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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 11
Goldener Bär für „Bloody Sunday“
Eine Filmbesprechung von Jim Gibney
[ Inhalt Nr. 11.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Goldener Bär für „Bloody Sunday“
Eine Filmbesprechung von Jim Gibney

Murales (Wandmalereien) zum Bloody Sunday in Derry (1998)

Am 30. Januar 1972 schoss das Royal Ulster Regiment in eine Demonstration in Derry und tötete dabei 14 Bürgerrechtler/innen. Die Kommission zur Aufklärung der Ereignisse wurde nach dem Karfreitagsabkommen, fast zwanzig Jahre später, ins Leben gerufen. Die Absicht der britischen Regierung ist es, der irischen Protestbewegung die Schuld an dem Massaker zu geben, indem sie versucht zu beweisen, dass die ersten Schüsse aus der Demonstration abgegeben wurden.
Im Februar 2002 gewann der Film von Paul Greengrass „Bloody Sunday“ den Goldenen Bären und damit den ersten Preis der Berlinale, der Berliner Filmfestspiele. Der Film wurde für seine außerordentliche Authentizität gelobt. Während der Film erst im Herbst 2002 in die deutschen Kinos kommt, wurde er bereits im Januar im irischen Fernsehen ausgestrahlt. In der folgenden Filmrezension beschreibt Jim Gibney, ehemaliger politischer Gefangener aus der republikanischen Bewegung seine Eindrücke(1):

Als ich am Sonntag Abend Paul Greengrass' Film „Bloody Sunday“ im Fernsehen betrachtete, fühlte ich mich 30 Jahre zurückversetzt in eine Zeit des Kampfes, die im Laufe der Jahre fast aus meinem Gedächtnis gelöscht worden war.
Der Regisseur hat die damalige Zeit geschickt wieder heraufbeschworen. Die Mode der Zeit vermittelt sich durch die Kleidung und Frisuren der Schauspieler, die Autos, die Armut, die sich im Mangel an Luxus in den Häusern ausdrückt; die schiere Kraft jener Zeit lag bei den Jugendlichen, diesen Anwärtern auf die Herrschaft über die Straße; menschliches Aufbegehren und Streiten - all das waren die wichtigen Eigenschaften einer Zeit, da Revolution in den Herzen und Köpfen der Unterdrückten war.
Der Blick wird besonders auf die Umstände gelenkt, die zur Ermordung von 14 Bürgerrechtsdemonstranten und der Verwundung weiterer 13 durch die britische Armee führten. Demonstranten, die friedlich an einem schönen Sonntag Nachmittag Ende Januar 1972 durch ihre eigenen Straßen zogen und Zugang zu ihrem Stadtzentrum wollten. Der Film zeigt die vielschichtigen politischen und menschlichen Spannungen, die sich auf Seiten der Demonstranten und der britischen Armee aufgebaut hatten, die sich dann zu einem katastrophalen Höhepunkt für die Menschen von Derry und von ganz Irland und Großbritannien aufschaukelten.

Die Welt verändern

Auf Seiten der Demonstranten sehen wir den feinen Gegensatz zwischen Ivan Cooper, einem Protestanten aus Strabane, gespielt von Jimmy Nesbit, einem bedachtsamen aber populären Bürgerrechtsvertreter und Mitglied der SDLP, und andererseits dem jugendlichen Gerard Donaghy, der gerade 17 war, als die Paras(2) ihn töteten. Um ihn herum lauter Jugendliche wie er - mit langen flatternden Haaren stolzieren sie durch die Straßen der Bogside(3) und strahlen grenzenlose Kraft und ansteckende Begeisterung aus. Sie wollen es der Welt zeigen und sie in ihrem Sinne verändern. Aber die Welt außerhalb ihrer kleinen Häuser und außerhalb ihrer Jugend ist in den 24 Stunden vor dem Massaker soviel tödlicher, als sie es sich vorstellen können, soviel grausamer als die Schimpfworte, die sie den britischen Soldaten entgegenschleudern. Aber Angst und Jugend gehen selten Hand in Hand, und so sind es junge Leute mit ihren offenen Sinnen, ihrer „was schert uns der Teufel“- Einstellung zum Leben, die die Dinge vorantreiben. Sie fällen zwar nicht die politischen Entscheidungen, aber in den Auseinandersetzungen in Derry vor 30 Jahren, die es in den 6 Counties(4) seit 1969 gibt, sind diese jungen Menschen oft das Zünglein an der Waage.

