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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13 - Frühjahr 2004 - Seite 18
Die Welt im Bild. Die RAF im Buch
Zeit der Erinnerungen
[ Inhalt Nr. 13 .]

Seit Anfang 2003 wurden insgesamt acht Bücher publiziert, die den bewaffneten Kampf in Deutschland zum Thema haben. Was sind das für Werke, mit denen das offenbar stark vorhandene Interesse gestillt werden soll und die auch das Bild jener Zeit prägen werden?

Ehemalige Aktivist/innen der bewaffneten Linken, ihre Angehörigen, Ankläger und Schließer, Politiker und Journalisten - alle, und seit den 90ern werden es jährlich mehr, wollen Zeugnis ablegen. Einige Titel sind bereits in der 2. und 3. Auflage erschienen. Heutzutage können Autor/innen und Verlage mit dem bewaffneten Kampf - ohne Probleme und Befürchtungen - Geld machen.

Zunächst sind da zwei Interviewbücher von Daniel Dubbe. Der Journalist unterhielt sich zum einen mit Thorwald Proll. Dieser erzählt von der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern, die durch Flugblätter der Kommune I inspiriert war, und seiner anschließenden Verhaftung und Verurteilung zusammen mit Horst Söhnlein, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Nachdem sie das Jahr 1968 zur Hälfte im Knast verbrachten, wurden sie bis zur Rechtskraft des Urteils aus der Haft entlassen. Proll berichtet über die gemeinsame Arbeit mit Ensslin und Baader in der Heimkampagne und den Gang in die Illegalität als Alternative zum Haftantritt.

"The Raspherry Reich" von Bruce LaBruce. RAF im Porno, diesmal angezogen

Dubbes Gespräch mit Gabriele Rollnik dreht sich um ihren Schritt zum bewaffneten Kampf und die Aktionen der Bewegung 2. Juni, an denen sie beteiligt war. Ausführlich geht es um die Entführung des CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz im Berliner Wahlkampf 1975, mit der zum ersten Mal in Deutschland insgesamt sieben Gefangene freigepresst wurden. Eine erfolgreiche und sympathische Aktion, die bereits von anderen Beteiligten in ihren Büchern abgehandelt wurde. Das Verhältnis zur RAF, mit der sich die Bewegung 2. Juni 1980 zusammenschloss, Rollniks 15 Jahre im Knast sowie der Gefängnisarzt Leschhorn, der von vorgesetzten Behörden in den Tod getrieben wurde, aber auf keiner der bekannten Totenlisten auftaucht, sind weitere Gesprächsthemen.

Die beiden zügig lesbaren Bücher von Proll und Rollnik sind die einzigen Neuerscheinungen, in denen ehemalige Militante selbst zu Wort kommen. Dubbe fragt, die Interviewten antworten. Aus unterschiedlichen Einschätzungen und Meinungsverschiedenheiten lässt Dubbe jedoch keine Diskussion entstehen, sondern fährt mit seinem Fragenkatalog fort. Das „Ich“ der jeweils Interviewten steht im Mittelpunkt, was nicht allein am Fragesteller liegt. Hinter dem Individuum verschwindet der kollektive Prozess, von dem Proll und Rollnik ein Teil waren, den man als Nichtdabeigewesene/r durch die Bücher jedoch nicht vermittelt oder zu fassen bekommt.

Bei den weiteren Büchern handelt es sich fast durchweg um Biographien. Ulrike Thimme beschreibt den Lebensweg ihres Sohnes unter dem vom Verlag gewählten, reißerischen Titel „Eine Bombe für die RAF“. Sie muss mehrfach ihre Ablehnung jeglicher Gewalt betonen und dass sowohl die RAF, als auch ihr Sohn „Irrwege“ beschritten hätten. Als Johannes Thimme den Sprengsatz während des Hungerstreiks der politischen Gefangenen 1984/85 legte, kam er durch dessen vorzeitige Explosion ums Leben. In dem Buch sind einige seiner Briefe dokumentiert. Er ist der am wenigsten Bekannte unter den Aktivist/innen, um die es in den Neuerscheinungen geht. Deswegen, und weil das Buch auch von den 1980er Jahren handelt, ragt es zwischen den anderen etwas hervor.

Der Journalist Marco Carini legt mit seinem Buch eine Biographie über Fritz Teufel vor. Die Zusammenstellung des Lebens von Fritz Teufel, Mitbegründer der Kommune I, Erfinder des Begriffs Spaßguerilla, als Lorenz-Entführer angeklagt, jedoch nur als Mitglied der Bewegung 2. Juni verurteilt, ist amüsant und kurzweilig zu lesen, hinterlässt jedoch einen bitteren Nachgeschmack. Das Buch war von Teufel selbst, der die Mitarbeit verweigerte, nicht gewollt. Und die letzten mehr als 20 Jahre seines Lebens werden auf weniger als zehn Textseiten abgehandelt, als ob er nach dem Knast bis heute kein Leben mehr gelebt hätte. Das wird Fritz Teufel nicht gerecht.

