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Der Frankfurter Künstler und Musiker Christoph
Korn ist 1965 geboren. Im Alter von 24 hat er in
Brasilien ein Jahr mit Straßenkindern gearbeitet.
Im Hessischen Rundfunk wird in Kürze sein Hörspiel über
Arbeitersprechchöre in den 1920er Jahren gesendet.
Er ist Mitglied der Musikgruppe arbeit,
die auf dem Kongress Indeterminate! Kommunismus im
November 2003 mit Marx, einem elektronischen
Musiktheater, aufgetreten sind und 2004 eine neue
CD herausbringen werden mit Vertonungen von Texten
und Liedern, die mehr oder weniger direkt Verbindungen
zu Marx herstellen. Wir dokumentieren einen Ausriss
eines Gesprächs, das die So oder So im
November 2003 mit Christoph Korn führte.
Internet-Links:
http://www.textxtnd.de/infokuenstler/korn/korn.htm
http://www.textxtnd.de/deutsch_engl/projekte/RAF/s1_raf.htm
http://www.hyperghetto.de (POSTCOLONIALISM) |
Ab Mitte Juni 2003 war deine Installation RAF 1970-1998
in der D-Ebene des Frankfurter U-Bahnhofs Merianplatz für
vier Wochen aufgebaut. Was war da zu sehen?
Die Installation war in einem Raum, der nicht mehr genutzt
wird und den man vom Bahnsteig aus durch ein kleines Fenster
einsehen konnte. Es war wohl mal der Raum eines Bediensteten.
Es gab darin ein Waschbecken, Linoleumboden, Neonleuchten;
ein ganz karger, funktional ausgestatteter Raum. Darin wurde
eine PA-Anlage installiert, die Tag und Nacht lief. Dieses
PA-System gab laute Noise-Musik von sich. Noise-Musik besteht
aus Noise, Krach. Das musikalische Material von Noise-Musik
sind alle möglichen Formen von Rauschen. Diese Musik
kam ursprünglich aus Japan, wurde dort sozusagen erfunden.
Die PA-Anlage gab also mit extremer Lautstärke diesen
Noise von sich. Wenn man in diesen Raum reingegangen ist,
ging das nur mit Ohrenschützern, und auch der Luftdruck
war darin so extrem, dass einem psychisch schlecht wurde.
Die Anlage war also bis zum Anschlag gefahren. Die Warnlämpchen
der Boxen leuchteten auf und signalisierten, gleich knallen
die Hochtöner durch. Von Draußen beim Anschauen
hat man nur einen Bruchteil des Lärms durch die dicke
Wand mitgekriegt. Die Wände haben vibriert. Man konnte
spüren, darin ist es richtig laut. Diese Anlage bollerte
Tag und Nacht, wurde niemals ausgeschaltet. Auch nachts, wenn
kein Mensch mehr in der U-Bahn war, bollerte die weiter. Übrigens
musste ich die Installation frühzeitig abbauen, weil
sie irgendeinen Bediensteten der Verkehrsgesellschaft offenbar
ärgerte. Der ging immer wieder da rein und verschob die
Anlage. Die Installation war dadurch quasi zerstört.
Ich hätte den gerne kennengelernt, man hat aber nicht
herausfinden können, wer es war.
Ich sah die Installation und habe gleich an den Brief
von Ulrike Meinhof aus dem Toten Trakt gedacht. Ulrike
sitzt in
Isolationshaft und schreibt in etwa vierzig Zeilen, was sie
fühlt. Einer ihrer ersten Sätze lautet: Das
Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Mich hat
das ganze an eine Zelle erinnert: Weiße Kacheln, Waschbecken,
Neonlicht, sonst nichts und dann der Lärm - das Gefühl
es explodiert einem der Kopf.
Ja, ich habe einige solcher Assoziationen gehört. Dieser
Raum hat wirklich etwas von Zelle.
Was mich bei dieser Arbeit interessierte, war eine Installation
herzustellen, die eine Form von Arbeit leistet: 24 Stunden
lang diese Lautstärke zu produzieren. Für mich war
das auch, ich sag mal so ganz hehr, der Versuch eine Erinnerungsarbeit,
vielleicht auch eine Trauerarbeit zu leisten. Für mich
war dieser Noise Erinnerungsarbeit oder Trauerarbeit. Aber
mit welchem Inhalt, das weiß ich nicht. Das bleibt für
mich auch völlig offen. Das könnte ich auch nicht
mit Namen benennen.
Trauer um die RAF
Ich dachte neulich, in der Kirche brennt doch immer dieses
rote Lichtchen, das symbolisiert, hier ist Jesus anwesend.
