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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 12
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Free
Speach in Israel/Palästina
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Seitenansichten
/ So oder So webwatcher
Free Speach
in Israel/Palästina
Es war letztlich
ein Cartoon, der Indymedia Schweiz zu Fall brachte. Die Aktion Kinder
des Holocaust (AkdH) erstattete Anfang des Jahres Anzeige gegen IMC
Schweiz mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Vorangegangen war dem
ein langer und ausufernder Streit auf den open-posting Seiten von
IMC Schweiz, nicht nur, aber doch in erster Linie über die Zeichnungen
des brasilianischen Karikaturisten Latuff. Dieser hatte in seiner
Bilderstrecke Ich bin ein Palästinenser! drastische
historische Vergleiche gewählt: Nicht nur eine chiapanekische
und nordamerikanische Indigena schleudern es ihren Peinigern entgegen,
auch ein in den Mauern des Warschauer Gettos stehender Junge mit einem
Judenstern an der Jacke spricht den Satz: Ich bin ein Palästinenser!
Die Debatte, was nun antisemitisch ist oder was nicht, zog sich weiter
endemisch, und nicht selten noch unter dem Niveau deutscher Thekengespräche
bewegend, durch die open-posting Seiten von IMC Deutschland und Österreich.
Aber
auch beim Independent Media Center Israel fand die Geschichte ihren
Niederschlag. Bezeichnenderweise aber diskutieren gerade dort nun
beide Seiten ernsthafter miteinander: Hier stritten die Akteure
selbst, und es ist ihr ureigenster Konflikt. So meldete sich auf
IMC Israel auch die Friedensinitative Gush Shalom zu den Werken
Latuffs zu Wort. Die Friedensaktivist/innen distanzierten sich zwar
aus guten moralischen Gründen von dem Vergleich der Verbrechen
israelischer Besatzungspolitik mit denen der Nazifaschisten, unterstellten
den Cartoons aber keinen Antisemitismus, da in ihnen, so Gush Shalom,
nicht Juden für ihr Jüdischsein, sondern der Staat Israel
für seine Besatzung kritisiert werden würde.
Dass
es in Israel aktuell Ansichten gibt, die ihrerseits eine besondere
moralische Perfidie bei historischen Vergleichen an den Tag legen,
machte ein Artikel im Zusammenhang mit der Debatte um die Latuff'schen
Cartoons bei IMC Israel deutlich: so berichtete am 25. Januar der
langjährige Militärkorrespondent Amir Oren in der israelischen
Tageszeitung Ha'aretz über Gespräche mit israelischen
Offizieren, bei denen ihm die Haare zu Berge gestanden haben müssen:
Zur Vorbereitung weiterer Strafexpeditionen gegen die Intifada sei
es gerechtfertigt, von jedem nur möglichen historischen Vorbild
zu lernen. Wer also etwa ein überfülltes Flüchtlingslager
einnehmen wolle, müsse aus der Militärgeschichte lernen
- auch, so skandalös es klinge, aus der Taktik der Deutschen
bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettos.
Im Gegensatz zu den immer schriller werdenden Tönen aus dem links(anti)-deutschradikalen
Milieu ist die Arbeitsweise von IMC Israel eine andere, wie der israelische
Netzaktivist Bryan Atinsky jüngst in einem Interview beschrieb:
Wir bekommen alles zur Veröffentlichung: vom soften israelischen
Spektrum, das immer noch innerhalb des zionistischen Konsens arbeitet,
bis zu post- und antizionistischen Organisationen aus Israel und Palästina.
Trotzdem werfen wir rechte Beiträge von Siedlern nicht unbedingt
raus. Wenn etwas aus jener Richtung kommt, dann verstehen wir das
als begreifen lernen der feindlichen Denkart, um ihre Logik besser
auseinandernehmen zu können.
So ließen sich in den letzten Monaten auf den open-posting Seiten
von IMC Israel auch die Folgen eines makabren Wahns verfolgen, der
zunächst wie ein böser antisemitischer Scherz klang, dann
aber bittere Realität wurde: Der Aufruf, Leichenteile palästinensischer
Selbstmordattentäter in Schweinehäute zu hüllen, wodurch
sie - angeblich - unrein würden, weshalb die Seele des islamischen
Märtyrers nicht ins Paradies eingehen könne.
