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| ELAS-Partisanen 1943 |
Als Dimitris Koufontinas zum Ende seiner Rede kam, hatten
nicht wenige der Zuhörer Tränen in den Augen.
Fast alle erhoben sich, Applaus wurde laut und Parolen wurden
gerufen, als der Angeklagte mit den Versen des Volksdichters
Kostis Palamas an die Leidens- und Widerstandsgeschichte
des griechischen Widerstandes erinnerte. Kurze Zeit später
ließ der Richter den Saal räumen. Dimitris Koufontinas
übernahm vor dem Athener Kriminalgericht ausdrücklich
die politische Verantwortung für alle Aktionen und
Erklärungen der Revolutionären Organisation
17. November.
Damit ging ein beispielloses Verfahren zu Ende. Für
die 19 Angeklagten war im Frauengefängnis von Athen
eigens ein spezieller Trakt eingerichtet worden, ihre Zellen
lagen unterhalb der Erde. In der Gerichtsverhandlung trug
die Staatsanwaltschaft 2.500 Anklagepunkte vor. Verhandelt
wurden alle Aktionen des 17N, wie die Organisation in der
Öffentlichkeit gerufen wird, aus dreißig Jahren:
von der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung,
über Waffenbesitz und Bankraub bis zur Tötung
politischer Gegner. Am 8. Dezember 2003 verkündete
das Gericht die Urteile. Es kam zu Freisprüchen und
zu langjährigen Haftstrafen bis zu 25 Jahren. Vasilis
Tzopzatos, Iraklis Kostaris, sowie die Brüder Savas
und Christodoulos Xiros wurden zu ein- bis mehrmals lebenslänglich
verurteilt. Dimitris Koufontinas bekam mit 13mal lebenslänglich
die Höchststrafe.
Mit dem Urteil geht die Geschichte der erfolgreichsten und
legendärsten bewaffneten Organisation Europas zu Ende.
30 Jahre tappten Polizei und Geheimdienste im Dunkeln und
es kursierten unzählige Spekulationen, warum partout
keiner der bewaffneten Volkskämpfer zu
fassen war. Mal hatten östliche Geheimdienste ihre
Hand im Spiel, dann wieder schützten linksgerichtete
Offiziere die Gruppe. Kein Gerücht konnte im Prozess
erhärtet werden. Eventuell liegen die Gründe für
die jahrzehntelange erfolglose Fahndung viel näher:
Die Aktivisten des 17N gehörten mehrheitlich nicht
zur universitären Mittelschicht. Sie lebten in den
Arbeitervierteln und arbeiteten als Schlosser, Ikonenmaler,
Schreiner oder Imker. Ihr Antiimperialismus und Antikapitalismus
richtete sich gegen die USA und die einheimische Oligarchie.
Das machte den 17N geradezu populär. So besuchten den
Prozess kommunistische Abgeordnete, junge Anarchisten, Punks
und steinalte ehemalige Partisanen gegen die deutsche Besatzung
im 2. Weltkrieg.
Das Schlusswort von Dimitris Koufontinas erschien in der
Tageszeitung Elephterotipia. Vorsorglich hatte
das linksdemokratische Massenblatt seine Auflage verdoppelt.
Sie war bereits am frühen Nachmittag vergriffen.
Über Diomidis Komninos1
Sicher
Diomidis hatte eine belastende Vergangenheit
Als Fünfjähriger, auf den Schultern
seines Vaters
rief er Freiheit für Zypern
als Zehnjähriger, barfuss
mit einer Scheibe Brot in seiner Tasche
lief er beim Friedensmarsch mit
mit zwölf forderte er Demokratie
Als 17-Jähriger
trug er ein Plakat in den Händen
Brot Bildung Freiheit
Dimitris Ravanis-Rentis
Herr Vorsitzender,
ich werde nicht das tun, was Sie von mir fordern. Ich werde
mich nicht verteidigen, denn ich lehne die Anschuldigungen
und die Anklageschrift ab. Ich werde nicht daran mitwirken,
dass eine revolutionäre Organisation als verbrecherisch
abgeurteilt und ein politisches Phänomen von seinen gesellschaftlichen
Wurzeln abgeschnitten wird. Denn hier soll dem 17. November
(17N) außerhalb des gesellschaftlichen, politischen
und historischen Rahmens, in dem er in den letzten 30 Jahren
handelte, begegnet werden. Ich lehne es ab, dass die revolutionäre
Linke hier bewertet wird. Ich lehne dieses Gericht ab, weil
es gesellschaftliche Phänomene nicht beurteilen kann.
