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| Symbol der Besatzung: Israelische Soldaten dringen auf
der Westbank in das Flüchtlingslager Balata ein und markieren
durchsuchte Häuser mit dem Davidstern (2002) |
Symbol der Vernichtung: Jüdische Friedhöfe, wie hier
in Schwäbisch-Hall, sind bevorzugtes Ziel antisemitischer
Schädungen (2000) |
Bei einer Protestkundgebung in einem palästinensischen
Dorf, an der ich teilnahm, wurde ein Plakat mit einer Zeichnung
Hakenkreuz = Davidstern gezeigt. Ich habe nicht
einen einzigen Gedanken daran verschwendet, aber eine Gruppe
junger Deutscher, die mit mir unterwegs waren, reagierten sehr
aufgebracht. Sie verstanden nicht, wie ein derartiges Schild
in der Mitte eines Dorfes gezeigt werden konnte und es niemand
niederriss. Sie waren außerdem von der ausgesprochenen
Gleichgültigkeit überrascht, mit der wir, die Israelis,
auf das Plakat reagierten. Andererseits machten wir uns über
die Überempfindlichkeit der Deutschen lustig. Zielte das
Plakat wirklich gegen uns, könnte uns ein Hakenkreuz
Angst einjagen? Und vielleicht reagieren die jungen Deutschen
angemessener
auf Plakate, die wir nicht erkennen?
Die Macht der Symbole
In Israel ist die zentrale Lehre, die man aus dem Holocaust
zieht, die Notwendigkeit für ein starkes Israel. Von
frühester Kindheit an hören wir, dass uns alle hassen,
dass eine Nation auf sich alleine gestellt ist,
dass nur der Staat die Existenz der jüdischen Menschen
sichert. Alle, die die Lehre aus dem Holocaust so akzeptieren,
wie sie in Israel gelehrt wird, nutzen jeden sichtbaren Ausdruck
von Antisemitismus, um diese Lehren zu verstärken. Dabei
wird sich auch der Machtsymbole der Nazis und des Holocaust
bedient. Alles, was Juden und Jüdinnen angetan wird,
ist ein Pogrom; alle Feinde Israels sind Nazis, die 67er-Grenzen
sind die Grenzen von Auschwitz und Saddam ist Hitler.
Trotzdem wissen viele Israelis, dass jede Macht ihre Grenzen
hat und dass Israel der Ort ist, wo die meisten Juden getötet
werden, weil sie Juden sind. Ironischerweise habe ich Freunde
und Freundinnen, die ihr Anrecht auf einen deutschen Pass
nutzen, weil sie das Gefühl haben, dass nur ein derartiger
Pass einem Juden in diesen Zeiten Sicherheit bietet. Wir wollen
uns eine universelle Lehre aneignen, haben aber niemand, mit
dem wir das gemeinsam tun können. Obwohl es viele furchterregend
unpassende Politiker in Israel gibt Leute, die man
rassistisch nennen oder sogar als Faschisten
bezeichnen könnte gibt es keine bedeutende antirassistische
und antifaschistische Mobilisierung und es gab auch
nie eine. Während es eine öffentliche Empörung
über die Schändung eines jüdischen Friedhofs
in Südfrankreich gibt, werden vor unseren Augen Parks
und Straßen auf muslimischen Friedhöfen errichtet.
Ich verzichte an dieser Stelle darauf, jetzt weiter auf die
rassistische Diskriminierung innerhalb der staatlichen Gesetze
im allgemeinen und den Einwanderungsgesetzen im besonderen,
sowie auf 35 Jahre Unterdrückung der palästinensischen
Bevölkerung in den besetzten Gebieten einzugehen. Hier
steht uns für die Zukunft noch schlimmeres bevor, als
wir bisher erlebt haben.
Die falschen Vergleiche
Palästinensischer Terrorismus - mutmaßlich das,
was wir als junge Israelis am meisten fürchten - hat
nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Die Diskussion
über die Legitimität von Widerstandshandlungen gegen
die Besetzung hat nichts mit dem Holocaust zu tun. Juden wurden
während des Passah-Essens in Nethanya im April 2002 durch
grausamen Terrorismus ermordet. Das ist schockierend genug,
ohne dass man Treblinka erwähnen müsste. Jeder denkende
Mensch weiß, dass es lächerlich und absurd ist,
den Davidstern mit dem Hakenkreuz zu vergleichen.
