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So
oder So - Die Libertad!-Zeitung
- Nr. 11-
Frühjahr 2002 - Seite 6
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Theorie
in Kriegszeiten
In welcher Welt leben wir eigentlich?
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aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]
Theorie in
Kriegszeiten
In welcher Welt leben wir eigentlich?
Empire.
Die neue Weltordnung, das neueste Buch von Michael Hardt und
Tonio Negri, ist in vielem eine Provokation. Eine Provokation im positiven
Sinne, weil es dazu anregt,, bestimmte vertraute Begriffe und Denkweisen
zumindest zu überprüfen oder neu zu diskutieren. Das beginnt
mit dem Titel. Der Imperialismus ist tot, was lebt, ist das Imperium,
das Empire. Für Negri/Hardt gibt es keinen Imperialismus
mehr, weil es nichts mehr zu erobern gibt. Im Empire läuft demnach
die Geschichte nicht auf ein Absterben der Staatsgewalt hinaus, sondern
auf ihre universelle Verallgemeinerung. Ihr Ergebnis ist ein Weltreich
der Globalisierung, das keine Eroberung und Expansion seiner Märkte
mehr kennt. Suchte der Imperialismus die kapitalistische Produktionsweise
durch Aneignung neuer Territorien (Ressourcen, Arbeitskraft, Märkte)
zu erweitern, so zielt das Empire nach der Eroberung der Welt auf
die vollständige Unterwerfung des Lebens selbst. Die Autoren
nennen das Bio-Macht - die Kapitalisierung aller Lebensäußerungen.
Damit ist der Krieg nicht abgeschafft, vielmehr mutiert er zur lokalen
wie globalen Polizeiaktion mit der Tendenz zum Bürgerkrieg. Heute
wird der Feind wie auch der Krieg selbst, so Negri und Hardt,
zugleich banalisiert und verabsolutiert, er wird reduziert auf
ein Objekt der polizeilichen Routine und dargestellt als der große
Feind, die absolute Bedrohung der ethischen Ordnung.
Empire wurde zwischen
dem Golfkrieg 1991 und dem Eintritt in den Kosovokrieg 1997 geschrieben,
erscheint aber erst jetzt auf deutsch. Bislang lag Empire nur in seinem
englischen Original und - auch dies eher ungewöhnlich - in einer
türkischen Übersetzung vor, die neben unzähligen Raubdrucken
bereits ihre 3. Auflage erfuhr. Aber nicht nur in der anglophonen
und türkisch-sprachigen Linken wird die Theorie des Empire gleichermaßen
emphatisch wie hitzig kontrovers diskutiert. Selten zuvor in den letzten
Jahren hat auch in Deutschland ein theoretisches Buch vor seiner Veröffentlichung
in unzähligen Rezensionen in Zeitschriften und Debattenbeiträgen
auf Webseiten derart für Gesprächsstoff gesorgt; von einer
eher diskursorientierten Linken bis hin zur jüngsten Ausgabe
der antifaschistischen phase 2. Für nicht Wenige gilt Empire
als ästhetische Reflexion, sogar als vorweggenommenes theoretisches
Manifest der Antiglobalisierungsbewegung, die in dem Begriff der Multitude
ihre Charakterisierung als offene Sammlung, Menge, Vielfältigkeit
und geschichtliches Subjekt finden könnte.
Nach Hardt/Negri
ist das Imperium nicht nur ein totalitäres, sondern auch ein
extrem verletzbares Weltsystem. Jeder Angriff trifft die Macht nunmehr
zwangsläufig in ihrem Innern, und gerade diese Allumfassendheit
sei es, die das System so verwundbar macht. Gründe genug also
auch für Linksradikale, sich mit dieser Einschätzung praktisch
wie auch theoretisch auseinander zu setzen. Erst recht sollte das
gelten, wenn sich bewahrheiten würde, was andere argwöhnen,
die das Buch als politisches Programm lesen wollen, und in ihm aufgrund
seines radikalen Produktivismus schon die Gefahr einer neuen
Herrschaftsideologie (ak) vermuten.
Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt sprach
zuletzt u.a. auf dem 2. Sozialforum von Porto Allegre im Februar 2002.
Tonio Negri saß bis vor kurzem aufgrund seiner Geschichte als
einer der Begründer der operaistisch orientierten militanten
Organisation Potere Operaio (Arbeitermacht) und führender Theoretiker
der italienischen Autonomia in den Siebzigern im römischen Rebbibia-Gefängnis
ein, und steht noch immer unter verschärftem Hausarrest. Der
Text von Michael Hardt ist eine zusammenfassende Transkription der
Rede, die er anlässlich der deutschen Veröffentlichung von
Empire am 20. März in der Berliner Volksbühne hielt.
Die Redaktion
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