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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 6
USA - Israel – Russland
Das Triumvirat der staatlichen Killer
[ Inhalt Nr. 13 .]

Die israelische Verteidigungsarmee schießt eine Rakete auf den halbblinden, im Rollstuhl sitzenden politischen und religiösen Führer der palästinensischen Hamas. Scheich Yassin und andere, die gerade die Moschee verlassen, werden getötet. Zu diesem geglückten Mord wurde der Auftraggeber, Premierminister General Ariel Sharon, „für seine mutige Tat“ von Mitgliedern seiner Regierung beglückwünscht. Eine gezielte Hinrichtung, die es mit der Zielgenauigkeit im konkreten und den politischen Folgen nicht so genau nimmt. Ein „Akt der Selbstverteidigung“, schließlich war Achmed Yassin Gründer und „geistiger“ Führer der Hamas, der „palästinensische Usama Bin-Laden“, wie ihn Israels Regierung nach seinem Tod nennt. Das rechtfertigt alles.

Der Tatort nach dem Mord: Hier starb Scheich Yassin

Das sehen auch die USA so. Sie konnten sich kaum zu einer formellen Verurteilung durchringen. Warum auch – schließlich haben die US-Regierungen zu fast allen Zeiten gezielte Tötungen in Auftrag gegeben. Die Bush-Regierung hält die „Selbstverteidigung mit allen Mitteln“ ohnehin für legitim.

Wie dem Handbuch für Verschwörungen entnommen, ähnelt die Entstehungsgeschichte der Hamas der von Al-Qaida. Anfangs unterstützte Israel die islamische Organisation, die Yassin in Gaza leitete. 1979 kam sie sogar in den Genuss der israelischen Anerkennung als einzige palästinensische Sozialorganisation, nachdem sie in den 70er Jahren erste Koranschulen und Sozialstationen in Gaza aufbaute. Achmed Yassin selbst konnte nach Israel einreisen, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. Wie auch Usama Bin-Laden zu den USA entdeckte Yassin seine Feindschaft zu Israel offensichtlich erst später. Israels Interesse bei der Unterstützung der Hamas war es, die PLO und den palästinensischen Widerstand zu schwächen. Denn der frömmelnde Scheich erschien als probates Antidot gegenüber dem grundsätzlich laizistischen Charakter des palästinensischen Befreiungsnationalismus. Erst 1990 verbot Israel Hamas. Ein Jahr zuvor war Yassin mit anderen Hamas-Mitgliedern verhaftet worden. 1997 wurde Yassin gegen Mossad-Agenten ausgetauscht, die nach einem missglückten Giftanschlag auf das Hamas-Mitglied Khalid Meshal in Jordanien erwischt wurden. Die ersten Selbstmordanschläge unternahm Hamas nach 1994, als der rechtsextreme israelische Siedler Baruch Goldstein in einer Moschee in Hebron ein Massaker anrichtete.

Gezielt heißt nicht präzise

Scheich Achmed Yassin, der wenige Monate zuvor einem israelischen Anschlag entgangen war, wurde nach dem Morgengebet mit Hilfe schon erprobter High-Tech Waffen getötet: So soll eine Drohne die Wege Yassins aus der Luft überwacht und ihn als Ziel mit einem Laserstrahl markiert haben, worauf von einem Hubschrauber aus eine Rakete auf ihn abgeschossen wurde.
Seit die USA den Begriff des „chirurgischen Angriffs“ in die militärisch-journalistische Terminologie einführte, ufern die Worterfindungen der verschiedenen Wahrheitsministerien aus. Tatsächlich bilden „chirurgischer Angriff“ und „Kollateralschaden“ ein Wortpaar, so wie die „gezielten Tötungen“ eine Präzision vermitteln, die nur selten etwas mit der Anzahl der Opfer zu tun hat. So sind von Oktober 2000 bis April 2003 bei den israelischen „gezielten Tötungen“ wahrscheinlich mehr als 230 Palästinenser, darunter 80 Kinder, getötet, sowie 300 Menschen verletzt worden.