Ihr Gericht kann die Wirklichkeit des 17N nicht begreifen.
Sie können uns nur mit dem Recht der Ungleichheit und
einem Strafgesetzbuch verurteilen, das wir nicht akzeptieren
können. Wir werden ihr Recht erleiden, aber wir sind
nicht gezwungen, es anzuerkennen. Es ist ein scheinheiliges
Rechtssystem. Es ist ein System, das die Mächtigen und
Reichen ungestraft lässt: den Industriellen, der bei
Arbeitsunfällen mordet, den Reeder, der in seinen alten
Schiffen die Menschen ertränkt und den Räuber öffentlichen
Reichtums für sie alle gilt dieses Recht nicht.
Ihr Gericht wurde auf der Basis eines autoritären Sondergesetzes
geschaffen. Es ist ein Sondergericht, das mit entsprechenden
Verordnungen ausgestattet ist und dessen Mitglieder eine skandalöse
Vorverurteilung legitimiert haben. Der Beschluss über
das sogenannte politische Verbrechen hat bereits
Ihre Grenzen aufgezeigt. Denn die Paragraphen des Sonderechts
hätten es Ihnen erlaubt, die Praxis des 17N als ein politisches
Verbrechen zu fassen. Aber die herrschende Ordnung verlangt
etwas anderes. Sie will uns als gemeine Verbrecher
verurteilt wissen und nicht als das, was wir sind: Geiseln
eines Krieges ohne Kriegserklärung, eines unversöhnlichen
gesellschaftlichen Krieges, der seit Anbeginn aller Klassen
zwischen Reichen und Armen, Starken und Schwachen, Ausbeutern
und Ausgebeuteten ausgefochten wird.
Ich habe erklärt, dass ich Mitglied des 17N war und
dass ich die politische Verantwortung für seine Praxis
übernehme. Ich bin mit all seinen Thesen und Entscheidungen
einverstanden. Ich solidarisiere mich mit allen Aktivitäten,
die die Genossen des 17N unternommen haben. Gleiches gilt
für einen jeden Kampf, den Menschen für eine Welt
des Friedens und der Freiheit führen, für eine Welt
ohne Ausbeutung, Ungerechtigkeit und falsche Gerichtsbarkeit.
Ich werde nicht tun, was Sie wollen. Ich werde Ihrer Logik
nicht folgen. Unsere Ethik verträgt keine Kooperation
und keinen Verrat. Deswegen werde ich über meine praktische
Beziehung zur Organisation nicht sprechen. Ich werde keinen
Versuch unternehmen, Sie davon zu überzeugen, an welchen
Aktivitäten ich nicht teilgenommen habe. Ich werde nicht
über meine Mitangeklagten sprechen. Das ist meine Haltung
und ich werde sie beibehalten, ganz egal, welcher persönliche
Preis mir abverlangt wird.
Von Anfang an erklärte der 17N, dass er eine Organisation
einfacher Kämpfer des Volkes ist. Seine Mitglieder stammten
aus dem Herzen des Volkes, hörten seine Stimme und versuchten,
seinen Interessen zu dienen. Rechenschaft, so empfanden sie,
mussten sie nur dem Volk gegenüber ablegen. Ich werde
über die Organisation und ihre Praxis sprechen und ich
wende mich an all diejenigen, die an uns glaubten, die uns
moralisch unterstützten und für die wir ein Funken
der Hoffnung waren. Einer der Zeugen drückte es so aus:
Wir waren ein Seufzer der Erleichterung, ein Augenblick, in
dem Gerechtigkeit geschaffen wurde etwas, das Sie,
Herr Vorsitzender, niemals sein können.
