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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 12/13
Schlusserklärung von Dimitris Koufontinas im Prozess gegen die „Revolutionäre Organisation 17. November“ vor dem Athener Sondergericht am 24.7.2003
Der Sturm auf den Himmel
[ Inhalt Nr. 13 .]
ELAS-Partisanen 1943

Als Dimitris Koufontinas zum Ende seiner Rede kam, hatten nicht wenige der Zuhörer Tränen in den Augen. Fast alle erhoben sich, Applaus wurde laut und Parolen wurden gerufen, als der Angeklagte mit den Versen des Volksdichters Kostis Palamas an die Leidens- und Widerstandsgeschichte des griechischen Widerstandes erinnerte. Kurze Zeit später ließ der Richter den Saal räumen. Dimitris Koufontinas übernahm vor dem Athener Kriminalgericht ausdrücklich die politische Verantwortung für alle Aktionen und Erklärungen der „Revolutionären Organisation 17. November“.
Damit ging ein beispielloses Verfahren zu Ende. Für die 19 Angeklagten war im Frauengefängnis von Athen eigens ein spezieller Trakt eingerichtet worden, ihre Zellen lagen unterhalb der Erde. In der Gerichtsverhandlung trug die Staatsanwaltschaft 2.500 Anklagepunkte vor. Verhandelt wurden alle Aktionen des 17N, wie die Organisation in der Öffentlichkeit gerufen wird, aus dreißig Jahren: von der Mitgliedschaft in einer „kriminellen Vereinigung“, über Waffenbesitz und Bankraub bis zur Tötung politischer Gegner. Am 8. Dezember 2003 verkündete das Gericht die Urteile. Es kam zu Freisprüchen und zu langjährigen Haftstrafen bis zu 25 Jahren. Vasilis Tzopzatos, Iraklis Kostaris, sowie die Brüder Savas und Christodoulos Xiros wurden zu ein- bis mehrmals lebenslänglich verurteilt. Dimitris Koufontinas bekam mit 13mal lebenslänglich die Höchststrafe.
Mit dem Urteil geht die Geschichte der erfolgreichsten und legendärsten bewaffneten Organisation Europas zu Ende. 30 Jahre tappten Polizei und Geheimdienste im Dunkeln und es kursierten unzählige Spekulationen, warum partout keiner der bewaffneten „Volkskämpfer“ zu fassen war. Mal hatten östliche Geheimdienste ihre Hand im Spiel, dann wieder schützten linksgerichtete Offiziere die Gruppe. Kein Gerücht konnte im Prozess erhärtet werden. Eventuell liegen die Gründe für die jahrzehntelange erfolglose Fahndung viel näher: Die Aktivisten des 17N gehörten mehrheitlich nicht zur universitären Mittelschicht. Sie lebten in den Arbeitervierteln und arbeiteten als Schlosser, Ikonenmaler, Schreiner oder Imker. Ihr Antiimperialismus und Antikapitalismus richtete sich gegen die USA und die einheimische Oligarchie. Das machte den 17N geradezu populär. So besuchten den Prozess kommunistische Abgeordnete, junge Anarchisten, Punks und steinalte ehemalige Partisanen gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg.
Das Schlusswort von Dimitris Koufontinas erschien in der Tageszeitung „Elephterotipia“. Vorsorglich hatte das linksdemokratische Massenblatt seine Auflage verdoppelt. Sie war bereits am frühen Nachmittag vergriffen.

