Seit Anfang 2003 wurden insgesamt acht Bücher publiziert,
die den bewaffneten Kampf in Deutschland zum Thema haben. Was
sind das für Werke, mit denen das offenbar stark vorhandene
Interesse gestillt werden soll und die auch das Bild jener Zeit
prägen werden?
Ehemalige Aktivist/innen der bewaffneten Linken, ihre Angehörigen,
Ankläger und Schließer, Politiker und Journalisten
- alle, und seit den 90ern werden es jährlich mehr, wollen
Zeugnis ablegen. Einige Titel sind bereits in der 2. und 3.
Auflage erschienen. Heutzutage können Autor/innen und
Verlage mit dem bewaffneten Kampf - ohne Probleme und Befürchtungen
- Geld machen.
Zunächst sind da zwei Interviewbücher von Daniel
Dubbe. Der Journalist unterhielt sich zum einen mit Thorwald
Proll. Dieser erzählt von der Brandstiftung in zwei Frankfurter
Kaufhäusern, die durch Flugblätter der Kommune I
inspiriert war, und seiner anschließenden Verhaftung
und Verurteilung zusammen mit Horst Söhnlein, Gudrun
Ensslin und Andreas Baader. Nachdem sie das Jahr 1968 zur
Hälfte im Knast verbrachten, wurden sie bis zur Rechtskraft
des Urteils aus der Haft entlassen. Proll berichtet über
die gemeinsame Arbeit mit Ensslin und Baader in der Heimkampagne
und den Gang in die Illegalität als Alternative zum Haftantritt.
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| "The Raspherry Reich" von Bruce LaBruce. RAF im Porno,
diesmal angezogen |
Dubbes Gespräch mit Gabriele Rollnik dreht sich um ihren
Schritt zum bewaffneten Kampf und die Aktionen der Bewegung
2. Juni, an denen sie beteiligt war. Ausführlich geht
es um die Entführung des CDU-Spitzenkandidaten Peter
Lorenz im Berliner Wahlkampf 1975, mit der zum ersten Mal
in Deutschland insgesamt sieben Gefangene freigepresst wurden.
Eine erfolgreiche und sympathische Aktion, die bereits von
anderen Beteiligten in ihren Büchern abgehandelt wurde.
Das Verhältnis zur RAF, mit der sich die Bewegung 2.
Juni 1980 zusammenschloss, Rollniks 15 Jahre im Knast sowie
der Gefängnisarzt Leschhorn, der von vorgesetzten Behörden
in den Tod getrieben wurde, aber auf keiner der bekannten
Totenlisten auftaucht, sind weitere Gesprächsthemen.
Die beiden zügig lesbaren Bücher von Proll und
Rollnik sind die einzigen Neuerscheinungen, in denen ehemalige
Militante selbst zu Wort kommen. Dubbe fragt, die Interviewten
antworten. Aus unterschiedlichen Einschätzungen und Meinungsverschiedenheiten
lässt Dubbe jedoch keine Diskussion entstehen, sondern
fährt mit seinem Fragenkatalog fort. Das Ich
der jeweils Interviewten steht im Mittelpunkt, was nicht allein
am Fragesteller liegt. Hinter dem Individuum verschwindet
der kollektive Prozess, von dem Proll und Rollnik ein Teil
waren, den man als Nichtdabeigewesene/r durch die Bücher
jedoch nicht vermittelt oder zu fassen bekommt.
Bei den weiteren Büchern handelt es sich fast durchweg
um Biographien. Ulrike Thimme beschreibt den Lebensweg ihres
Sohnes unter dem vom Verlag gewählten, reißerischen
Titel Eine Bombe für die RAF. Sie muss mehrfach
ihre Ablehnung jeglicher Gewalt betonen und dass sowohl die
RAF, als auch ihr Sohn Irrwege beschritten hätten.
Als Johannes Thimme den Sprengsatz während des Hungerstreiks
der politischen Gefangenen 1984/85 legte, kam er durch dessen
vorzeitige Explosion ums Leben. In dem Buch sind einige seiner
Briefe dokumentiert. Er ist der am wenigsten Bekannte unter
den Aktivist/innen, um die es in den Neuerscheinungen geht.
Deswegen, und weil das Buch auch von den 1980er Jahren handelt,
ragt es zwischen den anderen etwas hervor.
Der Journalist Marco Carini legt mit seinem Buch eine Biographie
über Fritz Teufel vor. Die Zusammenstellung des Lebens
von Fritz Teufel, Mitbegründer der Kommune I, Erfinder
des Begriffs Spaßguerilla, als Lorenz-Entführer
angeklagt, jedoch nur als Mitglied der Bewegung 2. Juni verurteilt,
ist amüsant und kurzweilig zu lesen, hinterlässt
jedoch einen bitteren Nachgeschmack. Das Buch war von Teufel
selbst, der die Mitarbeit verweigerte, nicht gewollt. Und
die letzten mehr als 20 Jahre seines Lebens werden auf weniger
als zehn Textseiten abgehandelt, als ob er nach dem Knast
bis heute kein Leben mehr gelebt hätte. Das wird Fritz
Teufel nicht gerecht.
