Über einen Studentenaktivisten und internationalistischen
Linken
Am 7.2.2004 verstarb Rolf Pohle nach langer Krankheit an
einer Lungenentzündung in einem Athener Krankenhaus.
Noch im 2. Weltkrieg geboren, lebte er später in München.
Rolf war Aktivist der Studentenbewegung. Anfang der 70er
Jahre ging er in die Illegalität, um sich der RAF und
der Bewegung 2. Juni anzuschließen, wurde verhaftet
und 1975 von der Bewegung 2. Juni befreit. Im Jemen erhielt
er politisches Asyl und kämpfte in der gemeinsamen
internationalistischen Struktur verschiedener Guerillagruppen.
Im Juli 1976 wurde Rolf in Athen verhaftet. Sein dortiger
Auslieferungsprozess führte zu einer starken Solidaritätsbewegung.
Sicher auch ein Grund, dass Rolf nach seiner Haftentlassung
seit Mitte der 8oer Jahre in Griechenland lebte.
Am 10. Februar fand in Athen das Begräbnis des Genossen
Rolf Pohle statt. Dabei waren mehr als 200 Personen mit
Blumen und schwarz-roten Fahnen. Unter ihnen waren Genoss/innen
und Freund/innen aus der grossen griechischen Solidaritätsbewegung
der 70er Jahre gegen seine Auslieferung sowie jüngere
Menschen, die heute den Kampf gegen den Staat weiterführen.
Als Abschied wurde sein Lieblingslied Mein Name ist
Mensch von Ton Steine Scherben gehört wie auch
die Losung Der Staat ist der einzige Terrorist und
nicht die Stadtguerilla-Kämpfer und Hoch
die Revolution.
Rolf Heissler, ehemaliges Mitglied der RAF kannte Rolf
noch aus der gemeinsamen Studentenzeit in München.
Sie wurden später zusammen aus dem Knast befreit. Rolf
Heissler war selbst insgesamt 25 Jahre im Knast. Für
die So oder So erinnert er an Rolf Pohle.
Wir flogen in den Demokratischen
Jemen
Rolf Heißler erinnert sich
Es war Brigitte Mohnhaupt, die ihn schon im Herbst 1967 kennen
lernte. Da lebte er bereits in München. Aus dem Gefängnis,
in dem sie seit 1982 einsitzt, schrieb sie mir: ..weißt
du eigentlich, dass ich meine erste Studienberatung
bei ihm hatte? Ich war den halben Tag an der Uni herum gerannt,
einschreiben, dann zum ZW(Zeitungswissenschaften)-Institut,
und war schon ganz kirre, müde, ratlos, von der affigen
ZW-Fachschaft angekotzt. Da habe ich vor dem AStA einen Schulfreund
aus Bruchsal getroffen und ihn vollgejammert. Der hat gesagt,
komm mal mit, dort sitzt der AStA-Vorsitzende, frag halt den,
wie das alles läuft. Dann haben wir im (Cafe) Europa
gesessen und es war noch ganz lustig. Er hat halt Witze gemacht
über das alles, und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen,
weil ich gesehen habe, da gibt's auch Leute, die normal sind.
Mitte 1967 wurde Rolf Pohle zum Vorsitzenden des ersten linken
AStA an der Münchner Uni gewählt. Er setzte sich
für die Belange der Student/innen, gegen die autoritären
Strukturen ein, deckte die Aktivitäten von Politikern
und Professoren während des Nationalsozialismus auf und
thematisierte die reibungslose personelle Übernahme des
NS-Justizapparates in die BRDDemokratie'. Rolf
engagierte sich auch internationalistisch, u. a. durch Unterstützung
der Verfolgten der griechischen Militärjunta und im Zusammenhang
mit dem Vietnamkrieg, der von der herrschenden Machtelite
unterstützt und den Medien befürwortet wurde.
Am Gründonnerstag 1968 wurde Rudi Dutschke auf dem Kudamm
in Westberlin von einem Neonazi niedergeschossen. Daraufhin
fanden wegen der vorangegangenen Mordhetze in den Springer-Blättern
Demonstrationen vor den Verlagshäusern in Westberlin
und verschiedenen Städten in der BRD statt, so auch in
München. Bei diesen Auseinandersetzungen wurden in München
der Student Rüdiger Schreck und der Pressefotograf Klaus
Frings durch staatliche Gewalt getötet. Rolf wurde wegen
seiner Teilnahme an diesen Demonstrationen zu 15 Monaten ohne
Bewährung verurteilt, obwohl er daran überhaupt
nicht teilgenommen hatte, sondern vom AStA aus den Rechtsbeistand
für die vielen während der Ostertage Festgenommenen
organisierte. Ein für damalige Verhältnisse extrem
hartes Urteil, weil er an den autoritären Strukturen
der Uni gerüttelt hatte, Politikern und der Professorenschaft
ein Dorn im Auge war und sich sehr vieles auf ihn konzentrierte.
Die Medien nannten ihn Sprecher der APO. Er sollte
mit allen Mitteln ausgeschaltet werden.
Von der Institutsbesetzung zum Vietnamkongress
In der Zeit nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke gründete
Rolf auch eine Rechtshilfe. Er war Rechtsreferendar. In den
folgenden zwei Jahren kümmerte er sich um die vielen
in der Zeit Festgenommenen und Verhafteten. Viele Nächte
schlug er sich damit um die Ohren. Rolf war da, wenn er gebraucht
wurde.
Wann ich ihn kennenlernte, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren.
