Während die US-Truppen und ihre Verbündeten im
Irak auch ein Jahr nach Eroberung Bagdads noch dabei sind,
die Iraker von der Freiheit des globalen Kapitalismus zu überzeugen,
nehmen die neoliberalen Filialleiter in Berlin ein strategisches
Objekt nach dem anderen ein. Die überkommene soziale
Marktwirtschaft wird durchgeforstet, und all das ausgemerzt,
was zwar für den Sieg in der Systemkonkurrenz mit dem
staatlichen sowjetischen Sozialismus wichtig, aber letztlich
im internationalen Wettbewerb der Standorte nur
Sozialklimbim ist. Durchmarsch ist angesagt.

"Arbeite und halt's Maul" - Prekäre Arbeitsverhältnisse
und die politische Ordnung des Neoliberalismus
Schlagzeilen von der inneren Front Die Kosten der Globalisierung werden abgewälzt und zum
xten Mal müssen wir die gleiche Zeche bezahlen. Der Trick
besteht darin, ähnlich wie bei der Privatisierung ehemaliger
Staatsbetriebe wie Bahn und Post, für Aufbau, Entschuldung
und Entstaatlichung den Leuten das Geld so aus der Tasche
zu ziehen, dass alle bei der nationalen Erneuerung mitmachen.
Der gelungene Coup mit den Volksaktien hat es
vorgemacht. Die zwangsläufig darauf folgende Entwertung
der Aktien kam einer Enteignung gleich.
Vollbeschäftigung und Massenkonsum, die historischen
Versprechen der alten Sozialpartnerschaft sind aufgekündigt
und werden durch eine Struktur der Nicht- und Unterbeschäftigung
ersetzt. Die in Gang gesetzte Renten- und Gesundheitsreform
wurde ideologisch begleitet mit den Kampagnen gegen die Sozialhilfeempfänger/innen.
Das Spießrutenlaufen von Florida-Rolf im
vergangenen Sommer war die Begleitmusik für die betriebene
Auflösung der Absicherung von Arbeitslosen und Erwerbsunfähigen.
Arbeit soll sich wieder lohnen war die Parole
Kohl's dafür, dass Arbeit sich schon lange nicht mehr
lohnt - und nur künstlich hergestellt werden kann durch
Absenkung der Einkünfte aus Sozialleistungen. Deswegen
werden die Rentner/innen geschröpft und bei den Kranken
abkassiert. Das ebnet den Weg für die am weitestgehende
Privatisierung des Gesundheits- und Rentenwesens. Die Gewinner
sind die Versicherungen und die Gesundheitsindustrie.
Die Global Player betreiben Kostendumping im
Weltmaßstab. Dadurch können sie nicht nur weltweit
Kostenvorteile ausnutzen, sondern auch regional und lokal
für sich einmalig günstige Bedingungen erzwingen,
in dem sie sowohl Stadtverwaltungen wie auch Staaten gegeneinander
ausspielen. Die wiederum reagieren mit jeder Sorte Standortverbesserungen:
Subventionen, Steuervergünstigungen, Beschneidung der
Gewerkschaftsrechte, Senkung der Lohnnebenkosten, Erhöhung
der Arbeitszeiten usw. Da konkurriert im Bereich z.B. der
Textilindustrie Rumänien direkt mit einer Stadt in Sachsen-Anhalt.
Seit zwei Jahrzehnten stagniert in den metropolitanen Ländern
das Realeinkommen der abhängig Beschäftigten. Durch
Erhöhung der Normen und des Arbeitspensums, Einsatz von
neuen Technologien, Zunahme unbezahlter Mehrarbeit, Inflation
und Nichtanpassung der Löhne an den Kaufkraftverlust
etc. findet längst eine gigantische Lohnsenkung statt.
Um Abbau der Arbeitslosigkeit geht es schon lange nicht mehr.
Tatsächlich läuft ein umfassender Angriff auf den
überkommenen Sozialstaat und die darin organisierte Integration
der Arbeiter/innenklasse. Die Stichworte dafür sind:
Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, Verlängerung
der Arbeitszeiten und Erhöhung der Arbeitsnormen, die
Aushöhlung von Tarifverträgen und die Unterminierung
gewerkschaftlicher Vertretung. Mit den Hartz-Paketen werden
die prekären Arbeitsverhältnisse und der Niedriglohnsektor
ausgeweitet. Das historische Bündnis zwischen Sozialdemokratie
und gelber Einheitsgewerkschaft, seit dem 2. Weltkrieg Garant
des Klassenfriedens, droht zugunsten der neoliberalen Zurichtung
des Binnenmarktes zu brechen.
