Die israelische Verteidigungsarmee schießt eine Rakete
auf den halbblinden, im Rollstuhl sitzenden politischen und
religiösen Führer der palästinensischen Hamas.
Scheich Yassin und andere, die gerade die Moschee verlassen,
werden getötet. Zu diesem geglückten Mord wurde
der Auftraggeber, Premierminister General Ariel Sharon, für
seine mutige Tat von Mitgliedern seiner Regierung beglückwünscht.
Eine gezielte Hinrichtung, die es mit der Zielgenauigkeit
im konkreten und den politischen Folgen nicht so genau nimmt.
Ein Akt der Selbstverteidigung, schließlich
war Achmed Yassin Gründer und geistiger Führer
der Hamas, der palästinensische Usama Bin-Laden,
wie ihn Israels Regierung nach seinem Tod nennt. Das rechtfertigt
alles.
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| Der Tatort nach dem Mord: Hier starb Scheich Yassin |
Das sehen auch die USA
so. Sie konnten sich kaum zu einer formellen Verurteilung
durchringen. Warum auch schließlich
haben die US-Regierungen zu fast allen Zeiten gezielte Tötungen
in Auftrag gegeben. Die Bush-Regierung hält die Selbstverteidigung
mit allen Mitteln ohnehin für legitim.
Wie dem Handbuch für Verschwörungen entnommen,
ähnelt die Entstehungsgeschichte der Hamas der von Al-Qaida.
Anfangs unterstützte Israel die islamische Organisation,
die Yassin in Gaza leitete. 1979 kam sie sogar in den Genuss
der israelischen Anerkennung als einzige palästinensische
Sozialorganisation, nachdem sie in den 70er Jahren erste Koranschulen
und Sozialstationen in Gaza aufbaute. Achmed Yassin selbst
konnte nach Israel einreisen, um sich dort medizinisch behandeln
zu lassen. Wie auch Usama Bin-Laden zu den USA entdeckte Yassin
seine Feindschaft zu Israel offensichtlich erst später.
Israels Interesse bei der Unterstützung der Hamas war
es, die PLO und den palästinensischen Widerstand zu schwächen.
Denn der frömmelnde Scheich erschien als probates Antidot
gegenüber dem grundsätzlich laizistischen Charakter
des palästinensischen Befreiungsnationalismus. Erst 1990
verbot Israel Hamas. Ein Jahr zuvor war Yassin mit anderen
Hamas-Mitgliedern verhaftet worden. 1997 wurde Yassin gegen
Mossad-Agenten ausgetauscht, die nach einem missglückten
Giftanschlag auf das Hamas-Mitglied Khalid Meshal in Jordanien
erwischt wurden. Die ersten Selbstmordanschläge unternahm
Hamas nach 1994, als der rechtsextreme israelische Siedler
Baruch Goldstein in einer Moschee in Hebron ein Massaker anrichtete.
Gezielt heißt nicht präzise
Scheich Achmed Yassin, der wenige Monate zuvor einem israelischen
Anschlag entgangen war, wurde nach dem Morgengebet mit Hilfe
schon erprobter High-Tech Waffen getötet: So soll eine
Drohne die Wege Yassins aus der Luft überwacht und ihn
als Ziel mit einem Laserstrahl markiert haben, worauf von
einem Hubschrauber aus eine Rakete auf ihn abgeschossen wurde.
Seit die USA den Begriff des chirurgischen Angriffs
in die militärisch-journalistische Terminologie einführte,
ufern die Worterfindungen der verschiedenen Wahrheitsministerien
aus. Tatsächlich bilden chirurgischer Angriff
und Kollateralschaden ein Wortpaar, so wie die
gezielten Tötungen eine Präzision vermitteln,
die nur selten etwas mit der Anzahl der Opfer zu tun hat.
So sind von Oktober 2000 bis April 2003 bei den israelischen
gezielten Tötungen wahrscheinlich mehr als
230 Palästinenser, darunter 80 Kinder, getötet,
sowie 300 Menschen verletzt worden.
Der moderne Killer im Staatsauftrag ist nicht ein Gentleman-Agent
mit der Lizenz zum Töten à la James Bond. Den
gab es nie. Die subunternehmerischen Killer kamen meist aus
dem Mafia-Umfeld - die staatlichen Angestellten aus den Drillanstalten
der Special Forces. Die gibt es noch, und es wird ihnen im
weltweiten Antiterrorkampf nicht an Aufträgen
mangeln. Der Henker von heute setzt darüber hinaus aber
auf High-Tech. So wie der israelische Geheimdienst und die
IDF mittels modernster Technik inzwischen zahlreiche Funktionäre
der verschiedensten palästinensischen Organisationen
liquidiert haben, so hat auch die US-Regierung den staatlichen
Mord in die Auftragsbücher ihrer Special-Teams geschrieben.
