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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 9
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Der
Westen sorgt sich um die muslimische Frau
Moderne Märchenprinzen
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Der Westen
sorgt sich um die muslimische Frau
Moderne Märchenprinzen
Massenvergewaltigungen
im Bosnienkrieg, Hinrichtungen von Ehebrecherinnen durch die Taliban:
Die ganze Regierungsbank erhebt sich und fordert unverzügliche
Hilfe für die unterdrückten und geschundenen Frauen und
harte Strafen für deren Peiniger.
Was Frauen weltweit
zu erdulden und zu erleiden haben, hätte bei weitem tagtäglich
mehr Beachtung verdient. Aber die Erschütterung über frauenspezifische
Unterdrückungen, die unsere Regierung im Vorfeld und im Gefolge
von Angriffskriegen der NATO und US-Armee durchfährt, sucht ihresgleichen
in Zeiten der Abwesenheit von Kriegen.
Wir sehen einen Menschen am Boden kniend, von Kopf bis Fuß in
Stoff verhüllt, dahinter ein Mann mit einem Gewehr, mit dem er
auf den durch die Burka verdeckten Kopf zielt. Davor läuft noch
ein Mann herum. Die Filmszene dauert lange, wie in Zeitlupe oder zwischendurch
angehalten. Die Hinrichtung einer Frau im Afghanistan der Taliban.
Kein Sender hat sich diesen Ausschnitt entgehen lassen, keine Zeitung
hat auf entscheidende Fotos der Szene verzichtet.
Filmwechsel zu Arte, Mitte September 2001, Massoud, l'Afghan:
Massoud, ein inzwischen getöteter Führer der Nordallianz,
beim Vortragen von Gedichten, beim Ritt durch grüne Täler,
im Hintergrund Berge im Abendrot, die entspannte Atmosphäre von
sanfter Musik untermalt. Die Poesie wird auch nicht gestört,
wenn wir erfahren, dass Frauen nicht an Beerdigungen von Kämpfern
teilnehmen dürfen - selbst nicht beim eigenen Mann oder Sohn.
Wohl auch nicht bei Filmaufnahmen, denn zu sehen sind immer nur Frauenhände,
die Teekannen und gefüllte Tabletts auf Tische stellen, an denen
ausschließlich Männer sitzen. Dass es Massenvergewaltigungen
unter der Herrschaft der Nordallianz von 1992 bis 1996 gab, davon
ist weder im Film, noch in der anschließenden Diskussionsrunde
aus Journalisten und Afghanistan-Expert/innen die Rede.
Die Taliban avancierten zum Hauptgegner westlicher Interessen, und
Joseph Fischer hält gerne während seinem Lauf zu sich selbst
bei den entrechteten Frauen Afghanistans inne, um einen in Mitgefühl
zu geben. Immerhin geht es darum, Zweifel an der Legitimität
der militärischen Eliminierung der Taliban zu zerstreuen, und
die deutschen Jungs mit kurzen Haaren und Springerstiefeln an der
Schlacht teilnehmen zu lassen.
Die Institutionalisierung der Unterwerfung von Frauen, der Wiedereinzug
von Zwangsverschleierung und Steinigung aus den ländlichen Gebieten
nach Kabul war allerdings bereits das Machwerk der heute Nordallianz
genannten Kräfte, und hatte seinerzeit den Waffen- und Geldfluss
aus dem Westen keineswegs gehemmt.
Jedoch die Zerstörung Afghanistans in den zwei Jahrzehnten Krieg,
die daraus folgende ökonomische Verelendung und Brutalisierung
des sozialen Lebens schafften eine Situation, in der die Einkehr westlicher
Zivilisation tatsächlich konkrete Fortschritte bereit hält.
Frauen, die sich heute wieder die Burka vom Kopf nehmen, Mädchen,
die zur Schule gehen dürfen lachen uns als nachgereichte Beweise
der Richtigkeit militärischer Interventionen von den Zeitungsseiten
entgegen.
Allerdings: Die Frauen und Mädchen auf dem Weg zur Gleichberechtigung
leben in Kabul. Im restlichen Land sind sie immer noch in Kauf genommene
Opfer fortdauernder Bombardierungen gegen vermutete Al-Quaida-Verstecke.