Alois Prinz nimmt sich nach Hannah Arendt (1998) und Hermann
Hesse (2000) die Lebensgeschichte Ulrike Meinhofs vor. Er
tritt zunächst mit dem hehren Anspruch an, eine Biographie
zu schreiben, die nicht vom Ergebnis einer Entwicklung ausgeht,
auf das jedes Lebensereignis hin interpretiert wird. In der
zweiten Hälfte wird die Schilderung zunehmend zu einer
Aneinanderreihung von Personen (und ihren Aussagen), die zum
Teil denunziatorisch dargestellt werden. Ab der Knastzeit
verliert das Buch sein Niveau. Prinz lässt alte Klischees
aufleben, spricht Ulrike Meinhof die Selbstbestimmtheit ab,
in dem er sie zum Opfer der RAF stilisiert. Offensichtlich
hat er sich nicht mehr die Mühe gegeben, diejenigen Zeitzeug/innen
zu finden, die mit ihr in dieser Zeit in Kontakt waren und
ihr nahe standen.
Gerd Koenen klärt seine Leserschaft gleich über
drei Personen auf. Bernward Vesper, der als Herausgeber der
Voltaire-Flugschriften Prolls Schlusswort im Kaufhausbrandprozess
drucken ließ, Vespers Verlobte Gudrun Ensslin und Andreas
Baader. Das Werk kehrt dahin zurück, wo deutsche Terrorismusforscher
anfingen: Die Urfrauen der RAF seien Andreas Baader hörig
gewesen, was deren gesamte Politik bestimmte. Koenen, der
im SDS angefangen, den KBW abgewickelt hat, bewegt sich heute
im geistigen Umfeld der neuen Mitte. Seine Urszenen
des deutschen Terrorismus sind eine Art Abfallprodukt
seines Buchs Das rote Jahrzehnt, an dessen Thesen
er anknüpft. Für die 68er gelte, dass sie den deutschen
Faschismus, den sie nicht selbst erlebt hatten, imitierten.
So spreche aus Vesper die Sprache eines Joseph Goebbels.
Jedes weitere Wort erübrigt sich.
Der Stammheimer Vollzugsbeamte Horst Bubeck lässt seine
Lebensgeschichte von dem taz- und FAZ-Journalisten Kurt Oesterle
schreiben. Dass er nicht selbst zur Feder greift, wundert
keinen, der sich an die auszugsweise Veröffentlichung
der Knasttagebücher im STERN erinnert. Diese belegten,
dass die Schließer in Stuttgart-Stammheim nicht all
zu helle waren. Bubeck stellt sich als immer freundlichen,
zuvorkommenden, loyalen Gastgeber in Stammheim dar, dessen
7. Stock nach seinen Beschreibungen einem Luxushotel geglichen
haben muss. Immer wieder tritt zwischen den Zeilen Oesterles
Aversion gegen die Gefangenen und andere Aktivist/innen der
militanten Linken hervor, die das Buch noch hässlicher
machen.
Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger versucht
sich an einer Abhandlung des gesamten bewaffneten Kampfes.
Mit seinem Buch, das als Nachschlagewerk dienen kann, dokumentiert
er die Staatsversion der fast 28-jährigen Geschichte
der RAF. Seine damaligen Ausfälle vor Gericht als berüchtigter
Bundesanwalt finden keine Erwähnung.
Die aufkommende Frage, warum diese Bücher überhaupt
geschrieben wurden, verraten die Autor/innen nicht - wie Dubbe
- oder nur beiläufig. Ulrike Thimme schrieb ihres, um
sich, Angehörige und Freunde an Leben und Wesen ihres
Sohnes zu erinnern. Carini vermisste eine niedergeschriebene
Lebensgeschichte Fritz Teufels, den er neben Rudi Dutschke
zurecht als den prägenden Aktivsten der Studentenbewegung
bezeichnet. Außerdem sei sein Anliegen, die fünf
noch inhaftierten Gefangenen aus der RAF nicht in Vergessenheit
geraten zu lassen und ihre sofortige Freilassung einmal mehr
einzuklagen. Carini ist der einzige, der diese Forderung auf
den Tisch bringt.
Prinz wollte mit seinen Recherchen Ulrike Meinhof näher
kommen, resümiert jedoch, dass das Gegenteil eingetreten
sei. Koenen dagegen sei ungewollt seinen Helden sehr
viel näher gekommen. Oesterle/Bubeck wollen zur
Aufklärung der Zeitgenossen der Zeitzeugen-Pflicht
genügen, dabei unterlaufen ihnen ein paar Unwahrheiten.
