Die migrantische Linke ist mehr als das, was sich in
den letzten Jahren innerhalb der deutschen Linken und interessierter
Öffentlichkeiten Gehör verschafft hat. Es gibt
schweigend-diskutierende migrantische Netzwerke,
die sich noch nicht im Rahmen der deutschsprachigen Linken
ausdrücken.
Der folgende Aufruf ist ein vorläufiges Ergebnis eines
solchen Diskussionsprozesses; einer langen Diskussion unter
Personen und Netzwerken, die teilweise aus den verschiedenen
Strömungen der Exil-Linken aus der Türkei stammen
und zum Teil erst in den europäischen Ländern
von Österreich bis Deutschland, von Schweden bis Frankreich
politisch aktiv wurden. Sie alle eint die Überzeugung,
dass die historische Phase der traditionellen Organisationsformen
der türkisch-kurdischen Exil-Linken abgeschlossen ist.
Sie sehen es als dringende Aufgabe an, einen Diskussions-
und Aktionszusammenhang mit direktem Bezug zu den sozialen
und politischen Kämpfen in den europäischen Ländern
aufzubauen. Ein Kollektiv, das sich mit den radikalen Linken
der Mehrheitsgesellschaften in den Kämpfen gegen Kapitalismus,
Sexismus und Rassismus in Einheit weiß, kann diese
Kämpfe durch nationalstaatskritische und antirassistische
Momente der migrantischen Realität bereichern. Es wird
darüber hinaus eine Stimme des Kampfes um die Rechte
der Migrantinnen und Migranten sein, wobei wir die Flüchtlinge
ihrer spezifischen Problemlagen wohl bewusst
auch unter diesem Begriff fassen. Nicht zuletzt ist ein
derartiger Aktions- und Diskussionszusammenhang inzwischen
eine Vorbedingung, um die Hegemonie neoliberaler, islamistisch-konservativer
und faschistischer Ideologien und Organisationen innerhalb
der migrantischen communities zurückdrängen zu
können.
Nach europaweiten Treffen planen wir für den Herbst
2004 einen Kongress, auf dem wir mit einem Manifest an die
Öffentlichkeit treten wollen. Eine Zeitschrift soll
als europaweite Stimme der Aktionen und als Forum für
Debatten dienen. Bis dahin haben wir, der Kern der Initiatoren,
uns den provisorischen Namen Sol Yol (Linker
Weg) gegeben. Wir folgen keiner festgelegten theoretischen
Schule und politischen Linie, unser Ausgangspunkt ist vielmehr
die gemeinsame Suche auf der Grundlage der historischen
Vielfalt kritischer Theorie und Praxis. Möge der Sprung
gelingen: Es wäre die erste linke Organisation, die
in Europa von türkisch- und kurdischsprachigen Menschen
aufgebaut wird, die aber weder ihren Ursprung noch ihre
Orientierung in der Türkei hätte.
Sol Yol (Linker Weg)
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| Gewerkschaftspolitik für Arbeiter aus der Türkei.
Mahir Cayan und Ulas Bardakci, die Mitbegründer der
neuen Linken in der Türkei, im Prozess in Ankara. Im
Jahr 1973 wurde gekämpft, wo gelebt wurde. Erst mit
dem Putsch 1980 und den politischen Flüchtlingen kam
die Exilpolitik. |
Unsere Sorge und Unruhe
Es gibt welche in Europa, die eine Unruhe verspüren,
weil sie nicht gemeinsam handeln können. Es sind Menschen,
die in den letzten zwanzig, dreißig Jahren an Kämpfen
teilnahmen, die im türkisch- kurdischen Kontext geführt
wurden. Ihre Auseinandersetzungen wurden vom weltweiten gesellschaftlichen
Zerfall beeinflusst. Ihre Erfahrungen haben gezeigt, dass
die existierenden Organisationsformen keinen Ausweg mehr bieten.
Sie leben und arbeiten als Individuen oder in kleinen Kollektiven,
sind im mittleren Lebensalter oder älter... Sie sind
der Meinung, dass sie zu der jungen Generation keinen Kontakt
mehr knüpfen können, sie fühlen sich ein wenig
müde, aber selbst wenn sie von manchen als Dinosaurier
bezeichnet werden, sind sie noch voller Leben... Es gibt in
Europa auch eine Jugend, die eine Verbindung zu den vergangenen
Kämpfen herstellen, sie verstehen will...