Die modernen Märchenprinzen
treten an, die Frauen und Mädchen aus den Klauen der Islamisten,
Taliban und Serben zu befreien, Sinnbilder
des Bösen an und für sich.
Ganz plötzlich scheint sich jedermann in Europa, Kanada
und den USA über meine Menschenrechte als muslimische Frau Sorgen
zu machen. Für mich wäre das in Ordnung, wenn es eine ähnliche
Reaktion auf meine Menschenrechte überall gäbe, nicht nur
im Islam. Die Frage ist: Warum nur der Islam? Und warum jetzt, besonders
nach dem Golfkrieg? Es wäre weniger kränkend, wenn diese
Sorge von Fragen begleitet würde wie der folgenden: Was ist mit
ihren Menschenrechten als Palästinenserin? Was ist mit ihren
Menschenrechten als Bürgerin der dritten Welt? Ihren Menschenrechten
als intellektuelle Waise, die alle Modelle verloren hat, links und
rechts? (Sahar Kalifeh, Nablus/Westbank).
Dass die Unterdrückung von Frauen an keine bestimmte politische
Ideologie oder Religion geknüpft ist, wissen auch Nicht-Feminist/innen.
Zwangsprostitution und Vergewaltigungen durch die Soldaten Nazi-Deutschlands,
die Verschleppung von 200.000 Frauen aus Korea, China, Indonesien
und von den Philippinen als Prostituierte für japanische Soldaten
während des Zweiten Weltkrieges, Vergewaltigungen durch US-Soldaten
im Vietnam-Krieg, die Vergewaltigung von über 100.000 Mädchen
und Frauen in Berlin durch Rotarmisten... die Kenntnis davon gehört
zur Allgemeinbildung.
Wenn du einen Mann treffen willst, dann schlage seine Frau,
empfiehlt ein arabisches Sprichwort. 1997 gelangte ein Privatvideo
an die Öffentlichkeit, in dem Bundeswehrsoldaten im Stützpunkt
Hammelburg die Vergewaltigung einer Frau im Kopftuch nachstellten.
Die Schlange ist lang. Alle Soldaten wollen auf eine Frau
sagt einer, der am Drehort auf seinen schauspielerischen Einsatz wartet.
Dass in einigen Staaten, inzwischen auch in der BRD, Frauen den Dienst
an der Waffe verrichten, ändert nichts daran, dass Kriegführen
eine männliche Angelegenheit ist, und dass militärische
Ausbildungseinrichtungen Horte patriarchaler Werte sind. Die Selbsthilfeorganisation
Männer gegen Männergewalt sieht denn auch zu
recht in der Bundeswehr eine der verkappten Männerschulen
unserer Gesellschaft, die Männer in die Gewalt als Mittel der
Konfliktlösung hineinsozialisieren.
Die Ideologie
von Kriegen und die von Gewalt gegen Frauen entspringt einer gemeinsamen
Wurzel.
Aber nirgendwo ist so offensichtlich wie in Kriegen, was im Zusammenhang
alltäglicher Vergewaltigungen als Triebtat verschleiert
wird: nämlich dass Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen aus
einem Machtbedürfnis resultieren, und mit Sexualität gar
nichts zu tun haben.
Erstmals enthob das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag im Jahre
1998 Vergewaltigung der Normalität von Kriegen, und verurteilte
einen bosnisch-kroatischen Kriegsverbrecher wegen Vergewaltigung zu
zehn Jahren Haft. Von Triebbefriedigung wird auch in diesem Zusammenhang
niemand reden.
Diese Offensichtlichkeit und Eindeutigkeit in der Zuordnung von Opfer-
und Täterrolle, die bis dato bestenfalls als Kriterien streitbarer
Feministinnen bekannt waren, entsprangen keiner tieferen Einsicht
in ethische Werte wie Wahrung der Menschenwürde und soziale Fürsorge,
sondern sind zu den Hauptargumenten der rot-grünen Bundesregierung
avanciert, NATO-Angriffskriege zu legitimieren.
Die postwendenden Abschiebungen traumatisierter Frauen nach Bosnien
waren von Anfang an nur durch das Engagement von Flüchtlingsinitiativen
und Wohlfahrtsverbänden zu verhindern.
[ © So oder
So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]
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