesen Noise von sich. Wenn man in diesen Raum reingegangen ist, ging das nur mit Ohrenschützern, und auch der Luftdruck war darin so extrem, dass einem psychisch schlecht wurde. Die Anlage war also bis zum Anschlag gefahren. Die Warnlämpchen der Boxen leuchteten auf und signalisierten, gleich knallen die Hochtöner durch. Von Draußen beim Anschauen hat man nur einen Bruchteil des Lärms durch die dicke Wand mitgekriegt. Die Wände haben vibriert. Man konnte spüren, darin ist es richtig laut. Diese Anlage bollerte Tag und Nacht, wurde niemals ausgeschaltet. Auch nachts, wenn kein Mensch mehr in der U-Bahn war, bollerte die weiter. Übrigens musste ich die Installation frühzeitig abbauen, weil sie irgendeinen Bediensteten der Verkehrsgesellschaft offenbar ärgerte. Der ging immer wieder da rein und verschob die Anlage. Die Installation war dadurch quasi zerstört. Ich hätte den gerne kennengelernt, man hat aber nicht herausfinden können, wer es war.

Ich sah die Installation und habe gleich an den Brief von Ulrike Meinhof aus dem Toten Trakt gedacht. Ulrike sitzt in Isolationshaft und schreibt in etwa vierzig Zeilen, was sie fühlt. Einer ihrer ersten Sätze lautet: „Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf“. Mich hat das ganze an eine Zelle erinnert: Weiße Kacheln, Waschbecken, Neonlicht, sonst nichts und dann der Lärm - das Gefühl es explodiert einem der Kopf.

Ja, ich habe einige solcher Assoziationen gehört. Dieser Raum hat wirklich etwas von Zelle.

Was mich bei dieser Arbeit interessierte, war eine Installation herzustellen, die eine Form von Arbeit leistet: 24 Stunden lang diese Lautstärke zu produzieren. Für mich war das auch, ich sag mal so ganz hehr, der Versuch eine Erinnerungsarbeit, vielleicht auch eine Trauerarbeit zu leisten. Für mich war dieser Noise Erinnerungsarbeit oder Trauerarbeit. Aber mit welchem Inhalt, das weiß ich nicht. Das bleibt für mich auch völlig offen. Das könnte ich auch nicht mit Namen benennen.

Trauer um die RAF

Ich dachte neulich, in der Kirche brennt doch immer dieses rote Lichtchen, das symbolisiert, hier ist Jesus anwesend. Das finde ich ein wahnsinnig starkes spirituelles Moment im katholischen Glauben. Du gehst weltweit irgendwo in eine katholische Kirche und da steht das ewige Licht, hier dasselbe wie in Brasilien. Ganz ähnlich ist die RAF-Installation gewesen - von der Form her - Tag und Nacht arbeitet diese Maschine. Und zwar nicht in der Form eines Rosenkranzes, sondern in Form extrem lauter Noise-Musik. Das war für mich Erinnerungsarbeit und auch eine Form von Trauerarbeit.

Was meinst du damit, an was erinnern, um was trauern?

Das ist ja das, was für mich offen bleibt, das weiß ich nicht. Bei Freud besteht Trauerarbeit, z.B. bei Tod, Trennung oder Verlusten, im Hervorholen von einzelnen Bildern des Betrauerten, die dann als Erinnertes und Vergangenes, als gewesene Geschichte wieder abgelegt werden. Der Begriff der Trauer- oder Erinnerungsarbeit ist hier insofern offen wie das Lichtchen in der Kirche steht. So wie es jeder einzelne für sich zu nutzen vermag.

Aber um was trauerst du oder um was können andere trauern?

Beispielsweise um ein so gescheitertes Projekt wie es die RAF war. Auch Trauer um den Verlust von Gewalt; die Gewalt, die in den 80er Jahren die RAF für uns quasi erledigte. Es gab Sympathie, und gleichzeitig träumte eine ganze Generation von Linken nachts davon, sich mal so eine MG in die Hand zu nehmen. Die hätten das nie gemacht, ich hätte das auch nie gemacht, ich hatte da eher einen pazifistischen Standpunkt, aber trotzdem gab es eine Dimension von Gewalt, die wir auch erlebt haben, die durch die RAF im politischen Umfeld anwesend war. Und das ist ein Verlust. Mit der RAF ist auch das verloren gegangen: Gewalt.