Der moderne Killer im Staatsauftrag ist nicht ein Gentleman-Agent mit der Lizenz zum Töten à la James Bond. Den gab es nie. Die subunternehmerischen Killer kamen meist aus dem Mafia-Umfeld - die staatlichen Angestellten aus den Drillanstalten der Special Forces. Die gibt es noch, und es wird ihnen im weltweiten „Antiterrorkampf“ nicht an Aufträgen mangeln. Der Henker von heute setzt darüber hinaus aber auf High-Tech. So wie der israelische Geheimdienst und die IDF mittels modernster Technik inzwischen zahlreiche Funktionäre der verschiedensten palästinensischen Organisationen liquidiert haben, so hat auch die US-Regierung den staatlichen Mord in die Auftragsbücher ihrer Special-Teams geschrieben. Nur für wenige Jahre waren sie offiziell aus dem Geschäft. Nachdem verschiedenste Untersuchungskommissionen in den 70er Jahren herausfanden, dass die USA nicht nur x-mal den Mord an Fidel Castro in Auftrag gegeben und selbst versucht hatten, musste sich der CIA zurückhalten. 1975 hatte US-Präsident Gerald Ford eine „Executive Order“ erlassen, die es jedem, der für die amerikanische Regierung arbeitete, verbot, sich an Mordanschlägen zu beteiligen, insbesondere, wenn es sich um Regierungsmitglieder anderer Staaten handelte.

Nach dem 11. September 2001 hat die Bush-Regierung weltweit alle „Terroristen“ genannten Feinde der USA zum Abschuss freigegeben. Nach Informationen verschiedener US-amerikanischer Zeitungen hat Präsident Bush dies der CIA sogar schriftlich gegeben. Die „License to kill“- Genehmigung soll auch den führenden Kongressmitgliedern vorgelegt worden sein. Ein Gesetz wurde zwar nicht verabschiedet, und auch die früheren Anordnungen seiner Präsidentenvorgänger wurden von Bush nicht formell aufgehoben. Das Tötungsverbot der früheren US-Präsidenten träfe nach Ansicht der Bush-Administration auch nicht zu, weil die „Terroristen“ keine gesetzlich legitimierten politischen Führer seien. Da „Terroristen“ außerhalb des Rechts stehen, werden sie auch außerhalb des US-amerikanischen Rechts gefangen genommen und inhaftiert, wie in Guantanamo Bay.

Attentat im Jemen

Oder getötet – wie am 3. November 2002, als in einem entlegenden Teil der Arabischen Republik Jemen fünf Insassen eines Jeeps einer ferngelenkten Bombe zum Opfer fielen. Seit geraumer Zeit waren sie mittels einer sog. Drohne aus der Luft observiert worden, die mit einer Videokamera ausgerüstet war. Gesteuert wurde das unbesetzte Flugzeug von der anderen Seite des Golfes von Aden aus: Ein im über 200 Kilometer entfernten Dschibuti stationiertes CIA-Team hatte sie ins Visier genommen. Der Kommandeur der Spezialeinheiten erteilte im abgedunkelten Computerraum der CIA-Dependance den Befehl; Angehörige der Special Activities Division der CIA führten ihn durch Knopfdruck auf die „Enter“-Taste aus und steuerten die Rakete mit einem Joystick ins „Ziel“.

Auf einer Wüstenpiste brachte die US-Regierung damit einige derjenigen zur Strecke, die sie für den Angriff auf das amerikanische Kriegsschiff Cole im Oktober 2000 verantwortlich machten. Damals waren 17 US-Marines getötet worden, als ein Attentäter das Kriegsschiff mit einem mit Sprengstoff beladenen Schnellboot rammte und sich und die Panzerung aufsprengte.

Vorbei ist die Zeit, als ex-US-Präsident Bill Clinton nicht nur die „Executive Order“ von Vorgänger Gerald Ford bestätigte, sondern den Geheimdiensten die Anwerbung von Mitarbeitern oder Informanten verbot, die Verbrechen oder Menschenrechtsverletzungen begangen hatten. Mit einer solchen Haltung hat die Bush-Regierung aufgeräumt. Ari Fleischer, der damalige Sprecher im Weißen Haus, sagte nach der Hinrichtung in der jemenitischen Wüste: „Es ist kein traditioneller Krieg in dem Sinn, dass es ein bestimmtes Schlachtfeld, eine bestimmte Nation oder eine bestimmte Region gibt. Der Präsident hat klar gemacht, dass wir den Krieg gegen den Terrorismus überall dort führen werden, wo wir ihn führen müssen.“

Bereits zu Beginn des Afghanistan-Feldzuges wurde dem US-Militär und den Geheimdiensten die gezielte Liquidierung von Führern der Al-Qaida und Taliban genehmigt. Auch wurde bereits in Afghanistan die Mordtechnik der mit Raketen ausgestatteten und ferngelenkten Drohnen eingesetzt. Seit der computer-gestützten Hinrichtung der sechs angeblichen Al-Qaida-Mitglieder im Jemen ist klar, dass die CIA mit expliziter Rückendeckung des Weißen Hauses weltweit gezielte Anschläge und Morde verübt.

