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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 14
Rolf Heißler erinnert sich: „Wir flogen in den Demokratischen Jemen“
Zum Tode von Rolf Pohle
[ Inhalt Nr. 13 .]

Über einen Studentenaktivisten und internationalistischen Linken

Am 7.2.2004 verstarb Rolf Pohle nach langer Krankheit an einer Lungenentzündung in einem Athener Krankenhaus. Noch im 2. Weltkrieg geboren, lebte er später in München. Rolf war Aktivist der Studentenbewegung. Anfang der 70er Jahre ging er in die Illegalität, um sich der RAF und der Bewegung 2. Juni anzuschließen, wurde verhaftet und 1975 von der Bewegung 2. Juni befreit. Im Jemen erhielt er politisches Asyl und kämpfte in der gemeinsamen internationalistischen Struktur verschiedener Guerillagruppen. Im Juli 1976 wurde Rolf in Athen verhaftet. Sein dortiger Auslieferungsprozess führte zu einer starken Solidaritätsbewegung. Sicher auch ein Grund, dass Rolf nach seiner Haftentlassung seit Mitte der 8oer Jahre in Griechenland lebte.
Am 10. Februar fand in Athen das Begräbnis des Genossen Rolf Pohle statt. Dabei waren mehr als 200 Personen mit Blumen und schwarz-roten Fahnen. Unter ihnen waren Genoss/innen und Freund/innen aus der grossen griechischen Solidaritätsbewegung der 70er Jahre gegen seine Auslieferung sowie jüngere Menschen, die heute den Kampf gegen den Staat weiterführen.

Als Abschied wurde sein Lieblingslied „Mein Name ist Mensch“ von Ton Steine Scherben gehört wie auch die Losung „Der Staat ist der einzige Terrorist und nicht die Stadtguerilla-Kämpfer“ und „Hoch die Revolution“.

Rolf Heissler, ehemaliges Mitglied der RAF kannte Rolf noch aus der gemeinsamen Studentenzeit in München. Sie wurden später zusammen aus dem Knast befreit. Rolf Heissler war selbst insgesamt 25 Jahre im Knast. Für die „So oder So“ erinnert er an Rolf Pohle.


„Wir flogen in den Demokratischen Jemen“
Rolf Heißler erinnert sich

Es war Brigitte Mohnhaupt, die ihn schon im Herbst 1967 kennen lernte. Da lebte er bereits in München. Aus dem Gefängnis, in dem sie seit 1982 einsitzt, schrieb sie mir: „..weißt du eigentlich, dass ich meine erste „Studienberatung” bei ihm hatte? Ich war den halben Tag an der Uni herum gerannt, einschreiben, dann zum ZW(Zeitungswissenschaften)-Institut, und war schon ganz kirre, müde, ratlos, von der affigen ZW-Fachschaft angekotzt. Da habe ich vor dem AStA einen Schulfreund aus Bruchsal getroffen und ihn vollgejammert. Der hat gesagt, komm mal mit, dort sitzt der AStA-Vorsitzende, frag halt den, wie das alles läuft. Dann haben wir im (Cafe) Europa gesessen und es war noch ganz lustig. Er hat halt Witze gemacht über das alles, und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, weil ich gesehen habe, da gibt's auch Leute, die normal sind.“

Mitte 1967 wurde Rolf Pohle zum Vorsitzenden des ersten linken AStA an der Münchner Uni gewählt. Er setzte sich für die Belange der Student/innen, gegen die autoritären Strukturen ein, deckte die Aktivitäten von Politikern und Professoren während des Nationalsozialismus auf und thematisierte die reibungslose personelle Übernahme des NS-Justizapparates in die BRD–‚Demokratie'. Rolf engagierte sich auch internationalistisch, u. a. durch Unterstützung der Verfolgten der griechischen Militärjunta und im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, der von der herrschenden Machtelite unterstützt und den Medien befürwortet wurde.
Am Gründonnerstag 1968 wurde Rudi Dutschke auf dem Kudamm in Westberlin von einem Neonazi niedergeschossen. Daraufhin fanden wegen der vorangegangenen Mordhetze in den Springer-Blättern Demonstrationen vor den Verlagshäusern in Westberlin und verschiedenen Städten in der BRD statt, so auch in München. Bei diesen Auseinandersetzungen wurden in München der Student Rüdiger Schreck und der Pressefotograf Klaus Frings durch staatliche Gewalt getötet. Rolf wurde wegen seiner Teilnahme an diesen Demonstrationen zu 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt, obwohl er daran überhaupt nicht teilgenommen hatte, sondern vom AStA aus den Rechtsbeistand für die vielen während der Ostertage Festgenommenen organisierte. Ein für damalige Verhältnisse extrem hartes Urteil, weil er an den autoritären Strukturen der Uni gerüttelt hatte, Politikern und der Professorenschaft ein Dorn im Auge war und sich sehr vieles auf ihn konzentrierte. Die Medien nannten ihn „Sprecher der APO”. Er sollte mit allen Mitteln ausgeschaltet werden.