Diese Gruppen mögen unter sich widersprüchlich,
die gegenseitigen Beziehungen schüchtern oder verhärtet
sein. Auch wenn sie nicht die gleiche Sprache zu sprechen
scheinen, so existieren immer noch genügend Gemeinsamkeiten,
um gemeinsam das Leben zu gestalten und politisch zu handeln.
Die Individuen dieser Strömungen haben Hoffnungen, sie
leben im Dissens zur Gesellschaft und ihren herrschenden Prinzipien.
Sie sind nicht einverstanden mit der Ausbeutung, der Herrschaft
und einer Medienkultur, die jeden klaren Gedanken verwässern
will. Sie führen einen Kampf mit dieser Welt um eine
andere Welt.
Wir meinen all jene, denen es in Europa eigentlich gut geht.
Denn sie können an dem Glück teilhaben, sich dem
existierenden System nicht zu ergeben. Sie sagen Trotz
alledem und leisten einen Beitrag für den Aufbau
einer besseren Zukunft. Sie wollen gemeinsam noch einmal das
Vergangene studieren, das Heute hinterfragen und sich aufmachen,
die Zukunft kollektiv aufzubauen...
Dieser Aufruf ist ein Ruf vieler Einzelner an jene, die ähnliche
Sorgen haben. Es ist ein bescheidener Aufruf kleiner Kollektive
an weitere kleine Kollektive. Es ist ein Ruf derjenigen, die
kein Hindernis in früheren Mitgliedschaften und theoretischen
Feindschaften sehen; von Personen, die diese Vergangenheit
hinterfragen und im Erfahrungsreichtum einen Beitrag für
die heutige Zeit sehen. Dies ist ein Aufruf der Ichs, die
sich nach Freiheit und Gleichheit sehnen, an das Wir, das
sich in einer Bewegung der Befreiung ausdrücken soll!
Die Millionen in Europa, die aus der Türkei stammen,
brauchen ein solches Wir. Sie sind in dem Land, in dem sie
leben, nicht nur von Rassismus und Neofaschismus eingekreist.
Sie sind auch von ideologischen Strömungen umzingelt,
die ihre Wurzeln in der Türkei haben: Islamismus, Faschismus,
völkisches Denken, Sexismus und Etatismus. Diese Menschen
haben ein Recht auf eine Perspektive der Befreiung, die ihre
Alltagsprobleme lösen hilft.
Die unwiderstehliche Leichtigkeit der Entpolitisierung
Die Linke redet zu viel von neuen Menschen und zu wenig von
realen Subjekten. Ein Neuanfang aber muss den Menschen eine
Perspektive öffnen, die ihnen ermöglicht, ihre alltäglichen,
subjektiven Grenzen zu überwinden.
Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass nicht die offene Gewaltandrohung,
sondern die Angebote und Verlockungen der europäischen
Verhältnisse die Entpolitisierung fördern. Aber
ebenso offensichtlich ist es, dass die fehlende Aufmerksamkeit
der linken Bewegungen für die Wünsche und Probleme
der Migrantinnen und Migranten zur Entpolitisierung beitragen.
Niemand sollte sich selbst belügen. Oftmals leben die
großen Revolutionäre der vergangenen und ehedem
mächtigen Bewegungen selbst in apolitischen Verhältnissen.
Und in ihrer revolutionären Gestik reproduzieren sie
nicht selten eben jene Verhältnisse, gegen die sie in
der Welt ankämpfen. Unablässig beschäftigen
sie die nach Europa gekommen Menschen, die an alltäglichen
Sorgen zu ersticken drohen, mit den Problemen in ihren Herkunftsländern.
Anstatt an Protestaktionen gegen die Faschisten teilzunehmen,
die hier vor unseren Augen marschieren, sind viele dieser
Revolutionäre damit ausgefüllt, über die neueste
Politik der Faschisten in der Türkei zu diskutieren.
