Im Februar zog Außenminister Fischer auf der Münchner
Konferenz für Sicherheitspolitik medienwirksam
die transatlantische Initiative für den gesamten
Mittelmeerraum aus der Tasche. Im Juni soll auf dem
NATO-Gipfel in Istanbul die Fischer-Initiative diskutiert
werden. Will die EU jetzt das Mittelmeer erobern?
Ganz bewusst hatte Fischer die Sicherheitskonferenz
ausgewählt, um mit seinem Vorschlag an die Öffentlichkeit
zu treten. Die Anwesenheit der transatlantischen Familie
im Tagungshotel Bayerischer Hof und die weltweite
mediale Aufmerksamkeit, die sich an jedem ersten Februarwochenende
auf die Bayernmetropole fokussiert, ist Garant dafür,
dass hier geführte Debatten breit wahrgenommen werden
und im öffentlichen Diskurs nachhaltig Bestand haben.
Die Intensivierung des Mittelmeerdialogs sollte meiner
Ansicht nach bei unserem NATO-Gipfel in Istanbul oben auf
unserer Tagesordnung stehen, mit diesen Worten machte
US-Verteidigungsminister Rumsfeld zudem deutlich, dass die
Fischer-Initiative Ende Juni ein bestimmendes
Thema am Bosporus sein wird.
Mittelmeer-Dialog und Barcelona-Prozess
Der Mittelmeerraum ist von immenser geopolitischer und strategischer
Bedeutung: Für Europa ist er Brücke nach Nordafrika
und in den Nahen Osten. Der Suez-Kanal, die Dardanellen und
die Meerenge von Gibraltar stellen die drei strategischen
Passagen und Verbindungen zu den Weltmeeren her, zudem befinden
sich umfangreiche Energievorkommen in der Region. Außerdem
gilt es, die Levante und den Maghreb als bisher unzureichend
genutzte ,,neue Absatzmärkte zu erschließen.
Die Fischer-Initiative ist kein völlig neuer
politischer Ansatz. Bereits 1995 eröffnete die NATO den
Mittelmeer-Dialog mit Ägypten, Israel, Jordanien,
Marokko, Mauretanien und Tunesien, um der zunehmenden Bedeutung
der Region nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes Rechnung
zu tragen. Als konkrete NATO-Stabilitätsrisiken
in den südlichen und östlichen Mittelmeeranrainern
gelten das starke Bevölkerungswachstum, die mangelnde
sozioökonomische Basis, der islamisch-politische Fundamentalismus
und die Gefahren verbotener Proliferation. Grund genug, umfassende
militärische Handlungsoptionen in die strategischen Überlegungen
einzubeziehen. Speziell gilt das für die Maghreb-Staaten.
Hier soll ein wichtiger Aspekt der im Jahr 2002 in Prag beschlossenen
neuen NATO-Strategie zur Anwendung kommen: Eindämmung
etwaiger Flüchtlingsströme durch eine
militärische Präsenz vor Ort, unterstützt durch
Nichtregierungsorganisationen, in deren Obhut sich künftige
Sammellager befinden werden.
 |
| ...Wo die Leidenschaften des Ostens die Sünden des
Westens treffen! |
Im gleichen Jahr wurde in Barcelona unter Federführung
der Bundesregierung die Europa-Mittelmeer-Partnerschaft, der
Barcelona-Prozess, ins Leben gerufen. Neben der
EU handelt es sich dabei um zwölf Länder aus dem
südlichen und östlichen Mittelmeerraum: Marokko,
Algerien, Tunesien, Ägypten, Israel, Palästinensische
Autonomiegebiete, Jordanien, Libanon, Syrien, Türkei,
Zypern und Malta. Mit Libyens Teilnahme wird in der nächsten
Zeit gerechnet. Im Gegensatz zu der auf Integration ausgerichteten
EU-Politik gegenüber den mittel- und osteuropäischen
Staaten, zielt der Barcelona-Prozess allein auf
die Wirtschaftsliberalisierung - ohne jede Beitrittsperspektive.
Bis 2010 soll die gesamte Region mit über 800 Millionen
Menschen in eine der größten Freihandelszonen der
Welt verwandelt werden. Damit soll ein Umwälzungsprozess
in Gang gesetzt werden, dessen Dimension mit den Strukturanpassungsprogrammen
vergleichbar ist, wie sie die Weltbank und der IWF seit den
80er Jahren obligatorisch den Entwicklungsländern
verordnen. Parallel verhandelt die EU auch mit dem Rat der
Golfstaaten über ein Freihandelsabkommen. Zielvorgabe
ist auch hier die Deregulierung und Entstaatlichung der Wirtschaft,
der Abbau protektionistischer Zollbarrieren und die neoliberale
Öffnung der Märkte.
