|
Am 8. April verlor die politische Gefangene aus Actione Directe,
Joëlle Aubron, im Knast das Bewusstsein und verletzte
sich am Kopf. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht. Am 16. März
war sie am Kopf operiert worden, nachdem bei ihr Hirntumor
diagnostiziert wurden Schon am 6. März war sie als Notfall
ins Universitätskrankenhaus gebracht worden.
Der Fall von Cesare Battisti machte in Frankreich unlängst
Schlagzeilen. Battisti hatte in den 70er Jahren in Italien
eine bewaffnete Organisation mitbegründet und wurde zu
lebenslanger Haft verurteilt. 1981 war er aus dem Gefängnis
geflohen und lebte dann in Frankreich, wo er Krimis schrieb.
Im Februar diesen Jahres forderte die Berlusconi-Regierung
seine Auslieferung. Battistis Verhaftung löste eine breite
Solidaritätskampagne aus. Mehr als 3.000 Intellektuelle
und Politiker setzten sich erfolgreich für seine Freiheit
ein. Als Battisti das Gefängnis verließ, forderte
er Engagement auch für jene, die keine Autoren
sind, wie Nathalie Ménigon und weitere Gefangene
aus der Action Directe. Den Kreisen, die sich erfolgreich
mit Battisti solidarisierten, ist bisher ihr Schicksal gleichgültig.
Joëlle Aubron konnte in den zehn Tagen bis zur Operation
niemanden sehen und mit niemandem telefonieren. Sie wurde
mit Handschellen ans Bett gefesselt. Madeleine Aubron, ihre
Mutter, verlangte mit dem Direktor zu sprechen. Der
hat meinen Anruf nicht angenommen und mich mit dem Sozialdienst
verbunden, dieser hat mir gesagt, ich solle das zentrale Kommissariat
von Lille anrufen, um eine Besuchserlaubnis zu bekommen. Dort
hat man mir gesagt, dass Besuche für Joëlle verboten
sind. Sie erhielt noch nicht mal Auskunft, in welchem
Krankenhaus von Lille sich ihre Tochter befindet. Die Bedingungen,
unter denen eine medizinische Behandlung ablaufen soll, werden
von den Justizbehörden dazu genutzt, um die Gefangenen
unter erhöhten Druck zu setzen. Joëlle hatte deshalb
ihre Rückverlegung ins Gefängnis gefordert. Sie
schreibt: Am 2. April bin ich wieder im Gefängnis
von Bapaume angekommen. In ungefähr 14 Tagen beginnt
eine tägliche Behandlung, die ungefähr 40 Tage dauern
wird. Es ist zur Zeit noch nicht festgelegt, wie die Behandlungen
ablaufen werden und sie erfordern nicht notwendigerweise einen
Krankenhausaufenthalt.
Auch bei Marc Rouillan wurde Krebs entdeckt.Eine routinemäßige
Röntgenaufnahme zeigte einen verdächtigen Fleck
auf der Lunge. Er musste 3 ½ Monate auf den Scanner
warten, weil eine Spezialeskorte ihn zum Krankenhaus begleiten
sollte. Trotz der Diagnose Krebs geschieht nunmehr seitdem
nichts.
Wer war Action Directe?
Die Guerillaorganisation Action Directe (AD) entstand Ende
der 70er Jahre in Frankreich. Ab Mai 1979 organisierte AD
bewaffnete Angriffe gegen staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen.
Dabei geriet am 1.5.1979 der Sitz des französischen Arbeitgeberverbandes
unter Beschuss. Im September 1980 wurden zahlreiche AD-Mitglieder
verhaftet. Im Rahmen einer Amnestie anlässlich der Präsidentschaftswahlen
im September 1981 wurden sie wieder freigelassen. Im Juni
1982 gingen die Militanten der AD in die Illegalität
und nahmen den bewaffneten Kampf wieder auf. Seit 1985 führte
AD unter anderem Aktionen gegen einen Verantwortlichen für
Waffenhandel (General Audran) durch und gegen den Grossunternehmer
Georges Besse, eine treibende Kraft für industrielle
Umstrukturierungen und Massenentlassungen. Mitte der 80er
Jahre unternahm AD auch gemeinsame Aktionen mit der RAF im
Rahmen der antiimperialistischen Front in Westeuropa.
1984 wurde Régis Schleicher verhaftet und zu lebenslänglich
verurteilt. Seit Herbst 2001 hat er drei Anträge auf
Freilassung gestellt. Alle wurden abgelehnt. Einer der Haftrichter
forderte Régis Schleicher auf, sich von den Kämpfen
der türkischen und palästinensischen Gefangenen
zu distanzieren. Als er dies ablehnte, sagte ihm der Richter,
dass er mit einer solchen Position niemals aus dem Gefängnis
kommen würde. Aus der Sicht der Klassenjustiz sollen
die Gefangenen abschwören oder im Knast krepieren.