Von der Institutsbesetzung zum Vietnamkongress

In der Zeit nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke gründete Rolf auch eine Rechtshilfe. Er war Rechtsreferendar. In den folgenden zwei Jahren kümmerte er sich um die vielen in der Zeit Festgenommenen und Verhafteten. Viele Nächte schlug er sich damit um die Ohren. Rolf war da, wenn er gebraucht wurde.
Wann ich ihn kennenlernte, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren. Ich erinnere mich an unser erstes längeres Gespräch, als ich 1968 zu einem der Fachschaftssprecher der Zeitungswissenschaften gewählt wurde und wir uns über die notwendigen Änderungen an den Universitäten verständigten. Als wir 1969 das Institut besetzten - praktischerweise im Amerikahaus gelegen, das wir dann in Bahman Nirumand-Institut umtauften - war auch Rolf zur Stelle und verhandelte mit Peter Glotz, damals Assistent, später SPD-Generalsekretär, über die Durchsetzung der Forderungen und die Abwendung des Polizeieinsatzes und der Räumung; allerdings vergeblich. Viele der damaligen studentischen Aktivitäten wie Go-ins, Besetzungen, Demonstrationen usw. wurden durch Polizeieinsätze beendet. Damals bedeutete eine Vorstrafe die Relegierung von der Universität. Deswegen benutzten staatliche Kräfte dieses als Disziplinierungsmittel gezielt zur Kriminalisierung der Linken, die existenzbedrohende Folgen haben konnte. So ließ man auch Rolf aus politischen Gründen durch das zweite Staatsexamen fallen. Später haben sie ihm sogar verweigert, es zu wiederholen - mit der Begründung er sei „unwürdig“. Faktisch war das ein Berufsverbot.
Mit dem Vietnamkongress in Westberlin begann eine breite Auseinandersetzung über die Aufnahme des bewaffneten Kampfes auch in der BRD, an der auch Vertreter von Befreiungsbewegungen beteiligt waren. So war es für Rolf auch eine politische Entscheidung, dass er gesagt hat, so wie die Verhältnisse hier sind, muss ich perspektivisch mit meiner Verhaftung rechnen. Im Frühjahr 1971 ist er in die Illegalität abgetaucht und ging nach einigen Wochen bei der RAF zu der sich konstituierenden Bewegung 2. Juni. Doch Ende 1971 wurde er schon verhaftet und nach zwei Jahren Totalisolation u. a. wegen „Mitgliedschaft in der RAF“ zu sechseinhalb Jahren Knast verurteilt.

Wiedersehen am Flughafen

Ende Februar 1975 wurde der CDU-Politiker Peter Lorenz von der Bewegung 2. Juni festgenommen und gegen sieben politische Gefangene ausgetauscht. Darunter waren Rolf und ich. Am Frankfurter Flughafen haben wir uns wiedergetroffen und sind direkt in den Demokratischen Jemen geflogen, wo wir aufgenommen wurden. Die meisten von uns waren zum ersten Mal in einem Land der drei Kontinente, wir erlebten direkt den palästinensischen Befreiungskampf und spürten hautnah, was wir theoretisch schon wussten.
Rolf hatte schon in den wenigen Monaten 1971 gemerkt, dass Illegalität und bewaffneter Kampf nicht seine Sache sind, jenseits seiner Solidarität und politischen Unterstützung für die Befreiungskämpfe weltweit, und dass er auf anderem Terrain politisch wirkungsvoller arbeiten kann. Als er im Juli 1976 in Athen wieder festgenommen wurde, war er bereits allein unterwegs. In der ersten Instanz lehnte das Athener Gericht seine Auslieferung ab, da er von einer Staatsschutzkammer aus politischen Gründen verurteilt worden und menschenvernichtenden Haftbedingungen ausgesetzt war.

Im Wissen um die deutsche Besatzung

Rolf agierte vor Gericht beispielhaft gegen die BRD, die Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches, die eine Wiedergutmachung für die von den Nazis begangenen Greueltaten und Massaker in Griechenland ablehnte, und gewann, da er im Widerstand gegen diesen Staat stand, breite Sympathien und Unterstützung unter der griechischen Bevölkerung.
Daraufhin setzte die Schmidt-Regierung alles in Bewegung, um damit dieses Urteil zu revidieren. Griechenland stand damals vor dem EU-Beitritt und sollte von der BRD Gelder bekommen. Staatssekretär Bölling wurde nach Athen in Marsch gesetzt und machte der griechischen Regierung deutlich, dass eine Vorbedingung dafür Rolfs Auslieferung sei. So war es kein Wunder, dass dem der AEROPAG-Gerichtshof in der zweiten Instanz nachkam, allerdings mit der Auflage, dass an Rolf keine Sonderhaftbedingungen exekutiert werden dürfen. Aber daran hat sich die BRD natürlich nicht gehalten, sondern er kam erneut in Totalisolation.
Weil er auf eine der Forderungen der Bewegung 2. Juni bestanden hatte, (120.000 DM statt der ausgehändigten 100.000 DM), wurde er wegen „räuberischer Erpressung“ zu drei Jahren und drei Monaten verurteilt. 1982 ist er dann herausgekommen.
Für ihn wurde es sehr schwierig, in der BRD zu leben. Er war ständiger Überwachung durch den Staatsschutz ausgesetzt: Einige Male wurde er unter fadenscheinigen Vorwänden festgenommen. Schließlich entschied er, nach Griechenland zu gehen, wo er aus der Zeit seiner Unterstützung für die von der Militärjunta Verfolgten und der großen Solidaritätsbewegung gegen seine Auslieferung viele Freunde und Bekannte hatte.
In diese Zeit fiel auch das Letzte, was ich direkt von ihm hörte. Rolf bot an, als Zeuge in meinen Prozess zu kommen, falls es irgendwas gäbe, was er zu meinen Gunsten aussagen könne. Das war das Entscheidende an Rolf, er war ein solidarischer Mensch über alle Widersprüche hinweg. Und so wollen wir ihn in Erinnerung behalten.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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