Alois Prinz nimmt sich nach Hannah Arendt (1998) und Hermann Hesse (2000) die Lebensgeschichte Ulrike Meinhofs vor. Er tritt zunächst mit dem hehren Anspruch an, eine Biographie zu schreiben, die nicht vom Ergebnis einer Entwicklung ausgeht, auf das jedes Lebensereignis hin interpretiert wird. In der zweiten Hälfte wird die Schilderung zunehmend zu einer Aneinanderreihung von Personen (und ihren Aussagen), die zum Teil denunziatorisch dargestellt werden. Ab der Knastzeit verliert das Buch sein Niveau. Prinz lässt alte Klischees aufleben, spricht Ulrike Meinhof die Selbstbestimmtheit ab, in dem er sie zum Opfer der RAF stilisiert. Offensichtlich hat er sich nicht mehr die Mühe gegeben, diejenigen Zeitzeug/innen zu finden, die mit ihr in dieser Zeit in Kontakt waren und ihr nahe standen.
Gerd Koenen klärt seine Leserschaft gleich über drei Personen auf. Bernward Vesper, der als Herausgeber der Voltaire-Flugschriften Prolls Schlusswort im Kaufhausbrandprozess drucken ließ, Vespers Verlobte Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Das Werk kehrt dahin zurück, wo deutsche Terrorismusforscher anfingen: Die Urfrauen der RAF seien Andreas Baader hörig gewesen, was deren gesamte Politik bestimmte. Koenen, der im SDS angefangen, den KBW abgewickelt hat, bewegt sich heute im geistigen Umfeld der neuen Mitte. Seine „Urszenen des deutschen Terrorismus“ sind eine Art Abfallprodukt seines Buchs „Das rote Jahrzehnt“, an dessen Thesen er anknüpft. Für die 68er gelte, dass sie den deutschen Faschismus, den sie nicht selbst erlebt hatten, imitierten. So spreche aus Vesper die „Sprache eines Joseph Goebbels“. Jedes weitere Wort erübrigt sich.

Der Stammheimer Vollzugsbeamte Horst Bubeck lässt seine Lebensgeschichte von dem taz- und FAZ-Journalisten Kurt Oesterle schreiben. Dass er nicht selbst zur Feder greift, wundert keinen, der sich an die auszugsweise Veröffentlichung der Knasttagebücher im STERN erinnert. Diese belegten, dass die Schließer in Stuttgart-Stammheim nicht all zu helle waren. Bubeck stellt sich als immer freundlichen, zuvorkommenden, loyalen Gastgeber in Stammheim dar, dessen 7. Stock nach seinen Beschreibungen einem Luxushotel geglichen haben muss. Immer wieder tritt zwischen den Zeilen Oesterles Aversion gegen die Gefangenen und andere Aktivist/innen der militanten Linken hervor, die das Buch noch hässlicher machen.

Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger versucht sich an einer Abhandlung des gesamten bewaffneten Kampfes. Mit seinem Buch, das als Nachschlagewerk dienen kann, dokumentiert er die Staatsversion der fast 28-jährigen Geschichte der RAF. Seine damaligen Ausfälle vor Gericht als berüchtigter Bundesanwalt finden keine Erwähnung.

Die aufkommende Frage, warum diese Bücher überhaupt geschrieben wurden, verraten die Autor/innen nicht - wie Dubbe - oder nur beiläufig. Ulrike Thimme schrieb ihres, um sich, Angehörige und Freunde an Leben und Wesen ihres Sohnes zu erinnern. Carini vermisste eine niedergeschriebene Lebensgeschichte Fritz Teufels, den er neben Rudi Dutschke zurecht als den prägenden Aktivsten der Studentenbewegung bezeichnet. Außerdem sei sein Anliegen, die fünf noch inhaftierten Gefangenen aus der RAF nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und ihre sofortige Freilassung einmal mehr einzuklagen. Carini ist der einzige, der diese Forderung auf den Tisch bringt.