Ein vorgefasster Plan

Für diejenigen von uns, die alt genug sind, sich zu erinnern, oder ein Teil des Kampfes waren, stellt der Film die Frage: Wie haben wir das durchgestanden? Die Macht des britischen Militärs ist überall sichtbar. Ich werde erinnert an die Ausgangssperre in der Falls Road(5) im Juli 1970, die Internierungen im August 1971 und „Operation Motorman“(6) im Juli 1972 - um nur einige der Gewaltaktionen der britischen Armee gegen eine praktisch hilflose Bevölkerung zu nennen. Jimmy Nesbit's Ivan Cooper versucht, aus dieser Zwangsjacke auszubrechen, den bedrohten Menschen Mut zu machen. Wann immer er Vertretern der britischen Armee begegnet, stellt er sich als „Abgeordneter im Britischen Parlament für Derry“ vor, aber kein Respekt, kein Schritt vorwärts werden ihm gewährt. Er bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit: schüttelt Hände, winkt Menschen zu, gibt Anweisungen zur Organisation des Zuges, und immer wieder flüstert er seinen Vertrauten zu „holt die Ordner“, denn er will verhindern, daß die Jugendlichen die britische Kaserne in der Williamstreet erreichen.
Der Film zeigt, wie die örtliche Leitung der Armee und der RUC(7) vom Kommandeur der Land Forces, General Ford, ins Abseits gedrängt werden und die Paras übernehmen. Alle scheinen überrascht von ihrer Anwesenheit, aber im Strudel des Gespräches zwischen Ford, dem Para-Kommandeur Wilford und dem örtlichen Armeebrigadier MacLellan wird deutlich, dass ein vorgefasster Plan existiert. Heute kennen wir diesen Plan!
Ich nahm an den Bloody-Sunday-Gedächtnismärschen seit 1989, seit meiner Entlassung aus den H-Blocks(8), teil. Als ich vor einigen Jahren an einer der Führungen Don Mullans zu den verschiedenen Tötungsplätzen teilnahm, bekam ich zum ersten Mal einen Eindruck von den Ereignissen. Mich ergriff Angst, als er von der Lässigkeit berichtete, mit der die Menschen erschossen wurden. Und als ich im Glenfadda Park an der Stelle stand, wo britische Soldaten zwei auf dem Boden liegende Männer aus nächster Nähe erschossen, empfand ich Furcht.
Besonders drei eindrucksvolle Szenen des Filmes rührten mich sehr an: Die Erschießungen; die trauernden Familien, die im Altnagelvin Hospital auf ihre Angehörigen warteten, und das Bild von Paddy Doherty, der angeschossen über den Bürgersteig kroch. Ich kenne seinen Sohn Toni. Er hat sich lautstark für die Wahrheit über den Tod seines Vaters und der anderen eingesetzt. Und ich überlegte, wie er und seine Familie sich wohl beim Ansehen des Filmes fühlten.
Für viele war der Bloody Sunday ein Wendepunkt in ihrem Leben, sie waren nicht mehr dieselben. Wir wissen nicht, wie sich alles entwickelt hätte, wenn dieser Tag anders verlaufen wäre. Aber wir wissen, daß der bewaffnete Konflikt noch 23 Jahre lang eskalierte, mit fürchterlichen Folgen für Tausende von Menschen. Ich könnte kritisieren, dass einiges in diesem Film fehlt, das will ich aber nicht.
Dieser Film wird den Menschen von Derry helfen, die Wahrheit über diesen Tag ans Licht zu bringen. Und danach sollte der Film beurteilt werden. Ich bin gespannt auf Jimmy McGovern's Film „Sunday“(9).

Anmerkungen:
(1) entnommen dem regelmäßigen Nachrichtenservice: RM Distribution, Irish Republican News and Information: http://irlnet.com/rmlist/ RM_Distribution
(2) Paras = The Parachute Regiment, britisches Spezialkommando
(3) Bogside = katholisches Viertel in Derry
(4) Six Counties = republikanischer Begriff für den Teil Nordirlands unter britischer Herrschaft.
(5) Falls Road = zentrale Straße im von Katholiken bewohnten West Belfast
(6) Operation Motorman = Am 31. Juli 1972 erstürmten britische Truppen das so genannte FREE DERRY, ein für kurze Zeit befreiter Stadtteil in Derry.
(7) RUC = Royal Ulster Constablary, die nordirische Polizei, heute die Police Service of Northern Ireland (PSNI).
(8) H-Blocks = inoffizieller Name des Hochsicherheitsgefängnisses nahe von Belfast, dessen Gebäude in Form eines H gebaut wurden.
(9) Jimmy McGovern's Film „Sunday“ ist eine Dokumentation des Bloody Sunday, produziert mit Angehörigen und Überlebenden. „Sunday“ wurde kurz nach Paul Greengrass' Film aufgeführt, aber in Deutschland noch nicht gezeigt.

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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