Das Engagement der EU im Mittelmeerraum basiert zudem auf
angeblichen nichtmilitärischen Sicherheitsrisiken.
Damit gemeint sind: illegale Migration, Fluchtbewegungen und
organisierte Kriminalität. Die Mittelmeerstaaten sollen
ähnlich wie Osteuropa ein Sicherheitsscharnier an der
südlichen Flanke der EU bilden. Der europäische
Schengenraum wäre dann auch migrationspolitisch geschlossen.
Offensichtlich stagnieren beide Prozesse jedoch seit langem.
Gründe dafür sind der ungelöste Nahost-Konflikt
und diverse Interessengegensätze zwischen der EU und
den zwölf Verhandlungspartnern. Während die EU beim
Thema Migration in erster Linie an Flüchtlingsabwehr
und Abschottung denkt, klagen die südlichen Mittelmeeranrainer
größere Freizügigkeit ein. Die EU fordert
den freien Waren- und Kapitalverkehr, die mediterranen Länder
hingegen befürchten zu Recht den Kollaps ihrer Volkswirtschaften,
die durch den Wegfall von Zöllen und Einfuhrschranken
nicht mehr konkurrenzfähig wären.
Einflusskonflikte
Aber nicht nur die euro-mediterrane Freihandelzone verlangt
eine forcierte Harmonisierung der europäischen Außen-
und Wirtschaftspolitik. Hinzu kommt das Szenario einer fortgesetzten
militärischen Anti-Terror-Initiative gegen
die arabische und islamische Welt. So baut die US-Armee aktuell
ihre Präsenz auch auf dem afrikanischen Kontinent stetig
aus, um mutmaßlichen Islamisten sichere Rückzugs-
und Rekrutierungsbasen zu entziehen. Militärische
Kooperationsabkommen, die die Ausbildung der örtlichen
Armeen im Antiterrorkampf und die Nutzung bzw. Errichtung
lokaler Flugzeugbasen beinhalten, wurden bereits mit den Maghrebstaaten
Marokko, Tunesien und Algerien sowie den Sahelländern
Mauretanien, Mali, Tschad und Niger vereinbart. Bereits im
Vorfeld der Münchner ,,Sicherheitskonferenz führten
deutsche NATO-Repräsentanten mit ihren US-Kollegen Gespräche
über eine umfassende Militarisierung der Mittelmeerstaaten.
Die Planungen sehen vor, westliche Truppenkontingente entlang
der Linie Ankara-Kairo zu massieren sowie die Maghreb-Länder
dem NATO-Regime zu unterstellen, um den gesamten ,,Krisenbogen
von Marokko bis Pakistan zu kontrollieren.
Die US-Aggressionen, wie zuletzt im Irak, berauben die führenden
EU-Mitglieder ihrer staatlichen Geschäftspartner und
beschneiden ihren wirtschaftlichen Vorteil in der Region.
In Berlin hat diese Erfahrung offenbar zu der Erkenntnis geführt,
dass es bei der Ausweitung ihrer Hegemonialgebiete notwendig
ist, zu Herrschaftskompromissen zwischen EU und USA zu kommen.
Und es war diese Einsicht, die Fischer den Vorschlag machen
ließ, dass die EU und die NATO ihre Kräfte vernetzen
sollten, um den gemeinsamen EU/NATO-Mittelmeerprozess
voranzutreiben.
Der gewünschte Schulterschluss der noch subalternen
EU reiht sich ein in weitere Versuche, der heranwachsenden
Großmacht EU eine zivilgesellschaftliche Legitimation
zu verschaffen. Im Gegensatz zur NATO-Position setzt Fischer
nicht allein auf die Militarisierung der Region, sondern propagiert
die Vision einer gemeinsamen euro-mediterranen Freihandelszone.
Die erfolgreiche friedliche Eroberung der ehemaligen
Ostblock-Staaten dient ihm als Grundlage für den erneuten
europäischen Expansionsschub. Und das nicht ohne Erfolg.
Zahlreiche Staaten haben im Rahmen des Barcelona-Prozesses
bereits ihre Freihandelsverträge mit der EU unterschrieben.
Probleme gibt es allerdings im Osten. Die EU-Integration der
Türkei ist offen und der Nahost-Konflikt droht zu eskalieren.
