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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 12-
Winter 2002 - Seite 7
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Sonnenscheindiktatur
Politische Gefangene in Südkorea
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Sonnenscheindiktatur
Politische Gefangene in Südkorea
[ aus: So oder So
- Die Libertad!-Zeitung Nr. 12 /Winter 2002 ]
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| 16.
November 2002 - Mitglieder einer Organisation Freie Bürgerallianz
Korea führen eine Satire auf: zu heftige Liebkosung des
kommunistischen Nordens oder umarmende Vereinnahmung. |
Südkorea hat
sich - obschon es seit der Präsidentschaftswahl 1997 zu einigen
Verbesserungen hinsichtlich der Lage der Menschenrechte kam - seine
diktatorischen Machtmittel in die Demokratisierung hinübergerettet.
Sowohl in der südkoreanischen
Gesellschaft, als auch im Staatsapparat herrscht ein tief verwurzelter
Antikommunismus, bedingt durch die seit über 50 Jahren herrschende
Trennung Koreas und der damit einhergehenden Propaganda. Der Übergang
von der Militärdiktatur zur demokratischen Republik wurde ohne
nennenswerten Bruch vollzogen, und wie häufig in solchen Fällen,
blieben wesentliche Mechanismen der Unterdrückung einfach unhinterfragt
erhalten.
Die Militärdiktatur, die seit der Trennung Koreas 1948 mit nur
kurzen Unterbrechungen das Land beherrschte, war ein klassisches Beispiel
für die Bereitschaft des Westens, jedes Regime zu unterstützen,
das sich nur entschlossen genug gegen den sozialistischen Block stellte.
Und Südkorea tat das mit allen Mitteln. Die Gesetze, die die Kontakte
zum Norden des Landes regeln, sind aus westlicher Sicht geradezu hysterisch,
der bloße Kontakt zu Menschen des anderen Teils Koreas steht noch
immer unter Strafe, auch wenn die Sonnenscheinpolitik des
gegenwärtigen Präsidenten Kim Dae Jung heute an den Grundfesten
dieser Politik rüttelt.
Die juristische
Grundlage ist das Nationale Sicherheitsgesetz, das nach dem Ende des
Koreakrieges und der damit verbundenen Trennung des Landes installiert
wurde und bis heute in Kraft ist. Trotz der Versprechungen des gegenwärtigen
Präsidenten, selbst ein langjähriger politischer Gefangener,
die giftigsten Passagen des Gesetzes zu streichen, ist bis
heute davon nichts zu spüren, im Gegenteil. Im Rahmen der weltweiten
Anti-Terror Kampagne nach dem 11. September 2001 werden Verschärfungen
diskutiert. Auch die Fußballweltmeisterschaft wurde zum Anlass
genommen, neue sogenannte Anti-Terror-Gesetze zu verabschieden.
Dabei sind die bestehenden
Gesetze schon hart genug, ihre sehr vagen Formulierungen erlauben eine
weite Auslegung. So existiert etwa ein Gesetz über die Behinderung
von Amtspflichten, das immer wieder so gedeutet wird, dass Kritik
an der Regierung als Behinderung ihrer Arbeit angesehen wird und somit
unter Strafe steht. Das Anti-Demonstrationsgesetz ermöglicht
es, auf nahezu allen öffentlichen Plätzen Demonstrationen
und Kundgebungen zu verbieten.
Die Regierungen
von Südkorea haben seit dem Koreakrieg immer die Angst geschürt,
dass ein Überfall des kommunistischen Nordens droht. Mit Hilfe
dieses Szenarios wurde ein gesellschaftliches Klima der Angst geschaffen,
vergleichbar mit der Propaganda der 60er Jahre hierzulande, die Russen
könnten in einem Tag bis zum Rhein marschieren. In diesem Klima
war es möglich, entsprechend strenge Gesetze zu verabschieden.
Das Nationale Sicherheitsgesetz verbietet so etwa die Bildung
staatsfeindlicher Organisationen und definiert diese als Organisationen,
die Nordkorea nützen oder auch nur positiv darstellen.
Im Alltag dient
dieses Gesetz hauptsächlich dazu, unliebsame politische Meinungen
zu unterdrücken, politische Gegner aus dem Weg zu räumen und
allgemein die Südkoreaner/innen davon abzuhalten, über die
Frage Nordkoreas zu diskutieren oder Kontakte dorthin aufzubauen.