Die Gewalt der RAF - da handelten welche stellvertretend für viele, die das nie gemacht hätten, die das sogar verurteilt, aber in Träumen realisiert haben. Bei Fanon „Die Verdammten dieser Erde“ habe ich gerade über den Kolonialisierten gelesen. In seinem Traum springt er, rennt er, klettert er usw. und dann befreit er sich - im Traum. Die RAF hat eine reale Ebene von Gewalt symbolisiert und ausgeübt. Sie gab - stellvertretend für viele - dem eigenen Leiden unter den Verhältnissen einen Ausdruck in Form von Gewalt. Und das ist verloren gegangen, darüber kann getrauert werden.
Heutzutage ist radikale Kritik verschwunden, auch jegliche Bewegung, die grundlegende Kritik noch formulieren würde. Indem die RAF Gewalt anwendete, hat sie der herrschenden Gewalt eine Gewalt entgegengesetzt und deutlich gemacht, dass die Gewalt, die wir nicht sehen, die vom System ausgeht - so ganz allgemein gesagt - dass man der eine Gegengewalt gegenüber stellt. Und man behauptet, die Gewalt, die ihr macht, beantworten wir auch mit Gewalt. Wie Fanon, der Anfang der 1960er Jahre schreibt: „Ihr Intellektuellen in Frankreich, haltet die Klappe! Jetzt holen wir die Macheten raus - die einzige Sprache, die wir eurer Sprache entgegensetzen können.“ Das ist die banalste Form der Kritik, die einfachste und radikalste Form. Gewalt beantworten wir mit Gegengewalt. Das ist auch als radikaler Diskurs verloren gegangen. Von daher tut sich heute ein absolutes Vakuum auf.

...in dem auch die in diesem Zusammenhang entwickelten Ideen und Inhalte fehlen. - Was hast du in der Zeit, in der es die RAF gab, gemacht?

Ich dachte, mit Kunst kannst du keine Revolution machen

Meine Polit-Zeit waren die 80er Jahre gewesen, wo ich in politischen Gruppen, in Uni-Zirkeln aktiv war und kleinere Aktionen gemacht habe. Und irgendwann habe ich mich vor die Entscheidung gestellt, mache ich jetzt Kunst, oder mache ich jetzt Politik. Ich habe mich dann, als ich 21 oder 22 war, für Politik entschieden. Ich dachte, mit Kunst kannst du keine Revolution machen. Kunst ist zurückgewandt und bloße Ästhetik. Das war keine unübliche Denkfigur in der Linken gewesen. Ich habe Politologie studiert und mich erst viel später für die Musik und für die Kunst entschieden...

...und damit gegen die Politik?...

...nein, nicht gegen die Politik, nein, nein. Aber es gab schon eine Entwicklung. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr auf die Haltung, die in den 80ern sehr präsent war: „ich hier - Gewaltsystem dort“, „ich will das Gewaltsystem kleinkriegen“, „ich leide unter der Struktur, die alles andere als ein lustiges Leben möglich macht“. Da gab es bei mir eine Entwicklung, dass ich irgendwann sagte: Das will ich nicht, diese Selbstkasteiung der Linken in den 80er Jahren, das ständige Leiden an der Welt, die Haltung zur Welt und zum eigenen Leben usw. Da schien mir irgendwann die Ästhetik eine Möglichkeit, ein Verhältnis zu schaffen mit den eigenen politischen Intentionen und Wünschen und Ideen anders umzugehen, als zu sagen: So, hier noch ein Flugblatt schreiben und da vielleicht noch eine kleine Scheibe einschmeißen. Da gab es für mich so ein Wandel, wo ich dann in die Musik gegangen bin. Was meine Arbeit angeht, ist für mich die Konnotation mit dem Politischen wichtig. Nur mein Verhältnis und der Blick aufs Politische hat sich geändert.