Prinz wollte mit seinen Recherchen Ulrike Meinhof „näher kommen“, resümiert jedoch, dass das Gegenteil eingetreten sei. Koenen dagegen sei ungewollt seinen „Helden sehr viel näher gekommen“. Oesterle/Bubeck wollen „zur Aufklärung der Zeitgenossen“ der „Zeitzeugen-Pflicht genügen“, dabei unterlaufen ihnen ein paar Unwahrheiten. Jedenfalls sollen die „alptraumhaften Jahre“ (Oesterle/Bubeck) bzw. die „schlimme Zeit“ (Pflieger) den „jungen Leuten“ (Oesterle/Bubeck und Pflieger) nahegebracht werden. Offenbar schwingt bei ihnen die Befürchtung mit, dass erneut junge Menschen die Idee, militant zu kämpfen, aufgreifen werden. Für Pflieger sei zudem wichtig darzustellen, wie „unser Staat“ auf die Kriegserklärung reagiert hat: Seiner Meinung nach ausschließlich auf dem Boden des Rechtsstaats.

Fast alle Bücher enden mit dem Tod von Baader, Ensslin, Raspe in Stammheim sowie von Schleyer in einem Audi 100. Auch Helmut Kohl beschäftigt sich in seinen gerade erschienenen „Erinnerungen“ mit 1977. Die Zeit war nämlich alles andere als leicht für ihn, musste er doch seinen Freund, den Arbeitgeberpräsidenten opfern. Aber auch ein anderer Toter findet seine Erwähnung. In allen acht Büchern wird der Tod von Holger Meins, der sich in diesem Jahr zum 30. Mal jährt, behandelt. Und sehr widersprüchlich. Prinz lässt Birgit Hogefeld sprechen: Meins sei systematisch ermordet worden. Einen solchen systematischen Tod stellt Koenen als Meins sehnlichsten Wunsch dar. Bubeck dagegen „wusste“, dass es kein Mord gewesen war und dass ohne einzuschreiten dem Hungernden in seiner Zelle letztendlich beim Verhungern zugeschaut wurde. Pflieger dagegen spricht ganz klar von einem Einschreiten: Meins „stirbt trotz Zwangsernährungsmaßnahmen“. Und bei Thimme, der Realität am nächsten, ist zu erfahren, dass er nicht trotz, sondern wegen der Zwangsernährung starb: Die unzureichende Zufuhr von Kalorien bei der Zwangsernährung werde als Todesursache angesehen.

Carini, Rollnik und Thimme erwähnen die zum Teil militanten Demonstrationen, eine mit 15.000 Teilnehmer/innen in Berlin, und die Anschläge nach dem Tod von Holger Meins. Damit brechen sie mit der Darstellung der Guerilla als Fische auf dem Trockenen. Denn ansonsten kommt in allen Büchern der gesellschaftliche Kontext nicht zur Sprache. Der Blick auf Hintergründe des Handelns Einzelner, auf Gruppenprozesse und gesellschaftliche Zusammenhänge fehlt in sämtlichen Publikationen. Das Buch zur deutschen Guerilla wartet noch darauf, geschrieben zu werden.

Eine letzte Publikation aus dem Jahr 2003 sei noch erwähnt. Die Zeitschrift „testcard. Beiträge zur Popgeschichte“ nahm sich „Linke Mythen“ zum Schwerpunkt ihrer zwölften Ausgabe. In zwei Aufsätzen werden Film- und Literaturveröffentlichungen zur RAF und ihr Wandel in den letzten 25 Jahren analysiert. Das darin ebenfalls dokumentierte Gespräch mit Irmgard Möller über Punk-Musik, RAF-Filme und Geschichtsschreibung gehört nicht zuletzt aufgrund der poptheoretischen Herangehensweise zu den wenigen interessanten Erscheinungen des letztes Jahres zum Thema.

Carini, Marco: Fritz Teufel. Wenn's der Wahrheitsfindung dient. Konkret, 2003

Koenen, Gerd: Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer & Witsch, 2003

Oesterle, Kurt: Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck. Klöpfer & Meyer, 2003

Pflieger, Klaus: Die Rote Armee Fraktion -RAF-. 14.5.1970 bis 20.4.1998. Nomos, 2004

Prinz, Alois: Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof. Beltz, 2003

Proll, Thorwald/Dubbe, Daniel: Wir kamen vom anderen Stern. Über 1968, Andreas Baader und ein Kaufhaus. Nautilus, 2003

Rollnik, Gabriele/Dubbe, Daniel: Keine Angst vor niemand. Über die Siebziger, die Bewegung 2. Juni und die RAF. Nautilus, 2004

testcard. Beiträge zur Popgeschichte. Nr. 12: Linke Mythen. Ventil-Verlag, 2003

Thimme, Ulrike: Eine Bombe für die RAF. Das Leben und Sterben des Johannes Thimme von seiner Mutter erzählt. C.H. Beck, 2004

 

 


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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