Angeblich seien inzwischen, so der CIA-Chef George Tenet, ein Drittel der Al-Qaida-Führer, die man vor dem Krieg gegen in Afghanistan ausgemacht hatte, getötet oder gefangen genommen worden. Als besonderen Erfolg feierte er die Tötung der fünf Menschen in Jemen, da darunter auch Al-Harithi gewesen sei, der verantwortlich für die Anschläge auf die Botschaften in Afrika und den Zerstörer Cole gewesen sei. Insgesamt seien 3.000 mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder in mehr als 100 Ländern festgenommen worden.

Global Players in Crime

Die Tradition der staatlichen Auftragsmorde im Nahen Osten ist älter als der neue „weltweite Feldzug gegen den Terror“: Am 16. Februar 1992 wurde Abbas Moussawi, der Führer einer islamischen Organisation im Libanon, durch von den USA gelieferte Hellfire-Raketen getötet. Auch hier wurde er aus der Luft von einer Drohne verfolgt, bis von einem israelischen Hubschrauber aus die fünf Raketen auf den Autokonvoi abgeschossen wurden. Mit Moussawi wurden seine Frau Siham und sein fünfjähriger Sohn Hussein getötet. Der israelische Verteidigungsminister Mosche Arens verteidigte den Mordanschlag als „eine Warnung an alle Terrororganisationen, dass wir jedem, der eine Rechnung mit uns beginnt, die Quittung präsentieren werden“.

Befehlshaber dieser Operation war General Ehud Barak, der spätere israelische Premierminister und Vorgänger von General Sharon. Eine Libanon-Connection der besonderen Art. Der eine, Ehud Barak, der Spezialist für gezielte Tötungen, der andere, Sharon, Verantwortlicher für das Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Chatila im Jahr 1982. Bereits zehn Jahre zuvor, im Jahr 1972, hatte Ehud Barak ein Killerkommando in Beirut angeführt. Der palästinensische Schriftsteller Ghassan Kanafani, der auch Sprecher der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) war, wurde mit einer Autobombe ermordet. Zwei weitere Mitglieder des ZKs der PFLP wurden in einer Wohnung getötet. Auch die Ermordung des Fatah-Führers und PLO-Kommandeurs Abu Dschihad in Tunis 1988 soll unter Baraks Kommando durchgeführt worden sein.

US-amerikanische und britische „Geheimdienstexperten“ betonten damals, dass der Mordanschlag auf Scheich Moussawi sich von anderen israelischen Liquidierungen unterschied. Es soll sich dabei um eine direkte Auftragsarbeit für die USA gehandelt haben. Moussawi galt als einer der Verantwortlichen für den Selbstmordanschlag der libanesischen Hisbollah auf die US-Kaserne in Beirut im Oktober 1983, bei dem 241 Marines getötet wurden. Die USA waren als vorgebliche Friedensstreitmacht im Libanon einmarschiert, um Israel den Rückzug aus Beirut zu ermöglichen.

„Seit Vietnam“ hatten die USA nicht mehr solche Verluste bei einem militärischen Einsatz erlitten. Diese „Schmach“ musste gerächt werden. Moussawi war nicht das erste Anschlagsziel in diesem Zusammenhang. Bereits am 8. März 1985 starben bei einer verdeckten Operation gegen den Hisbollah-Führer Muhammed Hussein Fadlallah über 80 Menschen. Eine Autobombe war in der Nähe seines Hauses explodiert. Die Washington Post behauptete später, dass dieses Massaker von der CIA veranlasst wurde.


Ruf mal wieder an:
Telefonieren ist lebensgefährlich

Am 27. August 2001 wurde der Generalsekretär der PFLP in der Nähe von Bethlehem in seinem Büro getötet. Der am Schreibtisch sitzende Abu Ali Mustafa wurde von mehreren Seiten unter Feuer genommen. Zwei in einigen Kilometern Abstand in der Luft „stehende“ israelische Hubschrauber hatten Raketen auf ihn abgefeuert. Ein Anruf auf seinen Telefonapparat bestätigte seine Anwesenheit im Büro und die genaue Position am Schreibtisch. Mustafas „Hallo“ besiegelte seinen Tod. Im Zuge der Al Aqsa-Intifada war Abu Ali Mustafa damit der erste politische Führer, der einer Operation der „präventiven Neutralisierung“, wie Israels Regierung ihre Liquidationspolitik umschreibt, zum Opfer fiel. Der PFLP-Generalsekretär hatte sich zudem legal in den palästinensischen Gebieten aufgehalten, war er doch mit ausdrücklicher Genehmigung der israelischen Behörden in Folge des Oslo-Abkommens aus seinem syrischen Exil in die Westbank zurückgekehrt.

