.: Hallo :.

Friday, den 03.09.2010 - 00:46



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 16
Antifaschismus in Europa/Deutschland und Israel. Von Ronen Eidelman
Kämpfe auf verschiedenen Schauplätzen
[ Inhalt Nr. 13 .]
Symbol der Besatzung: Israelische Soldaten dringen auf der Westbank in das Flüchtlingslager Balata ein und markieren durchsuchte Häuser mit dem Davidstern (2002) Symbol der Vernichtung: Jüdische Friedhöfe, wie hier in Schwäbisch-Hall, sind bevorzugtes Ziel antisemitischer Schädungen (2000)

 

Bei einer Protestkundgebung in einem palästinensischen Dorf, an der ich teilnahm, wurde ein Plakat mit einer Zeichnung „Hakenkreuz = Davidstern“ gezeigt. Ich habe nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, aber eine Gruppe junger Deutscher, die mit mir unterwegs waren, reagierten sehr aufgebracht. Sie verstanden nicht, wie ein derartiges Schild in der Mitte eines Dorfes gezeigt werden konnte und es niemand niederriss. Sie waren außerdem von der ausgesprochenen Gleichgültigkeit überrascht, mit der wir, die Israelis, auf das Plakat reagierten. Andererseits machten wir uns über die Überempfindlichkeit der Deutschen lustig. Zielte das Plakat wirklich gegen uns, könnte uns ein Hakenkreuz Angst einjagen? Und vielleicht reagieren die jungen Deutschen angemessener auf Plakate, die wir nicht erkennen?

Die Macht der Symbole

In Israel ist die zentrale Lehre, die man aus dem Holocaust zieht, die Notwendigkeit für ein starkes Israel. Von frühester Kindheit an hören wir, dass uns alle hassen, dass „eine Nation auf sich alleine gestellt ist“, dass nur der Staat die Existenz der jüdischen Menschen sichert. Alle, die die Lehre aus dem Holocaust so akzeptieren, wie sie in Israel gelehrt wird, nutzen jeden sichtbaren Ausdruck von Antisemitismus, um diese Lehren zu verstärken. Dabei wird sich auch der Machtsymbole der Nazis und des Holocaust bedient. Alles, was Juden und Jüdinnen angetan wird, ist ein Pogrom; alle Feinde Israels sind Nazis, die 67er-Grenzen sind die Grenzen von Auschwitz und Saddam ist Hitler.
Trotzdem wissen viele Israelis, dass jede Macht ihre Grenzen hat und dass Israel der Ort ist, wo die meisten Juden getötet werden, weil sie Juden sind. Ironischerweise habe ich Freunde und Freundinnen, die ihr Anrecht auf einen deutschen Pass nutzen, weil sie das Gefühl haben, dass nur ein derartiger Pass einem Juden in diesen Zeiten Sicherheit bietet. Wir wollen uns eine universelle Lehre aneignen, haben aber niemand, mit dem wir das gemeinsam tun können. Obwohl es viele furchterregend unpassende Politiker in Israel gibt – Leute, die man „rassistisch“ nennen oder sogar als „Faschisten“ bezeichnen könnte – gibt es keine bedeutende antirassistische und antifaschistische Mobilisierung – und es gab auch nie eine. Während es eine öffentliche Empörung über die Schändung eines jüdischen Friedhofs in Südfrankreich gibt, werden vor unseren Augen Parks und Straßen auf muslimischen Friedhöfen errichtet. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, jetzt weiter auf die rassistische Diskriminierung innerhalb der staatlichen Gesetze im allgemeinen und den Einwanderungsgesetzen im besonderen, sowie auf 35 Jahre Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten einzugehen. Hier steht uns für die Zukunft noch schlimmeres bevor, als wir bisher erlebt haben.

