.: Hallo :.

Saturday, den 04.02.2012 - 17:12



.: online :.

»Editorial
»Online NEWS
»Ergänzungen zu Artikeln


.: zeitung :.

.: index :.
» alle Druckausgaben
» Materialien: Ergänzungen zu Artikeln
» Autor/innen-Index
» Foto-Index
» Editorial-Index
» SoOderSo-Webwatcher
» ...

.: service :.

» Impressum
» Vertrieb
» An die Redaktion
» Artikel schreiben
» Infodienst abonnieren
» SUCHEN

 
Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 11- Frühjahr 2002 - Seite 6
Theorie in Kriegszeiten
In welcher Welt leben wir eigentlich?
[ Inhalt Nr. 11.]
[ aus: So oder So - Die Libertad!-Zeitung Nr. 11 /Frühjahr 2002 ]

Theorie in Kriegszeiten
In welcher Welt leben wir eigentlich?

„Empire. Die neue Weltordnung“, das neueste Buch von Michael Hardt und Tonio Negri, ist in vielem eine Provokation. Eine Provokation im positiven Sinne, weil es dazu anregt,, bestimmte vertraute Begriffe und Denkweisen zumindest zu überprüfen oder neu zu diskutieren. Das beginnt mit dem Titel. Der Imperialismus ist tot, was lebt, ist das „Imperium“, das „Empire“. Für Negri/Hardt gibt es keinen Imperialismus mehr, weil es nichts mehr zu erobern gibt. Im Empire läuft demnach die Geschichte nicht auf ein Absterben der Staatsgewalt hinaus, sondern auf ihre universelle Verallgemeinerung. Ihr Ergebnis ist ein Weltreich der Globalisierung, das keine Eroberung und Expansion seiner Märkte mehr kennt. Suchte der Imperialismus die kapitalistische Produktionsweise durch Aneignung neuer Territorien (Ressourcen, Arbeitskraft, Märkte) zu erweitern, so zielt das Empire nach der Eroberung der Welt auf die vollständige Unterwerfung des Lebens selbst. Die Autoren nennen das „Bio-Macht“ - die Kapitalisierung aller Lebensäußerungen. Damit ist der Krieg nicht abgeschafft, vielmehr mutiert er zur lokalen wie globalen Polizeiaktion mit der Tendenz zum Bürgerkrieg. „Heute wird der Feind wie auch der Krieg selbst“, so Negri und Hardt, „zugleich banalisiert und verabsolutiert, er wird reduziert auf ein Objekt der polizeilichen Routine und dargestellt als der große Feind, die absolute Bedrohung der ethischen Ordnung.“

Empire wurde zwischen dem Golfkrieg 1991 und dem Eintritt in den Kosovokrieg 1997 geschrieben, erscheint aber erst jetzt auf deutsch. Bislang lag Empire nur in seinem englischen Original und - auch dies eher ungewöhnlich - in einer türkischen Übersetzung vor, die neben unzähligen Raubdrucken bereits ihre 3. Auflage erfuhr. Aber nicht nur in der anglophonen und türkisch-sprachigen Linken wird die Theorie des Empire gleichermaßen emphatisch wie hitzig kontrovers diskutiert. Selten zuvor in den letzten Jahren hat auch in Deutschland ein theoretisches Buch vor seiner Veröffentlichung in unzähligen Rezensionen in Zeitschriften und Debattenbeiträgen auf Webseiten derart für Gesprächsstoff gesorgt; von einer eher diskursorientierten Linken bis hin zur jüngsten Ausgabe der antifaschistischen phase 2. Für nicht Wenige gilt Empire als ästhetische Reflexion, sogar als vorweggenommenes theoretisches Manifest der Antiglobalisierungsbewegung, die in dem Begriff der „Multitude“ ihre Charakterisierung als offene Sammlung, Menge, Vielfältigkeit und geschichtliches Subjekt finden könnte.

Nach Hardt/Negri ist das Imperium nicht nur ein totalitäres, sondern auch ein extrem verletzbares Weltsystem. Jeder Angriff trifft die Macht nunmehr zwangsläufig in ihrem Innern, und gerade diese Allumfassendheit sei es, die das System so verwundbar macht. Gründe genug also auch für Linksradikale, sich mit dieser Einschätzung praktisch wie auch theoretisch auseinander zu setzen. Erst recht sollte das gelten, wenn sich bewahrheiten würde, was andere argwöhnen, die das Buch als politisches Programm lesen wollen, und in ihm aufgrund seines radikalen Produktivismus schon die Gefahr einer „neuen Herrschaftsideologie“ (ak) vermuten.
Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt sprach zuletzt u.a. auf dem 2. Sozialforum von Porto Allegre im Februar 2002. Tonio Negri saß bis vor kurzem aufgrund seiner Geschichte als einer der Begründer der operaistisch orientierten militanten Organisation Potere Operaio (Arbeitermacht) und führender Theoretiker der italienischen Autonomia in den Siebzigern im römischen Rebbibia-Gefängnis ein, und steht noch immer unter verschärftem Hausarrest. Der Text von Michael Hardt ist eine zusammenfassende Transkription der Rede, die er anlässlich der deutschen Veröffentlichung von Empire am 20. März in der Berliner Volksbühne hielt.

Die Redaktion

[ © So oder So / Libertad! Falkstr. 74, 60487 Frankfurt ]


[ document info ]
CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
[HOCH]Artikel empfehlendrucken
Interessiert an mehr Infos von u. über Libertad! - Abonniere den elektronischen So oder So-Infodienst

CopyLeft © SoOderSo & Libertad!