Die Entpolitisierung, der Abschied aus der Linken, übt
durchaus eine Anziehungskraft aus. Für Menschen, die
nie die Chance sahen, auch als Einzelne politische Menschen
zu bleiben, die in überkommenen Begriffen kollektiver
Beziehungen erstickten, ist die Entpolitisierung ein Aufstand
gegen die Zwangskollektive und ein Suchen nach dem unabhängigen
Ich. Wir behaupten, dass die unabhängigen Ichs in einem Wir möglich sind. All jenen, die sich ihres eigenen politischen
Abschieds noch erinnern, möchten wir aus diesem Grund
auch zurufen, ihren Weggang nicht mit Emanzipation zu verwechseln.
Wir glauben, dass man heute in der Theorie Pessimist, in
der Praxis aber Optimist sein sollte. Lasst uns unser Recht
verteidigen, von einer anderen Welt zu träumen, gegen
den Terror des Kapitalismus und die Rede vom Ende der
Geschichte.
Es gibt einen Unterschied zwischen der Generation, die noch
den Wind der Geschichte im Rücken verspürte und
sich mit dem Gefühl der Sieg ist nicht weit
politisierte, und derjenigen, die nach ihr kam. Diejenigen,
die in der Zeit der Niederlage politisch aktiv wurden, standen
eine schwere Phase durch. Um ihren eigenen Weg gehen zu können,
mussten sie den Kampf gegen den Kapitalismus nicht nur von
neuem entwickeln, sondern sie hatten auch die Konsequenzen
aus den Fehlern der vorherigen Kämpfe zu tragen und sich
ihrer Errungenschaften zu bemächtigen.
Kämpfen wir dort, wo wir leben
Neue Zeiten brauchen neue Bewegungen; Bewegungen, die das
Neue mit dem Alten verbinden und die die Kraft haben, eine
Zukunft zu entwickeln. Wir, die türkisch und kurdisch
Sprechenden, die wir unsere Gemeinsamkeiten in den Strukturen
und den Problemen einer langen Migration suchen, brauchen
eine koordinierte linke Diskussion und Praxis.
Die bisherigen Kämpfe, die in Europa auf türkisch
und kurdisch geführt wurden, setzten sich in der Regel
nicht mit den Problemen und der Politik in den europäischen
Ländern auseinander. Sie begründeten sich durch
eine andere Geografie und durch andere Symbole. Der einzige
Weg für migrantische Linke aus der Türkei ist es
jedoch, an den gesellschaftlichen Kämpfen in Europa teilzunehmen
und sich in die linken Bewegungen hier einzumischen. Darüber
kann nicht einmal ernsthaft diskutiert werden. Wir sind gegen
eine Linke, die sich für revolutionär
hält, aber allein die Probleme des Kampfes in der Türkei
diskutiert, anstatt sich auf die Suche nach neuen Perspektiven
für soziale Befreiungskämpfe, Themen, Terrains und
Praxen in Europa zu begeben, in dem Land, in dem sie leben.
Wir sagen, dass gegen die brutale Globalisierung des Kapitalismus
eine Globalisierung der Linken notwendig ist. Wir wollen uns
von dieser Türkei und diesem Europa mit dem Wunsch nach
einer anderen Welt entfernen, weil wir uns nicht länger
irgendeiner Rasse, ethnischen Gruppe oder Nation zugehörig
fühlen wollen. Wir wissen, dass diese Begriffe dazu dienen,
ein verkommenes System zu erhalten, und dass sie kleine Zellen
sind, deren Wände massiv gebaut wurden. Wir lieben die
Freiheit und den Aufstand, wir werden uns nicht mit eigenen
Händen in diese Zellen einsperren. Wir machen uns auf
den Weg, nicht um das alte Vaterland, dessen Grenzen
mit den neuesten tödlichen Waffen ausgestattet sind,
zu verteidigen, sondern um für die Zukunft eine grenzenlose
Welt zu einem neuen Zuhause zu machen. Wir wollen eine freie
Welt ohne Grenzen und Ausbeutung.
Wir haben keine Angst, uns ununterbrochen zu verändern
und nach Niederlagen von vorne anzufangen. Das Gefühl,
fremd im eigenen Land zu sein und in dem Land, in dem wir
leben, das Gefühl zu haben, fremd zu sein das
sind nicht unsere Gefühle, weil wir Fremde dieser Welt
sind. Wir werden immer Fremde sein. Für die Fremden dieser
Welt suchen wir eine andere Welt, die sie zu ihrer Heimat
machen können.