 

Über Diomidis Komninos1

Sicher
Diomidis hatte eine belastende Vergangenheit
Als Fünfjähriger, auf den Schultern
seines Vaters
rief er Freiheit für Zypern
als Zehnjähriger, barfuss
mit einer Scheibe Brot in seiner Tasche
lief er beim Friedensmarsch mit
mit zwölf forderte er Demokratie
Als 17-Jähriger
trug er ein Plakat in den Händen
Brot – Bildung – Freiheit

Dimitris Ravanis-Rentis

Herr Vorsitzender,

ich werde nicht das tun, was Sie von mir fordern. Ich werde mich nicht verteidigen, denn ich lehne die Anschuldigungen und die Anklageschrift ab. Ich werde nicht daran mitwirken, dass eine revolutionäre Organisation als verbrecherisch abgeurteilt und ein politisches Phänomen von seinen gesellschaftlichen Wurzeln abgeschnitten wird. Denn hier soll dem 17. November (17N) außerhalb des gesellschaftlichen, politischen und historischen Rahmens, in dem er in den letzten 30 Jahren handelte, begegnet werden. Ich lehne es ab, dass die revolutionäre Linke hier bewertet wird. Ich lehne dieses Gericht ab, weil es gesellschaftliche Phänomene nicht beurteilen kann.

Ihr Gericht kann die Wirklichkeit des 17N nicht begreifen. Sie können uns nur mit dem Recht der Ungleichheit und einem Strafgesetzbuch verurteilen, das wir nicht akzeptieren können. Wir werden ihr Recht erleiden, aber wir sind nicht gezwungen, es anzuerkennen. Es ist ein scheinheiliges Rechtssystem. Es ist ein System, das die Mächtigen und Reichen ungestraft lässt: den Industriellen, der bei Arbeitsunfällen mordet, den Reeder, der in seinen alten Schiffen die Menschen ertränkt und den Räuber öffentlichen Reichtums – für sie alle gilt dieses Recht nicht.

Ihr Gericht wurde auf der Basis eines autoritären Sondergesetzes geschaffen. Es ist ein Sondergericht, das mit entsprechenden Verordnungen ausgestattet ist und dessen Mitglieder eine skandalöse Vorverurteilung legitimiert haben. Der Beschluss über das sogenannte „politische Verbrechen“ hat bereits Ihre Grenzen aufgezeigt. Denn die Paragraphen des Sonderechts hätten es Ihnen erlaubt, die Praxis des 17N als ein „politisches Verbrechen“ zu fassen. Aber die herrschende Ordnung verlangt etwas anderes. Sie will uns als „gemeine Verbrecher“ verurteilt wissen und nicht als das, was wir sind: Geiseln eines Krieges ohne Kriegserklärung, eines unversöhnlichen gesellschaftlichen Krieges, der seit Anbeginn aller Klassen zwischen Reichen und Armen, Starken und Schwachen, Ausbeutern und Ausgebeuteten ausgefochten wird.

Ich habe erklärt, dass ich Mitglied des 17N war und dass ich die politische Verantwortung für seine Praxis übernehme. Ich bin mit all seinen Thesen und Entscheidungen einverstanden. Ich solidarisiere mich mit allen Aktivitäten, die die Genossen des 17N unternommen haben. Gleiches gilt für einen jeden Kampf, den Menschen für eine Welt des Friedens und der Freiheit führen, für eine Welt ohne Ausbeutung, Ungerechtigkeit und falsche Gerichtsbarkeit.

Ich werde nicht tun, was Sie wollen. Ich werde Ihrer Logik nicht folgen. Unsere Ethik verträgt keine Kooperation und keinen Verrat. Deswegen werde ich über meine praktische Beziehung zur Organisation nicht sprechen. Ich werde keinen Versuch unternehmen, Sie davon zu überzeugen, an welchen Aktivitäten ich nicht teilgenommen habe. Ich werde nicht über meine Mitangeklagten sprechen. Das ist meine Haltung und ich werde sie beibehalten, ganz egal, welcher persönliche Preis mir abverlangt wird.

