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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 12-
Winter 2002 - Seite 9
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Wie
weit kann ein Hungerstreik gehen?
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Wie
weit kann ein Hungerstreik gehen?
[ aus: So oder So
- Die Libertad!-Zeitung Nr. 12 /Winter 2002 ]
Mit verlustreichen
Kämpfen konnten die politischen Gefangenen in der Türkei die
seit Anfang der 90er Jahre geplante Einführung von Isolationshaft
für einige Jahre verhindern. Als im Jahr 2000 die ersten Isolationsgefängnisse
nach westlichem Vorbild fertiggestellt wurden, stand eine neue Runde
der Auseinandersetzung an. Die türkische Regierung war gewillt,
ihre Gefängnisreform gegen jeden Widerstand durchzusetzen.
Am 20. Oktober 2000 traten über 800 politische Gefangene in einen
Hungerstreik gegen ihre Verlegung in die sogenannten F-Typ-Gefängnisse.
Annähernd 100 politische Gefangene aus revolutionären linken
Organisationen haben bisher in diesem Kampf ihr Leben gelassen. Zahllose
Gefangene sind durch Misshandlungen - auch durch Zwangsernährung
- schwer krank, unter Umständen für den Rest ihres Lebens.
Als wir im Sommer
2000 die Kampagne gegen die Einführung der Isolationshaft in der
Türkei begannen, war uns klar, dass es vor allem für die politischen
Gefangenen ein harter Kampf werden wird. Zu viele Tote haben die jeweiligen
türkischen Regierungen in der Vergangenheit in Kauf genommen, um
ihre repressive Politik, insbesondere gegenüber der revolutionären
Linken, durchzusetzen.
Dass sich die Gefangenen zur Aufnahme des Kampfes gegen den F-Typ konkret
entschieden, war eine klare Sache. Es geht um ihr Leben und ihre Würde,
um Bedingungen, in denen sie füreinander da sein können. Uns
dazu solidarisch ins Verhältnis zu setzen, war uns ein Anliegen.
Einige von uns haben direkte Erfahrung mit Isolationshaft, einige von
uns waren in den 80er Jahren Teil der Kämpfe für die Zusammenlegung
der politischen Gefangenen.
Die Türkei
will nach Europa. Der ökonomische, soziale und politische Umbau,
der die nötigen Voraussetzungen dafür schaffen soll, ist der
Hintergrund, vor dem die Auseinandersetzung zwischen den politischen
Gefangenen und der türkischen Regierung stattfindet.
Modell Stammheim, weiße Folter, das verträgt
der bürgerliche Rechtsstaat besser als blutige geschundene Menschenleiber.
Und auf das Ergebnis kommt es an. So ist für Europa lediglich die
Methode der türkischen Regierung imUmgang mit der politischen Opposition,
zum Beispiel am 19. Dezember 2000, ein Problem.
Die Bilder, die uns nach dem 19. Dezember 2000 erreichten, übertrafen
unsere Befürchtungen bezüglich der erwarteten Angriffe auf
die Kämpfenden in den Knästen: eine entfesselte Soldateska,
die zeitgleich in 20 Knäste einfällt, Gefangene zusammenprügelt
und massakriert - das war die Antwort der türkischen Regierung
auf die Forderungen der Gefangenen. Diese Botschaft wurde auch unmissverständlich
in jedes türkische Wohnzimmer, in die ganze türkische Gesellschaft
weiter vermittelt: Wer sich gegen uns stellt, wird vernichtet!
Es ist nicht so,
und es wird auch in den nächsten Jahren nicht so sein, dass noch
ein letztes Mal die Alten Methoden angewandt wurden, um
quasi mit ihnen die neuen durchzusetzen. Nein, der türkische Repressionsapparat
hat nun beide Methoden zur Auswahl, blutige Folter an isolierten Gefangenen.
Wir hatten in den
ersten Wochen unserer Kampagne auf die Mobilisierbarkeit der Restlinken
gehofft, auf Interesse bei ehemaligen Mitkämpfern und Mitkämpferinnen
gegen Isolationshaft, auf Proteste demokratischer und liberaler Kreise.