Ich spreche auch zu denen, die wir enttäuscht haben,
die sich von unseren Entscheidungen distanzierten, aber dennoch
am gleichen Ufer waren wie wir, die der Sturm auf den Himmel
begeisterte. Ich wende mich auch an die, die unausweichlich
durch unsere Praxis Schmerzen erleiden mussten, unabhängig
davon, ob dies von uns oder der gegnerischen Seite zu verantworten
war. Ich richte mich an die Familien derjenigen, die zum Ziel
geworden sind. Die Geschichte wird darüber urteilen,
ob dies zu Unrecht oder zu Recht geschah; eine Geschichte,
die glücklicherweise anderen Kriterien folgt als dieser
Gerichtsbarkeit.
Der Weg der Revolution
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Der Sturm auf das Polytechnikum in Athen am 17. November
1973 ... |
... die Demonstration zum 30. Jahrestag in Athen |
Im Dezember 1975 exekutierte eine Gruppe von Kämpfern
den Statthalter der CIA in Griechenland. Der CIA-Vertreter
war damals wie heute der lange Arm der amerikanischen Herrschaft
in unserem Land. Die Militärregierung hatte 300 bis 400
Agenten an neuralgischen Punkten in der Regierung, im Staatsapparat,
im Militär, in den Parteien und der Presse postiert,
so dass sie die Politik, das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben
im Sinne der amerikanischen Interessen kontrollieren konnten.
Die Regierung wollte die Hintergründe der Tat im Unklaren
lassen. Die Parteien und die Massenmedien betrieben einen
Feldzug der Vertuschung und Desinformation: von dunklen
Mächten wurde gesprochen, von Angehörigen
der Junta, Provokateuren, Agenten und der Mafia. Aber das
griechische Volk verstand sofort, warum der Statthalter der
CIA exekutiert wurde und wer es getan hatte. Die Organisation
übernahm die Verantwortung und verteilte die Erklärung
tausendfach in den proletarischen Vierteln Athens.
Der 17N war eine Organisation der revoutionären Linken;
jenes Teils der Linken, der glaubt, dass das heutige Gesellschaftssystem
die sozialen Ungleichheiten nicht mildern kann, weil es sie
selbst erzeugt und darauf basiert. Das System kann das Problem
der Arbeitslosigkeit nicht lösen, weil es sie selbst
hervorbringt und benötigt; es kann die Kriege nicht abschaffen,
weil es sie selbst führt und sich von ihnen ernährt;
es kann die gleichberechtigte Entwicklung aller Länder
nicht fördern, weil es sich selbst auf die Ausplünderung
der armen Länder stützt. Das System interessiert
sich nicht für die ökologische Katastrophe des Planeten,
weil es selbst die Ursache dieser Krise ist; es respektiert
nicht die kulturelle Verschiedenheit der Menschen, weil es
allein an den allmächtigen Gott des Geldes glaubt.
Dieses System kann nicht reformiert oder demokratisiert werden.
Es kann nur durch die soziale Revolution umgestürzt werden.
Das ist die Frage, die die Linke seit zwei Jahrhunderten in
zwei Hauptströmungen, eine reformistische und eine revolutionäre,
teilt. Dieser Unterschied ist weder abstrakt noch zukünftig
und keineswegs rein theoretischer Natur; er ist praktisch,
konkret und gegenwärtig, weil das Morgen die unmittelbaren
Mittel von heute bestimmt.
Wer die revolutionäre Lösung ablehnt, versucht den
Volkszorn zu bremsen. Wer den Weg der Revolution wählt,
sucht die unmittelbare Aktion, die Methode und die Ethik,
die den Interessen seiner Klasse entsprechen: der Mehrheit
der Arbeitswelt, der Schwachen und Armen, den Opfern der Ausbeutung.
