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In den vergangenen Monaten fanden in Italien hunderte von Hausdurchsuchungen
statt. Viele Genossen/innen wurden festgenommen oder erwarten
Anklageschriften. Gezielt sollen Strukturen zerschlagen und
die Bewegung eingeschüchtert werden.
Ende 2003 kam es in Italien zu einer ganzen Reihe von Hausdurchsuchungen,
bei denen auch umfangreiches Material der neuen militanten
Gruppen sichergestellt wurde. Gleichzeitig wurden besetzte
Zentren und Wohnungen durchsucht, die in ganz anderen Zusammenhängen
standen. In der Öffentlichkeit entstand dadurch der Eindruck,
es handle sich um eine zusammenhängende Aktion der Sicherheitskräfte
gegen die militante Bewegung. Die Reaktionen waren prompt
und entsprachen wohl genau dem, was sich die Repressionsorgane
vorgestellt hatten. Öffentliche Entsolidarisierung, Distanzierung
und z.T die nackte Angst der Betroffenen.
Es laufen mehrere hundert Ermittlungsverfahren nach §270/bis
(entspricht in etwa dem 129/129a). Nur in wenigen Fällen
wird wegen konkreter Straftaten ermittelt, in der Hauptsache
geht es um Gedankendelikte. Publikationen, in
denen unter anderem Inhalte der radikalen Linken veröffentlicht
sind, werden einer bestimmten Gruppe zugeordnet. Briefe an
und von politischen Gefangenen werden gefunden - das reicht
aus, um die Ermittlungsmaschine in Gang zu setzen.
Die Hintergründe dieser Repressionswelle liegen nicht
in einer realen Bedrohung des italienischen Staates durch
eine radikale Massenbewegung. Auch in Italien ist die Situation
der revolutionären Linken nicht rosig. Aber es stehen
ähnliche innenpolitischen Reformen auf der Tagesordnung
wie in Deutschland. Rentenreform, Verlängerung der Lebensarbeitszeit,
Lohndumping und prekäre Arbeitsverhältnisse sind
Themen, die Hunderttausende mobilisieren. Die Zeitschrift
Senza Censura schreibt dazu: Obwohl weder
die Klassenkämpfe noch die revolutionäre Linke momentan
eine reale Bedrohung darstellen, so sind sie perspektivisch
doch eine Bedrohung für die Stabilität in den Metropolen.
Die soziale Polarisierung, die durch das Krisenmanagement
ausgelöst wurde, die Existenz einer, wenn auch kleinen,
Bewegung, die sich auf revolutionäre Ziele und Theorien
bezieht, geraten immer mehr ins Visier der Herrschenden und
ihren konterrevolutionären Strategien.
Gegen die Methode Berlusconi
Weil es bei den Arbeitskämpfen in den europäischen
Ländern nicht mehr um Verbesserungen geht, sondern im
Prinzip nur noch um die Erhaltung eines Status Quo, der das
Überleben sichert, werden diese Kämpfe zunehmend
radikaler. In Italien drückt sich das durch eine wachsende
Bereitschaft zu sogenannten wilden Streiks aus, die sich gegen
die Reformen der Regierung Berlusconi richten. So kam es beispielsweise
während der weihnachtlichen Friedenspflicht zu großen
Streiks der Arbeiter/innen im öffentlichen Verkehrswesen.
In vielen Städten brach der Nahverkehr komplett zusammen,
selbst die Taxifahrer solidarisierten sich und weigerten sich
einzuspringen. Trotz der Versuche der Regierung mit Einschüchterungen
und polizeilicher Gewalt den Streik zu beenden, wurde er bis
zum angekündigten Ende durchgeführt.
Diese Entwicklungen führen zunehmend zu Forderungen,
die Gesetze zur Kontrolle von Streiks zu verschärfen
und härter gegen Demonstrationen und Arbeitskämpfe
vorzugehen. Im Visier dieser neuen Repressionswelle sind dabei
nicht nur die radikale Linke, sondern auch die verschiedenen
Basisgewerkschaften, die sich durch radikalere Positionen
von den großen Gewerkschaften abheben. Im Rahmen der
Hausdurchsuchungen wurden daher auch Büros von COBAS,
einer relativ radikalen Basisgewerkschaft, gestürmt.
Neben den innenpolitischen Themen bestimmt auch die italienische
Beteiligung am Irak-Krieg die staatliche Repression. Trotz
einer sehr starken Anti-Kriegsbewegung hat sich Italien von
Anfang an mit Truppen im Irak beteiligt. Die traditionelle
Verbundenheit zwischen italienischen Linken und arabischen
revolutionären Gruppen wird vom Staat gerne aufgenommen
um die Angst zu schüren, islamische Fundamentalisten
und italienische Linke würden sich zu einer Terrorgemeinschaft
zusammenschließen.
Einige große Mobilisierungen in den letzten Jahren wie
in Genua, die Anti-Kriegsmobilisierungen oder die Bewegung
gegen den Sozialraub führten dazu, dass sich an vielen
Orten Verbindungen zwischen revolutionären Linken und
anderen gesellschaftlichen Gruppen gebildet haben. Nach Einschätzung
italienischer Genoss/innen zielt die zunehmende Repression
auch gegen diese Entwicklung.
Die Schlussfolgerung der Senza Censura: Die
inflationäre Anwendung der Gesinnungsparagraphen gegen
angeblich subversive Verbrechen von Seiten des Staates fordert
Innovation. Wir brauchen politische Räume, in denen sich
eine antagonistische Bewegung entfalten kann. Wir wollen die
repressiven Mechanismen weder aufblähen noch ignorieren,
und wir wollen nicht dabei zusehen wie die Entwicklungen
der
letzten Zeit sich in einen Normalzustand verwandeln.
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