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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 12-
Winter 2002 - Seite 10
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Fühlen
Sie sich vom Nationalismus gestresst?
Politische Landeskunde: Bosniakische Wahlen
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Fühlen
Sie sich vom Nationalismus gestresst?
Politische Landeskunde: Bosniakische Wahlen
[ aus: So oder So
- Die Libertad!-Zeitung Nr. 12 /Winter 2002 ]
Jahrzehntelang hat
der Eiserne Vorhang den Menschen hier zu Lande authentische
Informationen vorenthalten, an denen sie über preisgünstige
Urlaubsziele an der Adria und am Schwarzen Meer hinausgehend eh kein
Interesse hatten.
Auch wenn der Ost-West-Konflikt auf einer NATO-Gipfelkonferenz
1991 für beendet erklärt wurde: wenn sich Erika Mustermann
und Otto Normalverbraucher über Sozialabbau und schlechte ökonomische
Verhältnisse auslassen, stehen die Ossis in einer Reihe
mit den Asylanten immer noch als Schuldige im Raum. Mit
dem Spruch Kaum gestohlen, schon in Polen untermauerte ein
deutscher Richter seinen Urteilsspruch gegen polnisch stämmige
Autodiebe, die sogenannte Russenmafia gilt deutschen Repressionsorganen
als die Speerspitze der organisierten Kriminalität,
und denkt man hierzulande an Albanien, erinnert man sich der Schiffe
vor der italienischen Küste, an denen die flüchtenden Menschen
wie Trauben herabhingen.
Wer weiß also
wirklich, was in Albanien passiert, wie es den Menschen in der Ukraine
ergeht, welche Veränderungen die baltischen Republiken seit dem
Zerfall der Sowjetunion durchlaufen haben?
Auch wenn - insbesondere in Folge angestrebter Aufnahme in die EU -
in einigen Staaten Osteuropas die in den meisten kommunistischen Staaten
übliche Todesstrafe abgeschafft wurde, und die Angleichung der
Menschenrechte an die Aufnahmekriterien der EU manchen Regierungen einiges
an realen Verbesserungen abverlangt, so haben gleichzeitig die Umbrüche
und Neuzusammensetzungen von Macht- und Besitzverhältnissen ganze
Gesellschaften in Elend und Rechtlosigkeit versetzt; je nachdem, welches
Land bei der westeuropäischen Rosinenpickerei den Zuschlag bekommt.
Und jenseits der
Meldungen über Bürgerkriege, Menschenhandel, Mafia und Korruption
schreiten die NATO-Osterweiterung und die EU-Integration voran - manchmal
von nationalistischen Begehrlichkeiten gestört, manchmal mit ihnen
korrespondierend.
Gepflegte Deutsche
kennen einen Ausländer, wir kennen eine Osteuropäerin. Und
die hat was für uns geschrieben zum Wahlausgang in Bosnien-Herzegowina:
Fühlen Sie
sich vom Nationalismus gestresst?
Da ich mich immer
mal wieder in Sarajewo (Bosnien-Herzegowina) aufhalte, fragte mich eine
Freundin aus Deutschland, ob ich nicht einen kurzen Artikel über
die aktuellen Wahlen schreiben möchte.
Gerne. Aber WAS? Ich bin reichlich unaufgeklärt in diesen Dingen
und große, politische Ereignisse wie die Wahlen interessieren
mich nur begrenzt.
Meine Aufmerksamkeit widme ich für gewöhnlich kulturell marginaleren
Phänomenen.
So stieß ich zum Beispiel vor einigen Tagen in der lokalen, unabhängigen
Tageszeitung Oslobodenje (1) (Befreiung) auf einen Artikel
der besagt, dass nach neuesten Erkenntnissen deutscher Wissenschaftler
bewiesen sei, das ohne-mit-den-Wimpern-zuckende Schauen auf weibliche
Brüste wirkt wohlwollend auf die Gesundheit von Männern und
verlängert sogar ihr Leben. Diese Art des Brüstebeschauens
senke den Blutdruck und beuge Herzerkrankungen vor. Etwas später
entnahm ich der gleichen Zeitung: das Rezitieren von Gedichten
wirkt stresslindernd.
Beide Artikel beschäftigen mich nachhaltig, während ich ausführliche
Artikel und Kommentare über die Zukunft des Landes für gewöhnlich
überfliege.
Doch vermutlich kümmert meine politische Ignoranz die an Bosnien-Herzegowina
interessierte Leser/innenschaft - falls es eine solche gibt - reichlich
wenig.
Folglich werde ich mich, als massenmedial geprägte, schlechte Leserin
von mindestens so schlechten Informationen, bemühen, als Schreibende
dem journalistischen Klatschbasen -ABC der scheinbar objektiven Ws
(wer, wie, was, ...) zu folgen.
Was fand wann,
wo und wie statt?'
