Für Wladimir Putin war der 11. September 2001 in gewisser
Weise ein Geschenk des Himmels. Danach war wirklich nichts
mehr wie vorher, zumindest was westliche Akzeptanz der russischen
Tschetschenienpolitik betraf. Der russische Präsident
war mit seiner Strategie, den Kampf gegen den Terrorismus als
gemeinsames russisch-westliches Ziel darzustellen, endlich
erfolgreich.
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Im Zentrum von Grosny 1996 |
Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau im Februar
2002 kündigte Bundeskanzler Schröder an, die Kritik
an der russischen Tschetschenien-Politik künftig differenzierter
handhaben zu wollen. Sein Außenamtsleiter hatte bereits
am 26. September 2001 mit markigen Worten die neue Sicherheitspartnerschaft
begründet: Wir haben keine Kritik an der Legitimation
- ich behaupte sogar: an der Pflicht - der Russischen Föderation,
ihre territoriale Integrität zu erhalten, so Fischer
im Bundestag.Russland hat nicht nur das Recht auf, sondern
auch die Pflicht zur Selbstverteidigung gegen Terrorismus.
Die neue Attraktivität
In Tschetschenien vollzieht sich ein Prozess, der fast schon
typisch scheint für den gesellschaftlichen Zerfall Osteuropas.
Angefangen vom Aufeinandertreffen russischer, früher
sowjetischer, und westlicher Interessen, über die durch
die Warlords betriebene Auflösung der staatlichen Ordnung,
bis hin zum schmutzigen Krieg der russischen Armee gegen die
Rebellen und Zivilbevölkerung.
In der Kaukasus-Region ist die Krise endemisch: Bürgerkriegsähnliche
Zustände Anfang der 90er in Georgien, 1992 und 1998 bewaffnete
Auseinandersetzungen zwischen Abchasien und Georgien.
Der Westen profitiert vom Zerfall der Kaukasus-Republiken.
Besonders in Brüssel denkt niemand an eine Intervention,
solange genügend Regierungen bei der Europäischen
Union und der NATO vorstellig werden, um sich auf der vermeintlich
sicheren Seite zu wähnen. Aserbaidschan strebt
die NATO-Mitgliedschaft an, in Georgien ist eine NATO-Basis
im Gespräch, Moldawien will EU-Truppen stationieren und
Kasachstan wurde Ende 2003 mit der gleichen Absicht von Schröder
bereist. In Tadschikistan arbeiten bereits Kräfte der
Bundeswehr und weitere NATO- und EU-Aktivitäten spielen
sich in unmittelbarer Nähe der chinesischen Grenze ab.
Russland, das die Abkehr der Kaukaus-Republiken mit seiner
aggressiven Militärpolitik geradezu heraufbeschwört,
wird das Nachsehen haben. Der Westen pflückt die abtrünnigen
Republiken wie reifes Obst.
Treibjagd am Kaukasus
In sowjetischen Zeiten unterstand die Kaukasusregion ab den
20er Jahren der Nationalitätenpolitik Stalins. Die dort
lebenden Gesellschaften wurden auseinandergerissen, zwangskollektiviert
oder deportiert. So zieht sich noch heute ein Riss durch die
Bevölkerungen zwischen denen, die bleiben durften bzw.
angesiedelt wurden, und denen, die zu Hunderttausenden nach
Zentralasien deportiert wurden.
Auch Tschetschenien litt unter der Nationalitätenpolitik
im Mutterland des Sozialismus. Es war diese elendige und blutige
Geschichte der Deportationen und jahrzehntelangen Unterdrückung
durch die sowjetische Zentralmacht, die die tschetschenischen
Warlords für ihren aktuellen Krieg ausnutzen konnten.
Ging es 1991 bei der Loslösung Tschetscheniens aus der
russischen Föderation noch um eine Autonomie, provozierte
der Einmarsch russischer Truppen im November 1994 ganz andere
Kräfte. Die waren an einem Einigungsprozess, wie er nach
der Niederlage der russischen Truppen 1996 und geschätzten
100.000 Toten vereinbart war, nicht interessiert, sondern
strebten eine Destabilisierung und Ausdehnung ihrer Machtbereiche
an: Schamil Basajew erlangte traurige Berühmtheit, als
er den Sturm auf ein Krankenhaus im Jahre 1995 leitete, bei
dem 1.000 Kranke und medizinisches Personal als Geiseln genommen
wurden. 1997 wurde der Islamist tschetschenischer Premierminister,
führte erst die Scharia und dann öffentliche Hinrichtungen
ein. Im August 1999 überfielen seine Kampfgruppen das
benachbarte Dagestan, um es dem angestrebten heiligen
islamischen Bund der Kaukasusprovinzen einzuverleiben.