Die Ordnung des Chaos
Eine andere Welt ist möglich. Diese Parole der globalisierungskritischen
Bewegung haben sich vor allem die Kapitalisten zu eigen gemacht.
Ihr Gesellschaftsmodell ist der Neoliberalismus. Eine soziale
Utopie, die von vornherein im Weltmaßstab agiert und
alle gesellschaftlichen Abläufe und Werte dem Primat
der kapitalistischen Verwertbarkeit unterwirft. Die globale
Wettbewerbsfähigkeit, also die Konkurrenz, ist
das Erfolgsbarometer. Menschen, die in dieses System nicht
passen, die sich als leistungs- und modernisierungsunfähig
erweisen oder sich gar verweigern, werden ausgeschlossen,
den verschiedensten Formen der Vernichtung menschlicher Existenzgrundlagen
ausgesetzt.
Das globalisierte Akkumulationsregime produziert Wirklichkeiten,
deren Bilder kaum das Ausmaß zu fassen kriegen: Oasen
und Wüsten der Produktion, Inseln des Konsums im Ozean
des Elends, die Dritte in der Ersten Welt - und umgekehrt.
Das vorherrschende Prinzip ist die Ordnung des Chaos, die
ausschließende Integration von Menschen
und Regionen. Die Arbeitsnormen und Arbeitszeiten werden erhöht,
während die Arbeitslosigkeit steigt. Die osteuropäischen
Länder wie Polen werden in die EU integriert und die
ökonomischen wie politischen Be
dingungen an Europa angepasst, während Südpolen
in ökonomisches Brachland verwandelt wird.
Die Zentren der Produktion wie auch die Recreation Areas
sind umgeben von unwirtlichen Landstrichen, ökonomisch
nutzlos, vollgestopft mit verelendeten Massen und beherrscht
von Warlords, lokalen Despoten, Banden und Piraten. Die Visionen
der Mad Max-Filme gingen noch von einer ökologischen
oder nuklearen Katastrophe aus. Die hat es nicht gebraucht,
obwohl auch sie eher wahrscheinlich als auszuschließen
ist.
Das argentinische Modell gibt die Antwort, wie die Entindustrialisierung
eines vormals aufstrebenden Dritte-Welt-Landes gelingen kann:
1. Schuldenbegleichung. Das Land wurde gezwungen die nationale
Wirtschaft auf die Erzielung von Devisenüberschüssen
auszurichten, um so die Auslandsschulden zu begleichen, die
aus der vorherigen Phase der Industrialisierung stammen. 2.
Kontrolle über den Finanzmarkt. Die nationale Währung
wurde an den Dollar gekoppelt, und die Finanz- und Wirtschaftspolitik
direkt in der Wallstreet bestimmt. 3. Erfolgreicher Ruin.
Die neoliberale Zurichtung führte zum Zusammenbruch der
argentinischen Produktion, selbst der Produktionsweise
der Subsistenz wurden die Grundlagen entzogen. Die Aufstände
des vergangenen Jahres sind die Antwort auf diese Krise. Aber
was können sie in diesem Brachland noch erreichen?
Irak und Massenarmut
Im Irak hat sich die militärische Variante der neoliberalen
Globalisierung durchgesetzt. Das heißt allerdings nicht,
dass die selbstgeschaffenen Probleme tatsächlich in den
Griff gekriegt werden. Von seiner geostrategischen Lage her
spielt der Irak eine zentrale Rolle. Die ganze Region lässt
sich von dort aus beherrschen. Bereits jetzt ist die Absicht
erkennbar, eine Landbrücke vom Mittelmeer bis nach China
zu schaffen.
Außer dem Irak fehlen in dieser prowestlichen Staatenkette
noch Syrien und Iran, die längst im Fadenkreuz der US-Militärs
stehen. Verhindert werden soll zum einen der Einfluss anderer
dominierender Mächte wie Russland und China und das (Wieder)Aufkommen
potentiell antiwestlicher Regionalmächte, wie es der
Irak und der Iran waren. Die USA bauen dem entsprechend ihr
Stützpunktsystem sowohl in Afghanistan und Irak, aber
auch in den ehemaligen sowjetischen Republiken Georgien, Usbekistan,
Tadschikistan und Kirgisien aus.
