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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 10
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Gräber
für lebende Wesen
Peru: Das unbewältigte Erbe Fujimoris
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Gräber
für lebende Wesen
Peru: Das unbewältigte Erbe Fujimoris
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| Lima,
1998. Die MRTA-Gefangenen Víctor Polay Campos und Peter
Cardenas am Eingang des Sondergefängnisses auf der berüchtigten
Marinebasis Naval el Callao. |
Seit dem 11. Februar
2002 befinden sich 600 politische Gefangene aus mehreren Gefängnissen
Perus im Hungerstreik. Zentrale Forderungen sind die Schließung
der Hochsicherheitsgefängnisse von Yanamayo, Challapalca und
El Callao, in denen die Haftbedingungen als extrem hart und unmenschlich
gelten, sowie neue faire Gerichtsverfahren gemäß internationaler
Standards.
Im Rahmen der
staatlichen Terrorismusbekämpfung durch die ehemalige
zivil-militärische Diktatur Fujimoris wurden in den 90er Jahren
Tausende von Oppositionellen oder vermeintlich Oppositioneller verhaftet,
darunter Guerilleros aus den inzwischen zerschlagenen Bewegungen von
PCP-SL (Kommunistische Partei Perus - Leuchtender Pfad) und MRTA (Revolutionäre
Bewegung Túpac Amaru) bzw. deren mutmaßliche Kollaborateure.
Aufgrund von Begnadigungen kam es zwar zwischenzeitlich zu vielen
Freilassungen, doch noch immer müssen nach Angaben von lokalen
Menschenrechtsorganisationen 3000 politische Häftlinge in den
Gefängnissen ausharren.
Die Situation in den Hochsicherheitsgefängnissen gilt allgemein
als kritisch. Bzgl. der Haftbedingungen im 4600 Meter über dem
Meeresspiegel gelegenen Challapalca-Gefängnisses spricht amnesty
von grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung. Dort
herrscht extreme Kälte, und durch die Abgeschiedenheit des Gefängnisses
wird das Recht der Gefangenen auf Kontakt mit ihren Verwandten und
ihrem Rechtsbeistand in gravierendem Maße eingeschränkt.
Nicht nur die Hungerstreikenden, auch die Interamerikanische Menschenrechtskommission
fordert die vollständige Schließung dieses Gefängnisses.
Das Yanamayo-Gefängnis liegt mit ca. 4400 Metern über dem
Meeresspiegel nicht viel niedriger, und die Haftbedingungen sind ähnlich
katastrophal. Die acht Zellen im Hochsicherheitsgefängnis des
Marinestützpunktes El Callao/Lima gleichen Gräbern
für lebende Wesen. Sie liegen acht Meter unter der Erde,
und in ihnen befindet sich jeweils nur ein Bett und eine Latrine.
Es gibt kein elektrisches Licht. Ein ca. 15 cm großes Loch in
der Decke ist die einzige Lichtzufuhr. Die Gefangenen hier sind nahezu
völlig isoliert.
Eine Tortur
ohne Ende
Die Prozesse gegen
die politischen Gefangenen unter der ehemaligen Diktatur fanden auf
der Basis von Anti-Terror-Gesetzen statt, und die des Hochverrats
und des Terrorismus Beschuldigten wurden in der Regel
von Militärgerichten abgeurteilt. Es gab keine Beweisaufnahme
und keine Verteidigung. Diese Gerichtsverfahren hatten und haben nichts
zu tun mit den internationalen Standards für einen fairen Prozess.
Bereits seit dem 9. Januar 1998 fordert das UN-Menschenrechtskomitee
im Fall des MRTA-Gründers Víctor Polay Campos einen fairen
Prozess nach international anerkannten Standards bzw. seine Freilassung.
In der Vergangenheit kam es wegen der katastrophalen Haftbedingungen
schon öfters zu Aufständen, die von den Sicherheitskräften
meist mit brachialer Gewalt niedergeschlagen wurden. Im Juni 1986
waren in drei Gefängnissen in Lima und Umgebung mindestens 200
politische Gefangene getötet, und einige der Überlebenden
gefoltert worden. Bei der Erstürmung von zwei Flügeln des
Gefängnisses Castro Castro durch die Sicherheitskräfte wurden
im Mai 1992 mindestens 39 politische Gefangene und zwei Polizisten
getötet. Auch sonst kommt es immer wieder zu massiver Gewalt
gegen politische Häftlinge. Lori Berenson, Nancy Gilvonio und
andere politische Gefangene sollen misshandelt worden sein, als sie
am 21. Dezember 2001 vom Chorillos-Hochsicherheitsgefängnis für
Frauen in Lima ins Cajamarca-Gefängnis im Departement Cajamarca
verlegt wurden. Mindestens sechs Tränengasbomben sollen dabei
gegen Häftlinge eingesetzt worden sein. Folterungen und Misshandlungen
von politischen Gefangenen sind auch sonst weit verbreitet. Zu den
Foltermethoden zählen Schläge, Elektroschocks, das Untertauchen
des Kopfes unter Wasser und sexuelle Übergriffe. Die Todesfälle
in Haft infolge der Übergriffe sind zahlreich.
Der Hungerstreik dauert an, und es gibt keine Anzeichen dafür,
dass die neue zivile Regierung unter Präsident Alejandro Toledo
auf die berechtigten Forderungen der politischen Gefangenen eingehen
könnte. Die peruanische Regierung hätte nun die Möglichkeit
zu zeigen, wie ernst es ihr ist mit der Respektierung der Menschenrechte,
und den Worten sollten auch Taten folgen.
Helmut Kaiser
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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