Am 5. Oktober 2002 fanden in Bosnien-Herzegowina (BiH) die ersten autonom
organisierten und durchgeführten Wahlen, für eine Legislaturperiode
von vier Jahren, statt.
Zuvor wurden die Wahlen in zweijährigen Abständen (1996, 1998,
2000) unter Regie der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa) veranstaltet.
Kleiner Exkurs
zur politischen Landeskunde
Bosnien-Herzegowina
ist seit dem Daytoner Friedensabkommen vom 14.Dezember 1995 ein anerkannter
Staat, der sich aus zwei Entitäten zusammensetzt: der Republika
Srpska (RS) und der Föderation von Bosnien-Herzegowina (FBiH) sowie
dem Distrikt Brcko in dem alle Ämter von den drei konstitutionellen
Bevölkerungsgruppen gleichermaßen bekleidet werden. Bosnien-Herzegowina
verfügt über ein dreiköpfiges Präsidium mit Vertretern
der drei konstitutionellen(2), ethnischen Bevölkerungsgruppen (Kroaten,
Serben und Muslimen bzw. Bosniaken(3) und ein Zweikammernparlament,
das sich aus dem direkt wählbaren Abgeordnetenhaus und der Kammer
der Völker zusammensetzt. Letztere wird von dem Abgeordnetenhaus
der FBiH und der Nationalversammlung der RS bestellt. Bosnien-Herzegowina
hat ca.141 Ministerien, eine Armee sowie ein Polizeiapparat der Entität
RS, als auch eine Armee und ein Polizeiapparat der Föderation.
Weiter unterliegt BiH dem Hohen Beauftragten Paddy Ashdown und dessen
Office of the High Representative (OHR). Der Hohe Beauftragte verfügt
über einmalige Befugnisse die ihn berechtigen Minister abzusetzen
und Wahlen anzusetzen, aber auch solch delikate Aufgaben durchzuführen
wie die Nationalflagge sowie die Nationalhymne dieser insich noch labilen
und unschlüssigen Nation aufzuoktroyieren. Darüber hinaus
beheimatet BiH etliche internationale Regierungsorganisationen und ca.
180 registrierte internationale Nichtregierungsorganisationen. Gemeinsam
teilen sie sich seit Kriegsende die schwierige Aufgabe den Demokratieprozess
nach Vorbildern des europäisch demokratischen Nationalstaats in
diesem Land der Transformation militärisch, politisch,
ökonomisch und gesellschaftlich zu fördern. Zu ihren wichtigsten
rhetorischen - global ethisch hochangesehenen - Arbeitsbegriffen zählen
daher Menschenrechte, Demokratie, Versöhnung
und Zivilgesellschaft.
Die internationale Gemeinschaft übt sowohl auf die Zivilbevölkerung
wie auch auf politische Verantwortungsträger starken Einfluß
aus.
Was wurde von
wem gewählt?
Gewählt wurden
das Abgeordnetenhaus der FBiH, die Nationalversammlung der RS, der Präsident
der RS, die Vertreter des der drei konstitutionellen ethnischen Bevölkerungsgruppen,
die das Amt des dreiköpfigen Präsidiums BiHs bekleiden, sowie
die Vertretungen der 10 Kantone FBiHs.
Zur Wahl sind 57 Parteien und 9 Präsidentschaftskandidaten angetreten,
insgesamt verzeichneten die Stimmzettel rund 4000 Kandidat/innen.
Ihre Stimmen abgegeben haben ca. 55% der Wahlberechtigten.
Wähler/innen waren überwiegend Senior/innen, deren gemeinsames
größtes Problem die niedrigen, nur selten und teilweise ausgezahlten
Renten sind. Nichtwähler/innen waren hauptsächlich junge Menschen
deren Probleme in der Regel sehr zahlreich sind und die das Land lieber
heute als morgen verlassen würden.
Welche Wahl hatten
die Wähler/innen?
Wahlinhalte der
Parteien entnahm ich nur flüchtig deren Werbeplakaten. Neben einer
Unzahl mediengerecht gestylter Gesichter drängten sich mir persuasive
Parolen auf wie: die Lilie(4) riecht nach Frieden. Team für
Sarajewo (diese Botschaft ist doppeldeutig zu verstehen, an Stelle
von Frieden kann man auch wohlriechend stellen;
demnach hieße es: Die Lilie riecht wohlriechend.)
oder Sulejman Tihic, ein Mann, dem sie vertrauen können
(SDA). Leute mit sauberer Ehre, deren Gesichter nur zur
Hälfte abgelichtet waren bot die kroatische Bauernpartei (HSS).
Die Sozialdemokratische Partei (SDP) warb mit Entschlossenheit
und Vertrauen und die Partei für BiH (Stranka za BiH) warb
mit dem Slogan Zusammenarbeit ja, Erniedrigung nein.
Das dargebotene Werberepertoire zeichnete sich visuell wie verbal als
rhetorisch redundant und inhaltlich leer ab.