Wir sind weder Lobbyisten des türkischen Staates und
seiner Parteien, noch wollen wir die bunten Bonbons auf dem
Kuchen der europäischen Multikulti-Toleranz
sein. Wir suchen eine andere Welt. Wir lassen uns nicht als
Therapeuten der europäischen Seelen ausnutzen, aber wir
wollen unsere Sehnsüchte auch nicht aus der Türkei
ausnutzen lassen.
Die Schwächen der Linken aus der Türkei sind offensichtlich.
Aber wir wissen auch, dass die pluralistische Mehrheits-Linke
der europäischen Länder ein großes Problem
hat, da sie mit den Linken außerhalb Europas nicht auf
gleicher Ebene arbeitet. Sie blickt auf alle herab und betrachtet
andere nur als Objekte, mit denen Politik gemacht werden kann.
Diesen Neigungen der europäischen Mehrheits-Linken muss
man mit Selbstbewusstsein den Kampf ansagen. Statt sich an
dogmatischen Rezepten festzuhalten, halten wir es für
nötig, eine neue pluralistische Linke zu entwickeln.
Alle ihre Anstrengungen für Gleichheit und Freiheit begreifen
wir als unsere und respektieren jedes ihrer Themen und jede
ihrer Besonderheit.
Jetzt werden vor allem Aktionen gegen den globalen Kapitalismus
die Sehnsucht nach einer anderen Welt stärken. Die Zeit
ist reif. Die sozialen und kritischen Bewegungen erstarken.
Auch wir, die türkisch-kurdisch Sprechenden, müssen
uns dieser Entwicklung anschließen. Für diese neuen
Kämpfe brauchen wir gemeinsame politische Haltungen.
Von den meisten politischen Richtungen werden heute Etatismus
und Nationalismus als Alternativen zur Globalisierung und
Privatisierung propagiert. Aber Alternativen in der Welt der
Bourgeoisie können nur falsch sein. Eine grundlegende
Änderung der miserablen Bedingungen kann nur jenseits
des kapitalistischen Warensystems erfolgen.
Die Herrschenden verschärfen ihre Haltung gegen die
globalisierungskritische Bewegung. Genannt seien hier nur
der Einsatz verbotener chemischer Waffen in Seattle, die Folter
in den Gefängnissen von Prag und der erste Tote in Genua.
Im Westen wurden nach dem 11. September unter dem Mantel der
Terrorismusbekämpfung die legalen Proteste erschwert,
die Gesetze verschärft und die Freiheiten der Bevölkerung
und der Individuen eingeschränkt. Auch wenn es so erscheinen
mag, als seien diese Maßnahmen allein gegen den Islamismus
gerichtet, so schränken sie die Freiheit der Bevölkerung
und besonders der Minderheiten ein. Es ist eine Unterdrückung
und eine repressive Politik, die von Tag zu Tag offenkundiger
wird.
Wir sind nicht die einzigen, die die sozialen und wirtschaftlichen
Probleme der Welt erkennen und eine Haltung gegen sie entwickeln.
Seattle, Prag und Genua stehen für die Bewegungen derjenigen,
die diese Probleme erkennen, sie erleben und daran glauben,
ihnen Einhalt gebieten zu können. Am 15. März 2002
demonstrierten in Barcelona 500.000 Menschen gegen ein kapitalistisches
Europa, und am 24. März 2002 haben in Rom zwei Millionen
Menschen gegen die repressive Berlusconi-Regierung demonstriert.
Beides sind Beispiele für gleichermaßen regionale
wie auch internationale Kämpfe. Für uns sind sie
auch Beweise der Möglichkeit von Bewegungen gegen die
kapitalistische Krise, die die Menschen in den Abgrund treibt.
Was für ein Wir?
Warum sollen wir nicht, anstatt uns der Stärke und dem
Zauber des Vorhandenen zu stellen, in das Unerklärliche,
Unfassbare, das Unberechenbare und den andauernden Aufstand
verliebt sein? Wir wissen, dass die Welt der Träume nicht
real ist, aber warum sollen wir nicht der Invasion in unsere
Träume mit Entschlossenheit begegnen? Der Kampf für
eine andere Welt ist schon eine andere Welt. Und es ist ein
befriedigender Kampf, der zu glücklicheren Tagen führt.