Viel wurde über die politischen Hintergründe des
Irak-Krieges gestritten. Für nicht wenige, auch in der
Linken, ist der Feldzug gegen den Terror ein paradigmatischer
Krieg, in dem die Bushisten im Irak die Emanzipation freikämpfen.
Recht haben sie alle, wenn sie den Emanzipationsgedanken mit
der militärischen Durchsetzung einer neoliberalen Sicherheitsökonomie
gleichsetzen. Wie jeder Krieg braucht auch die imperiale Kriegsmaschine
die ideologische Rhetorik. Aber jenseits der Blendgranaten
vom Clash of Culture, die nur auf ein Neues den
rassistischen Charakter des imperialen Ausnahmezustands nach
dem 11.9. offen legen, gibt es auch weitaus handfestere Motive.
Und auch hier muss nur genau zugehört werden, wenn man
meint nicht zu wissen, was die wahren Hintergründe
des Krieges sind. Am 23. Februar 2003, kurz vor Kriegsausbruch,
sagte Bush völlig unverblümt, dass es jetzt darum
gehe im Laufe der nächsten zehn Jahre eine Freihandelszone
zwischen den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten zu schaffen.
Fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 13. Februar
2004, lancierte die Bush-Administration in der arabischen
Zeitung al-Hayat ihr Konzept der sog. Greater
Middle East Partnership. Gezielt wurde damit der arabischen
Öffentlichkeit die ökonomische Kriegserklärung
zugestellt: gefordert wird die vollständige Zerschlagung
ihrer Volkswirtschaften und die Einführung der neoliberalen
Marktgesetze in der gesamten Region. Es geht nämlich
um nicht weniger, als eine wirtschaftliche Transformation
von ähnlichem Ausmaß wie die der exkommunistischen
Länder Ostmitteleuropas (al Hayat). Diese Doktrin
der Ökonomie und Sicherheit übersetzt die Freiheit,
die die USA durchsetzen wollen, unmittelbar in wirtschaftliche
Vorteile. Derjenige kontrolliert den Markt, der ihn beherrscht.
Gewalt und Geschäft sind nicht zu trennen. Schon gar
nicht im Nahen und Mittleren Osten.
Es handelt sich um die Haupt-Energieregion der Welt. Der Irak
hat die zweitgrößten Weltreserven und nirgends
lässt sich das Öl billiger fördern. Mit einer
von den westlichen Multis kontrollierten privatisierten irakischen
Ölindustrie lassen sich gute Geschäfte machen. Gemeinsam
mit den internationalen Energiekonsortien, die die Region
des Kaspischen Meeres kontrollieren, wird der Ölpreishebel
der Saudis und der OPEC endlich unwirksam. Der ehemalige CIA-Direktor
und jetzige Informationsminister in der irakischen Übergangsverwaltung
James Woolsey meinte vor Beginn des Irak-Feldzuges: Wir
fangen mit dem Irak an ... man muss im Zentrum des Problems
beginnen. Die Neuordnung des Nahen Ostens
nach US-Vorstellungen setzt nicht nur die künftige Energieversorgung
der Welt unter Kontrolle westlicher Energiekonzerne. Sie versucht
vielmehr eine Basis zu schaffen für die Beherrschung
der umliegenden Zonen von Massenarmut. Von deren politischen
und sozialen Eruptionen scheinen die ethnischen Säuberungen
im ehemaligen sowjetischen Machtbereich und der islamistische
Terror nur einen Vorgeschmack zu geben. Entsprechend
wird auf- und umgerüstet: die USA verlagern ihre saudi-arabischen
Stützpunkte in den Irak, in Bagdad entsteht zur Zeit
die weltweit größte US-Botschaftsanlage.