Die wesentlichen
Paragraphen dieser Gesetze bieten den Polizei- und Geheimdienstbehörden
die Möglichkeit, beliebig Menschen in Haft zu nehmen, wenn sie
sich etwa in der Öffentlichkeit positiv zum System Nordkoreas äußern,
dorthin Kontakte haben oder auch nur die Politik Südkoreas zum
Norden kritisieren. Selbst gewerkschaftliche Organisierung gilt oft
als Grund für Haftstrafen, weil sie eine dem Feind nutzbringende
Aktivität darstellt, nach dem Motto was unserer Wirtschaft
schadet nützt dem Feind. Alleine im Jahr 2001 wurden über
600 Gewerkschafter/innen mit dieser Begründung in Haft genommen.
Die Bewegungen,
gegen die sich diese Gesetze zumeist richten, sind sehr unterschiedlich.
Es existieren sowohl starke gewerkschaftliche Gruppen, die gegen die
herrschenden Arbeitsbedingungen, aber auch gegen die Unterdrückung
insgesamt kämpfen, als auch linke politische Organisationen, die
das System an sich kritisieren. Diese Gruppen haben ihren Schwerpunkt
an den Universitäten des Landes. Eine dritte starke Bewegung wurde
durch Migrant/innen gegründet und tritt gegen den herrschenden
Rassismus und die überall anzutreffende Ausländerfeindlichkeit
an.
Die Arbeit der
Gewerkschaftsgruppen
Neben der staatstragenden Gewerkschaft FKTU gibt es eine radikale und
zahlenmäßig sehr starke Gewerkschaft, die sich in den 80er
Jahren im Kampf gegen die Militärdiktatur gründete - die KCTU.
Erst im Jahr 2000 wurde die KCTU von Präsident Kim Dae Jung legalisiert
und ist heute der zweitgrößte Gewerkschaftsverbund Koreas.
Die Legalisierung
hat aber wenig Auswirkung auf die herrschende Repression, der die KTCU
ausgesetzt ist. Alleine in der Regierungszeit von Kim Dae Jung wurden
bisher 778 Gewerkschafter/innen inhaftiert, fast 150 mehr als unter
dem letzten Präsidenten. Die radikalen Gewerkschaften stellen sich
gegen die wirtschaftlichen Reformen der neuen Regierung, die auf Privatisierung
und Deregulierung abzielen. Die Streiks gegen diese Entwicklung werden
großteils von der Regierung für illegal erklärt, weil
sie den Geschäftsbetrieb stören.
Auch im Rahmen der
Fußball Weltmeisterschaft kam es zu Festnahmen unter den Gewerkschaftern.
Als die KCTU ein Bild veröffentlichte, das die 20 inhaftierten
Gewerkschafter als Fußballer zeigte, kam es zu massiven Polizeieinsätzen,
die Zahl der Inhaftierten stieg schlagartig auf 52. Unter ihnen fand
sich auch der Chef der KCTU, Dan Byong Ho, der inzwischen auf internationalen
Druck der Gewerkschaften (unter anderem auch des DGB) wieder auf freien
Fuß gesetzt wurde.
Studentische Organisierung
Seit dem Ende der
60er Jahre sind die Universitäten in Südkorea immer wieder
die Orte gewesen, wo sich Gruppen gebildet haben, die radikale linke
Kritik am System formulierten und Kontakt und Zusammenarbeit mit nordkoreanischen
Kommiliton/innen suchten. Das aktuellste Beispiel einer solchen Gruppe
ist die sogenannte Revolutionäre Volkspartei (Minhyukdang).
Sie wurde im Jahr 2000 für illegal erklärt und fünf Personen
wurde Mitgliedschaft in dieser Gruppe nachgewiesen. Allein dieser Nachweis
führte zu Gefängnisstrafen zwischen zweieinhalb und acht Jahren.
Der südkoreanische Geheimdienst veröffentlichte auf seiner
Webseite eine Entschuldigung des Hauptangeklagten dieser
Gruppe, in der er mit gesenktem Haupt seine Fehler eingesteht
und seine ganze politische Geschichte darlegt und abwickelt.
Die studentischen
Gruppen arbeiten in vielerlei Hinsicht eng mit den Gewerkschaften zusammen.
Allerdings ist gerade diese Zusammenarbeit dem Staat ein Dorn im Auge.
So wurden im Juli 1998 15 Menschen festgenommen, weil sie dem sogenannten
Youngnam-Komitee angehörten bzw. seine Gründer seien. Dieses
Komitee war ein Zusammenschluß von Gewerkschaften, Studenten-
und Frauengruppen, die sich zusammen gegen die herrschenden Zustände
organisierten. Die Festgenommenen wurden mit Strafen bis zu 15 Jahren
verurteilt, weil sie angesichts drohender Massenkündigungen zu
Streiks und Demonstrationen aufgerufen hatten. Bis heute sitzen noch
immer mindestens drei der Youngnam Gruppe im Knast.