Es sind Kämpfe, die Symbole brauchen und neben den neuen
Zeichen, die entstehen werden, werden auch die alten, die
sich aus der Vergangenheit in die Zukunft erstrecken, zu Symbolen
der neuen Bewegung werden.
Es soll kein Wir mehr geben, das die individuellen Begabungen
einsperrt und vernichtet, das die Subjektivität erstickt
und das Hierarchie, Sexismus und Rassismus, die Verhältnisse,
gegen die es ankämpft, reproduziert. Unser Aufruf gilt
allen unabhängigen Individuen, zu einem freien Wir auf
freiwilliger Basis zusammenzukommen, sich auf den Weg zu machen,
die eigenen Begabungen mehr denn je zu fördern und sie
mit dem Traum sozialer Befreiung zu verknüpfen.
Es ist ein Aufruf für das WirWerden an all diejenigen,
die den Wunsch nicht aufgeben wollen, ein anderes und besseres
Leben zu führen und die sich der Gefahr bewusst sind,
dass sich die Verhältnisse, gegen die wir kämpfen,
auch in unseren Reihen reproduzieren können, die wissen,
dass sich jede Linke stetig erneuern muss. Es ist ein Aufruf
an all diejenigen, die einen langen Atem haben und wissen,
dass Erfolge heute nicht leicht zu erringen sind. Es ist ein
Aufruf für eine koordinierte Bewegung, die, anstatt in
rosa Tönen von einer glücklicheren Zukunft zu sprechen,
eine Stimme des heutigen Unbehagens sein muss; die sich nicht
mit utopischen Träumen tröstet, sondern sich bewegt,
um die materiellen und geistig-psychischen Ketten der Ausbeutung
zu zerschlagen. Es ist ein Aufruf für eine Koordination,
die in sich offen ist für verschiedene Formen, die sich
auf die Suche begibt. Es ist ein Aufruf an all diejenigen,
die nicht vergessen haben, dass die linken Bewegungen, die
mit Selbstbewusstsein auftreten und an die Stärke ihrer
Kollektive glauben, dennoch getrennt bleiben. Es ist ein Aufruf
für Bescheidenheit in einer koordinierenden Arbeit; ein
Aufruf an Individuen, die ihre Kraft nicht aus der Vergangenheit
oder dem Heute, der einen oder der anderen Organisation schöpfen,
sondern die den Mut aus ihren Lebensgeschichten und historischen
Erfahrungen ziehen, die Wurzeln und Visionen haben, die strategisch
und konjunkturell denken können.
Es ist kein Aufruf an die eine oder andere Bewegung in der
Türkei, es ist ein Aufruf für einen Aktivismus,
der sich bewusst als Teil einer weltweiten Bewegung begreift.
Es ist kein Aufruf an diejenigen, die Blaupausen künftiger
Revolutionen in der Tasche haben und die hierarchische Befehlsketten
propagieren. Wir denken, dass die oppositionellen Bewegungen
heute vor umfassenden Problemen stehen. Wir wissen, dass die
Lösung dieser Probleme nicht allein am Tisch gefunden
werden kann. Die Antworten suchen wir im Licht einer neuen
Kampfpraxis, die ein komplexer Prozess sein wird.
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Istanbul 1961: Arbeitsmigranten reisen nach Westdeutschland.
Werbeeilage in den 70er Jahren in einer türkischen Zeitung
für "Dönüs", einem der zahlreichen Filme über die "Deutschländer".
Massenflucht über das Meer: Seit Mitte der 90er Jahre
landen Flüchtlingsschiffe an der italienische Adriaküste. |
Wir laden all diejenigen ein, die Unterschiedlichkeiten als
eine Stärke und Schwäche wahrnehmen können
und die die kleinen Punkte nicht den Großen opfern wollen.