Von Anfang an erklärte der 17N, dass er eine Organisation einfacher Kämpfer des Volkes ist. Seine Mitglieder stammten aus dem Herzen des Volkes, hörten seine Stimme und versuchten, seinen Interessen zu dienen. Rechenschaft, so empfanden sie, mussten sie nur dem Volk gegenüber ablegen. Ich werde über die Organisation und ihre Praxis sprechen und ich wende mich an all diejenigen, die an uns glaubten, die uns moralisch unterstützten und für die wir ein Funken der Hoffnung waren. Einer der Zeugen drückte es so aus: Wir waren ein Seufzer der Erleichterung, ein Augenblick, in dem Gerechtigkeit geschaffen wurde – etwas, das Sie, Herr Vorsitzender, niemals sein können.

Ich spreche auch zu denen, die wir enttäuscht haben, die sich von unseren Entscheidungen distanzierten, aber dennoch am gleichen Ufer waren wie wir, die der Sturm auf den Himmel begeisterte. Ich wende mich auch an die, die unausweichlich durch unsere Praxis Schmerzen erleiden mussten, unabhängig davon, ob dies von uns oder der gegnerischen Seite zu verantworten war. Ich richte mich an die Familien derjenigen, die zum Ziel geworden sind. Die Geschichte wird darüber urteilen, ob dies zu Unrecht oder zu Recht geschah; eine Geschichte, die glücklicherweise anderen Kriterien folgt als dieser Gerichtsbarkeit.

Der Weg der Revolution

Der Sturm auf das Polytechnikum in Athen am 17. November 1973 ...
... die Demonstration zum 30. Jahrestag in Athen

 

Im Dezember 1975 exekutierte eine Gruppe von Kämpfern den Statthalter der CIA in Griechenland. Der CIA-Vertreter war damals wie heute der lange Arm der amerikanischen Herrschaft in unserem Land. Die Militärregierung hatte 300 bis 400 Agenten an neuralgischen Punkten in der Regierung, im Staatsapparat, im Militär, in den Parteien und der Presse postiert, so dass sie die Politik, das Gesellschafts- und Wirtschaftsleben im Sinne der amerikanischen Interessen kontrollieren konnten. Die Regierung wollte die Hintergründe der Tat im Unklaren lassen. Die Parteien und die Massenmedien betrieben einen Feldzug der Vertuschung und Desinformation: von „dunklen Mächten“ wurde gesprochen, von Angehörigen der Junta, Provokateuren, Agenten und der Mafia. Aber das griechische Volk verstand sofort, warum der Statthalter der CIA exekutiert wurde und wer es getan hatte. Die Organisation übernahm die Verantwortung und verteilte die Erklärung tausendfach in den proletarischen Vierteln Athens.
Der 17N war eine Organisation der revoutionären Linken; jenes Teils der Linken, der glaubt, dass das heutige Gesellschaftssystem die sozialen Ungleichheiten nicht mildern kann, weil es sie selbst erzeugt und darauf basiert. Das System kann das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen, weil es sie selbst hervorbringt und benötigt; es kann die Kriege nicht abschaffen, weil es sie selbst führt und sich von ihnen ernährt; es kann die gleichberechtigte Entwicklung aller Länder nicht fördern, weil es sich selbst auf die Ausplünderung der armen Länder stützt. Das System interessiert sich nicht für die ökologische Katastrophe des Planeten, weil es selbst die Ursache dieser Krise ist; es respektiert nicht die kulturelle Verschiedenheit der Menschen, weil es allein an den allmächtigen Gott des Geldes glaubt.

