Editorial
(De-)Regulierung global
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr.
12 /Winter 2002 ]
Lang
hat's gedauert, aber jetzt ist sie da, die so oder
so Nummer 12. Hatten wir in der letzten Ausgabe auf
der Titelseite noch die Nachbereitung der Sicherheitskonferenz
in München, agitieren wir bereits gegen die kommende
im Feburar 2003. Zur Vorbereitung liegt die Zeitung resista
bei. Wir mobilisieren gegen Kriegsbestrebungen und den herrschenden
Sicherheitsbegriff. Der Versuch Schröders, sich zum
Friedenskanzler wählen zu lassen ist aufgegangen; wie
weit es aber mit dem deutschen Pazifismus her ist, zeigt
die unsägliche Debatte um die Ausssagen der Ex-Justizministerin.
Während sich Politiker und Medien über den angeblichen
Vergleich zwischen Bush und Hitler empörten, blieb
der eigentliche Skandal unkritisert: Her-tha Däubler-Gmelins
Wahrheit über den zweiten Weltkrieg: alles nur Wahlkampftaktik
von Hitler! So ist das Niveau..
Genauso
wenig sind die lautstarken Emanzipationsversuche
aus Teilen der Europäischen Union gegenüber den
USA ein Ausdruck des Friedenswillens. Vielmehr ist es ein
Machtkampf. Den Wettlauf um Einflussbereiche in der neuen
Weltordnung will die EU schon seit langem aufnehmen. Uneinig
ist man sich nur darüber, ob jetzt der richtige Zeitpunkt
dafür ist.
Aber
auch wenn in der Irakfrage keine gemeinsame Linie existiert,
so wird im Rahmen der Terrorismusbekämpfung doch ein
gemeinsamer Krieg innerhalb Europas geführt. Europa
braucht auch keine gleichlautende Definition des Begriffes
Terrorismus, um ihn an allen Fronten zu bekämpfen.
Terrorliste, Parteiverbote, Reisebeschränkungen und
Prä-ventivhaft für Globalisierungsgegner/innen
werden alle unter dem Begriff Terrorismusbekämpfung
legitimiert.
Aber
der Krieg ist nicht das einzige Problem Deutschlands. Im
Vergleich mit den europäischen Nachbarn gibt es hier
immer noch zu viel staatliche Reglementierung und
ein zu ausgeprägtes soziales Netz um die Begehrlichkeiten
der Wirtschaft zufrieden zu stellen. Die heimische Industrie
klagt über zu hohe Steuern, zu wenig Investitionsanreize
und eine verhätschelte Arbeitnehmerschaft, die nicht
aus der sozialen Hängematte steigen will. Mit den Vorschlägen
der Technokraten Hartz und Rürup sollen diese Zustände
aus einer angeblich objektiven Position heraus
beendet werden.
In
Italien stellen Demonstrant/innen die Zusammenhänge
zwischen Globalisie-rung und den herrschenden Lebensbedingungen
her. Diese Verbindungen, so dünn und heterogen sie
sind, sind ein Grund für die Repressionswelle gegen
die Sprecher/innen der süditalienischen Globa-lisierungsgegner
- gerade als diese versuchten, zusammen mit den Fiatarbeiter/innen
Aktivitäten gegen massive Entlassungen zu starten.
Weder
die diffuse Bewegung gegen die Globalisierung noch die Gewerkschaften
haben aber den Willen und die Stärke, eine antagonistische
europäische Kraft zu werden. Die Bereitschaft der Menschen,
sich für ihre Rechte und ihre Lebensbedingungen einzusetzen
ist jedoch eine Herausforderung für all diejenigen,
die sich eine revolutionäre Veränderung der Verhältnisse
auf die Fahne geschrieben haben. Nach über zehn Jahren
linken Niedergangs und Orientierungslosigkeit keine leichte
Aufgabe.
[
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