Angefeuert durch Reden des radikalen Siedlerrabbi Josef Alnekave waren
erstmals im Februar 2002 unmittelbar nach einem Selbstmordattentat
Bewohner der jüdischen Siedlung Gush Katif in Gaza mit Schweinehäuten
und -fett zum Tatort geeilt, und schändeten die sterblichen Überreste
des Täters. Auch der stellvertretende israelische Minister für
innere Sicherheit, Gideon Ezra, und Zvi Hendel von der kleinen ultrarechten
Partei Nationale Einheit - Unser Haus Israel rieten zur Nachahmung.
Die arabisch-palästinensische Seite reagierte auf diese neue
irdisch-theologische Wunderwaffe zwar gleichsam wahnhaft, letztlich
aber gelassen. Mehrere islamische Rechtsgelehrte versicherten in Stellungnahmen,
dass die Heiligkeit der Märtyrerattentäter nicht beschädigt
werden könne, da die Seele den Körper beim Eintritt des
Todes verlasse - alles, was danach mit seiner Leiche geschehe, sei
belanglos. Scheich Hassan Jussef, einer der wichtigsten Funktionäre
der Hamas-Bewegung im Westjordanland, hatte in einem Interview für
den Eifer der Siedler lediglich Spott übrig: Seit wann
besitzen die den Schlüssel zum Paradies?
Dass in Israel andere Wahrnehmungsmuster herrschen, betonte Brian
Atinsky: Politisch links wird außerhalb Israels fast immer
an den Kriterien Ökonomie und Kultur gemessen. Hier ist das Kriterium
die Haltung zu den Palästinensern. Barak gilt als links, weil
er nur mit ihnen gesprochen hat. Um als links zu gelten, muss man
noch nicht einmal glauben, die Palästinenser hätten einen
Zipfel eines Bantustan-Staates verdient. Wer ihnen ein bisschen Autonomie
zugesteht, gilt schon als radikal links.
Zu den Charakteristika israelischer Innenpolitik gehört es, dass
Palästinenser offen diskriminiert werden, israelische Medien
aber, so sie denn wollen, für nahöstliche Maßstäbe
noch immer relativ offen darüber berichten können.
Die Chance anderer Indymedia-Zentren innerhalb der arabischen Welt
sah Brian Atinsky daher entsprechend skeptisch: Die Bürger
vieler arabischer Staaten haben unter einem politisch repressiven
Klima zu leiden. Und da es darum geht, nicht nur andere, sondern das
eigene Regime und die Machtverhältnisse generell zu kritisieren,
dürfte das extrem schwierig sein. Wir werden jedenfalls alles
tun, um etwa Palästinensern beizustehen, die eine eigene IMC-Palestine-Webseite
herstellen wollen. Das ist nun gelungen: IMC Palestine mit Sitz
in Jerusalem ist ebenfalls seit dem 22. März online. Gratulation
an beide!
Nachtrag
Seit dem Einmarsch der israelischen Armee in die palästinensischen
Autonomiegebiete kommt die Arbeit der beiden IMC's in besonderer Weise
zum Tragen: stündlich aktualisiert berichten sie über die
neuesten Entwicklungen des Krieges mit Augenzeugenberichten, Interviews
und Fotos - auch wenn israelische Hacker und die deutsch-israelische
Freundschaft (DIF/Antinationale Kolonne) versuchen die Sites zu hacken
oder mit Spammüll zuzuschütten. Dem zum Trotz: mit internationaler
Unterstützung vor Ort, u.a. durch Aktivist/innen aus Italien,
wirken beide IMC's den Bemühungen der israelischen Armee, authentische
Berichte über ihr Vorgehen abzuwürgen, erfolgreich entgegen.
IMC-Israel: http://www.indymedia.org.il
IMC-Palestine: http://jerusalem.
indymedia.org
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