Es gab selten Momente, wo Kunst und Politik ineinandergriffen. Und es gab wenige, die auf der künstlerischen Seite der Politik angesiedelt waren oder das gar auf den Begriff „Da erledigt die RAF etwas für viele“ gebracht haben: Das haben sicherlich einige aus den Bewegungen für sich gedacht, aber ich kenne diese Äußerung weniger von Menschen, die künstlerisch tätig waren.

Es gab Gerhard Richter mit seinem RAF-Zyklus; ein unglaubliches, intensives Werk. Es sind Riesenabbildungen von Ulrike Meinhof, wie sie tot da liegt, und anderen RAF-Leuten.

Rhythmus und Kampf

Ich weiss nicht, ob du die Parole „Rhythmus und Kampf“ kennst. Es war der Versuch Kunst und Politik zusammenbringen, diese Trennung ein Stück weit aufzuheben. Da gab es Demos, wo Bands auf den Pritschenwagen mitgefahren sind, wo an den besetzten Häusern die riesigen Wandgemälde entstanden.

Aber es war nicht weit verbreitet.

Und vor allem war es nicht möglich, etablierte Künstler zu gewinnen. Es ging nur aus sich selbst heraus mit denjenigen, die künstlerisch in der Bewegung unterwegs waren.

Das hat sich geändert. Beispielhaft die Arbeit von Kanak Attack. Zum pol-Festival hier in Frankfurt kam „ultra red“, eine Band aus Los Angeles, die mit Kanak Attack auf der Bühne performt hat. Diese Musiker arbeiten in dem Kontext Migration und Abschiebung. Dort wo sie eingeladen werden, suchen sie den Kontakt mit Leuten, die auch zu Migration arbeiten. Sie haben mit Kanak Attack auf der Bühne zusammen politische Diskussion und Musik gemacht. Da durchdringt und verbindet sich etwas auf einem ganz anderen, neuen Niveau.

Das gab es vereinzelt schon früher. In den 80ern war es das Linksradikale Blasorchester in Frankfurt. Die haben Arbeiterlieder auf den Demos geschmettert. Die Überschneidung, eine ästhetische Ebene weiter zu gehen, die Musik nicht als Funktionsmusik zu denken, nicht „Rhythmus und Kampf“, nicht rein funktional wie die Arbeiterlieder, das gibt es immer mehr. Und es ist eine super Entwicklung, dass sich diese Ebenen von Politik und Ästhetik durchdringen. Auch auf dem Kommunismuskongress gibt es viele ästhetische, künstlerische Beiträge.

Heute gibt es auf Seiten der Kunst eine bestimmte Sorte Aufarbeitung, z.B. RAF als Pop. Nach Che Guevara nun Ulrike Meinhof als Ikone auf T-Shirts. Findet sowas immer erst im Nachhinein statt? Kunst, die sich in der Zeit damals damit auseinander gesetzt hat, gab es eher wenig.

Weil du sagst: Ikone. Ich habe jetzt eine größere Arbeit gemacht zu Karl Marx. Marx ist wirklich inzwischen Ikone. Man kann auf ihn zugreifen, auch künstlerisch, und er ist so weit weg wie Che Guevara, man könnte ihn aufs T-Shirt drucken und er funktioniert zunächst als von seinen historischen Bezügen abgekoppelte Ikone. Das ist bei der RAF ganz anders. RAF ist noch ein heißes Eisen. Die RAF ist geschichtlich noch so nah. Aufgrund dieser kleinen Installation, die ich gemacht habe, kam die Polizei. Hätte ich dort etwas zu Marx gemacht, hätte das niemanden von der Polizei interessiert.

Weswegen kam die Polizei?

Die haben sich bei den Verantwortlichen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt erkundigt, ob die Eröffnungsveranstaltung da unten eine RAF-Sympathie-Demo wird. Da kann man immer sagen: Nein, das ist Kunst. Eigentlich ganz einfach.