Die falschen Vergleiche

Palästinensischer Terrorismus - mutmaßlich das, was wir als junge Israelis am meisten fürchten - hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Die Diskussion über die Legitimität von Widerstandshandlungen gegen die Besetzung hat nichts mit dem Holocaust zu tun. Juden wurden während des Passah-Essens in Nethanya im April 2002 durch grausamen Terrorismus ermordet. Das ist schockierend genug, ohne dass man Treblinka erwähnen müsste. Jeder denkende Mensch weiß, dass es lächerlich und absurd ist, den Davidstern mit dem Hakenkreuz zu vergleichen.
Dieses Plakat hat dem palästinensischen Kampf vermutlich mehr geschadet als genutzt. Aber der Palästinenser, der es getragen hat, ist kein Antisemit. Er sagt, dass Nazis böse sind, und er lehnt diese Ideologie ab. Er ist kein Skinhead, der stolz das Hakenkreuz schwenkt. Für den Palästinenser symbolisiert der Davidstern die zionistische Einheit, den militaristischen Staat und die israelische Besatzung. Immer, wenn das israelische Militär und die staatliche Politik bei Demonstrationen oder in der pro-palästinensischen Presse mit dem Nationalsozialismus verglichen werden, offenbart sich ein innerer Widerspruch, weil dieser Vergleich einfach irrwitzig ist - und mit Sicherheit ist dies aus einer historischen Perspektive so. Aber es ist unmöglich zu behaupten, dass der Vergleich ein Akt von Antisemitismus sei. Zugegeben, diese Art von Dummheit ist gefährlich und furchterregend, aber im Gegensatz zu faschistischen und rassistischen Ideologien, die einen kompromisslosen Kampf ohne jede Diskussion propagieren, haben wir mit den Palästinensern und der arabischen Welt einen Konflikt, der schwierig, aber lösbar ist.
Wir leben mit einer jüdischen Mehrheit in einem Land, wo es keinen Antisemitismus gibt, aber Besatzung und Rassismus. Diese Bedrohung läuft nicht in blankgeputzten Lederstiefeln herum und sprüht Hakenkreuze an Wände – das machen hier die Künstler. Deshalb stellt die Ästhetik der Faschisten und der Nazis für uns keine Bedrohung dar. Zynismus tritt an die Stelle von Emotionalität. Wir haben Angst, authentische Gefühle in Bezug auf den Holocaust auszudrücken, weil er durch den zionistischen Nationalismus vereinnahmt wurde, der uns so sehr bedroht.

Unterschiedliche Realitäten

Die scheinbar zynische Respektlosigkeit, die von vielen jungen Israelis – mit eingeschlossen die junge Künstlerszene – gegenüber den Symbolen des Nationalsozialismus und des Holocaust demonstriert wird, ist nichts im Vergleich zu dem Zynismus, mit dem unsere politischen Führer den Holocaust benutzen, um militärische und politische Ziele zu erreichen. Ich kann ein Hitlerbärtchen auf Fotos von wem auch immer ich will malen - mich selbst eingeschlossen -, wenn der ehemalige Premierminister Netanyahu Arafat mit Hitler vergleicht. Die Autoritäten sehen überall die Dämonen des Nationalsozialismus und warnen vor dem Wolf im Schafspelz. Wir sind davon peinlich berührt und sehen den Wolf als einen kleinen Hundewelpen und wollen mit ihm spielen. Holocaust und Nazis, was für ein Anlass für jede Menge Spaß! Wer hat überhaupt das Recht, uns zu sagen, dass wir nicht herumspielen sollen? Wir waren nicht diejenigen, die die Heiligkeit des Holocaust verletzt haben. An einem Ort, wo es keinen Diskurs über die Unterdrückung des Anderen gibt, an einem Ort, wo es ohne Juden keine Vergangenheit gibt und nur Juden Opfer sein können; an einem Ort, wo es keine ernsthafte Vergangenheitsbewältigung der schrecklichsten, traumatischen Tragödie gibt, die die Menschheit jemals erlebt hat; an einem Ort, wo es keinen wirklichen Versuch gibt, den Ursprung des Bösen und das Entstehen des nationalsozialistischen Monsters zu verstehen, stehen wir verwirrt wie ein kleines Kind da und rufen „pipi, poo, Hitler, Auschwitz“.
In Europa symbolisiert der Davidstern noch immer das Opfer; das Hakenkreuz hat dort viele Anhänger, und ein Plakat auf einem europäischen Platz wie dasjenige, das in dem palästinensischen Dorf getragen wurde, wäre schockierend und furchterregend gewesen und hätte einer Reaktion bedurft. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Antisemitismus existiert und sogar in jüngster Zeit angestiegen ist. Trotzdem spielen viele junge, talentierte, intelligente Israelis die bedrohlichen Zeichen herunter; sie spielen mit ihren visuellen Symbolen und ignorieren sie, wenn sie ihre eigene Weltsicht zusammenbasteln. Es stimmt schon, dass das ziemlich verwirrend ist. Aber, ich muss leider hinzufügen, dass zwar die Werte geteilt werden, aber die Kämpfe nicht auf den gleichen Schauplätzen ausgetragen werden. Der Kampf gegen Antisemiten und Rassisten in Europa ist die Aufgabe der Europäer; ich kann dabei nicht helfen, weil ich mit anderen Kämpfen beschäftigt bin.
Hakenkreuze stören mich nicht und die Symbole, die stellvertretend für das Morden des Holocaust stehen, sollten ihrer Macht beraubt werden, so dass sich die israelischen Nationalisten und Faschisten ihrer nicht bedienen können. Wir müssen unseren Kampf in der Sprache Israels und des Nahen Ostens führen.

(Ronan Eidelman lebt in Tel Aviv, ist Mitbegründer von Indymedia Israel und Aktivist linker Friedensgruppen, deren aktueller Schwerpunkt in israelisch-palästinensischen Widerstandscamps und gewaltfreien Aktionen gegen den Mauerbau der Sharon-Regierung liegt.)


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!