Nur für wenige Jahre waren sie offiziell aus dem Geschäft.
Nachdem verschiedenste Untersuchungskommissionen in den 70er
Jahren herausfanden, dass die USA nicht nur x-mal den Mord
an Fidel Castro in Auftrag gegeben und selbst versucht hatten,
musste sich der CIA zurückhalten. 1975 hatte US-Präsident
Gerald Ford eine Executive Order erlassen, die
es jedem, der für die amerikanische Regierung arbeitete,
verbot, sich an Mordanschlägen zu beteiligen, insbesondere,
wenn es sich um Regierungsmitglieder anderer Staaten handelte.
Nach dem 11. September 2001 hat die Bush-Regierung weltweit
alle Terroristen genannten Feinde der USA zum
Abschuss freigegeben. Nach Informationen verschiedener US-amerikanischer
Zeitungen hat Präsident Bush dies der CIA sogar schriftlich
gegeben. Die License to kill- Genehmigung soll
auch den führenden Kongressmitgliedern vorgelegt worden
sein. Ein Gesetz wurde zwar nicht verabschiedet, und auch
die früheren Anordnungen seiner Präsidentenvorgänger
wurden von Bush nicht formell aufgehoben. Das Tötungsverbot
der früheren US-Präsidenten träfe nach Ansicht
der Bush-Administration auch nicht zu, weil die Terroristen
keine gesetzlich legitimierten politischen Führer seien.
Da Terroristen außerhalb des Rechts stehen,
werden sie auch außerhalb des US-amerikanischen Rechts
gefangen genommen und inhaftiert, wie in Guantanamo Bay.
Attentat im Jemen
Oder getötet wie am 3. November 2002, als in
einem entlegenden Teil der Arabischen Republik Jemen fünf
Insassen eines Jeeps einer ferngelenkten Bombe zum Opfer fielen.
Seit geraumer Zeit waren sie mittels einer sog. Drohne aus
der Luft observiert worden, die mit einer Videokamera ausgerüstet
war. Gesteuert wurde das unbesetzte Flugzeug von der anderen
Seite des Golfes von Aden aus: Ein im über 200 Kilometer
entfernten Dschibuti stationiertes CIA-Team hatte sie ins
Visier genommen. Der Kommandeur der Spezialeinheiten erteilte
im abgedunkelten Computerraum der CIA-Dependance den Befehl;
Angehörige der Special Activities Division der CIA führten
ihn durch Knopfdruck auf die Enter-Taste aus und
steuerten die Rakete mit einem Joystick ins Ziel.
Auf einer Wüstenpiste brachte die US-Regierung damit
einige derjenigen zur Strecke, die sie für den Angriff
auf das amerikanische Kriegsschiff Cole im Oktober 2000 verantwortlich
machten. Damals waren 17 US-Marines getötet worden, als
ein Attentäter das Kriegsschiff mit einem mit Sprengstoff
beladenen Schnellboot rammte und sich und die Panzerung aufsprengte.
Vorbei ist die Zeit, als ex-US-Präsident Bill Clinton
nicht nur die Executive Order von Vorgänger
Gerald Ford bestätigte, sondern den Geheimdiensten die
Anwerbung von Mitarbeitern oder Informanten verbot, die Verbrechen
oder Menschenrechtsverletzungen begangen hatten. Mit einer
solchen Haltung hat die Bush-Regierung aufgeräumt. Ari
Fleischer, der damalige Sprecher im Weißen Haus, sagte
nach der Hinrichtung in der jemenitischen Wüste: Es
ist kein traditioneller Krieg in dem Sinn, dass es ein bestimmtes
Schlachtfeld, eine bestimmte Nation oder eine bestimmte Region
gibt. Der Präsident hat klar gemacht, dass wir den Krieg
gegen den Terrorismus überall dort führen werden,
wo wir ihn führen müssen.
Bereits zu Beginn des Afghanistan-Feldzuges wurde dem US-Militär
und den Geheimdiensten die gezielte Liquidierung von Führern
der Al-Qaida und Taliban genehmigt. Auch wurde bereits in
Afghanistan die Mordtechnik der mit Raketen ausgestatteten
und ferngelenkten Drohnen eingesetzt. Seit der computer-gestützten
Hinrichtung der sechs angeblichen Al-Qaida-Mitglieder im Jemen
ist klar, dass die CIA mit expliziter Rückendeckung des
Weißen Hauses weltweit gezielte Anschläge und Morde
verübt.