Jedenfalls sollen die alptraumhaften Jahre (Oesterle/Bubeck)
bzw. die schlimme Zeit (Pflieger) den jungen
Leuten (Oesterle/Bubeck und Pflieger) nahegebracht werden.
Offenbar schwingt bei ihnen die Befürchtung mit, dass
erneut junge Menschen die Idee, militant zu kämpfen,
aufgreifen werden. Für Pflieger sei zudem wichtig darzustellen,
wie unser Staat auf die Kriegserklärung reagiert
hat: Seiner Meinung nach ausschließlich auf dem Boden
des Rechtsstaats.
Fast alle Bücher enden mit dem Tod von Baader, Ensslin,
Raspe in Stammheim sowie von Schleyer in einem Audi 100. Auch
Helmut Kohl beschäftigt sich in seinen gerade erschienenen
Erinnerungen mit 1977. Die Zeit war nämlich
alles andere als leicht für ihn, musste er doch seinen
Freund, den Arbeitgeberpräsidenten opfern. Aber auch
ein anderer Toter findet seine Erwähnung. In allen acht
Büchern wird der Tod von Holger Meins, der sich in diesem
Jahr zum 30. Mal jährt, behandelt. Und sehr widersprüchlich.
Prinz lässt Birgit Hogefeld sprechen: Meins sei systematisch
ermordet worden. Einen solchen systematischen Tod stellt Koenen
als Meins sehnlichsten Wunsch dar. Bubeck dagegen wusste,
dass es kein Mord gewesen war und dass ohne einzuschreiten
dem Hungernden in seiner Zelle letztendlich beim Verhungern
zugeschaut wurde. Pflieger dagegen spricht ganz klar von einem
Einschreiten: Meins stirbt trotz Zwangsernährungsmaßnahmen.
Und bei Thimme, der Realität am nächsten, ist zu
erfahren, dass er nicht trotz, sondern wegen der Zwangsernährung
starb: Die unzureichende Zufuhr von Kalorien bei der Zwangsernährung
werde als Todesursache angesehen.
Carini, Rollnik und Thimme erwähnen die zum Teil militanten
Demonstrationen, eine mit 15.000 Teilnehmer/innen in Berlin,
und die Anschläge nach dem Tod von Holger Meins. Damit
brechen sie mit der Darstellung der Guerilla als Fische auf
dem Trockenen. Denn ansonsten kommt in allen Büchern
der gesellschaftliche Kontext nicht zur Sprache. Der Blick
auf Hintergründe des Handelns Einzelner, auf Gruppenprozesse
und gesellschaftliche Zusammenhänge fehlt in sämtlichen
Publikationen. Das Buch zur deutschen Guerilla wartet noch
darauf, geschrieben zu werden.
Eine letzte Publikation aus dem Jahr 2003 sei noch erwähnt.
Die Zeitschrift testcard. Beiträge zur Popgeschichte
nahm sich Linke Mythen zum Schwerpunkt ihrer zwölften
Ausgabe. In zwei Aufsätzen werden Film- und Literaturveröffentlichungen
zur RAF und ihr Wandel in den letzten 25 Jahren analysiert.
Das darin ebenfalls dokumentierte Gespräch mit Irmgard
Möller über Punk-Musik, RAF-Filme und Geschichtsschreibung
gehört nicht zuletzt aufgrund der poptheoretischen Herangehensweise
zu den wenigen interessanten Erscheinungen des letztes Jahres
zum Thema.
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Carini,
Marco: Fritz Teufel. Wenn's der
Wahrheitsfindung dient. Konkret, 2003
Koenen, Gerd: Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen
Terrorismus. Kiepenheuer & Witsch,
2003
Oesterle, Kurt: Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck. Klöpfer & Meyer,
2003
Pflieger, Klaus: Die Rote Armee Fraktion -RAF-. 14.5.1970 bis 20.4.1998. Nomos,
2004
Prinz, Alois: Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike
Marie Meinhof. Beltz, 2003
Proll, Thorwald/Dubbe, Daniel: Wir kamen vom anderen Stern. Über 1968, Andreas
Baader und ein Kaufhaus. Nautilus, 2003
Rollnik, Gabriele/Dubbe, Daniel: Keine Angst vor niemand. Über die Siebziger,
die Bewegung 2. Juni und die RAF. Nautilus, 2004
testcard. Beiträge zur Popgeschichte. Nr. 12: Linke Mythen. Ventil-Verlag,
2003
Thimme, Ulrike: Eine Bombe für die RAF. Das Leben und Sterben des Johannes
Thimme von seiner Mutter erzählt. C.H. Beck, 2004 |
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