Die neuen Barbarengrenzen
Gegen diese strukturellen Instabilitäten des Neoliberalismus
muss die Freiheit tatsächlich am Hindukusch verteidigt
werden. Da führt kein Weg dran vorbei, weswegen der globale
militärische Dienstleister, die USA, auf ihrem eigenen
Feld längst Konkurrenz haben. Der Ausbau der EU-Militärmacht
und die Umwandlung der europäischen Armee in ein weltweit
schlagkräftiges Krisenbewältigungsprojekt, gehen
in diese Richtung. Das ist die andere Seite des globalen Angriffs
auf die Unterklassen. Bundesverteidigungsminister Struck war
denn im ersten Interview (DLF 16.03.04) nach der spanischen
Ankündigung eines möglichen Truppenrückzugs
aus dem Irak alles andere als begeistert. Auf die Frage: Wäre
es Ihnen lieber, Spanien würde seine Truppen im Irak
belassen? antwortete er: Wichtig ist nach wie
vor, dass eine internationale Präsenz im Irak bleibt...
Das Hauptproblem der internationalen Staatengemeinschaft im
Irak ist die Instabilität, die ohnehin vorhanden ist.
Deswegen kommt ein Abzug der deutschen Truppen aus dem Kosovo
und aus Afghanistan auch nicht in Frage. Wir werden
das niemals machen, ... dieses Land würde sofort wieder
in Chaos und Anarchie verfallen und erneut Ausgangspunkt für
terroristische Aktivitäten sein. So tritt genau
die Situation ein, dass es keine Alternative mehr zur Ausweitung
der weltweiten militärischen Intervention gibt. Nur so
können zumindest Inseln der nach westlichem Maßstab
akzeptablen politischen Ordnung erhalten bleiben: auch drei
Jahre nach Beginn des Afghanistan-Feldzuges endet das befreite
Afghanistan an der Stadtgrenze von Kabul.
Im Irak bildet das alte Regierungsviertel in Bagdad die neoliberale
Variante der neuzeitlichen Kriegsprotektorate. Die Grüne
Zone ist das Beverly Hills am Tigris. Im alten Herrschaftspalast
von Saddam Hussein regiert Prokonsul Bremer eine temporäre
Zone des american way of life. Hier joggen US-Soldaten unter
Palmen, es gibt Kreditkarten, Alkohol und Bars. Außerhalb
liegt die Rote Zone, hier herrscht der Banden-Kapitalismus.
Ausblick
Diese Schlagzeilen von der inneren und äußeren
Front der Neuordnung der Welt zeigen, dass die
Deregulierung der Wirtschaft und die des Krieges direkt zusammenhängen
und eine Einheit bilden. Geschaffen wurde eine Kriegsökonomie
der besonderen Art, in der der Krieg Mittel weltweiter Sozialpolitik
ist. Leider noch viel zu selten gelingt es, in diesen Zusammenhang
zu intervenieren. Die Proteste gegen den Sozialkahlschlag
orientieren sich weitgehend an einem Modell sozialer
Marktwirtschaft, das der Vergangenheit angehört.
Denn im Prinzip ist man sich ja mit der Regierung einig: so
geht es nicht weiter mit Deutschland, die Einschnitte sind
notwendig - es trifft bloß die Falschen. Dass es aber
die einzigen sind, die es treffen kann, muss zum Ausgangspunkt
werden. Vielleicht zum ersten Mal könnten sich die metropolitanen
Opfer des Umbaus der Wirtschaft mit den osteuropäischen
Tagelöhnern und den Bewohnern der argentinischen Slums
nahe fühlen - als Ausgangpunkt von Solidarität und
gemeinsamer Aktion. Nicht die Verhältnisse sind gleich
und werden es auch nicht; aber der neoliberale Angriff auf
die Lebensverhältnisse im Norden wie im Süden könnte
Bedingungen schaffen für die Re-Proletarisierung, nämlich
als Subjekte der eigenen Sache. Jenseits der gewerkschaftlichen
Trauer um die verlorene Sozialpartnerschaft, jenseits der
Suche nach dem revolutionären Subjekt in
den verschiedenen Opfergruppen, jenseits erst
recht der antiemanzipatorischen Volksgemeinschaften, wie sie
Al-Qaida und die verschiedenen Verteidiger des Abendlandes
produzieren.
Die weitere Durchsetzung der prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse
in den Metropolen ist verzahnt mit den Gemetzeln, die im Irak
stattfinden. Insofern stimmt, dass entscheidend ist, ob die
militärische Variante des neoliberalen Angriffs im Irak
durchkommt oder nicht. Umgekehrt stimmt es allerdings auch.
Die Redaktion
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