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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 12-
Winter 2002 - Seite 3
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Permanente
Krisenbewältigung
... eine neue Art von Krieg
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Permanente
Krisenbewältigung
... eine neue Art von Krieg
[ aus: So oder So
- Die Libertad!-Zeitung Nr. 12 /Winter 2002 ]
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im
deutschen Kosovo
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im
talibanischen New York
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im
amerikanischen Afghanistan
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im
russischen Tschetschenien
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Noch ist über
die Gerüchte um Massenexekutionen gefangener Taliban in Afghanistan
unter Beobachtung von US-Militärs kein Gras gewachsen, da werden
sechs mutmaßliche Mitglieder von Al Qaida Anfang November im Jemen
durch eine CIA-Drohne buchstäblich eliminiert.
Über 40 tschetschenische
Rebellen werden exekutiert, nachdem das russische Alpha-Kommando
das besetzte Theater in Moskau gestürmt hat. Nebenbei nahm die
russische Führung mit dem begleitenden Gaseinsatz mal mehr als
120 tote Theaterbesucher/innen in Kauf.
Es scheint keine
Hemmschwellen mehr in der Vernichtung der politischen Gegner zu geben.
Das Menschenleben vernichtende Inferno hat längst jede Debatte
um die Erpressbarkeit von Regierungen abgelöst, und Brutalität
gepaart mit technologischer Überlegenheit entscheiden alleine über
den Ausgang konkreter Machtkämpfe. Um die Legitimität politischer
Forderungen und Ziele ging und geht es den Herrschenden eh nie - die
waren letztlich nur Störfeuer gegen die öffentliche Vermittlung
repressiver Politik. Störfeuer? Schröder drückt Putin
seine volle Solidarität aus im Kampf gegen die tschetschenischen
Terroristen, und was mit vermutlichen Al-Quaida-Mitgliedern geschieht,
ist inzwischen nur noch eine kleine Randnotiz in der Tagespresse.
Der Deregulierung
der Wirtschaft folgt die Deregulierung des Krieges
Die Befreiung
des Militärisch-repressiven von öffentlicher und parlamentarischer
Kontrolle und Durchschaubarkeit ist Teil der Dynamik wirtschaftlich-politischer
Globalisierung: dazu gehören die im Süden metastasierenden
Söldnerheere, die nicht selten unter Leitung und Bezahlung US-amerikanischer,
südafrikanischer, russischer oder israelischer Privatfirmen stehen,
deren Chefs in der Regel hochgediente Militärs, ehemalige Geheimdienstagenten
und Verteidungsminister sind. Dazu gehört auch die Normalisierung
von NATO-Angriffskriegen ohne Mandat der UNO, und die Transformation
von Geheimdiensten zu anerkannten politisch-militärischen Exekutivorganen.
Militärische
Interventionen und Zusammenarbeit sind Teil eines Prozesses, in dem
die auf die kapitalistische Globalisierung folgenden sozialen Brüchigkeiten
vor allem im Süden kontrolliert, eingedämmt, und der Verlauf
von Revolten, Verteilungskämpfen und ständigen Umbrüchen
in regionalen Machtgefügen im Interesse westlicher Politik beeinflußt
werden sollen. Krieg wird zu einem Mittel weltweiter Sozialpolitik.
Dass die Allianz
gegen den Terror dabei ihre jeweiligen Gegner und Verbündeten
inzwischen wie die Unterwäsche wechselt, kennzeichnet die neue
Art von Krieg: neben strategisch langfristigen stabilen Partnerschaften
hat die Zusammenarbeit der westlichen Staaten mit den Warlords dieser
Welt das Niveau eines blutigen Malefitz erreicht.
Die einst als Low-intensity-Warfare angestrebte regionale
Begrenzung kriegerischer Auseinandersetzungen ist längst aufgehoben,
die Konfliktregionen berühren sich, überschneiden sich, sowohl
geografisch als auch inhaltlich, und beginnen - wie im sogenannten Nahen
Osten - zu einem Konfliktteppich zusammenzuwachsen.
Freiheit und
Democracy
Ebenso wenig wie
im Feldzug gegen die Taliban in Afghanistan, geht es im geplanten Angriff
auf die Macht des irakischen Präsidenten Saddam Hussein um die
Durchsetzung langfristiger Strategien, geschweige denn um Menschenrechte.
In einer Region,
in der soziale und politische Konflikte kochen, in der Stabilität
fast nur jenseits demokratischer Strukturen existiert, soll wenigstens
mit dem irakischen Regime ein unkalkulierbarer Faktor ausgeschaltet
werden. Denn die herbeigeredete Gefährlichkeit des Irak nach Außen
existiert alleine vor dem Hintergrund der Brüchigkeit der ganzen
Region. Als Feind der USA und Israels hat der Irak großes
Ansehen bei den arabischen Massen, und er ist im Gegensatz zu seinen
meisten arabischen Nachbarn im innern politisch stabil; die Opposition
konnte aus verschiedenen Gründen nie zu einem ernsten Gegner heranwachsen.
Der 100%ige Wahlsieg der Baath-Partei ist Beleg der Einparteien-Herrschaft,
in der jede politische Aktivität der Genehmigung durch Regierungsstellen
bedarf.
Anders als in Afghanistan,
geht es im Krieg gegen den Irak allerdings schon um Erdöl. Und
zwar nicht nur das von Kirkuk und Mossul, sondern das der ganzen arabischen
Halbinsel. Die Apanagen der feudalen Cliquen aus den Ölgeschäften
sind für den Westen wahre Schnäppchen, bei denen es sich lohnt,
den Daumen auf der Preisentwicklung zu halten. So steht und fällt
mit der politischen Stabilität der Region auch die Freiheit, nämlich
die der ölfördernden und -verarbeitenden Industrien.
