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Im November 2002 wurden Daniel und Marco in Magdeburg verhaftet.
Ihnen wurde vorgeworfen, eine terroristische Vereinigung mit
dem Namen Kommando Freilassung aller politischen Gefangenen
gegründet und zwei Anschläge im Zusammenhang mit
dem bundesweiten Aktionstag 18. März 2002 begangen zu
haben. Dabei handelte es sich um einen nicht gezündeten
Brandsatz unter einem BGS-Fahrzeug in Magdeburg, sowie den
Wurf eines Molotow-Cocktails gegen die Fassade eines LKA-Gebäudes.
Im April 2003 wurde Carsten als weiterer Beschuldigter in
den Knast gesteckt. Angeklagt wurden sie nach §129a wegen
Mitgliedschaft bzw. Rädelsführerschaft in
der terroristischen Vereinigung 'Freilassung aller politischen
Gefangenen'. Desweiteren sollten sie für das Kommando
globaler Widerstand und die Revolutionäre
Aktion Carlo Giuliani verantwortlich sein. Diese Gruppen
hatten sich zu mehreren Brandanschlägen im Raum Magdeburg
bekannt.
Im Zuge der Ermittlungen operierte das BKA in für Magdeburg
beispielloser Art und Weise: monatelange Bespitzelungen bis
hin zu erpresserischer Einschüchterung aussageunwilliger
Personen. Diese systematische Schikane schloss selbst die
Räumung der Ulrike mit ein, eines besetzten
Hauses, das der Staatsschutz veranlasste, weil dadurch die
Ausschnüffelung eingeschränkt war.
Vor Gericht
Der Prozess begann am 21. Oktober 2003 in Halle. Im November
wurden ihre Haftbefehle aufgehoben. Das Gericht hielt eine
Verurteilung nach §129a für unwahrscheinlich. Hintergrund
dieses Beschlusses war die bei einer Hausdurchsuchung gefundene
Auflösungserklärung. Das führte bei einigen
zu trügerischen Hoffnungen, der Prozess könne für
alle mit Freisprüchen enden. Mitte Dezember wurden dann
Marco zu 2 Jahren und 6 Monaten, Daniel nach Jugendstrafrecht
zu zwei Jahren Freiheitsstrafe ausschließlich aufgrund
von Indizien vom OLG Naumburg verurteilt. Auch ohne §129a
wird wegen Anschlägen verurteilt, wenn echte oder konstruierte
Beweise vorliegen. Weil sie Revision gegen das Urteil eingelegt
haben, ist es noch nicht rechtskräftig. Carsten wurde
freigesprochen und erhält Haftentschädigung.
Die Arbeit der sich zu den Verhaftungen und dem Prozess gebildeten
Soligruppe hat doch unerwartet gute Resonanz erfahren. Es
gelang, die Repression in Magdeburg bundesweit bekannt zu
machen und Solidarität zu organisieren. Daraus entstand
eine breite Vernetzung, die von der Soligruppe als Erfolg
und Gewinn für die Magdeburger Linke gewertet wird. Aus
der Initiative 10 Jahre Bad Kleinen - 10 Jahre Tod von
Wolfgang Grams, an der sich die Soligruppe, verschiedene
Antifa-Gruppen und Libertad! beteiligten, wuchs der Vorbereitungskreis
für die bundesweite Solidaritätsdemo am 25. Oktober
2003 in Magdeburg für die Freiheit von Marco, Daniel
und Carsten. Gerade da sind die ersten Kontakte und
die Vernetzungen geknüpft worden. Das hat ne Basis geschaffen
dafür, später mit der immer größer werdenden
Initiative diese Demo zu machen, sagte eine Genossin
der Soligruppe im Gespräch mit der So Oder So.
Durch die Bad-Kleinen-Initiative hatten wir aus Magdeburg
das erste Mal eine Reflektion von außerhalb auf das
Verfahren und die Verhaftungen selber. Einen ersten Eindruck
von dem, wie sehen das Leute in anderen Städten. Das
war wichtig, gerade weil wir so marginalisiert sind in der
Stadt.
Die Demo stand unter dem Motto Linke Politik verteidigen,
und wurde zur seit Jahren größten Demonstration
gegen Repression in der BRD. Knapp 2.500 Menschen bekundeten
kraftvoll und lautstark ihre Solidarität mit den dreien
und allen politischen Gefangenen. Im Gespräch betonten
zwei der freigelassenen Gefangenen, Marco und Carsten, dass
die Demo sie im Knast sehr beeindruckte. Diese großen
Transpis 'Wir sind alle Kommando Freilassung aller politischen
Gefangenen' oder 'Wir sind alle Kommando illegaler Widerstand'.
Das war doch letztendlich eine positive Bezugnahme auf diese
Art der Politik, sagte Marco. Ich muß
ehrlich sagen, das war mal wieder eine Demo, wo ich mich hinterher
geärgert habe, dass wir da nicht hingegangen sind,
sagte Carsten. Sie war strukturiert, von vorne bis
hinten sind alle in Ketten gegangen, Seitentranspis usw. Es
geht auch anders als so reine Latschdemos, die eher Treffen
von alten Freunden sind.
Die Schere im Kopf
Trotz Repression und Einschüchterung, auch trotz der
Verurteilungen beurteilen die Freigelassenen den Ausgang des
Verfahrens auch positiv. Marco: Die Magdeburger Scene
hat jetzt überall Kontakte hin, was früher so überhaupt
nicht war. Wir waren immer eine relativ junge Scene dadurch,
dass die älteren Leute entweder sich rausgezogen haben
aus der politischen Arbeit oder weggezogen sind in andere
Städte. Wir haben so mehr oder weniger doch in Magdeburg
vor uns hin gedümpelt. Das hat sich jetzt durch das Verfahren
auf jeden Fall verändert.
Die Repression hat allerdings in Magdeburg auch Spuren hinterlassen.
Carsten sieht durch das Verfahren einen Umstrukturierungsprozess.
Mensch merkt, dass jetzt nach dem Prozeßende vieles
aufbricht. Es gibt natürlich Probleme und mächtig
viele Diskussionen. Aber ich sehe das optimistisch. Ich glaube,
die Ausgangsbedingungen sind wesentlich besser.
Durch die Verfahren ist der Bezug Knast für alle sehr
real geworden und wirkt für einige wie eine
Schere im Kopf, findet Marco. Das 129a-Verfahren
hat einerseits einige Leute in ihren Positionen gestärkt.
Andererseits wurden aber Ängste erzeugt, die meiner Meinung
nach zu einer Entradikalisierung der Positionen führten,
die mittlerweile schon verinnerlicht sind. Eine
Problematik, die sich sicherlich allen Zusammenhängen
stellt, die so breit angelegt vom Staatsschutz angegangen
werden. Carsten: Du entwickelst die Stärke auch
erst wieder, wenn du das Gemeinsame wieder hast und die Gemeinschaft
wieder etablierst.
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