Dieses System kann nicht reformiert oder demokratisiert werden. Es kann nur durch die soziale Revolution umgestürzt werden. Das ist die Frage, die die Linke seit zwei Jahrhunderten in zwei Hauptströmungen, eine reformistische und eine revolutionäre, teilt. Dieser Unterschied ist weder abstrakt noch zukünftig und keineswegs rein theoretischer Natur; er ist praktisch, konkret und gegenwärtig, weil das Morgen die unmittelbaren Mittel von heute bestimmt.
Wer die revolutionäre Lösung ablehnt, versucht den Volkszorn zu bremsen. Wer den Weg der Revolution wählt, sucht die unmittelbare Aktion, die Methode und die Ethik, die den Interessen seiner Klasse entsprechen: der Mehrheit der Arbeitswelt, der Schwachen und Armen, den Opfern der Ausbeutung. Zu dieser Linken gehört der 17N. Es ist die Linke von Lenin, von Che und Aris2, die Linke der Oktoberrevolution, der spanischen, chinesischen und kubanischen Revolution; die Linke des ELAS3, die Linke der antikolonialen Revolutionen von Algerien bis Vietnam, der Aufstände des Mai 1968 und des November 1973, die Linke der Stadtguerilla. Der 17N hat sich weder als Mittelpunkt der revolutionären Linken betrachtet, noch war er der Auffassung, seine Aktionsformen seien einzigartig. Er betonte immer, dass der Kampf langfristig sei, ein Zusammenwirken aller Kampfformen erfordere und vor allem, dass es nötig sei, sofort zu beginnen.

Was waren die Ziele der Organisation? Zuallererst das „neue Rom“, das neue Imperium. Wie jedes Imperium in der Geschichte, verfolgt auch dieses die globale Hegemonie, den Raub der Reichtümer der Welt. Es kennt keine ethischen Grundsätze, sondern nur das Recht des Stärkeren und das Gesetz des Dschungels. Das Imperium stützt sich auf unpolitische, von den allmächtigen Massenmedien kontrollierte Bürger, auf die Profiteure gespaltener Gesellschaften und auf die Ideologie der auserwählten amerikanischen Nation, die in faschistischen Gesetzen und modernen Konzentrationslagern ihren Ausdruck findet. Aber je weiter sich diese Kriegsmaschinerie auf der Welt ausbreitet, desto stärker wächst der Widerstand in ihrem Rücken. Der Partisanenkrieg, der Krieg der Schwächeren, die „Schaffung von vielen Vietnams“ ist die einzige Hoffnung, die den Völkern bleibt, um das hochgerüstete Imperium zu treffen. 27 Jahre lang hat der 17N die Geheimdienste zum Narren gehalten und das Hollywood-Bild der Superagenten zerstört. Nur so ist ihre Tobsucht und Rachgier gegen uns zu verstehen.

Im Dezember 1944 warfen die Amerikaner täglich 2.500 Bomben auf die armen Stadtteile von Athen. Während des Bürgerkrieges setzten sie Napalm ein. Wir erfuhren davon durch die Erzählungen unserer Eltern. Wir fühlten die Bitterkeit der Niederlage, der Entbehrungen, des Terrors und der Verbannungen, der absoluten Macht der Polizisten und Militärrichter. Die Verräter wurden in unserem Land zu staatlichen Würdenträgern, die Schwarzmarkthändler Reeder und Industrielle. Wir sahen, wie sich die Linke an das System verkaufte und die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe preisgab. Wir sagten: Es reicht! Denn es gibt auch eine Linke, die nicht die andere Wange hinhält, sondern ihnen einen Fußtritt gibt; nicht die wohlhabende und ordentliche, sondern eine ungehorsame Linke, die überzeugt ist, dass die Lösung nur revolutionär sein kann.

Die Propaganda der Volksgewalt

Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels, dass es die Kommunisten als unwürdig betrachten, ihre Ansichten und Vorhaben zu verstecken. Sie erklären offen, dass sie ihre Ziele nur durch den Sturz des gesamten heutigen Gesellschaftssystems verwirklichen können. Marx schrieb, dass die Gewalt die Hebamme jeder alten Gesellschaft ist, die eine neue bereits im Leibe trägt. Die unmittelbare bewaffnete Aktion geht von der Tatsache aus, dass mit dem bewaffneten Kampf nicht gewartet werden darf, bis die Voraussetzungen dafür gereift sind. Das lässt sich aus einer These der Tupamaros4 ableiten: Die revolutionäre Aktion und die Tatsache, dass wir uns bewaffnen, dass wir uns vorbereiten, mit Vorräten versorgen und die bürgerliche Ordnung verletzen, schafft das Bewusstsein, die Organisation und revolutionären Bedingungen.

