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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 1/2
Frankreich: Gefangene schwer erkrankt
Freiheit für die AD-Gefangenen
[ Inhalt Nr.13.]

Am 8. April verlor die politische Gefangene aus Actione Directe, Joëlle Aubron, im Knast das Bewusstsein und verletzte sich am Kopf. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht. Am 16. März war sie am Kopf operiert worden, nachdem bei ihr Hirntumor diagnostiziert wurden Schon am 6. März war sie als Notfall ins Universitätskrankenhaus gebracht worden.

Der Fall von Cesare Battisti machte in Frankreich unlängst Schlagzeilen. Battisti hatte in den 70er Jahren in Italien eine bewaffnete Organisation mitbegründet und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. 1981 war er aus dem Gefängnis geflohen und lebte dann in Frankreich, wo er Krimis schrieb. Im Februar diesen Jahres forderte die Berlusconi-Regierung seine Auslieferung. Battistis Verhaftung löste eine breite Solidaritätskampagne aus. Mehr als 3.000 Intellektuelle und Politiker setzten sich erfolgreich für seine Freiheit ein. Als Battisti das Gefängnis verließ, forderte er Engagement „auch für jene, die keine Autoren sind“, wie Nathalie Ménigon und weitere Gefangene aus der Action Directe. Den Kreisen, die sich erfolgreich mit Battisti solidarisierten, ist bisher ihr Schicksal gleichgültig.

Joëlle Aubron konnte in den zehn Tagen bis zur Operation niemanden sehen und mit niemandem telefonieren. Sie wurde mit Handschellen ans Bett gefesselt. Madeleine Aubron, ihre Mutter, verlangte mit dem Direktor zu sprechen. „Der hat meinen Anruf nicht angenommen und mich mit dem Sozialdienst verbunden, dieser hat mir gesagt, ich solle das zentrale Kommissariat von Lille anrufen, um eine Besuchserlaubnis zu bekommen. Dort hat man mir gesagt, dass Besuche für Joëlle verboten sind“. Sie erhielt noch nicht mal Auskunft, in welchem Krankenhaus von Lille sich ihre Tochter befindet. Die Bedingungen, unter denen eine medizinische Behandlung ablaufen soll, werden von den Justizbehörden dazu genutzt, um die Gefangenen unter erhöhten Druck zu setzen. Joëlle hatte deshalb ihre Rückverlegung ins Gefängnis gefordert. Sie schreibt: „Am 2. April bin ich wieder im Gefängnis von Bapaume angekommen. In ungefähr 14 Tagen beginnt eine tägliche Behandlung, die ungefähr 40 Tage dauern wird. Es ist zur Zeit noch nicht festgelegt, wie die Behandlungen ablaufen werden und sie erfordern nicht notwendigerweise einen Krankenhausaufenthalt.“

Auch bei Marc Rouillan wurde Krebs entdeckt.Eine routinemäßige Röntgenaufnahme zeigte einen verdächtigen Fleck auf der Lunge. Er musste 3 ½ Monate auf den Scanner warten, weil eine Spezialeskorte ihn zum Krankenhaus begleiten sollte. Trotz der Diagnose Krebs geschieht nunmehr seitdem nichts.

Wer war Action Directe?

Die Guerillaorganisation Action Directe (AD) entstand Ende der 70er Jahre in Frankreich. Ab Mai 1979 organisierte AD bewaffnete Angriffe gegen staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen. Dabei geriet am 1.5.1979 der Sitz des französischen Arbeitgeberverbandes unter Beschuss. Im September 1980 wurden zahlreiche AD-Mitglieder verhaftet. Im Rahmen einer Amnestie anlässlich der Präsidentschaftswahlen im September 1981 wurden sie wieder freigelassen. Im Juni 1982 gingen die Militanten der AD in die Illegalität und nahmen den bewaffneten Kampf wieder auf. Seit 1985 führte AD unter anderem Aktionen gegen einen Verantwortlichen für Waffenhandel (General Audran) durch und gegen den Grossunternehmer Georges Besse, eine treibende Kraft für industrielle Umstrukturierungen und Massenentlassungen. Mitte der 80er Jahre unternahm AD auch gemeinsame Aktionen mit der RAF im Rahmen der antiimperialistischen Front in Westeuropa.

1984 wurde Régis Schleicher verhaftet und zu lebenslänglich verurteilt. Seit Herbst 2001 hat er drei Anträge auf Freilassung gestellt. Alle wurden abgelehnt. Einer der Haftrichter forderte Régis Schleicher auf, sich von den Kämpfen der türkischen und palästinensischen Gefangenen zu distanzieren. Als er dies ablehnte, sagte ihm der Richter, dass er mit einer solchen Position niemals aus dem Gefängnis kommen würde. Aus der Sicht der Klassenjustiz sollen die Gefangenen abschwören oder im Knast krepieren.