Zu dieser Linken gehört der 17N. Es ist die Linke von
Lenin, von Che und Aris2, die Linke der Oktoberrevolution,
der spanischen, chinesischen und kubanischen Revolution; die
Linke des ELAS3, die Linke der antikolonialen Revolutionen
von Algerien bis Vietnam, der Aufstände des Mai 1968
und des November 1973, die Linke der Stadtguerilla. Der 17N
hat sich weder als Mittelpunkt der revolutionären Linken
betrachtet, noch war er der Auffassung, seine Aktionsformen
seien einzigartig. Er betonte immer, dass der Kampf langfristig
sei, ein Zusammenwirken aller Kampfformen erfordere und vor
allem, dass es nötig sei, sofort zu beginnen.
Was waren die Ziele der Organisation? Zuallererst das neue
Rom, das neue Imperium. Wie jedes Imperium in der Geschichte,
verfolgt auch dieses die globale Hegemonie, den Raub der Reichtümer
der Welt. Es kennt keine ethischen Grundsätze, sondern
nur das Recht des Stärkeren und das Gesetz des Dschungels.
Das Imperium stützt sich auf unpolitische, von den allmächtigen
Massenmedien kontrollierte Bürger, auf die Profiteure
gespaltener Gesellschaften und auf die Ideologie der auserwählten
amerikanischen Nation, die in faschistischen Gesetzen und
modernen Konzentrationslagern ihren Ausdruck findet. Aber
je weiter sich diese Kriegsmaschinerie auf der Welt ausbreitet,
desto stärker wächst der Widerstand in ihrem Rücken.
Der Partisanenkrieg, der Krieg der Schwächeren, die Schaffung
von vielen Vietnams ist die einzige Hoffnung, die den
Völkern bleibt, um das hochgerüstete Imperium zu
treffen. 27 Jahre lang hat der 17N die Geheimdienste zum Narren
gehalten und das Hollywood-Bild der Superagenten zerstört.
Nur so ist ihre Tobsucht und Rachgier gegen uns zu verstehen.
Im Dezember 1944 warfen die Amerikaner täglich 2.500
Bomben auf die armen Stadtteile von Athen. Während des
Bürgerkrieges setzten sie Napalm ein. Wir erfuhren davon
durch die Erzählungen unserer Eltern. Wir fühlten
die Bitterkeit der Niederlage, der Entbehrungen, des Terrors
und der Verbannungen, der absoluten Macht der Polizisten und
Militärrichter. Die Verräter wurden in unserem Land
zu staatlichen Würdenträgern, die Schwarzmarkthändler
Reeder und Industrielle. Wir sahen, wie sich die Linke an
das System verkaufte und die Errungenschaften jahrzehntelanger
Kämpfe preisgab. Wir sagten: Es reicht! Denn es gibt
auch eine Linke, die nicht die andere Wange hinhält,
sondern ihnen einen Fußtritt gibt; nicht die wohlhabende
und ordentliche, sondern eine ungehorsame Linke, die überzeugt
ist, dass die Lösung nur revolutionär sein kann.
Die Propaganda der Volksgewalt
Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass
es die Kommunisten als unwürdig betrachten, ihre Ansichten
und Vorhaben zu verstecken. Sie erklären offen, dass
sie ihre Ziele nur durch den Sturz des gesamten heutigen Gesellschaftssystems
verwirklichen können. Marx schrieb, dass die Gewalt die
Hebamme jeder alten Gesellschaft ist, die eine neue bereits
im Leibe trägt. Die unmittelbare bewaffnete Aktion geht
von der Tatsache aus, dass mit dem bewaffneten Kampf nicht
gewartet werden darf, bis die Voraussetzungen dafür gereift
sind. Das lässt sich aus einer These der Tupamaros4 ableiten:
Die revolutionäre Aktion und die Tatsache, dass wir uns
bewaffnen, dass wir uns vorbereiten, mit Vorräten versorgen
und die bürgerliche Ordnung verletzen, schafft das Bewusstsein,
die Organisation und revolutionären Bedingungen.