Die Türkei kann die ihr zugedachte Brückenkopffunktion
bei der fortschreitenden Eroberung der Ressourcenstaaten
des Nahen, Mittleren und Fernen Ostens nur effektiv wahrnehmen,
wenn sie fest in die im Entstehen begriffene europäische
Sicherheitsarchitektur eingebunden ist. Das weiß Berlin
und fordert in den EU-Gremien, dass in die Türkei sowohl
ökonomisch wie militärisch mehr investiert werden
muss, um die europäischen Einflussgebiete, in Konkurrenz
zu den USA, auch im Kaukasus und in Zentralasien zu sichern
und weiter auszudehnen.
Die EU geht davon aus, dass, solange der israelisch-palästinensische
Konflikt ungelöst bleibt, jegliche Initiativen im Mittelmeerraum
zum Scheitern verurteilt sind. Noch ist der Barcelona-Prozess
das einzige Forum, in dem Israel und die arabischen Staaten
vertreten sind. Der EU/NATO-Mittelmeerprozess
will deshalb auch die USA einbinden. Doch es scheint, dass
die Supermacht mit der Lösung des Nahost-Konflikts auf
ihre Weise begonnen hat. Droht doch dem auch von der EU getragenen
Roadmap-Friedensplan der endgültige Kollaps,
nachdem US-Präsident Bush sämtliche UN-Resolutionen
beiseite wischte und am 14. April 2004 als erster US-Präsident
den illegalen israelischen Siedlungsbau auf der Westbank anerkannte.
Damit sind die Grenzen von 1967 ad acta gelegt; eine palästinensische
Staatlichkeit bleibt nur noch in Form mehrer lebensunfähiger
Homelands denkbar. Bekommt daher das aktuelle israelisch-amerikanische
Okkupationsszenario Endgültigkeit, wird der Nahe und
Mittlere Osten in den nächsten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten,
eines der Zentren geopolitischer Ordnungsmaßnahmen und
Auseinandersetzungen bleiben.
Schlechte Zeiten für Brüssel. Sollten doch nach
den Plänen des EU/NATO-Mittelmeerprozess
in einer zweiten Phase, so Fischer in München, alle übrigen
Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga sowie der Iran einbezogen
werden. Und das zu den bekannten Konditionen: Öffnung
für ,,Reformen, Liberalisierung der Märkte
und Aufgabe etwaiger militärischer Drohpotentiale. Auch
wenn der Irakkrieg und seine katastrophalen Folgen die langfristigen
Partnerschaftsangebote der EU, etwa das Abkommen über
die Zusammenarbeit mit dem Golf-Kooperationsrat, in manchen
Hauptstädten der Region in viel interessanterem Licht
erscheinen lassen, spielt die EU in der Region weiterhin nur
eine subalterne Rolle.
Heute Europa und morgen..
Die europäisch-amerikanischen Beziehungen changieren
zwischen innerimperialen Herrschaftskompromissen und offener
ökonomischer Konkurrenz. Und nur vordergründig geht
es dabei um Krieg und Frieden. Eine kritische Linke sollte
sich davon nicht beirren lassen. Es gibt eben keine Friedensoption
Europas gegen die aggressive US-Politik. Das bewiesen schon
die europäische Intervention in Ex-Jugoslawien und der
rot-grüne Kosovo-Einsatz. Jede ernstzunehmende Kritik
der US-Kriegspläne muss daher die forcierte Militarisierung
der EU miteinbeziehen und jeder Widerstand gegen die chauvinistische
Achse der Willigen muss immer auch Deutschland
treffen. Internationale Solidarität ist dabei kein überkommener
Begriff, sondern notwendiges Erkennungsmerkmal einer radikalen
Linken in Europa. Zumindest dann, wenn sie eigenen Vorstellungen
von Emanzipation nicht durch den Nationalstaat und innerhalb
der weiß dominierten Mehrheitsgesellschaften
begrenzt wissen will.
Linke Politik lässt sich nur verteidigen, wenn verlorene
Handlungsspielräume zurückgewonnen werden können.
Und es braucht neue Strategien und Bündnispartner. In
Istanbul hat sich ein Social Forum gegründet, das gegen
den NATO-Gipfel vom 28.-29. Juni mobilisiert. Neben den klassischen
linken Gruppierungen werden auch Vorboten einer neuen Bewegung
in der Türkei, Student/inen und kleine aktivistische
Kerne der globalisierungskritischen Linken, versuchen, ihren
Protest am Bosporus auf die Straße zu tragen.
|