Im Februar 1987 wurden Jean Marc Rouillan, Joëlle Aubron, Nathalie Ménigon und Georges Cipriani verhaftet. Sie wurden zu lebenslänglicher Haft mit einer Mindesthaftzeit von 18 Jahren verurteilt. Über Jahre zwang der Staat den Gefangenen aus AD verschärfte Isolations- und Sonderhaftbedingungen auf, um sie körperlich und psychisch zu zerrütten. Keine/r der Gefangenen hat ihren/seinen politischen Überzeugungen abgeschworen. Es dauerte zwölf Jahre, bis die Frauen „normale“ Haftbedingungen erhielten. Sie haben mehrere lange Hungerstreiks gegen Isolation und für Zusammenlegung gemacht.

Haft ohne Gnade

Die zerstörerischen Bedingungen haben drastische Auswirkungen. „Es ist bekannt, dass die Dauer der Haft, die totale Isolation den Organismus und die Psyche zerrütten“, versichert ein französischer Gutachter. Alle vier AD-Gefangenen sind schwer krank und eine Verbesserung ihrer jeweiligen Situation kann innerhalb der Gefängnisse nicht erreicht werden.

Georges Cipriani ist im Gefängnis psychisch krank geworden und war über lange Zeit in der Psychiatrie und ist zur Zeit wieder im Gefängnis von Ensisheim (Elsaß).

Nathalie Ménigon hat seit 1996 drei Schlaganfälle erlitten und ist halbseitig gelähmt. Mitte Februar unternahm sie im Gefängnis von Bapaume einen zehntägigen Hungerstreik für ihre Freilassung und für richtige medizinische Behandlungen. Als Reaktion entzog ihr die Gefängnisverwaltung während des Hungerstreiks die lebensnotwendigen blutverdünnenden Medikamente. Nathalie hat bereits zwei Anträge auf Haftentlassung gestellt. Nach dem „Kouchner-Gesetz“ ist eine Haftentlassung aus Gesundheitsgründen möglich. Dieses Gesetz öffnete dem alten Nazifaschisten Papon die Knasttore! Es erstaunt nicht, dass Revolutionär/innen vom Staat anders behandelt werden: ihre Anträge wurden abgelehnt. Am 26. März wurde ihr Antrag erneut geprüft und abgelehnt.

Das gesamte Vorgehen zeigt, dass eine Behandlung der Gefangenen, solange sie der Justizverwaltung unterstehen, nicht gewährleistet ist. Konsequenz kann nur die Haftentlassung aller Gefangenen aus Action Directe sein.

Protestbriefe/Petitionen an:
Zentrale Gefängnisverwaltung
Direction de l´administration pénitentiaire
8-10, rue du Renard
F 75004 Paris

Justizministerium
Chancellerie, DACG
13, place de Vendôme
F 75042 Paris Cedex 01
Tel : 0033 /144776060

weitere Infos im Internet:
http://action-directe.net

Aus einem Brief von Joëlle Aubron:

„Und wieder sind es die Worte Liebe und Wut, die meine Stimmung am besten kennzeichnen. Die Liebe und die persönlichen Freundschaften verknüpfen sich mit dem anfänglichen Elan unseres Engagements für die soziale, politische und kulturelle Befreiung vom Kapitalismus. Das gleiche gilt auch für das zweite Wort.
Es ist unmöglich die Bedingungen meines Krankenhausaufenthaltes, das anfängliche blackout gegenüber meiner Familie, das Fesseln mit Handschellen am Bett und die Anhäufung angeblicher Sicherheitsmaßnahmen nicht mit der routinierten Fortsetzung der Politik der Staatsmaschine gegenüber uns in Verbindung zu bringen. Der Staat „liebt“ uns, das einzige Problem, es ist eine gemeine Liebe: er will uns gefangenhalten immer und immer. Ich weiß es, wir wissen es und die Wut hilft als Rüstung in der Gegnerschaft gegen diese Verbissenheit.
Kurz, ich hoffe, dass diese Art Kommuniqué euch das Wesentliche gesagt hat: Selbst angekettet im Bett, eingekreist in diesem no man’s land der repressiven Administration, beschützte mich die Wärme eurer Freundschaften und unser gemeinsames Engagement, um die Gesellschaft zu verändern und der Menschheit eine Zukunft zu geben. Ohne zu zögern!“


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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