Der 17N holte die Waffen aus den Polizeistationen, die Bazookas
aus dem Kriegsmuseum und die Munition aus den Kasernen. Das
waren Aktionen der bewaffneten Propaganda, die ohne jedes
Blutvergießen durchgeführt wurden. Der 17N bewies,
dass er sich auf die eigene Kraft stützte und nicht ferngesteuert
war. Als Aris mit seiner Partisanengruppe in ein Dorf ging
und zu den Bewohnern sprach, machte er bewaffnete Propaganda.
Er zeigte, dass es möglich war, Aktionen unter der Nase
der Deutschen durchzuführen. Die Folge war ein Schock,
der die Bedingungen für weitere Aktionen schuf. Sicher,
der 17N war nicht mit den Partisanen von Aris vergleichbar
in Griechenland herrscht eine bürgerliche, die
Oligarchie legitimierende Demokratie , trotzdem wies
der Kampf des 17N Ähnlichkeiten mit dem Partisanenkampf
auf.
Die Praxis des 17N wird als Terrorismus charakterisiert.
Wir sagen: Nein! Der 17N richtete sich gegen Ziele und Symbole
des Imperialismus und Kapitalismus. Die US-amerikanische Botschaft
in unserem kleinen Land hatte die höchsten Sicherheitsausgaben
auf der Welt. Die Geheimdienste aller westlichen Länder
schickten ihre Spezialisten nach Griechenland. Die Großindustriellen
und Reeder bauten Festungen, unterhielten Heere von Leibwächtern,
gaben ihr Geld für gepanzerte Fahrzeuge und elektronische
Sicherheitsanlagen aus. All diese Leute, einige tausend
jawohl, sie wurden terrorisiert, und der 17N ist stolz darauf.
Aber das griechische Volk wurde weder von der Angst vor dem
17N geweckt, noch ging es mit dieser Angst zu Bett. In einer
Meinungsumfrage kurz vor der Explosion in Piräus5 gaben
nur zwei Prozent der Befragten an, dass sie im Terrorismus
ein gesellschaftliches Problem sehen. Angst hat das Volk vielmehr
vor der Gewalt des Staates, der Gewalt der Armut, der Arbeitslosigkeit,
der Entfremdung.
Der 17N führte keinen Krieg auf allen Ebenen. Trotz
seiner Möglichkeiten verzichtete er darauf, das Niveau
seiner Aktionen zu erhöhen. Er verwechselte nie seine
Wünsche mit der Wirklichkeit und die Gewalt nicht mit
Eile. Er versuchte nicht, das Herz des Staates zu treffen.
Den Schwerpunkt seiner Aktivitäten legte der 17N nicht
auf Texte und Erklärungen, obwohl er diese für unverzichtbar
hielt, sondern auf Aktionen. So wurde etwa beim Angriff auf
die US-amerikanische Botschaft keine Erklärung herausgegeben.
Die Propaganda der Volksgewalt muss durch die Aktion selbst
erfolgen. Es war notwendig, dass die Aktion vom Volk verstanden
wird sie soll selbst sprechen, wie wir
sagten. Die Praxis sollte das Regime entlarven und keine negativen
Konsequenzen für andere Bewegungen oder arbeitende Menschen
haben.
Die Ziele des 17N waren Symbole der Macht: Vertreter und
Institutionen des bürgerlichen Regimes, der imperialistischen
Hegemonie, der kapitalistischen Ausbeutung und der staatlichen
Unterdrückung. Durch seine Aktionen setzte der 17N Zeichen.
Er zeigte, dass es Menschen gab, die gegen die Übermacht
des Staates Widerstand leisteten und immer leisten werden.
So stärkte er die Würde und den Stolz des Volkes.