In einem erweiterten politischen Rahmen sollten mehr und vielfältigere
Aktivitäten und Möglichkeiten erwachsen, den politischen Gefangenen
in der Türkei irgendwie zur Seite stehen zu können. Aber:
Es gab und gibt kein großes Interesse an dem, was sich in türkischen
Gefängnissen zuträgt, und es entwickelte sich keine längerfristige
Zusammenarbeit mit andern, die eine Erweiterung unseres politischen
Rahmens ermöglicht hätte.
Aus den Erfahrungen
des Kampfes gegen Isolationshaft in Europa hatten wir vermittelt, was
es zu vermitteln gab. Möglichkeiten darüber hinaus, auf die
Entscheidungen der türkischen Regierung direkt Einfluss zu nehmen,
sahen wir keine. Wir waren schlichtweg ratlos.
Spontane, meist regionale Protestaktionen, oft in Zusammenarbeit mit
türkischen Genossen und Genossinnen, bestimmten in der Folgezeit
unser Handeln.
Nach dem 19. Dezember
2000 gingen wir davon aus, dass der F-Typ durchgesetzt ist. Eine Neubestimmung
des Kampfes der politischen Gefangenen aus den veränderten Bedingungen
in der Türkei fand nicht statt, und stand auch bei den türkischen
revolutionären Organisationen nicht auf der Tagesordnung.
Der begonnene Prozeß der Modernisierung der Türkei nach westlichem
Vorbild - bürgerliche Demokratie, Sozialstaat, Meinungsfreiheit
- hat notwendigerweise eine Dynamik in Kraft gesetzt, in der die aktuelle
Auseinandersetzung zwischen politischen Gefangenen und türkischem
Staat untergeht; weggeleitet vom großen Strom der Ereignisse in
einen stillgelegten Seitenarm, zu dem gesellschaftliche Wahrnehmung
und Kontrolle keinen selbstverständlichen Zugang mehr findet.
Das Todesfasten findet auch fast jenseits weltweiter politischer Geschehnisse
statt, die ihrerseits allesamt Einfluß auf die gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse und die politische Potenz des türkischen
Staates haben, in dem unabhängig der jeweils gewählten Parteien
immer noch das laizistische Militär die innere Stabilität
sichert.
Zeitgleich mit der Erstürmung der Knäste marschierten 20.000
türkische Soldaten im Nordirak ein, um PKK-Stellungen anzugreifen
mit dem Ziel, die bewaffneten Kräfte der kurdischen Bewegung zu
zerschlagen.
Im nach dem 11. September 2001 ausgerufenen Kampf gegen den internationalen
Terrorismus wurde die Türkei zum Vorbild eines demokratisch
geprägten Staates mit islamischer Bevölkerungsmehrheit hochstilisiert,
und übernahm gerne ihre Rolle im Krieg gegen die Taliban.
Die Mobilisierungen der an den Rand ihrer Existenz gebrachten türkischen
Massen gegen IWF und Inflation bewegen sich in nationalistisch-reaktionärem
Fahrwasser. Wer sich dort in Solidarität mit den politischen Gefangenen
engagiert, riskiert Prügel von Seiten der Demonstranten.
Wir werden
unseren Widerstand bis zum letzten GenossIn fortführen und siegen,
sagten Gefangene aus der DHKP-C zum 1. Mai 2002.
Kampf gegen Isolationshaft - das war und ist für uns ein Kampf
um die Rechte politischer Gefangener, gegen Folter, gegen die Zerstörung
ihrer geistigen und körperlichen Integrität.
Ein Todesfasten,
das nach zwei Jahren inzwischen 100 Menschenleben gefordert hat, und
das ohne Aussicht auf auch nur kurzfristige Erfolge weitergeführt
wird mit der Option ...bis zum letzten Genossen, wird Maßstäbe
für weitere Kämpfe setzen, in der die Opferbereitschaft jedes
Aktivisten und jeder Aktivistin jenseits einer greifbaren Perspektive
unabdingbare Voraussetzung ist.
Kampagne Libertad!
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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