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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 12
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Italienische
Impressionen...
Ein halbes Jahr nach dem Tod von Carlo Giuliani
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Italienische
Impressionen...
Ein halbes Jahr nach dem Tod von Carlo Giuliani / Wiederbesetzung
in Florenz
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| 20.000
demonstrieren in Gedenken an Carlo Giuliani. Genua, am 20. Januar
2002. |
Am 19. Januar
demonstrierten 150.000 in Rom gegen die neuen Immigrationsgesetze
der italienischen Regierung. Zwei Tage zuvor wurde auf die Gedenkstätte
von Carlo Giuliani in Genua ein Brandanschlag verübt. Carlos
Mutter schrieb daraufhin in der Tageszeitung L'Unità einen
offenen Brief an die Demonstration:
Vorige Nacht ging
ein Teil der Gedenkstätte für meinen Sohn an der Piazza
Alimonda in Flammen auf. Es verbrannte auch eine Fotografie meines
Sohnes. Doch davon haben wir noch viele Abzüge. Es verbrannten
auch etliche Briefe, Gedichte und Sprüche, die meinem Sohn gewidmet
waren. Doch ich denke, dass ich sie schon alle abgeschrieben habe.
Es verbrannten die Trikots, die Schärpen und Fahnen der Fußballvereine,
eine kleine Krippe, Heiligenfiguren, ein Kreuz; es verbrannte Spielzeug,
das Kinder dort abgelegt hatten, ein Buch, eine CD, eine Videokassette,
eine Feuerwehrmütze, ein sehr schön gemachtes Spruchband...
es war aber nicht möglich, alles zu verbrennen. Und schon am
darauf folgenden Morgen, als wir die kleine Mauer und die Blumen gereinigt
hatten, kamen sie, um neue Briefe anzubringen, um ein Trikot hinzulegen,
um ein Gedicht beizufügen - um ein kleines Geschenk und die eigene
solidarische Anwesenheit darzubringen.
Warum? Sechs Monate sind vergangen, große tragische Ereignisse
haben sich auf dieser achtlosen Welt ereignet, die gewöhnt ist
zu konsumieren und schnell zu vergessen. Die Erinnerungen aber an
die Ereignisse vom 20. Juli verschwinden nicht, die Gefühle werden
nicht geringer.
Warum? Eigentlich handelt es sich doch nur um einen Jungen, um einen
Sohn wie viele andere auch, der sich mit vielen anderen Jungen und
Älteren der Ungerechtigkeit ausgeliefert sah. Vielleicht steht
Carlo stellvertretend für all die, die in den Julitagen Ungerechtigkeiten
erleiden mussten: Sie wurden angegriffen, geschlagen, gedemütigt,
weil sie ihre eigenen Ideen ausdrücken wollten. Vielleicht gibt
Lello Voce, Schriftsteller, Dichter und Freund auch eine Erklärung
dafür, wenn er schreibt: ...Er ist ein feiner, etwas kleiner
unbewaffneter aber empörter Junge, und er ist genauso, wie die
Kleinen, Unbewaffneten, Empörten sind, für deren Rechte
er demonstrierte. Vielleicht können wir es auch durch ein
anonymes Gedicht begreifen, von einem der vielen, die am Gitter an
der Piazza Alimonda angebracht wurden:
Als ich klein
war, dachte ich,
dass die Menschen sterben würden,
wenn das Herz nicht mehr schlägt.
Später ist mir aufgefallen,
dass es welche gibt, die ganz gut
mit erloschenem Herzen leben -
Und das sind keine Ausnahmen.
Darauf entdeckte ich,
dass es welche gibt,
die weiterleben
auch wenn ihnen jemand den Schlag
des funktionierenden Herzens anhielt
das entdeckte ich.
Vielleicht leben sie.
weil sie weiterleben müssen
aus zu viel Liebe
wie du Carletto.
Was ich sagen
will, mein Sohn, der immer so schlau war, aus jeglicher Situation
herauszukommen, weil er so tat, als ginge ihn das alles nichts an
- dann, wenn einer ein Foto schoss - dieser Ragazzo ist zu einem Symbol
geworden. Wir müssen hinzufügen, wir wollen aus ihm keinen
Helden machen. Vielleicht deshalb, weil das Leiden ganzer Völker,
die Heere ausgebeuteter Kinder, der Notleidenden und der Ermordeten
sehr schwer mit unserem menschlichen Verstand zu verstehen ist und
zu groß ist für unser Herz. Vielleicht, weil Carlo zuerst
zum Tode verurteilt, dann zerstückelt, dann für schuldig
befunden und schließlich beleidigt wurde, ohne dass er je einen
Prozess erhielt.
Vielleicht sind wir heute aus diesen Gründen auch hier, um seiner
zu gedenken....
Die Mamma von
Carlo
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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