Die Aktivitäten des 17N wurden vom griechischen Volk,
das Erniedrigung und Ausbeutung erfahren hat, als gerechter
Volkswiderstand betrachtet. Ich möchte hier nur die Aussage
einer unserer besonders leidenschaftlichen Gegner erwähnen:
Ein Europaabgeordneter der Nea Dimokratia sagte, dass 23,7
Prozent, das sind 2.370.000 Griechen, mit den Kämpfern
des 17N sympathisierten. Es ist eine objektive Tatsache, dass
der 17N gesellschaftliche Wurzeln hatte und seine Praxis in
den gesellschaftlichen Widersprüchen begründet war.
Die Masken sollen fallen
Denken wir an Afghanistan, an Jugoslawien und an den Irak.
Denken wir an die zerstörten Stadtteile und Tausende
zivilen Opfer, an die 500.000 Menschen, die im Irak laut britischen
Quellen an Krebs sterben werden. Können diese Hunderttausende
von Toten mit den wenigen hundert US-amerikanischen Soldaten
verglichen werden, die durch die Gegengewalt des Volkes ums
Leben kamen? Und, abgesehen von der Zahl der Toten, handelt
es sich auch qualitativ um das Gleiche? Wir können es
nicht vergleichen, nicht aufwiegen. Hier zitiere ich Professor
Roussis: Die Gewalt des 17N ist geringfügig im
Vergleich zu den ökonomischen und gesellschaftlichen
Widersprüchen, die sie hervorbrachten. Die Masken
sollen fallen. Die Staatsbeamten, die Migranten, kleine Diebe
und Demonstranten erschießen, werden freigesprochen
oder zu symbolischen Strafen verurteilt. Für den 17N
dagegen wurden Sondergesetze, Sondergerichte und Sondergefängnisse
geschaffen. Die Gleichheit vor dem Gesetz, ein Grundprinzip
der Demokratie, wird nicht angewandt. Für die Mächtigen
gelten die Gesetze nicht.
Mit dem Wohlfahrtsstaat fegt der neoliberale Wirbelwind die
Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe hinweg. Eine
Gesellschaft, die sich nicht für die Schwachen und Kranken
interessiert, die keine Solidarität kennt, ist nicht
demokratisch. 20 Prozent aller Griechen leben unter der Armutsgrenze,
15 Prozent sind ohne Arbeit, unter den Jugendlichen sind es
sogar 33 Prozent. Die öffentlichen Güter, der öffentliche
Reichtum und der öffentliche Boden werden an die Reichen
verschenkt. Soll ich über Provisionen bei den milliardenschweren
Rüstungsgeschäften sprechen? Über das dauernde
Verbrechen bei den öffentlichen Bauten? Über die
Barone der Massenmedien? Über die großartige Idee
der Olympiade? Wie viele Jahre werden wir nach 2004 noch bezahlen?
Soll ich über ein Parlament sprechen, das Gesetze auf
Bestellung verabschiedet? Über die schwache, den Mächtigen
hörige Regierung? Was für eine Demokratie ist das?
Der bewaffnete Revolutionär ist kein Fanatiker der Gewalt.
Für solche Menschen gibt es andere, legale Möglichkeiten,
ihren Trieb auszuleben. Der Revolutionär, der sich durch
politische Analyse für die Gewalt als unmittelbare Maßnahme
entschieden hat, ist zu äußersten Konsequenzen
verpflichtet, um sich und seiner Überzeugung treu zu
bleiben. Diese Wahl richtet sich zuallererst gegen seine eigenen
Interessen. Denn es gilt, den eigenen Selbsterhaltungstrieb
mit einer Lebenseinstellung zu überwinden, die paradox
ist, weil man sowohl die Freiheit wie das Leben verlieren
kann. Vor allem aber stößt man auf einen tiefen
und nur schwer zu ertragenden Widerspruch: die Liebe zum Leben
und die Notwendigkeit, gegen das Leben zu handeln. Der Kämpfer
erlebt diesen Widerspruch tragisch und schmerzhaft. Es zerreißt
ihn. Aber er weiß, dass er an einem Kampf gegen eine
Gewalt teilnimmt, die den Menschen entmenschlicht und in die
Barbarei stürzt.