Das finde ich ein wahnsinnig starkes spirituelles Moment im
katholischen Glauben. Du gehst weltweit irgendwo in eine katholische
Kirche und da steht das ewige Licht, hier dasselbe wie in
Brasilien. Ganz ähnlich ist die RAF-Installation gewesen
- von der Form her - Tag und Nacht arbeitet diese Maschine.
Und zwar nicht in der Form eines Rosenkranzes, sondern in
Form extrem lauter Noise-Musik. Das war für mich Erinnerungsarbeit
und auch eine Form von Trauerarbeit.
Was meinst du damit, an was erinnern, um was trauern?
Das ist ja das, was für mich offen bleibt, das weiß
ich nicht. Bei Freud besteht Trauerarbeit, z.B. bei Tod, Trennung
oder Verlusten, im Hervorholen von einzelnen Bildern des Betrauerten,
die dann als Erinnertes und Vergangenes, als gewesene Geschichte
wieder abgelegt werden. Der Begriff der Trauer- oder Erinnerungsarbeit
ist hier insofern offen wie das Lichtchen in der Kirche steht.
So wie es jeder einzelne für sich zu nutzen vermag.
Aber um was trauerst du oder um was können andere
trauern?
Beispielsweise um ein so gescheitertes Projekt wie es die
RAF war. Auch Trauer um den Verlust von Gewalt; die Gewalt,
die in den 80er Jahren die RAF für uns quasi erledigte.
Es gab Sympathie, und gleichzeitig träumte eine ganze
Generation von Linken nachts davon, sich mal so eine MG in
die Hand zu nehmen. Die hätten das nie gemacht, ich hätte
das auch nie gemacht, ich hatte da eher einen pazifistischen
Standpunkt, aber trotzdem gab es eine Dimension von Gewalt,
die wir auch erlebt haben, die durch die RAF im politischen
Umfeld anwesend war. Und das ist ein Verlust. Mit der RAF
ist auch das verloren gegangen: Gewalt.
Die Gewalt der RAF - da handelten welche stellvertretend
für viele, die das nie gemacht hätten, die das sogar
verurteilt, aber in Träumen realisiert haben. Bei Fanon
Die Verdammten dieser Erde habe ich gerade über
den Kolonialisierten gelesen. In seinem Traum springt er,
rennt er, klettert er usw. und dann befreit er sich - im Traum.
Die RAF hat eine reale Ebene von Gewalt symbolisiert und ausgeübt.
Sie gab - stellvertretend für viele - dem eigenen Leiden
unter den Verhältnissen einen Ausdruck in Form von Gewalt.
Und das ist verloren gegangen, darüber kann getrauert
werden.
Heutzutage ist radikale Kritik verschwunden, auch jegliche
Bewegung, die grundlegende Kritik noch formulieren würde.
Indem die RAF Gewalt anwendete, hat sie der herrschenden Gewalt
eine Gewalt entgegengesetzt und deutlich gemacht, dass die
Gewalt, die wir nicht sehen, die vom System ausgeht - so ganz
allgemein gesagt - dass man der eine Gegengewalt gegenüber
stellt. Und man behauptet, die Gewalt, die ihr macht, beantworten
wir auch mit Gewalt. Wie Fanon, der Anfang der 1960er Jahre
schreibt: Ihr Intellektuellen in Frankreich, haltet
die Klappe! Jetzt holen wir die Macheten raus - die einzige
Sprache, die wir eurer Sprache entgegensetzen können.
Das ist die banalste Form der Kritik, die einfachste und radikalste
Form. Gewalt beantworten wir mit Gegengewalt. Das ist auch
als radikaler Diskurs verloren gegangen. Von daher tut sich
heute ein absolutes Vakuum auf.
...in dem auch die in diesem Zusammenhang entwickelten Ideen
und Inhalte fehlen. - Was hast du in der Zeit, in der es die
RAF gab, gemacht?
Ich dachte, mit Kunst kannst du keine Revolution machen
Meine Polit-Zeit waren die 80er Jahre gewesen, wo ich in
politischen Gruppen, in Uni-Zirkeln aktiv war und kleinere
Aktionen gemacht habe. Und irgendwann habe ich mich vor die
Entscheidung gestellt, mache ich jetzt Kunst, oder mache ich
jetzt Politik. Ich habe mich dann, als ich 21 oder 22 war,
für Politik entschieden. Ich dachte, mit Kunst kannst
du keine Revolution machen. Kunst ist zurückgewandt und
bloße Ästhetik. Das war keine unübliche Denkfigur
in der Linken gewesen. Ich habe Politologie studiert und mich
erst viel später für die Musik und für die
Kunst entschieden...
...und damit gegen die Politik?...