Vorläufige
Qualergebnisse
Sieger der Wahlen
sind drei nationalistische Parteien, die schon bei den Vorkriegswahlen
1990 eindeutige Wahlsiege verbuchten und anschließend den Krieg
mitevozierten:
Die SDA (Stranka
Demokratske Akcije), die von Alija Izetbegovic mitbegründete Partei
der Muslime bzw. Bosniaken, hat insgesamt ca. 32,2% der Stimmen.
Die HDZ (Hrvatska Demokratska Zajednica), die gleichnamige Schwesternpartei
der in Kroatien von Franjo Tudjman begründeten Partei, hat insgesamt
ca. 17,7% der Stimmen.
Die SDS (Srpska Demokratska Stranka), die von Radovan Karadzic begründete
Partei der Serben, hat insgesamt ca. 33,7% der Stimmen.
Das dreiköpfige Präsidium des Gesamtstaates (das sich jeweils
auf die unterschiedlichen Territorien verteilt) wird folglich von Sulejman
Tihic (SDA), Dragan Cavic (HDZ) und Mirko Sarovic (SDS) geleitet.
Nationalistischer
Schrei nach Reformen
Die von der internationalen
Gemeinschaft suggerierte Parole zur Wahl hieß: Ihr wählt
für die Zukunft eurer Kinder und Enkelkinder.
Das suggerierte Schlagwort der vergangenen Wahlen (2000) hingegen hieß
Reform. Die Summe beider Suggestionen, ergebe eine neotraditionalistische
Reform, der die jüngsten Wahlergebnisse durchaus entsprechen könnten.
Der Hohe Beauftragte Paddy Ashdown interpretiert die Wahlergebnisse
als Schrei nach Reformen, während sie im Ausland und
von kritischen Stimmen im Inland als Sieg des Nationalismus
gedeutet werden.
Reform wie Nationalismus scheinen beliebig definierbar
zu sein. So hatten zum Beispiel bei einer Straßenumfrage des Föderativen
Fernsehsenders FTV1 jeder der Befragten eine eigene Antwort auf die
Frage: Wer steht für die Reform?
Während nun die Nationalisten glücklich ihre national-chauvinistischen
Werte zur neuen politischen Leitlinie erklären, ist
die internationale Gemeinschaft - die sich nicht gerade durch kritische
Selbstreflexion hervorhebt -, darüber scheinbar unglücklich,
und sieht sich selbst erneut als stabilisierender Faktor dieses Landes
bestätigt.
Es scheint als seien Reform wie Nationalismus gleichermaßen ein
rentables Geschäft - nicht nur für lokale Politiker.
Gestresst?
Ich persönlich
fühle mich in vielerlei Hinsicht gestresst von der bevorstehenden,
Richtung Vergangenheit weisenden Politik, sowie daraus zu erwartenden
gesellschaftlichen und kulturellen Folgen.
Der nationalistische Pulk zum Beispiel, hat die Strassen - wie schon
zu Kriegszeiten - demonstrativ und fahnenschwingend (5) zurückerobert.
Allen gleichfalls
vom Nationalismus gestressten Menschen kann ich, als rhetorisch inkompetente
Schreiberin populistisch-politischer Texte und ebenso schlechte Leserin,
lediglich empfehlen sich vom bekanntermaßen gesundheitsschädlichen
Stress zu schützen - Oslobodenje empfiehlt: Rezitiert
öffentlich Gedichte und starrt auf weibliche Brüste - viel
Vergnügen.
1 Oslobodenje wurde
seit 1992 mit über zehn internationalen Preisen ausgezeichnet,
unter anderem für den Kampf gegen Xenophobie, für das Eintreten
für die Menschenrechte, für die Pressefreiheit usw..
2 Die drei ethnischen
Bevölkerungsgruppen sind seit 2001 verfassungsrechtlich verankert,
zuvor sprach man lediglich von den drei größten ethnischen
Bevölkerungsgruppen.
3 Der Begriff Bosniake
bezeichnet die slawische Bevölkerungsgruppe, die nach der osmanischen
Eroberung Bosnien-Herzegowinas zum Islam übertrat. Jedoch ist der
Begriff erst seit 1991 im Sprachgebrauch und wird politisch unterschiedlich
gedeutet.
4 Die Lilie fungiert
als Parteiemblem der SDA. Die Nationalflagge BiHs war - in einer nicht
unbedingt nach Frieden riechenden Zeit - ,von 1992 -1998, ebenfalls
mit Lilien bestückt.
5 Neben mit Lilien
geschmückten Flaggen waren Flaggen mit grün umrandeten Halbmonden
und viele türkische Nationalflaggen zu sehen. Da ich nur in Sarajewo
war/bin, kenne ich nur diese Strassenzüge, ich bezweifele aber
keineswegs, dass die Straßen in den kroatisch bzw. serbischen
Teilen Bosnien-Herzegowinas mit entsprechenden Emblemen bevölkert
wurden.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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