Der 17N holte die Waffen aus den Polizeistationen, die Bazookas aus dem Kriegsmuseum und die Munition aus den Kasernen. Das waren Aktionen der bewaffneten Propaganda, die ohne jedes Blutvergießen durchgeführt wurden. Der 17N bewies, dass er sich auf die eigene Kraft stützte und nicht ferngesteuert war. Als Aris mit seiner Partisanengruppe in ein Dorf ging und zu den Bewohnern sprach, machte er bewaffnete Propaganda. Er zeigte, dass es möglich war, Aktionen unter der Nase der Deutschen durchzuführen. Die Folge war ein Schock, der die Bedingungen für weitere Aktionen schuf. Sicher, der 17N war nicht mit den Partisanen von Aris vergleichbar – in Griechenland herrscht eine bürgerliche, die Oligarchie legitimierende Demokratie –, trotzdem wies der Kampf des 17N Ähnlichkeiten mit dem Partisanenkampf auf.

Die Praxis des 17N wird als „Terrorismus“ charakterisiert. Wir sagen: Nein! Der 17N richtete sich gegen Ziele und Symbole des Imperialismus und Kapitalismus. Die US-amerikanische Botschaft in unserem kleinen Land hatte die höchsten Sicherheitsausgaben auf der Welt. Die Geheimdienste aller westlichen Länder schickten ihre Spezialisten nach Griechenland. Die Großindustriellen und Reeder bauten Festungen, unterhielten Heere von Leibwächtern, gaben ihr Geld für gepanzerte Fahrzeuge und elektronische Sicherheitsanlagen aus. All diese Leute, einige tausend – jawohl, sie wurden terrorisiert, und der 17N ist stolz darauf. Aber das griechische Volk wurde weder von der Angst vor dem 17N geweckt, noch ging es mit dieser Angst zu Bett. In einer Meinungsumfrage kurz vor der Explosion in Piräus5 gaben nur zwei Prozent der Befragten an, dass sie im Terrorismus ein gesellschaftliches Problem sehen. Angst hat das Volk vielmehr vor der Gewalt des Staates, der Gewalt der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Entfremdung.

Der 17N führte keinen Krieg auf allen Ebenen. Trotz seiner Möglichkeiten verzichtete er darauf, das Niveau seiner Aktionen zu erhöhen. Er verwechselte nie seine Wünsche mit der Wirklichkeit und die Gewalt nicht mit Eile. Er versuchte nicht, das Herz des Staates zu treffen. Den Schwerpunkt seiner Aktivitäten legte der 17N nicht auf Texte und Erklärungen, obwohl er diese für unverzichtbar hielt, sondern auf Aktionen. So wurde etwa beim Angriff auf die US-amerikanische Botschaft keine Erklärung herausgegeben. Die Propaganda der Volksgewalt muss durch die Aktion selbst erfolgen. Es war notwendig, dass die Aktion vom Volk verstanden wird – „sie soll selbst sprechen“, wie wir sagten. Die Praxis sollte das Regime entlarven und keine negativen Konsequenzen für andere Bewegungen oder arbeitende Menschen haben.

Die Ziele des 17N waren Symbole der Macht: Vertreter und Institutionen des bürgerlichen Regimes, der imperialistischen Hegemonie, der kapitalistischen Ausbeutung und der staatlichen Unterdrückung. Durch seine Aktionen setzte der 17N Zeichen. Er zeigte, dass es Menschen gab, die gegen die Übermacht des Staates Widerstand leisteten und immer leisten werden. So stärkte er die Würde und den Stolz des Volkes. Die Aktivitäten des 17N wurden vom griechischen Volk, das Erniedrigung und Ausbeutung erfahren hat, als gerechter Volkswiderstand betrachtet. Ich möchte hier nur die Aussage einer unserer besonders leidenschaftlichen Gegner erwähnen: Ein Europaabgeordneter der Nea Dimokratia sagte, dass 23,7 Prozent, das sind 2.370.000 Griechen, mit den Kämpfern des 17N sympathisierten. Es ist eine objektive Tatsache, dass der 17N gesellschaftliche Wurzeln hatte und seine Praxis in den gesellschaftlichen Widersprüchen begründet war.