Flüchtlingsbewegung
Die Situation der
Migrant/innen in Südkorea ist von Entrechtung und Anfeindungen
geprägt. Dabei ist Südkorea kein klassisches Zielland für
Flüchtlinge. Seit der Unterzeichnung der Genfer Flüchtlingskonvention
durch Südkorea im Jahr 1992 haben gerade einmal 104 Personen einen
Asylantrag gestellt, die meisten wurden abgelehnt. Es existiert nicht
einmal das Recht, einen solchen Asylantrag zu stellen, Asylverfahren
sind völlig undurchsichtig und Südkorea weist abgelehnte Asylant/innen
immer wieder in Länder aus, in denen ihnen Folter oder Tod drohen.
Aus diesem Grund verzichten die meisten Migrant/innen, die es bis ins
Land schaffen darauf, einen Asylantrag zu stellen und bleiben lieber
in der Illegalität.
Im Augenblick leben
an die 300.000 Migrant/innen in Korea, die unter absolut prekären
Verhältnissen arbeiten. Da sie mehr oder weniger illegal sind,
haben sie keinerlei Rechte bezüglich ihrer Arbeitsverhältnisse.
Die ständige Drohung der Abschiebung wird von den Bossen der Unternehmen
als Machtmittel benutzt, um die Migrant/innen nur minimal bezahlen zu
müssen. Aus dieser Situation heraus, gründeten Arbeitsmigrant/innen
im Mai 2001 die Gewerkschaft ETU-MB (Equality Trade Union, Migrant's
Branch), die seither für Arbeitserlaubnisse kämpft, um den
illegalen und schutzlosen Beschäftigungsverhältnissen zu entgehen.
Die Regierung setzt
aber auf Abschiebung. Sie erließ eine Verordnung, nach der sich
alle Illegalen bis Ende Mai dieses Jahres melden sollten, um so noch
ein Jahr Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Danach müssen sie das
Land verlassen. Alle, die sich bis Anfang Juni nicht gemeldet hatten,
können jederzeit und ohne weitere Rechtsmittel abgeschoben werden.
Etliche Führungskader der ETU-MB stehen auf dieser Fahndungsliste.
Die zwingende Abschiebung
nach einem Jahr und die neuen Pläne für ein Gesetz zur Steuerung
der Migration zielen vor allem darauf, die politische Organisierung
der MigrantInnen in der ETU-MB zu schwächen. Durch eine genehmigte
Aufenthaltsdauer von maximal 2-5 Jahren wird der Aufbau funktionierender
Strukturen erheblich erschwert.
Haftbedingungen
Die Haftbedingungen
für politische Gefangene sind sehr hart. In den meisten Zellen
existiert keinerlei Möglichkeit zu heizen, was dazu führt,
dass im Winter Temperaturen bis zu 20 Grad Minus herrschen. In den Todestrakten,
in denen - obwohl die Vollstreckung der Todesstrafe seit dem Amtsantritt
des Präsidenten Kim Dae Jung ausgesetzt wurde - gegenwärtig
über 50 Gefangene sitzen, herrschen besondere Bedingungen. So wurde
von Amnesty International berichtet, dass dort einsitzende Gefangene
während des ersten Jahres ständig Handschellen tragen müssen
und gezwungen sind, mit auf dem Rücken gefesselten Händen
zu essen.
Die systematische
Folter, die noch in den Regierungen nach der Militärdiktatur praktiziert
wurde, ist seit dem Amtsantritt von Präsident Kim Dae Jung zwar
verschwunden, es kommt jedoch immer wieder zu einzelnen Fällen
von körperlicher Folter. Übliche Praxis ist es auch, Gefangene,
die sich über die Haftbedingungen beschweren oder Revision in ihrem
Fall einlegen wollen, willkürlich mit harten Strafen wie Einzelhaft
zu belegen oder sie zu schlagen.
Trotz all dieser
Repression ist die Situation in Südkorea keineswegs von Depression
oder Bewegungslosigkeit geprägt. Im Gegenteil, die Südkoreaner/innen
sind ein demonstrationsfreudiges Volk, die Bilder von Menschenmassen,
die gegen Polizeiketten stürmen, von Mollies, die auf Wasserwerfer
fliegen oder Sitzstreiks, die den Verkehr von Seoul lahmlegen gehen
regelmäßig um die Welt. Wahrgenommen werden sie hier aber
meist nur dann, wenn Südkorea wegen Großveranstaltungen wie
der Olympiade 1988 oder der Fußball WM 2002 im Zentrum des weltweiten
Interesses steht...
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So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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