...nein, nicht gegen die Politik, nein, nein. Aber es gab
schon eine Entwicklung. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr
auf die Haltung, die in den 80ern sehr präsent war: ich
hier - Gewaltsystem dort, ich will das Gewaltsystem
kleinkriegen, ich leide unter der Struktur, die
alles andere als ein lustiges Leben möglich macht.
Da gab es bei mir eine Entwicklung, dass ich irgendwann sagte:
Das will ich nicht, diese Selbstkasteiung der Linken in den
80er Jahren, das ständige Leiden an der Welt, die Haltung
zur Welt und zum eigenen Leben usw. Da schien mir irgendwann
die Ästhetik eine Möglichkeit, ein Verhältnis
zu schaffen mit den eigenen politischen Intentionen und Wünschen
und Ideen anders umzugehen, als zu sagen: So, hier noch ein
Flugblatt schreiben und da vielleicht noch eine kleine Scheibe
einschmeißen. Da gab es für mich so ein Wandel,
wo ich dann in die Musik gegangen bin. Was meine Arbeit angeht,
ist für mich die Konnotation mit dem Politischen wichtig.
Nur mein Verhältnis und der Blick aufs Politische hat
sich geändert.
Es gab selten Momente, wo Kunst und Politik ineinandergriffen.
Und es gab wenige, die auf der künstlerischen Seite der
Politik angesiedelt waren oder das gar auf den Begriff Da
erledigt die RAF etwas für viele gebracht haben:
Das haben sicherlich einige aus den Bewegungen für sich
gedacht, aber ich kenne diese Äußerung weniger
von Menschen, die künstlerisch tätig waren.
Es gab Gerhard Richter mit seinem RAF-Zyklus; ein unglaubliches,
intensives Werk. Es sind Riesenabbildungen von Ulrike Meinhof,
wie sie tot da liegt, und anderen RAF-Leuten.
Rhythmus und Kampf
Ich weiss nicht, ob du die Parole Rhythmus und Kampf
kennst. Es war der Versuch Kunst und Politik zusammenbringen,
diese Trennung ein Stück weit aufzuheben. Da gab es Demos,
wo Bands auf den Pritschenwagen mitgefahren sind, wo an den
besetzten Häusern die riesigen Wandgemälde entstanden.
Aber es war nicht weit verbreitet.
Und vor allem war es nicht möglich, etablierte Künstler
zu gewinnen. Es ging nur aus sich selbst heraus mit denjenigen,
die künstlerisch in der Bewegung unterwegs waren.
Das hat sich geändert. Beispielhaft die Arbeit von Kanak
Attack. Zum pol-Festival hier in Frankfurt kam ultra
red, eine Band aus Los Angeles, die mit Kanak Attack
auf der Bühne performt hat. Diese Musiker arbeiten in
dem Kontext Migration und Abschiebung. Dort wo sie eingeladen
werden, suchen sie den Kontakt mit Leuten, die auch zu Migration
arbeiten. Sie haben mit Kanak Attack auf der Bühne zusammen
politische Diskussion und Musik gemacht. Da durchdringt und
verbindet sich etwas auf einem ganz anderen, neuen Niveau.
Das gab es vereinzelt schon früher. In den 80ern war
es das Linksradikale Blasorchester in Frankfurt. Die haben
Arbeiterlieder auf den Demos geschmettert. Die Überschneidung,
eine ästhetische Ebene weiter zu gehen, die Musik nicht
als Funktionsmusik zu denken, nicht Rhythmus und Kampf,
nicht rein funktional wie die Arbeiterlieder, das gibt es
immer mehr. Und es ist eine super Entwicklung, dass sich diese
Ebenen von Politik und Ästhetik durchdringen. Auch auf
dem Kommunismuskongress gibt es viele ästhetische, künstlerische
Beiträge.
Heute gibt es auf Seiten der Kunst eine bestimmte Sorte Aufarbeitung,
z.B. RAF als Pop. Nach Che Guevara nun Ulrike Meinhof als
Ikone auf T-Shirts. Findet sowas immer erst im Nachhinein
statt? Kunst, die sich in der Zeit damals damit auseinander
gesetzt hat, gab es eher wenig.
Weil du sagst: Ikone. Ich habe jetzt eine größere
Arbeit gemacht zu Karl Marx. Marx ist wirklich inzwischen
Ikone. Man kann auf ihn zugreifen, auch künstlerisch,
und er ist so weit weg wie Che Guevara, man könnte ihn
aufs T-Shirt drucken und er funktioniert zunächst als
von seinen historischen Bezügen abgekoppelte Ikone. Das
ist bei der RAF ganz anders. RAF ist noch ein heißes
Eisen. Die RAF ist geschichtlich noch so nah. Aufgrund dieser
kleinen Installation, die ich gemacht habe, kam die Polizei.
