.: Hallo :.

Wednesday, den 19.11.2008 - 23:12



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 12
Free Speach in Israel/Palästina
[ Inhalt Nr. 11.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Seitenansichten / So oder So webwatcher

Free Speach in Israel/Palästina

Es war letztlich ein Cartoon, der Indymedia Schweiz zu Fall brachte. Die Aktion Kinder des Holocaust (AkdH) erstattete Anfang des Jahres Anzeige gegen IMC Schweiz mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Vorangegangen war dem ein langer und ausufernder Streit auf den open-posting Seiten von IMC Schweiz, nicht nur, aber doch in erster Linie über die Zeichnungen des brasilianischen Karikaturisten Latuff. Dieser hatte in seiner Bilderstrecke „Ich bin ein Palästinenser!“ drastische historische Vergleiche gewählt: Nicht nur eine chiapanekische und nordamerikanische Indigena schleudern es ihren Peinigern entgegen, auch ein in den Mauern des Warschauer Gettos stehender Junge mit einem Judenstern an der Jacke spricht den Satz: „Ich bin ein Palästinenser!“ Die Debatte, was nun antisemitisch ist oder was nicht, zog sich weiter endemisch, und nicht selten noch unter dem Niveau deutscher Thekengespräche bewegend, durch die open-posting Seiten von IMC Deutschland und Österreich.
Aber auch beim Independent Media Center Israel fand die Geschichte ihren Niederschlag. Bezeichnenderweise aber diskutieren gerade dort nun beide Seiten ernsthafter miteinander: Hier stritten die Akteure selbst, und es ist ihr ureigenster Konflikt. So meldete sich auf IMC Israel auch die Friedensinitative Gush Shalom zu den Werken Latuffs zu Wort. Die Friedensaktivist/innen distanzierten sich zwar aus guten moralischen Gründen von dem Vergleich der Verbrechen israelischer Besatzungspolitik mit denen der Nazifaschisten, unterstellten den Cartoons aber keinen Antisemitismus, da in ihnen, so Gush Shalom, nicht Juden für ihr Jüdischsein, sondern der Staat Israel für seine Besatzung kritisiert werden würde.
Dass es in Israel aktuell Ansichten gibt, die ihrerseits eine besondere moralische Perfidie bei historischen Vergleichen an den Tag legen, machte ein Artikel im Zusammenhang mit der Debatte um die Latuff'schen Cartoons bei IMC Israel deutlich: so berichtete am 25. Januar der langjährige Militärkorrespondent Amir Oren in der israelischen Tageszeitung Ha'aretz über Gespräche mit israelischen Offizieren, bei denen ihm die Haare zu Berge gestanden haben müssen: Zur Vorbereitung weiterer Strafexpeditionen gegen die Intifada sei es gerechtfertigt, von jedem nur möglichen historischen Vorbild zu lernen. Wer also etwa ein überfülltes Flüchtlingslager einnehmen wolle, müsse aus der Militärgeschichte lernen - auch, so skandalös es klinge, aus der Taktik der Deutschen bei der Niederschlagung des Warschauer Ghettos.
Im Gegensatz zu den immer schriller werdenden Tönen aus dem links(anti)-deutschradikalen Milieu ist die Arbeitsweise von IMC Israel eine andere, wie der israelische Netzaktivist Bryan Atinsky jüngst in einem Interview beschrieb: „Wir bekommen alles zur Veröffentlichung: vom soften israelischen Spektrum, das immer noch innerhalb des zionistischen Konsens arbeitet, bis zu post- und antizionistischen Organisationen aus Israel und Palästina. Trotzdem werfen wir rechte Beiträge von Siedlern nicht unbedingt raus. Wenn etwas aus jener Richtung kommt, dann verstehen wir das als begreifen lernen der feindlichen Denkart, um ihre Logik besser auseinandernehmen zu können.“