Basajews Einmarsch bildete zugleich den Startschuss für
den zweiten Tschetschenienkrieg, der mit dem Einmarsch russischer
Truppen im September 1999 und der Zerstörung von Grosny
begann. Die russische Führung schränkt seit diesem
Zeitpunkt jegliche Form von Beobachtung ihrer Kriegsführung
massiv ein. Ende 2001 verweigerte Putin seine Zustimmung zu
einem OSZE-Mandat in Tschetschenien, das auch Menschenrechtsbeobachtung
beinhalten würde. Der UNO ist seit Jahren der Zugang
in die Region untersagt. Und das nicht ohne Grund. Die russische
Armee hat zusammen mit einer ihr ergebenen Mafia ein grausames
Besatzungsregime errichtet.
Routinierter Massenmord
Mit Grosny wurde erstmals seit dem 2. Weltkrieg in Europa
wieder eine Großstadt von 400.000 Einwohnern vollständig
ruiniert. Dem zweiten Tschetschenien-Krieg fielen bis heute
schätzungsweise 80.000 Menschen zum Opfer. Mehr als die
Hälfte der tschetschenischen Bevölkerung lebt heute
in Flüchtlingslagern. Russische Menschenrechtler berichteten
im Jahre 2001, dass von ca. 5.000 befragten Flüchtlingen
55 % angaben, Familienangehörige durch die russischen
Truppen oder mit ihnen kollaborierende Clans verloren zu haben.
Allein im Jahr 2003 wurden 1.200 Zivilisten ermordet, wie
ein jüngst öffentlich gewordener Bericht der pro-russischen
Verwaltung zugibt. Mitgezählt wurden dabei nicht die
Hunderte von Entführten, deren Leichen erst spät
oder nie gefunden wurden. Die russische Menschenrechtsorganisation
Memorial: In der Zeit unter Stalin 1937/38 waren es
44 Verschwundene auf 10.000 Einwohner. Heute kommen auf 10.000
Tschetschenen 46 Verschwundene. Russlands Terror in Tschetschenien
ist heute schlimmer als in den dreißiger Jahren.
Auf die Willkür in den russischen Filtrierungslagern,
auf die Dorfzerstörungen und extralegalen Tötungen
reagieren die tschetschenischen Warlords mit Gegenterror.
In Moskaus U-Bahnen explodieren Bomben, und bei Open-Air-Konzerten
sprengen sich Witwen tschetschenischer Kämpfer in die
Luft. Die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater im Herbst
2003 bewies, wie brutal das tschetschenische Kommando handelte,
aber zeigte vor allem die Grausamkeit der russischen Staatsmacht,
die nicht nur fast alle Kämpfer/innen mit Kopfschuss
liquidieren ließ, sondern auch den Tod von über
100 Geiseln in Kauf nahm.
Putin setzt dabei auf den nationalen Konsens, den die zivilen
Opfer des tschetschenischen Terrors in Russland erzeugen.
Die tschetschenischen Warlords können sich darauf verlassen,
dass die Angst der tschetschenischen Bevölkerung vor
den russischen Soldaten größer ist als die vor
ihren eigenen Kriegsclans.
Der Krieg in Tschetschenien ist heute der einzige offene
bewaffnete Konflikt in Europa. Die russische Menschenrechtlerin
Jelena Bonner warf Putin unlängst vor, dass er und seine
Generäle dabei seien, ein Tschetschenien ohne Tschetschenen
zu errichten. Die täglichen Menschenrechtsverbrechen
bezeichnete sie als routinierten Massenmord. Für
die Bundesregierung ist die Lage nach dem 11. September allenfalls
ein Problem unter der strategischen Schwelle (Fischer).
In den ersten drei Monaten diesen Jahres wurden in der Nähe
von Grosny 75 heimliche Gräber entdeckt und 250 neue
Verschwundene gezählt. Die gestärkte
deutsch-russische Partnerschaft hält, was sie verspricht.
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