Die Masken sollen fallen

Denken wir an Afghanistan, an Jugoslawien und an den Irak. Denken wir an die zerstörten Stadtteile und Tausende zivilen Opfer, an die 500.000 Menschen, die im Irak laut britischen Quellen an Krebs sterben werden. Können diese Hunderttausende von Toten mit den wenigen hundert US-amerikanischen Soldaten verglichen werden, die durch die Gegengewalt des Volkes ums Leben kamen? Und, abgesehen von der Zahl der Toten, handelt es sich auch qualitativ um das Gleiche? Wir können es nicht vergleichen, nicht aufwiegen. Hier zitiere ich Professor Roussis: „Die Gewalt des 17N ist geringfügig im Vergleich zu den ökonomischen und gesellschaftlichen Widersprüchen, die sie hervorbrachten“. Die Masken sollen fallen. Die Staatsbeamten, die Migranten, kleine Diebe und Demonstranten erschießen, werden freigesprochen oder zu symbolischen Strafen verurteilt. Für den 17N dagegen wurden Sondergesetze, Sondergerichte und Sondergefängnisse geschaffen. Die Gleichheit vor dem Gesetz, ein Grundprinzip der Demokratie, wird nicht angewandt. Für die Mächtigen gelten die Gesetze nicht.

Mit dem Wohlfahrtsstaat fegt der neoliberale Wirbelwind die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe hinweg. Eine Gesellschaft, die sich nicht für die Schwachen und Kranken interessiert, die keine Solidarität kennt, ist nicht demokratisch. 20 Prozent aller Griechen leben unter der Armutsgrenze, 15 Prozent sind ohne Arbeit, unter den Jugendlichen sind es sogar 33 Prozent. Die öffentlichen Güter, der öffentliche Reichtum und der öffentliche Boden werden an die Reichen verschenkt. Soll ich über Provisionen bei den milliardenschweren Rüstungsgeschäften sprechen? Über das dauernde Verbrechen bei den öffentlichen Bauten? Über die Barone der Massenmedien? Über die großartige Idee der Olympiade? Wie viele Jahre werden wir nach 2004 noch bezahlen? Soll ich über ein Parlament sprechen, das Gesetze auf Bestellung verabschiedet? Über die schwache, den Mächtigen hörige Regierung? Was für eine Demokratie ist das?

Der bewaffnete Revolutionär ist kein Fanatiker der Gewalt. Für solche Menschen gibt es andere, legale Möglichkeiten, ihren Trieb auszuleben. Der Revolutionär, der sich durch politische Analyse für die Gewalt als unmittelbare Maßnahme entschieden hat, ist zu äußersten Konsequenzen verpflichtet, um sich und seiner Überzeugung treu zu bleiben. Diese Wahl richtet sich zuallererst gegen seine eigenen Interessen. Denn es gilt, den eigenen Selbsterhaltungstrieb mit einer Lebenseinstellung zu überwinden, die paradox ist, weil man sowohl die Freiheit wie das Leben verlieren kann. Vor allem aber stößt man auf einen tiefen und nur schwer zu ertragenden Widerspruch: die Liebe zum Leben und die Notwendigkeit, gegen das Leben zu handeln. Der Kämpfer erlebt diesen Widerspruch tragisch und schmerzhaft. Es zerreißt ihn. Aber er weiß, dass er an einem Kampf gegen eine Gewalt teilnimmt, die den Menschen entmenschlicht und in die Barbarei stürzt.