Dieses Plakat hat dem palästinensischen Kampf vermutlich
mehr geschadet als genutzt. Aber der Palästinenser, der
es getragen hat, ist kein Antisemit. Er sagt, dass Nazis böse
sind, und er lehnt diese Ideologie ab. Er ist kein Skinhead,
der stolz das Hakenkreuz schwenkt. Für den Palästinenser
symbolisiert der Davidstern die zionistische Einheit, den
militaristischen Staat und die israelische Besatzung. Immer,
wenn das israelische Militär und die staatliche Politik
bei Demonstrationen oder in der pro-palästinensischen
Presse mit dem Nationalsozialismus verglichen werden, offenbart
sich ein innerer Widerspruch, weil dieser Vergleich einfach
irrwitzig ist - und mit Sicherheit ist dies aus einer historischen
Perspektive so. Aber es ist unmöglich zu behaupten, dass
der Vergleich ein Akt von Antisemitismus sei. Zugegeben, diese
Art von Dummheit ist gefährlich und furchterregend, aber
im Gegensatz zu faschistischen und rassistischen Ideologien,
die einen kompromisslosen Kampf ohne jede Diskussion propagieren,
haben wir mit den Palästinensern und der arabischen Welt
einen Konflikt, der schwierig, aber lösbar ist.
Wir leben mit einer jüdischen Mehrheit in einem Land,
wo es keinen Antisemitismus gibt, aber Besatzung und Rassismus.
Diese Bedrohung läuft nicht in blankgeputzten Lederstiefeln
herum und sprüht Hakenkreuze an Wände das
machen hier die Künstler. Deshalb stellt die Ästhetik
der Faschisten und der Nazis für uns keine Bedrohung
dar. Zynismus tritt an die Stelle von Emotionalität.
Wir haben Angst, authentische Gefühle in Bezug auf den
Holocaust auszudrücken, weil er durch den zionistischen
Nationalismus vereinnahmt wurde, der uns so sehr bedroht.
Unterschiedliche Realitäten
Die scheinbar zynische Respektlosigkeit, die von vielen jungen
Israelis mit eingeschlossen die junge Künstlerszene
gegenüber den Symbolen des Nationalsozialismus
und des Holocaust demonstriert wird, ist nichts im Vergleich
zu dem Zynismus, mit dem unsere politischen Führer den
Holocaust benutzen, um militärische und politische Ziele
zu erreichen. Ich kann ein Hitlerbärtchen auf Fotos von
wem auch immer ich will malen - mich selbst eingeschlossen
-, wenn der ehemalige Premierminister Netanyahu Arafat mit
Hitler vergleicht. Die Autoritäten sehen überall
die Dämonen des Nationalsozialismus und warnen vor dem
Wolf im Schafspelz. Wir sind davon peinlich berührt und
sehen den Wolf als einen kleinen Hundewelpen und wollen mit
ihm spielen. Holocaust und Nazis, was für ein Anlass
für jede Menge Spaß! Wer hat überhaupt das
Recht, uns zu sagen, dass wir nicht herumspielen sollen? Wir
waren nicht diejenigen, die die Heiligkeit des Holocaust verletzt
haben. An einem Ort, wo es keinen Diskurs über die Unterdrückung
des Anderen gibt, an einem Ort, wo es ohne Juden keine Vergangenheit
gibt und nur Juden Opfer sein können; an einem Ort, wo
es keine ernsthafte Vergangenheitsbewältigung der schrecklichsten,
traumatischen Tragödie gibt, die die Menschheit jemals
erlebt hat; an einem Ort, wo es keinen wirklichen Versuch
gibt, den Ursprung des Bösen und das Entstehen des nationalsozialistischen
Monsters zu verstehen, stehen wir verwirrt wie ein kleines
Kind da und rufen pipi, poo, Hitler, Auschwitz.
In Europa symbolisiert der Davidstern noch immer das Opfer;
das Hakenkreuz hat dort viele Anhänger, und ein Plakat
auf einem europäischen Platz wie dasjenige, das in dem
palästinensischen Dorf getragen wurde, wäre schockierend
und furchterregend gewesen und hätte einer Reaktion bedurft.
Es gibt keinen Zweifel daran, dass Antisemitismus existiert
und sogar in jüngster Zeit angestiegen ist. Trotzdem
spielen viele junge, talentierte, intelligente Israelis die
bedrohlichen Zeichen herunter; sie spielen mit ihren visuellen
Symbolen und ignorieren sie, wenn sie ihre eigene Weltsicht
zusammenbasteln. Es stimmt schon, dass das ziemlich verwirrend
ist. Aber, ich muss leider hinzufügen, dass zwar die
Werte geteilt werden, aber die Kämpfe nicht auf den gleichen
Schauplätzen ausgetragen werden. Der Kampf gegen Antisemiten
und Rassisten in Europa ist die Aufgabe der Europäer;
ich kann dabei nicht helfen, weil ich mit anderen Kämpfen
beschäftigt bin.
Hakenkreuze stören mich nicht und die Symbole, die stellvertretend
für das Morden des Holocaust stehen, sollten ihrer Macht
beraubt werden, so dass sich die israelischen Nationalisten
und Faschisten ihrer nicht bedienen können. Wir müssen
unseren Kampf in der Sprache Israels und des Nahen Ostens
führen.
(Ronan Eidelman lebt in Tel Aviv, ist Mitbegründer von
Indymedia Israel und Aktivist linker Friedensgruppen, deren
aktueller Schwerpunkt in israelisch-palästinensischen
Widerstandscamps und gewaltfreien Aktionen gegen den Mauerbau
der Sharon-Regierung liegt.)
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