Ich erinnere mich an unser erstes längeres Gespräch,
als ich 1968 zu einem der Fachschaftssprecher der Zeitungswissenschaften
gewählt wurde und wir uns über die notwendigen Änderungen
an den Universitäten verständigten. Als wir 1969
das Institut besetzten - praktischerweise im Amerikahaus gelegen,
das wir dann in Bahman Nirumand-Institut umtauften - war auch
Rolf zur Stelle und verhandelte mit Peter Glotz, damals Assistent,
später SPD-Generalsekretär, über die Durchsetzung
der Forderungen und die Abwendung des Polizeieinsatzes und
der Räumung; allerdings vergeblich. Viele der damaligen
studentischen Aktivitäten wie Go-ins, Besetzungen, Demonstrationen
usw. wurden durch Polizeieinsätze beendet. Damals bedeutete
eine Vorstrafe die Relegierung von der Universität. Deswegen
benutzten staatliche Kräfte dieses als Disziplinierungsmittel
gezielt zur Kriminalisierung der Linken, die existenzbedrohende
Folgen haben konnte. So ließ man auch Rolf aus politischen
Gründen durch das zweite Staatsexamen fallen. Später
haben sie ihm sogar verweigert, es zu wiederholen - mit der
Begründung er sei unwürdig. Faktisch
war das ein Berufsverbot.
Mit dem Vietnamkongress in Westberlin begann eine breite Auseinandersetzung
über die Aufnahme des bewaffneten Kampfes auch in der
BRD, an der auch Vertreter von Befreiungsbewegungen beteiligt
waren. So war es für Rolf auch eine politische Entscheidung,
dass er gesagt hat, so wie die Verhältnisse hier sind,
muss ich perspektivisch mit meiner Verhaftung rechnen. Im
Frühjahr 1971 ist er in die Illegalität abgetaucht
und ging nach einigen Wochen bei der RAF zu der sich konstituierenden
Bewegung 2. Juni. Doch Ende 1971 wurde er schon verhaftet
und nach zwei Jahren Totalisolation u. a. wegen Mitgliedschaft
in der RAF zu sechseinhalb Jahren Knast verurteilt.
Wiedersehen am Flughafen
Ende Februar 1975 wurde der CDU-Politiker Peter Lorenz von
der Bewegung 2. Juni festgenommen und gegen sieben politische
Gefangene ausgetauscht. Darunter waren Rolf und ich. Am Frankfurter
Flughafen haben wir uns wiedergetroffen und sind direkt in
den Demokratischen Jemen geflogen, wo wir aufgenommen wurden.
Die meisten von uns waren zum ersten Mal in einem Land der
drei Kontinente, wir erlebten direkt den palästinensischen
Befreiungskampf und spürten hautnah, was wir theoretisch
schon wussten.
Rolf hatte schon in den wenigen Monaten 1971 gemerkt, dass
Illegalität und bewaffneter Kampf nicht seine Sache sind,
jenseits seiner Solidarität und politischen Unterstützung
für die Befreiungskämpfe weltweit, und dass er auf
anderem Terrain politisch wirkungsvoller arbeiten kann. Als
er im Juli 1976 in Athen wieder festgenommen wurde, war er
bereits allein unterwegs. In der ersten Instanz lehnte das
Athener Gericht seine Auslieferung ab, da er von einer Staatsschutzkammer
aus politischen Gründen verurteilt worden und menschenvernichtenden
Haftbedingungen ausgesetzt war.
Im Wissen um die deutsche Besatzung
Rolf agierte vor Gericht beispielhaft gegen die BRD, die
Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches, die eine Wiedergutmachung
für die von den Nazis begangenen Greueltaten und Massaker
in Griechenland ablehnte, und gewann, da er im Widerstand
gegen diesen Staat stand, breite Sympathien und Unterstützung
unter der griechischen Bevölkerung.
Daraufhin setzte die Schmidt-Regierung alles in Bewegung,
um damit dieses Urteil zu revidieren. Griechenland stand damals
vor dem EU-Beitritt und sollte von der BRD Gelder bekommen.
Staatssekretär Bölling wurde nach Athen in Marsch
gesetzt und machte der griechischen Regierung deutlich, dass
eine Vorbedingung dafür Rolfs Auslieferung sei. So war
es kein Wunder, dass dem der AEROPAG-Gerichtshof in der zweiten
Instanz nachkam, allerdings mit der Auflage, dass an Rolf
keine Sonderhaftbedingungen exekutiert werden dürfen.
Aber daran hat sich die BRD natürlich nicht gehalten,
sondern er kam erneut in Totalisolation.
Weil er auf eine der Forderungen der Bewegung 2. Juni bestanden
hatte, (120.000 DM statt der ausgehändigten 100.000 DM),
wurde er wegen räuberischer Erpressung zu
drei Jahren und drei Monaten verurteilt. 1982 ist er dann
herausgekommen.
Für ihn wurde es sehr schwierig, in der BRD zu leben.
Er war ständiger Überwachung durch den Staatsschutz
ausgesetzt: Einige Male wurde er unter fadenscheinigen Vorwänden
festgenommen. Schließlich entschied er, nach Griechenland
zu gehen, wo er aus der Zeit seiner Unterstützung für
die von der Militärjunta Verfolgten und der großen
Solidaritätsbewegung gegen seine Auslieferung viele Freunde
und Bekannte hatte.
In diese Zeit fiel auch das Letzte, was ich direkt von ihm
hörte. Rolf bot an, als Zeuge in meinen Prozess zu kommen,
falls es irgendwas gäbe, was er zu meinen Gunsten aussagen
könne. Das war das Entscheidende an Rolf, er war ein
solidarischer Mensch über alle Widersprüche hinweg.
Und so wollen wir ihn in Erinnerung behalten.
|