Angeblich seien inzwischen, so der CIA-Chef George Tenet,
ein Drittel der Al-Qaida-Führer, die man vor dem Krieg
gegen in Afghanistan ausgemacht hatte, getötet oder gefangen
genommen worden. Als besonderen Erfolg feierte er die Tötung
der fünf Menschen in Jemen, da darunter auch Al-Harithi
gewesen sei, der verantwortlich für die Anschläge
auf die Botschaften in Afrika und den Zerstörer Cole
gewesen sei. Insgesamt seien 3.000 mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder
in mehr als 100 Ländern festgenommen worden.
Global Players in Crime
Die Tradition der staatlichen Auftragsmorde im Nahen Osten
ist älter als der neue weltweite Feldzug gegen
den Terror: Am 16. Februar 1992 wurde Abbas Moussawi,
der Führer einer islamischen Organisation im Libanon,
durch von den USA gelieferte Hellfire-Raketen getötet.
Auch hier wurde er aus der Luft von einer Drohne verfolgt,
bis von einem israelischen Hubschrauber aus die fünf
Raketen auf den Autokonvoi abgeschossen wurden. Mit Moussawi
wurden seine Frau Siham und sein fünfjähriger Sohn
Hussein getötet. Der israelische Verteidigungsminister
Mosche Arens verteidigte den Mordanschlag als eine Warnung
an alle Terrororganisationen, dass wir jedem, der eine Rechnung
mit uns beginnt, die Quittung präsentieren werden.
Befehlshaber dieser Operation war General Ehud Barak, der
spätere israelische Premierminister und Vorgänger
von General Sharon. Eine Libanon-Connection der besonderen
Art. Der eine, Ehud Barak, der Spezialist für gezielte
Tötungen, der andere, Sharon, Verantwortlicher für
das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern
Sabra und Chatila im Jahr 1982. Bereits zehn Jahre zuvor,
im Jahr 1972, hatte Ehud Barak ein Killerkommando in Beirut
angeführt. Der palästinensische Schriftsteller Ghassan
Kanafani, der auch Sprecher der Volksfront für die Befreiung
Palästinas (PFLP) war, wurde mit einer Autobombe ermordet.
Zwei weitere Mitglieder des ZKs der PFLP wurden in einer Wohnung
getötet. Auch die Ermordung des Fatah-Führers und
PLO-Kommandeurs Abu Dschihad in Tunis 1988 soll unter Baraks
Kommando durchgeführt worden sein.
US-amerikanische und britische Geheimdienstexperten
betonten damals, dass der Mordanschlag auf Scheich Moussawi
sich von anderen israelischen Liquidierungen unterschied.
Es soll sich dabei um eine direkte Auftragsarbeit für
die USA gehandelt haben. Moussawi galt als einer der Verantwortlichen
für den Selbstmordanschlag der libanesischen Hisbollah
auf die US-Kaserne in Beirut im Oktober 1983, bei dem 241
Marines getötet wurden. Die USA waren als vorgebliche
Friedensstreitmacht im Libanon einmarschiert, um Israel den
Rückzug aus Beirut zu ermöglichen.
Seit Vietnam hatten die USA nicht mehr solche
Verluste bei einem militärischen Einsatz erlitten. Diese
Schmach musste gerächt werden. Moussawi war
nicht das erste Anschlagsziel in diesem Zusammenhang. Bereits
am 8. März 1985 starben bei einer verdeckten Operation
gegen den Hisbollah-Führer Muhammed Hussein Fadlallah
über 80 Menschen. Eine Autobombe war in der Nähe
seines Hauses explodiert. Die Washington Post behauptete später,
dass dieses Massaker von der CIA veranlasst wurde.
Ruf mal wieder an:
Telefonieren ist lebensgefährlich
Am 27. August 2001 wurde der Generalsekretär der PFLP
in der Nähe von Bethlehem in seinem Büro getötet.
Der am Schreibtisch sitzende Abu Ali Mustafa wurde von mehreren
Seiten unter Feuer genommen. Zwei in einigen Kilometern Abstand
in der Luft stehende israelische Hubschrauber
hatten Raketen auf ihn abgefeuert. Ein Anruf auf seinen Telefonapparat
bestätigte seine Anwesenheit im Büro und die genaue
Position am Schreibtisch. Mustafas Hallo besiegelte
seinen Tod. Im Zuge der Al Aqsa-Intifada war Abu Ali Mustafa
damit der erste politische Führer, der einer Operation
der präventiven Neutralisierung, wie Israels
Regierung ihre Liquidationspolitik umschreibt, zum Opfer fiel.