So ließen sich in den letzten Monaten auf den open-posting Seiten von IMC Israel auch die Folgen eines makabren Wahns verfolgen, der zunächst wie ein böser antisemitischer Scherz klang, dann aber bittere Realität wurde: Der Aufruf, Leichenteile palästinensischer Selbstmordattentäter in Schweinehäute zu hüllen, wodurch sie - angeblich - unrein würden, weshalb die Seele des islamischen Märtyrers nicht ins Paradies eingehen könne.
Angefeuert durch Reden des radikalen Siedlerrabbi Josef Alnekave waren erstmals im Februar 2002 unmittelbar nach einem Selbstmordattentat Bewohner der jüdischen Siedlung Gush Katif in Gaza mit Schweinehäuten und -fett zum Tatort geeilt, und schändeten die sterblichen Überreste des Täters. Auch der stellvertretende israelische Minister für innere Sicherheit, Gideon Ezra, und Zvi Hendel von der kleinen ultrarechten Partei Nationale Einheit - Unser Haus Israel rieten zur Nachahmung.
Die arabisch-palästinensische Seite reagierte auf diese neue irdisch-theologische Wunderwaffe zwar gleichsam wahnhaft, letztlich aber gelassen. Mehrere islamische Rechtsgelehrte versicherten in Stellungnahmen, dass die Heiligkeit der Märtyrerattentäter nicht beschädigt werden könne, da die Seele den Körper beim Eintritt des Todes verlasse - alles, was danach mit seiner Leiche geschehe, sei belanglos. Scheich Hassan Jussef, einer der wichtigsten Funktionäre der Hamas-Bewegung im Westjordanland, hatte in einem Interview für den Eifer der Siedler lediglich Spott übrig: „Seit wann besitzen die den Schlüssel zum Paradies?“
Dass in Israel andere Wahrnehmungsmuster herrschen, betonte Brian Atinsky: „Politisch links wird außerhalb Israels fast immer an den Kriterien Ökonomie und Kultur gemessen. Hier ist das Kriterium die Haltung zu den Palästinensern. Barak gilt als links, weil er nur mit ihnen gesprochen hat. Um als links zu gelten, muss man noch nicht einmal glauben, die Palästinenser hätten einen Zipfel eines Bantustan-Staates verdient. Wer ihnen ein bisschen Autonomie zugesteht, gilt schon als radikal links.“
Zu den Charakteristika israelischer Innenpolitik gehört es, dass Palästinenser offen diskriminiert werden, israelische Medien aber, so sie denn wollen, für nahöstliche Maßstäbe noch immer relativ offen darüber berichten können.
Die Chance anderer Indymedia-Zentren innerhalb der arabischen Welt sah Brian Atinsky daher entsprechend skeptisch: „Die Bürger vieler arabischer Staaten haben unter einem politisch repressiven Klima zu leiden. Und da es darum geht, nicht nur andere, sondern das eigene Regime und die Machtverhältnisse generell zu kritisieren, dürfte das extrem schwierig sein. Wir werden jedenfalls alles tun, um etwa Palästinensern beizustehen, die eine eigene IMC-Palestine-Webseite herstellen wollen.“ Das ist nun gelungen: IMC Palestine mit Sitz in Jerusalem ist ebenfalls seit dem 22. März online. Gratulation an beide!

Nachtrag
Seit dem Einmarsch der israelischen Armee in die palästinensischen Autonomiegebiete kommt die Arbeit der beiden IMC's in besonderer Weise zum Tragen: stündlich aktualisiert berichten sie über die neuesten Entwicklungen des Krieges mit Augenzeugenberichten, Interviews und Fotos - auch wenn israelische Hacker und die deutsch-israelische Freundschaft (DIF/Antinationale Kolonne) versuchen die Sites zu hacken oder mit Spammüll zuzuschütten. Dem zum Trotz: mit internationaler Unterstützung vor Ort, u.a. durch Aktivist/innen aus Italien, wirken beide IMC's den Bemühungen der israelischen Armee, authentische Berichte über ihr Vorgehen abzuwürgen, erfolgreich entgegen.


IMC-Israel: http://www.indymedia.org.il
IMC-Palestine: http://jerusalem. indymedia.org

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!