Von der Playstation zum Mord per Joystick

Bereits am 5. Januar 1996 hatten die Israelis einen ihrer militantesten Gegner mit Hilfe eines Telefons zur Strecke gebracht. „Ingenieur“ Yehiya Ayyash, der legendäre Sprengstoffspezialist der Hamas, der für die Selbstmordanschläge auf israelische Zivilisten im Jahr 1994 verantwortlich gewesen sein soll, wurde durch eine vom israelischen Geheimdienst Mossad in seinem Handy versteckte Bombe in die Luft gesprengt. Als er einen Anruf annahm und anhand seiner Stimme identifiziert wurde, zündete ein Funksignal den Sprengstoff.
Auch der russische Geheimdienst machte sich die Kommunikationstechnik zu nutze, um einen ihrer Feinde zu töten. Mindestens ein tschetschenischer Führer wurde von einer Rakete getötet, die auf ihn nach dem von seinem Satellitentelefon ausgehenden Signal gerichtet wurde. Dudajew, ehemals General in der Roten, dann in der russischen Armee, führte Tschetschenien 1991 in die Unabhängigkeit. 1994 begann Russlands Regierung den Krieg, und Dudajew antwortete mit einem brutalen Guerillakrieg. 1996 wurde Dudajew durch Raketen „gezielt“ getötet. Sein Vizepräsident Jandarbijew rückte für kurze Zeit an seine Stelle. Später handelte er mit General Alexander Lebed den Waffenstillstand aus, den die russische Regierung nach kurzer Zeit brach. Jandarbijew ging daraufhin nach Katar ins Exil. Der russische Geheimdienst braucht sicherlich keine US-amerikanische oder israelische Entwicklungshilfe in Sachen Mord und Totschlag. Das in eine Ruinenstadt verwandelte Grosny zeigt, wozu die ehemalige Rote Armee bereit und in der Lage ist.

Russischer Sprengstoff

Am 13. Februar 2004 ereilt den kurzzeitigen Präsidenten Tschetscheniens, Selimchan Jandarbijew, das Schicksal seines Vorgängers Dudajew. In Doha (Katar) wurde er durch eine Bombe in seinem Auto getötet, als er von einer Moschee nach Hause fuhr. Sein 13jähriger Sohn wurde schwer verletzt, zwei weitere Insassen kamen ums Leben.

Fünf Tage später wurden drei russische Geheimdienstmitarbeiter im Zusammenhang mit dem Anschlag verhaftet. Im Gegenzug, quasi als Geiseln, wurden am 26. Februar auf dem Moskauer Flughafen zwei Ringer des Nationalteams aus Katar verhaftet. Das russische Außenministerium dementierte eine Beteiligung am Mord an Selimchan Jandarbijew, während die festgenommenen Agenten ihre Beteiligung längst zugegeben und ihre Chefs benannt hatten. Der Sprengstoff soll mit einem diplomatischen Fahrzeug von Saudi-Arabien nach Katar gebracht worden sein.

Im Jemen fanden die jemenitischen Ermittler am Tatort des völlig zerstörten Jeeps einige zerfetzte Körperteile, aus deren DNA-Spuren die Identität der sechs Getöteten festgestellt werden konnte, und „Überreste von Kommunikationsgeräten“. Vermutlich hatte sich Al-Harithi, der angeblich Hauptverantwortliche des Anschlages auf die USS Cole, durch einen Telefonanruf verraten.

Nur auf den ersten Blick schließt sich im Jemen, in der Westbank, in Tschetschenien etc. durch die scheinbar gleichen Ziele und Mittel der vermeintliche Kreis eines weltweiten „islamistischen Terrors“. Denn viel nachhaltiger wirkt hier der nach 1978 ausgetragene Krieg zwischen den USA und der UdSSR in Afghanistan. Nach der sowjetischen Invasion gab es aus der Sicht der afghanischen Zivilbevölkerung und der islamischen Bewegung die „roten“ wie die „weißen“ Teufel – heute haben sich nur die Koalitionspartner verändert.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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