Hätte ich dort etwas zu Marx gemacht, hätte das
niemanden von der Polizei interessiert.
Weswegen kam die Polizei?
Die haben sich bei den Verantwortlichen der Verkehrsgesellschaft
Frankfurt erkundigt, ob die Eröffnungsveranstaltung da
unten eine RAF-Sympathie-Demo wird. Da kann man immer sagen:
Nein, das ist Kunst. Eigentlich ganz einfach.
Die FAZ berichtete über diese Anfrage des Staatsschutzes
aufgrund einer Notiz auf einer 'einschlägigen'
Internetseite und stellte die Gleise der U-Bahn in einen
Zusammenhang mit den Gleisen, auf denen Wolfgang Grams ums
Leben kam. Diese einschlägige Webseite war
die unserer Initiative 10 Jahre Tod von Wolfgang Grams
in Bad Kleinen, auf der auf die Eröffnung hingewiesen
wurde..
Ja, genau. Ein brandheißes Eisen nach wie vor. Auch
die Diskussion um die Ausstellung Mythos RAF in
Berlin...
Oder die Repression gegen die Linke in Magdeburg. Dort
laufen Ermittlungsverfahren nach §129a, drei junge Genossen
wurden festgenommen und angeklagt. Dass gegen sie so vorgegangen
wird, hat etwas mit dieser Nähe zu tun. Auch dem Staat
ist etwas in die Knochen gefahren. Bloß nichts mehr
zulassen, was einen Organisierungprozess ermöglichen
könnte, der nur ein Stück militanter ist als beispielsweise
eine Demo das sein kann.
Die RAF ist immer noch ein heißes Eisen, das aber dennoch
mehr und mehr angefasst wird. Ulrike auf T-Shirts, Bücher,
Kino-Filme, Musik - beispielsweise die alte Neue-Deutsche-Welle
Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft (DAF)
mit ihrem Lied Kinderzimmer, in dem die Guerilla
herrscht, in dem Andreas Baader Superstar ist. So ein Lied
wäre zu der Zeit, als es die RAF noch gab, nicht denkbar
gewesen.
Andreas Baader Superstar
Verrückt, dass das jetzt gerade auftaucht. Mit Marx
ist das übrigens genauso. Siehe Kommunismuskongress,
die Stalin-Ausstellung Traumfabrik Kommunismus
in der Schirn, usw. Die Leute haben Antennen, die kommen zur
gleichen Zeit auf das gleiche Thema. Das ist mir schon öfters
passiert. Ich wußte zum Beispiel nichts von den Filmen,
natürlich wußten die Filmemacher auch nichts über
meine kleine Installation. Aber trotzdem passiert das plötzlich.
Plötzlich ist das da.
Ich glaube, bei der RAF taucht das zu einem historischen
Moment auf, den wir eben schon erörtert haben, in dem
jegliche radikale Positionierung und wahrnehmbare Artikulation
radikaler Grundkritik aus dem gesellschaftlichen Diskurs abhanden
gekommen sind. Und dieses Defizit an Kritik bei Kunstschaffenden,
bei Ausstellungsmachern, die solche Antennen haben, ist ein
Grund, warum gerade jetzt darauf zugegriffen wird.
Und ein zweiter Grund ist, dass wir gerade historisch an
dem Punkt sind, wo man sagen kann: RAF ist erledigt, sie geht
in die Geschichte ein und wir können uns schon daran
machen, so etwas wie Erinnerungsarbeit zu leisten. Soweit
ist es doch schon weg, dass das geht.
Ja, die RAF ist Geschichte. Zumindest künstlerisch kann
man sich deshalb heute ohne Repression zu befürchten
mit ihr auseinandersetzen. Ähnlich ist es mit Marx nach
dem Zusammenkrachen der Sowjetunion. Hätte man sich früher
mit Marx auseinandergesetzt, wäre man gleich in diese
Schublade gesteckt worden.
Absolut. Genau das ist der Punkt. Die DDR ist zusammengepurzelt,
alles im Osten ist zusammengepurzelt. Jetzt kann man darauf
zurückgreifen, auch ästhetisch, ohne erst so ein
dickes Buch herausgeben zu müssen, worin man begründet,
warum man das jetzt macht. Nein, wir sind nicht für
die DDR. Bitte versteht das nicht falsch, so einen Aufsatz
hätte man schreiben müssen. Da es sie nicht mehr
gibt, hat man das von den Beinen. Es lässt sich tatsächlich
jetzt auf das Thema Marx zugreifen, ohne an tausend verschiedene
Näpfchen denken zu müssen, die da herum stehen.
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