Die FAZ berichtete über diese Anfrage des Staatsschutzes aufgrund einer Notiz „auf einer 'einschlägigen' Internetseite“ und stellte die Gleise der U-Bahn in einen Zusammenhang mit den Gleisen, auf denen Wolfgang Grams ums Leben kam. Diese „einschlägige“ Webseite war die unserer Initiative „10 Jahre Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen“, auf der auf die Eröffnung hingewiesen wurde..

Ja, genau. Ein brandheißes Eisen nach wie vor. Auch die Diskussion um die Ausstellung „Mythos RAF“ in Berlin...

Oder die Repression gegen die Linke in Magdeburg. Dort laufen Ermittlungsverfahren nach §129a, drei junge Genossen wurden festgenommen und angeklagt. Dass gegen sie so vorgegangen wird, hat etwas mit dieser Nähe zu tun. Auch dem Staat ist etwas in die Knochen gefahren. Bloß nichts mehr zulassen, was einen Organisierungprozess ermöglichen könnte, der nur ein Stück militanter ist als beispielsweise eine Demo das sein kann.

Die RAF ist immer noch ein heißes Eisen, das aber dennoch mehr und mehr angefasst wird. Ulrike auf T-Shirts, Bücher, Kino-Filme, Musik - beispielsweise die alte Neue-Deutsche-Welle Band „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“ (DAF) mit ihrem Lied „Kinderzimmer“, in dem die Guerilla herrscht, in dem Andreas Baader Superstar ist. So ein Lied wäre zu der Zeit, als es die RAF noch gab, nicht denkbar gewesen.

Andreas Baader Superstar

Verrückt, dass das jetzt gerade auftaucht. Mit Marx ist das übrigens genauso. Siehe Kommunismuskongress, die Stalin-Ausstellung „Traumfabrik Kommunismus“ in der Schirn, usw. Die Leute haben Antennen, die kommen zur gleichen Zeit auf das gleiche Thema. Das ist mir schon öfters passiert. Ich wußte zum Beispiel nichts von den Filmen, natürlich wußten die Filmemacher auch nichts über meine kleine Installation. Aber trotzdem passiert das plötzlich. Plötzlich ist das da.

Ich glaube, bei der RAF taucht das zu einem historischen Moment auf, den wir eben schon erörtert haben, in dem jegliche radikale Positionierung und wahrnehmbare Artikulation radikaler Grundkritik aus dem gesellschaftlichen Diskurs abhanden gekommen sind. Und dieses Defizit an Kritik bei Kunstschaffenden, bei Ausstellungsmachern, die solche Antennen haben, ist ein Grund, warum gerade jetzt darauf zugegriffen wird.

Und ein zweiter Grund ist, dass wir gerade historisch an dem Punkt sind, wo man sagen kann: RAF ist erledigt, sie geht in die Geschichte ein und wir können uns schon daran machen, so etwas wie Erinnerungsarbeit zu leisten. Soweit ist es doch schon weg, dass das geht.

Ja, die RAF ist Geschichte. Zumindest künstlerisch kann man sich deshalb heute ohne Repression zu befürchten mit ihr auseinandersetzen. Ähnlich ist es mit Marx nach dem Zusammenkrachen der Sowjetunion. Hätte man sich früher mit Marx auseinandergesetzt, wäre man gleich in diese Schublade gesteckt worden.

Absolut. Genau das ist der Punkt. Die DDR ist zusammengepurzelt, alles im Osten ist zusammengepurzelt. Jetzt kann man darauf zurückgreifen, auch ästhetisch, ohne erst so ein dickes Buch herausgeben zu müssen, worin man begründet, warum man das jetzt macht. „Nein, wir sind nicht für die DDR. Bitte versteht das nicht falsch“, so einen Aufsatz hätte man schreiben müssen. Da es sie nicht mehr gibt, hat man das von den Beinen. Es lässt sich tatsächlich jetzt auf das Thema Marx zugreifen, ohne an tausend verschiedene Näpfchen denken zu müssen, die da herum stehen.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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