Im Februar 1987 wurden Jean Marc Rouillan, Joëlle Aubron,
Nathalie Ménigon und Georges Cipriani verhaftet. Sie
wurden zu lebenslänglicher Haft mit einer Mindesthaftzeit
von 18 Jahren verurteilt. Über Jahre zwang der Staat
den Gefangenen aus AD verschärfte Isolations- und Sonderhaftbedingungen
auf, um sie körperlich und psychisch zu zerrütten.
Keine/r der Gefangenen hat ihren/seinen politischen Überzeugungen
abgeschworen. Es dauerte zwölf Jahre, bis die Frauen
normale Haftbedingungen erhielten. Sie haben mehrere
lange Hungerstreiks gegen Isolation und für Zusammenlegung
gemacht.
Haft ohne Gnade
Die zerstörerischen Bedingungen haben drastische Auswirkungen.
Es ist bekannt, dass die Dauer der Haft, die totale
Isolation den Organismus und die Psyche zerrütten,
versichert ein französischer Gutachter. Alle vier AD-Gefangenen
sind schwer krank und eine Verbesserung ihrer jeweiligen Situation
kann innerhalb der Gefängnisse nicht erreicht werden.
Georges Cipriani ist im Gefängnis psychisch krank geworden
und war über lange Zeit in der Psychiatrie und ist zur
Zeit wieder im Gefängnis von Ensisheim (Elsaß).
Nathalie Ménigon hat seit 1996 drei Schlaganfälle
erlitten und ist halbseitig gelähmt. Mitte Februar unternahm
sie im Gefängnis von Bapaume einen zehntägigen Hungerstreik
für ihre Freilassung und für richtige medizinische
Behandlungen. Als Reaktion entzog ihr die Gefängnisverwaltung
während des Hungerstreiks die lebensnotwendigen blutverdünnenden
Medikamente. Nathalie hat bereits zwei Anträge auf Haftentlassung
gestellt. Nach dem Kouchner-Gesetz ist eine Haftentlassung
aus Gesundheitsgründen möglich. Dieses Gesetz öffnete
dem alten Nazifaschisten Papon die Knasttore! Es erstaunt
nicht, dass Revolutionär/innen vom Staat anders behandelt
werden: ihre Anträge wurden abgelehnt. Am 26. März
wurde ihr Antrag erneut geprüft und abgelehnt.
Das gesamte Vorgehen zeigt, dass eine Behandlung der Gefangenen,
solange sie der Justizverwaltung unterstehen, nicht gewährleistet
ist. Konsequenz kann nur die Haftentlassung aller Gefangenen
aus Action Directe sein.
Protestbriefe/Petitionen an:
Zentrale Gefängnisverwaltung
Direction de l´administration pénitentiaire
8-10, rue du Renard
F 75004 Paris
Justizministerium
Chancellerie, DACG
13, place de Vendôme
F 75042 Paris Cedex 01
Tel : 0033 /144776060
weitere Infos im Internet:
http://action-directe.net
Aus einem Brief von Joëlle Aubron:
Und wieder sind es die Worte Liebe und Wut, die meine
Stimmung am besten kennzeichnen. Die Liebe und die persönlichen
Freundschaften verknüpfen sich mit dem anfänglichen
Elan unseres Engagements für die soziale, politische
und kulturelle Befreiung vom Kapitalismus. Das gleiche gilt
auch für das zweite Wort.
Es ist unmöglich die Bedingungen meines Krankenhausaufenthaltes,
das anfängliche blackout gegenüber meiner Familie,
das Fesseln mit Handschellen am Bett und die Anhäufung
angeblicher Sicherheitsmaßnahmen nicht mit der routinierten
Fortsetzung der Politik der Staatsmaschine gegenüber
uns in Verbindung zu bringen. Der Staat liebt
uns, das einzige Problem, es ist eine gemeine Liebe: er will
uns gefangenhalten immer und immer. Ich weiß es, wir
wissen es und die Wut hilft als Rüstung in der Gegnerschaft
gegen diese Verbissenheit.
Kurz, ich hoffe, dass diese Art Kommuniqué euch das
Wesentliche gesagt hat: Selbst angekettet im Bett, eingekreist
in diesem no mans land der repressiven Administration,
beschützte mich die Wärme eurer Freundschaften und
unser gemeinsames Engagement, um die Gesellschaft zu verändern
und der Menschheit eine Zukunft zu geben. Ohne zu zögern!
|