Auch wenn eine Militärintervention
zum Ergebnis haben sollte, das ein verbrecherisches Regime hinweggefegt
wird, für die gesamte Region wird dadurch keinerlei fortschrittliche
Entwicklung in Gang gesetzt werden. Jede durch eine mögliche politisch-ökonomische
Modernisierung erwartete Verbesserung der Lebensbedingungen in der Region
wird durch die imperialistische Umklammerung aufgesaugt und verwertet.
Halabja und der
Antiimperialismus
1988 startete die
irakische Regierung ihre Anfal-Offensive gegen die aufständische
kurdische Bevölkerung im Norden des Landes. Jahrelang konnten die
kurdischen Kämpfer den konventionell geführten Angriffen der
irakischen Militärs widerstehen. Um die kurdischen Gebiete zu entvölkern,
zwang man zehntausende Menschen zum Verlassen ihrer Dörfer und
Städte, unter anderem mit Giftgasangriffen. Sie wurden in den Süden
des Landes, in die Wüsten nahe der saudiarabischen und jordanischen
Grenzen deportiert, wo es kein Überleben für sie gab.
Halabja 1988, die Patriotische Union Kurdistans (PUK) hatte die Stadt
mit Unterstützung der Verbündeten im Iran besetzt. Hier erfolgte
Seitens des irakischen Regimes der größte Giftgas-Einsatz
der Geschichte auf eine einzelne Stadt mit über 3.000 Toten.
Halabja ist Kennzeichen für die Skrupellosigkeit des irakischen
Regimes im Umgang mit politischen Gegnern. Folterungen und Massenhinrichtungen
von Regime-Gegner/innen, die gnadenlose Verfolgung der schiitischen
Bevölkerung im Süden des Landes und die Zerstörung ihrer
Lebensgrundlage zeigen, mit welchen Methoden sich das Baath-Regime an
der Macht hält - dieser Feind unseres Feindes kann
nicht unser Freund sein.
Währenddessen
halten Teile der Linken mit dem Irak nicht nur einen Status Quo. Der
Bonus antiimperialistischer Verbündeter lässt
kritische Fragen, sowohl nach der Behandlung Oppositioneller, als auch
danach, welche Bevölkerungsschichten die Folgen des UN-Embargos
zu tragen haben, erst gar nicht aufkommen.
Die Friedensbewegung
und der nationale Konsens
Der Bundesregierung
auf den Zahn fühlen, sie an ihre Versprechen erinnern, das will
offenbar die Mehrheit der Friedensbewegung. Nachdem Schröder und
Fischer eine deutsche Beteiligung an einem Krieg gegen den Irak verneint
haben, ist nicht mehr die NATO die größte Friedensbewegung
der Welt, sondern die deutsche Bundesregierung. Ihre Weigerung, an einem
von den USA dirigierten Krieg an vorderster Front teilzunehmen, hat
wenig mit der Ablehnung kriegerischer Durchsetzung deutscher Interessen
zu tun, sondern damit, bei der geplanten Nachkriegsordnung im Nahen
Osten durch die USA übergangen zu werden.
Ob beabsichtigt
oder nicht, die Friedensfreund/innen laufen Gefahr, sich für eine
deutsche Art der Außenpolitik einzusetzen. Diese war nie weniger
aggressiv als die anderer Staaten, sprich USA, sondern anders. Der Feudalismus
auf deutschem Boden wurde bereits durch kapitalistische Durchdringung
abgelöst, Könige und Kaiser unter Vertrag genommen, friedlich,
versteht sich. Den Diplomatenkoffer in der einen, die Geschäftsverträge
in der anderen Hand, so wird auch heute noch erfolgreich Weltpolitik
betrieben. Dass sich deutsche Wirtschaftsvertreter in Bagdad gegenseitig
auf die Füße treten, ist der eigentliche Hindernisgrund für
eine bisherige offensive Kriegsbeteiligung. Außerdem: Deutschland
hat den ersten Golfkrieg der USA zusammen mit Japan zu 2/3 finanziert
- das waren 60 Milliarden US-Dollar. Dieser wird das Doppelte kosten
- über eine weitere Erhöhung der Tabaksteuer für den
Anti-Terrorismus-Kampf wird der nicht zu finanzieren sein. Also kein
Grund für ein Bündnis zwischen Friedensbewegung und Bundesregierung.
Der Krieg
gegen den Terror
Dem aus der wirtschaftlichen
Deregulierung folgenden Zerfall resultieren sowohl Macht- und Verteilungskriege,
als auch Protest- und Widerstandsbewegungen. Dass der Imperialismus
seinen Krieg auf alle Aspekte richtet, folgt aus der Logik seines Expansionsdranges.
Dass die im Visier
westlicher Militärs und Geheimdienste stehenden parastaatlichen
Banden und Kriegsherren wenig Sympathie in der Öffentlichkeit genießen,
ist - neben der Normalisierung der Eskalationen - ein Grund dafür,
dass sie zum Abschuss freigegeben werden können, ohne größere
Proteste zu riskieren. Gleichzeitig findet damit aber auch ein Prozess
statt, in dem sich der Westen weitere Macht aneignet, seine Interventionsfähigkeiten
verbessert und ausbaut, bis dahin, dass das Völkerrecht in Anpassung
an die Realitäten neu geschrieben wird.
Den westlichen Interessen stehen nicht nur islamistische Bombenleger
im Wege, sondern auch indische Reisbauern. Sollten sich zukünftige
Regierungen Lateinamerikas, Afrikas oder Asiens dazu entschließen,
die Staatseinnahmen für die hungernde Bevölkerung auszugeben
statt den IWF-Schuldendienst zu begleichen, werden auch sie ins Fadenkreuz
geraten.
Die Redaktion
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