Die Begriffe, die sie gegen uns verwenden – „Verbrecher“, „Meuchelmörder“ – können unsere Handlungen nicht beurteilen. Der bewaffnete Revolutionär respektiert das Leben. Er greift zur Waffe, um das Leben gegen diejenigen zu verteidigen, die es misshandeln und entwürdigen. Er kann den Verlust eines Lebens akzeptieren, wenn dadurch die revolutionäre Sache voranschreitet. Er gewinnt zu seinem eigenen Leben ein neues Verhältnis. Er zögert nicht, sich zu opfern, wenn die Notwendigkeit des Kampfes es erfordert. Der bewaffnete Revolutionär greift in eine Gesellschaft ungeheurer Ungleichheiten ein, eine Gesellschaft, in der ein unerklärter Krieg wütet, der Opfer auf beiden Seiten fordert – allerdings mehr von der einen und weniger von der anderen Seite. Es ist ein Krieg der Personen, die nicht abstrakt sind. Es sind Menschen, die eine Familie haben, die sie lieben, großgezogen haben und für die sie unersetzlich sind. Diesen Familien schulden wir Respekt und Mitleid.
Wer kennt die Namen der Leute, die von der Polizei erschossen wurden? Warum, Herr Vorsitzender, erinnern wir uns an die 45er und nicht an die 38er Pistolen? Wer kennt die Namen derer, die bei Betriebsunfällen, in den Bergwerken und bei Schiffsunglücken ihr Leben verloren? Welcher der Verantwortlichen wurde angeklagt? Wer wurde verurteilt? Welcher Politiker vergoss deshalb Krokodilstränen? Welche Opfer hatten Nebenklagevertreter? Gab es überhaupt jemals Nebenkläger? Alle diese Familien hatten Kinder, die sie verloren haben. Gab es für sie jemals ein Rednerpult? Hat sich je ein Fernsehteam für sie interessiert?

Der Krieg, der diesem gesellschaftlichen Widerspruch entspringt, wird schon lange geführt. Manchmal ist er sichtbar, manchmal unsichtbar, zuweilen trägt er die Maske des Rechtsstaates, dann wieder zeigt er seine wahre Gestalt. Diesen Krieg wird es solange geben, bis die Klassen aufhören zu existieren. Wenn die Menschheit endlich aus ihrer barbarischen Vorgeschichte heraustritt – Krieg, Verelendung, Analphabetismus, Ausplünderung –, wenn die Menschheit übergeht in das Reich der Freiheit, der Gleichheit und ungehinderten Entwicklung des Menschen, wenn der Mensch seine Menschlichkeit wiedererlangt, erst dann wird das Leben seinen wirklichen Wert bekommen.

Nachdem ich dies gestern Abend geschrieben habe, konnte ich kein Auge zumachen. Ich wollte noch einen Epilog verfassen. Aber ich habe nicht weiter geschrieben. Stattdessen schließe ich mit einem Vers von Kostis Palamas:

Kind, meinen Obstgarten, den Du erben wirst,
was immer Du in ihm siehst, verzichte nicht darauf.
Pflüge ihn noch gründlicher, gieße ihn häufiger,
pflege seinen Rasen und lockere seine Erde.
Wenn schlechte Zeiten kommen, zornige Jahre,
wenn Vögel und Bäume aus Angst zu hassen lernen,
zu nichts wird er Dir nutzen als zu einer Festung.
Fürchte die Zerstörung, das Feuer nicht, erhebe dein Beil.
Lass ihn brachliegen, schneide die Pflanzen heraus,
baue eine Festung und verschanze dich darin,
für den Kampf, für das Bluten, die neue Geburt,
die wir erwarten und die ständig näherrückt.

Der Text wurde um jene Passagen gekürzt, die sich mit tagespolitischen Ereignissen und Personen in Griechenland beschäftigen.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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