Der PFLP-Generalsekretär hatte sich zudem legal in den
palästinensischen Gebieten aufgehalten, war er doch mit
ausdrücklicher Genehmigung der israelischen Behörden
in Folge des Oslo-Abkommens aus seinem syrischen Exil in die
Westbank zurückgekehrt.
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| Von der Playstation zum Mord per Joystick |
Bereits am 5. Januar 1996 hatten die Israelis einen ihrer
militantesten Gegner mit Hilfe eines Telefons zur Strecke
gebracht. Ingenieur Yehiya Ayyash, der legendäre
Sprengstoffspezialist der Hamas, der für die Selbstmordanschläge
auf israelische Zivilisten im Jahr 1994 verantwortlich gewesen
sein soll, wurde durch eine vom israelischen Geheimdienst
Mossad in seinem Handy versteckte Bombe in die Luft gesprengt.
Als er einen Anruf annahm und anhand seiner Stimme identifiziert
wurde, zündete ein Funksignal den Sprengstoff.
Auch der russische Geheimdienst machte sich die Kommunikationstechnik
zu nutze, um einen ihrer Feinde zu töten. Mindestens
ein tschetschenischer Führer wurde von einer Rakete getötet,
die auf ihn nach dem von seinem Satellitentelefon ausgehenden
Signal gerichtet wurde. Dudajew, ehemals General in der Roten,
dann in der russischen Armee, führte Tschetschenien 1991
in die Unabhängigkeit. 1994 begann Russlands Regierung
den Krieg, und Dudajew antwortete mit einem brutalen Guerillakrieg.
1996 wurde Dudajew durch Raketen gezielt getötet.
Sein Vizepräsident Jandarbijew rückte für kurze
Zeit an seine Stelle. Später handelte er mit General
Alexander Lebed den Waffenstillstand aus, den die russische
Regierung nach kurzer Zeit brach. Jandarbijew ging daraufhin
nach Katar ins Exil. Der russische Geheimdienst braucht sicherlich
keine US-amerikanische oder israelische Entwicklungshilfe
in Sachen Mord und Totschlag. Das in eine Ruinenstadt verwandelte
Grosny zeigt, wozu die ehemalige Rote Armee bereit und in
der Lage ist.
Russischer Sprengstoff
Am 13. Februar 2004 ereilt den kurzzeitigen Präsidenten
Tschetscheniens, Selimchan Jandarbijew, das Schicksal seines
Vorgängers Dudajew. In Doha (Katar) wurde er durch eine
Bombe in seinem Auto getötet, als er von einer Moschee
nach Hause fuhr. Sein 13jähriger Sohn wurde schwer verletzt,
zwei weitere Insassen kamen ums Leben.
Fünf Tage später wurden drei russische Geheimdienstmitarbeiter
im Zusammenhang mit dem Anschlag verhaftet. Im Gegenzug, quasi
als Geiseln, wurden am 26. Februar auf dem Moskauer Flughafen
zwei Ringer des Nationalteams aus Katar verhaftet. Das russische
Außenministerium dementierte eine Beteiligung am Mord
an Selimchan Jandarbijew, während die festgenommenen
Agenten ihre Beteiligung längst zugegeben und ihre Chefs
benannt hatten. Der Sprengstoff soll mit einem diplomatischen
Fahrzeug von Saudi-Arabien nach Katar gebracht worden sein.
Im Jemen fanden die jemenitischen Ermittler am Tatort des
völlig zerstörten Jeeps einige zerfetzte Körperteile,
aus deren DNA-Spuren die Identität der sechs Getöteten
festgestellt werden konnte, und Überreste von Kommunikationsgeräten.
Vermutlich hatte sich Al-Harithi, der angeblich Hauptverantwortliche
des Anschlages auf die USS Cole, durch einen Telefonanruf
verraten.
Nur auf den ersten Blick schließt sich im Jemen, in
der Westbank, in Tschetschenien etc. durch die scheinbar gleichen
Ziele und Mittel der vermeintliche Kreis eines weltweiten
islamistischen Terrors. Denn viel nachhaltiger
wirkt hier der nach 1978 ausgetragene Krieg zwischen den USA
und der UdSSR in Afghanistan. Nach der sowjetischen Invasion
gab es aus der Sicht der afghanischen Zivilbevölkerung
und der islamischen Bewegung die roten wie die
weißen Teufel heute haben sich nur
die Koalitionspartner verändert.
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