Die Begriffe, die sie gegen uns verwenden Verbrecher,
Meuchelmörder können unsere Handlungen
nicht beurteilen. Der bewaffnete Revolutionär respektiert
das Leben. Er greift zur Waffe, um das Leben gegen diejenigen
zu verteidigen, die es misshandeln und entwürdigen. Er
kann den Verlust eines Lebens akzeptieren, wenn dadurch die
revolutionäre Sache voranschreitet. Er gewinnt zu seinem
eigenen Leben ein neues Verhältnis. Er zögert nicht,
sich zu opfern, wenn die Notwendigkeit des Kampfes es erfordert.
Der bewaffnete Revolutionär greift in eine Gesellschaft
ungeheurer Ungleichheiten ein, eine Gesellschaft, in der ein
unerklärter Krieg wütet, der Opfer auf beiden Seiten
fordert allerdings mehr von der einen und weniger von
der anderen Seite. Es ist ein Krieg der Personen, die nicht
abstrakt sind. Es sind Menschen, die eine Familie haben, die
sie lieben, großgezogen haben und für die sie unersetzlich
sind. Diesen Familien schulden wir Respekt und Mitleid.
Wer kennt die Namen der Leute, die von der Polizei erschossen
wurden? Warum, Herr Vorsitzender, erinnern wir uns an die
45er und nicht an die 38er Pistolen? Wer kennt die Namen derer,
die bei Betriebsunfällen, in den Bergwerken und bei Schiffsunglücken
ihr Leben verloren? Welcher der Verantwortlichen wurde angeklagt?
Wer wurde verurteilt? Welcher Politiker vergoss deshalb Krokodilstränen?
Welche Opfer hatten Nebenklagevertreter? Gab es überhaupt
jemals Nebenkläger? Alle diese Familien hatten Kinder,
die sie verloren haben. Gab es für sie jemals ein Rednerpult?
Hat sich je ein Fernsehteam für sie interessiert?
Der Krieg, der diesem gesellschaftlichen Widerspruch entspringt,
wird schon lange geführt. Manchmal ist er sichtbar, manchmal
unsichtbar, zuweilen trägt er die Maske des Rechtsstaates,
dann wieder zeigt er seine wahre Gestalt. Diesen Krieg wird
es solange geben, bis die Klassen aufhören zu existieren.
Wenn die Menschheit endlich aus ihrer barbarischen Vorgeschichte
heraustritt Krieg, Verelendung, Analphabetismus, Ausplünderung
, wenn die Menschheit übergeht in das Reich der
Freiheit, der Gleichheit und ungehinderten Entwicklung des
Menschen, wenn der Mensch seine Menschlichkeit wiedererlangt,
erst dann wird das Leben seinen wirklichen Wert bekommen.
Nachdem ich dies gestern Abend geschrieben habe, konnte ich
kein Auge zumachen. Ich wollte noch einen Epilog verfassen.
Aber ich habe nicht weiter geschrieben. Stattdessen schließe
ich mit einem Vers von Kostis Palamas:
Kind, meinen Obstgarten, den Du erben wirst,
was immer Du in ihm siehst, verzichte nicht darauf.
Pflüge ihn noch gründlicher, gieße ihn häufiger,
pflege seinen Rasen und lockere seine Erde.
Wenn schlechte Zeiten kommen, zornige Jahre,
wenn Vögel und Bäume aus Angst zu hassen lernen,
zu nichts wird er Dir nutzen als zu einer Festung.
Fürchte die Zerstörung, das Feuer nicht, erhebe
dein Beil.
Lass ihn brachliegen, schneide die Pflanzen heraus,
baue eine Festung und verschanze dich darin,
für den Kampf, für das Bluten, die neue Geburt,
die wir erwarten und die ständig näherrückt.
Der Text wurde um jene Passagen gekürzt,
die sich mit tagespolitischen Ereignissen und Personen in
Griechenland beschäftigen.
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