Es sind die, die nur soviel Konsens in der Koordination, Praxis
und Theorie suchen, wie es notwendig ist, um gemeinsam handeln
zu können. Wir wollen uns die historisch-konkreten Potentiale
aneignen, uns neuen Interventions- und Aktionsformen anschließen
und so in der heutigen Zeit des Ausnahmezustands innerhalb
der kritischen Diskussion und linken Praxis die radikale Kritik
stärken.
Es ist eine Suche nach einer Bewegung, die sich allen Flügeln
linker Perspektiven öffnen und die Kritik wieder zusammenbringen
will, die von Einzelnen vorgebracht wird. In der Bewegung
müssen eine Pluralität der Ideen und Unterschiedlichkeiten
nicht nur möglich sein, sondern als eine Notwendigkeit
angesehen werden.
Wir wenden uns auch an diejenigen, die sich aufmachen, die
Geschlechterverhältnisse, die von der Geschichte des
Patriarchats bestimmt sind, von den erstickenden Schablonen
zu befreien und die Freiheit aller Geschlechter zu verteidigen
auch die Freiheit des dritten Geschlechts. Es sind
die, die dafür einstehen, dass die unabhängige Frauenbewegung
und die Freiheitsbestrebungen des dritten Geschlechts am Kampf
teilhaben können; es sind die, die das Frauenproblem
vor allem als ein Männerproblem begreifen. Wir wünschen
uns eine Bewegung, die keine Angst hat, sich mit den Widersprüchen
des Lebens im Alltag auseinander zu setzen. Wir wollen mit
denen zusammenkommen, die die Revolution als eine Frage und
nicht als fertige Antwort verstehen und die Linke vor dem
Verlust der Utopie retten wollen. Wir rufen auf zu einer neue
Lebens- und Diskussionskultur. Wir wenden uns an jene, die
respektvoll und ausgeglichen sind, die nicht in Disziplin
ersticken wollen, sondern auch ihre emotionale Welt mit anderen
teilen können. Wir rufen diejenigen auf, die Umweltschutzbewegungen
unterstützen. Das Verhältnis zwischen Mensch, Tier
und Pflanze muss hinterfragt werden. Entwicklungen, bei denen
die Natur für kurzfristige Profite zerstört und
Tiere daran gehindert werden, in ihrer natürlichen Umgebung
zu leben, massenhaft zum Zweck des Konsums getötet werden,
müssen aufgehalten werden.
Es ist ein Aufruf an das Wir, das die global vernetzten Herrschaftsverhältnisse
mit punktuellen Revolutionen zu zertrümmern sucht. Statt
die historische Last linker Begriffe über Bord zu werfen,
müssen ihnen ihre historischen Rechte zurückgegeben
werden. Auch Begriffe haben ihre Würde. Wir verstehen
jede Theorie als eine spezifische Form der Praxis und stellen
die Praxis nicht der Theorie entgegen.
Wir wenden uns an diejenigen, die stetig auf einer unbehaglichen
Suche zwischen zu viel Selbstbewusstsein und Angst vor sich
selbst sind, die angesichts gemeinsamer Unterschiedlichkeiten
nicht in Panik geraten. Für all diejenigen, die sich
am Widerstand beteiligen, ist es möglich und nötig,
alle oppositionellen Bewegungen zu respektieren und Schulter
an Schulter mit ihnen zu gehen. Dabei darf es keine Bedenken
geben, sich gegenseitig zu kritisieren.
Es werden die kleinen alltäglichen Widerstandshandlungen
sein, die das Glück verbreiten werden, das von einer
Welt ausgeht, die sich von der Welt der Bourgeoisie ablöst.
Lasst uns ein Sprachrohr bilden und ein Teil der freien und
internationalen sozialistischen Bewegung werden...
Von uns allen hängt es ab, ob dieser Aufruf einen praktischen
Widerhall findet und reale Möglichkeiten eröffnet.
Um die Ziele und eine gemeinsame Politik zu bestimmen, eine
neue Bewegung zu beginnen, rufen wir alle, die unsere Wünschen
teilen, auf, an der Diskussion teilzunehmen.
Herbst 2003,
Sol Yol (Linker Weg)
Kontakt: Sol Yol c/o Kritische Migranten,
Pavillon, Lister Meile 4, 30161 Hannover, eMail: Solyol by
gmx.de
Türkische Fassung: www.sooderso.de
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